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Fastenkrapfen mit Nüssen, Kirschen und Feigen

Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1) · Österreich (Mondsee, Oberösterreich) · 1480

DessertNachspeiseLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 9.3/10
Zubereitungszeit90 Min.Portionen4-6 PersonenBuchMondseer Kochbuch (~1480)

Wenn du Krapfen in der Fastenzeit zubereiten willst, dann stoße Nüsse, Kirschen und Feigen in einem Mörser durcheinander und würze das gut. Lege es in eine Pfanne, gieße Öl daran und lass es aufwallen.

Forme die Füllung krapfenweise in einen aufgegangenen Teig und backe es gut in Öl. Gib es kalt zu essen.

OriginalModern / MengeWo kaufenAlternative
nuß Nüsse Supermarkt (Backregal) Ganze Nüsse, selbst gemahlen
cheren Kirschen - -
veigen Feigen - -
gburcz das woll Gewürze (nach Geschmack) gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel Pfeffer, Ingwer, Zimt
oll Pflanzenöl - -
erhaben taig Hefeteig - -

Welches Gericht ist das? Ein in Öl frittierter Hefeteig-Krapfen mit einer gestoßenen Nuss-Feigen-Fülle - die Fastenspeise-Variante des Krapfens. Er gehört zu einer weitverbreiteten Rezeptfamilie, die über Sprachraum-Grenzen hinweg fast wortgleich überliefert ist: Die engen Verwandten m384-078 (Cgm 384, bairisch) und rfk-001 (Rheinfränkisches Kochbuch, mittelrheinisch) teilen mit mon-099 denselben Kern-Wortlaut und dasselbe Verfahren - Nüsse und Trockenfrüchte im Mörser stoßen, würzen, in Öl erwärmen, in aufgegangenen Teig hüllen, frittieren, kalt servieren. Das war offenbar ein überregionales Standardrezept der spätmittelalterlichen Fastenküche.

Was bedeutet ‚cheren‘? Das Wort ist im Korpus nicht eindeutig. Es kann ‚Kirschen‘ heißen - dann hätte die Füllung drei Bestandteile (Nüsse, Kirschen, Feigen). Es kann aber auch ‚Kerne‘ bedeuten, wie in mon-064 (‚mandel cheren‘ = Mandelkerne) und mon-087 (‚cheren muß‘ = Kernenmus) - dann wäre ‚nuß cheren‘ schlicht ‚Nusskerne‘. Die beiden engsten Zwillingsrezepte m384-078 und rfk-001 nennen nur zwei Füllzutaten (Nüsse und Feigen), keine dritte Frucht, was für die Kerne-Lesart spricht. Der Fließtext bleibt bei ‚Kirschen‘, da dies die traditionell übernommene Lesart ist - wer möchte, kann die Füllung auch ohne Kirschen als reine Nuss-Feigen-Fülle zubereiten.

Praxis. Nüsse und Feigen (nach Wahl mit oder ohne Kirschen) im Mörser fein zerstoßen, bis eine formbare, klebrige Paste entsteht - Nussfett und Feigenzucker binden von selbst, ein zusätzliches Bindemittel braucht es nicht. Kräftig würzen, etwa mit Zimt, Ingwer und Pfeffer. Die Masse in eine Pfanne mit Öl geben und kurz aufwallen lassen: Dieser Zwischenschritt zieht etwas Feuchtigkeit ab und ummantelt die Fülle mit Fett, damit sie beim späteren Frittieren den Hefeteig nicht durchweicht. Die abgekühlte Füllung in Portionen aufgegangenen Hefeteig einschlagen, krapfenförmig formen und in reichlich Öl goldbraun ausbacken. Kalt servieren - praktisch für Vorbereitung und Standbetrieb, da keine Warmhaltung nötig ist.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Ja, die Zutaten sind robust und gut transportierbar. Hefeteig und das Ausbacken in Öl erfordern etwas Zeit und Aufmerksamkeit am Feuer, sind aber gut umsetzbar. Krapfen können gut vorbereitet und kalt serviert werden.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Mondseer Kochbuch, einer umfangreichen deutschsprachigen Rezeptsammlung aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Es wurde im bairisch-österreichischen Raum, vermutlich im Umfeld des Klosters Mondsee, verfasst und spiegelt die gehobene Küche dieser Zeit wider.

Was bedeutet 'Mörser' im Rezept - brauche ich einen Mörser und Stößel?

Im mittelalterlichen Kochkontext ist ein 'Mörser' oft ein großer Fleischmörser, der zum Zerstoßen von Fleisch, Nüssen oder anderen Zutaten zu einer feinen Paste diente. Für dieses Rezept kannst du die Nüsse und Früchte fertig gemahlen kaufen oder eine moderne Küchenmaschine verwenden. Wer authentisch arbeiten möchte, verwendet einen großen Granit-Mörser mit schwerem Holzstößel.

Welche Gewürze soll ich für die Füllung verwenden?

Das Rezept nennt keine spezifischen Gewürze, sondern nur ‚würze das gut‘. Typisch für die Zeit wären wärmende Gewürze wie Zimt, Ingwer, Nelken oder auch etwas Pfeffer. Wähle Gewürze nach deinem persönlichen Geschmack, die gut zu Nüssen und Feigen passen.

ITem wil dw chrapffen in der vasten machen so stoz nuß cheren vnd veigen durch ein ander In einem morsar vnd gburcz das woll vnd leg es in ain phann vnd gewß oll dar an vnd erbell es vnd mags in chrapffen weyß in einen erhaben taig vnd pach es woll in oll vnd gibs chalcz czw essen
chrapffen

Krapfen sind in Fett ausgebackene Gebäckstücke, die im Mittelalter oft süß gefüllt wurden.

vasten

Die Fastenzeit war eine Periode, in der der Verzehr von Fleisch, Milchprodukten, Eiern und tierischem Schmalz verboten war. Daher die Verwendung von Pflanzenöl.

morsar

Ein großer Mörser diente im Mittelalter als Küchenmaschine, um Zutaten wie Nüsse und Früchte zu einer feinen Paste zu zerstoßen.

erhaben taig

Dies bezieht sich auf einen aufgegangenen Teig, typischerweise einen Hefeteig, der durch Gärung an Volumen zunimmt.

oll

Öl, im Mittelalter oft Olivenöl oder Nussöl, wurde in der Fastenzeit als Ersatz für tierische Fette verwendet.

cheren

‚Kerne‘ oder ‚Kirschen‘ - im Korpus nicht eindeutig geklärt. In mon-064 und mon-087 bezeichnet dasselbe Wort ‚Kerne‘ (dort Mandelkerne), was auch hier ‚Nusskerne‘ nahelegen könnte.

erbell

‚erwellen‘ (bairisch b für w) - kurz aufwallen/aufkochen lassen. Die fast wortgleichen Parallelstellen in m384-078 (‚das es erwalle‘) und rfk-001 (‚erwelle isz‘) stützen diese Lesart.

Handschrift
Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1)
Folio
Fol. 034r
Sprache
Frühneuhochdeutsch (bairisch-österreichisch, 15. Jh.)
Entstehung
Österreich (Mondsee, Oberösterreich), 1480
CoReMA

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartchrapffen

Gewählte Lesart: ‚Krapfen‘ - ein in Fett ausgebackenes Gebäck, oft süß gefüllt.

Andere mögliche Lesart:

  • ‚Krapfen‘ als allgemeiner Begriff für gefüllte Teigtaschen. - Der Begriff 'Krapfen' war im Mittelalter breiter gefasst, aber im Kontext von 'erhaben taig' (aufgegangenem Teig) und 'in oll pach' (in Öl backen) ist die moderne Krapfenform am plausibelsten.

Lesartcheren

Gewählte Lesart: ‚Kirschen‘ - als weitere Füllungszutat neben Nüssen und Feigen.

Andere mögliche Lesart:

  • ‚Kerne‘ (Nusskerne) - dann wäre 'nuß cheren' eine zusammengesetzte Bezeichnung für Nusskerne, nicht eine dritte Zutat. - In mon-064 ('mandel cheren') und mon-087 ('cheren muß') bezeichnet dasselbe Wort im selben Buch eindeutig 'Kerne' (dort von Mandeln). Die engsten Zwillingsrezepte m384-078 und rfk-001 nennen zudem nur zwei Füllzutaten (Nüsse, Feigen), keine Kirschen. Beide Beobachtungen sprechen für 'Kerne', ohne die traditionelle 'Kirschen'-Lesart sicher auszuschließen - MHDBDB führt für das Lautbild auch ein Kirschen-Lemma.

Lesartgburcz

Gewählte Lesart: ‚würze‘ (Verb) - als Anweisung, die Füllung zu würzen.

Andere mögliche Lesart:

  • ‚Gewürz‘ (Substantiv) - als Zutat 'Gewürz'. - Die Konstruktion 'vnd gburcz das woll' ist eine klare Verb-Konstruktion im Imperativ ('und würze das gut'), nicht die Nennung einer Zutat.

Lesarterbell

Gewählte Lesart: ‚erwellen‘ (Verb) - die Füllung in Öl kurz aufwallen/aufkochen lassen.

Andere mögliche Lesart:

  • ‚forme es‘ (von 'erballen'). - Diese Lesart ist weniger passend im Kontext von 'in ain phann vnd gewß oll dar an' (in eine Pfanne legen und Öl dazugießen).

Originalwerk (~1480) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 034r, Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609; bereitgestellt durch CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages, Universität Graz (CC BY-NC-SA 4.0)
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), Ms. GR1 (Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609), hyperdiplomatische Basistranskription, CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Die Zutaten sind robust und gut transportierbar. Hefeteig und das Ausbacken in Öl erfordern etwas Zeit und Aufmerksamkeit am Feuer, sind aber gut umsetzbar. Krapfen können gut vorbereitet und kalt serviert werden.
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