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Kernenmus von Mandeln mit Weinbeeren

Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1) · Österreich (Mondsee, Oberösterreich) · 1480

DessertNachspeiseLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumEinfachKorrekturBearbeitungsstand 7/10
Zubereitungszeit20 Min.Portionen4 PersonenBuchMondseer Kochbuch (~1480)

Willst du ein Kernenmus zubereiten, so nimm Mandeln und Weinbeeren dazu. Gib guten Wein und genug Zucker hinzu. So wird das Mus gut, und versalze es nicht.

OriginalModern / MengeWo kaufenAlternative
mandel Mandeln, gemahlen Supermarkt (Backregal) -
weinper Weinbeeren (Rosinen) - -
gueten wein Guten Wein - -
czucker genug Genug Zucker - -

Welches Gericht ist das? Trotz der älteren Übersetzung ist dies kein Kirschenmus, sondern ein Kernenmus - ein Mus aus Mandelkernen mit Weinbeeren, Wein und Zucker. Es gehört in die Familie der mittelalterlichen Mandel-Mus-Desserts, bei denen ausgestoßene Mandeln statt Milch die Bindung und Cremigkeit liefern - fastenkonform und ohne tierisches Milchprodukt. Mit dem Blancmanger (Geflügel oder Fisch in Mandelmilch) hat das nur die Mandelbasis gemein, nicht die Zutatenkomposition: mon-087 enthält kein Fleisch und keine Mandelmilch, sondern ganze gemahlene Mandeln, Weinbeeren, Wein und Zucker. Am engsten verwandt ist es mit den Rezepten Mus mit Weinbeeren und Mandeln (mha-241) und einem fast wortgleich überlieferten Kernmus (m5919-039): gleiche Zutaten, gleiches Verfahren, gleiche Schlusswarnung vor dem Übersalzen.

Die Schlusswarnung. ‚Und versalze es nicht‘ ist eine reine Warnung, keine Kochanweisung mit Salzmenge - das Rezept nennt Salz an keiner Stelle als Zutat. Es handelt sich um eine stehende Schlussformel bei süßen Mus-Gerichten dieses Kochbuchs, vergleichbar der Vorstellung, dass auch süße Speisen durch eine winzige Salznote runder schmecken, wenn man sie nicht übertreibt.

Praxis. Gemahlene Mandeln werden mit gutem Wein zu einer Mandelmilch ausgestoßen - Wein statt Wasser, damit die Masse zugleich Säure und Aroma bekommt. Weinbeeren (Rosinen) werden untergerührt und die Mischung bei mittlerer Hitze eingekocht, bis sie sämig wird - die fein vermahlenen Mandeln binden von selbst, ein zusätzliches Bindemittel braucht es nicht. Zucker nach Geschmack einrühren, bis das Mus rund schmeckt, und am Ende nicht salzen.

Was bedeutet ‚cheren muß‘?

‚Cheren‘ ist eine Schreibvariante von ‚kernen‘ (Kerne) und bezeichnet hier ein Mus aus Mandelkernen, kein Kirschenmus. Zwei Parallelrezepte im Korpus stützen diese Lesart eindeutig: eines trägt selbst den Titel ‚Ain keren‘ mit der Erklärung ‚ein Kernmus aus Mandeln‘, ein weiteres überliefert einen fast wortgleichen Text ausdrücklich als ‚kernen mus‘.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Ja, dieses Mus lässt sich im Topf am Feuer schnell zubereiten. Mandeln, Weinbeeren (Rosinen), Wein und Zucker sind alle lagerfähig - eine Kühlkette ist nicht nötig.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Mondseer Kochbuch, einer umfangreichen deutschsprachigen Rezeptsammlung aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Es wurde im bairisch-österreichischen Raum, vermutlich im Umfeld des Klosters Mondsee, verfasst und spiegelt die gehobene Küche dieser Zeit wider.

Was bedeutet die Anweisung ‚versalcz nit‘?

‚Versalcz nit‘ bedeutet ‚und versalze es nicht‘. Es handelt sich um eine reine Warnung, nicht um eine Anweisung, Salz zuzugeben - Salz wird im Rezept selbst nirgends als Zutat genannt. Solche Schlusswarnungen sind bei süßen Mus-Gerichten des Korpus mehrfach belegt.

ITem wil dw ein cheren muß machen So nym mandel vnd weinper darczw + vnd gueten wein vnd thue czucker genug dar ein so wirdt das mueß guett vnd versalcz nit
cheren muß

‚Cheren‘ ist eine Schreibvariante von ‚kernen‘ (Kerne) - kein Wort für Kirschen. Beleg im Korpus: mha-022 trägt selbst den Titel ‚Ain keren‘ und erläutert ‚ain keren muosz von mandel‘ (ein Kernmus aus Mandeln); m5919-039 überliefert einen nahezu wortgleichen Text als ‚kernen mus‘. ‚Cheren muß‘ ist damit ein Mandelkern-Mus, kein Kirschenmus.

versalcz nit

‚Und versalze es nicht‘ ist eine reine Warnung vor dem Übersalzen - keine Anweisung, Salz zuzugeben. Salz wird an keiner Stelle des Rezepts als Zutat genannt. Die Formel ist eine stehende Schlusswendung bei süßen Mus-Gerichten des Korpus (u. a. auch mon-023) und begegnet dort unabhängig davon, ob überhaupt gesalzen wird.

Handschrift
Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1)
Folio
Fol. 031r
Sprache
Frühneuhochdeutsch (bairisch-österreichisch, 15. Jh.)
Entstehung
Österreich (Mondsee, Oberösterreich), 1480
CoReMA

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartweinper

Gewählte Lesart: Weinbeeren = Rosinen (getrocknete Weinbeeren). Standardlesart für ‚weinper‘ im Korpus: auch die engsten Zwillinge mha-241 und m5919-039 lesen dasselbe Wort an identischer Stelle als Weinbeeren, beide ohne jeden Frisch-Marker im Text - genau wie hier.

Andere mögliche Lesart:

  • Frische Weintrauben. - Nicht grundsätzlich auszuschließen, da Trauben zur Herbsternte verfügbar wären, doch das Rezept nennt keinen ausdrücklichen Frisch-Marker - anders als es die Standardlesart ‚im Zweifel Rosinen‘ für unmarkierte Belege vorsieht.

Originalwerk (~1480) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 031r, Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609; bereitgestellt durch CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages, Universität Graz (CC BY-NC-SA 4.0)
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), Ms. GR1 (Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609), hyperdiplomatische Basistranskription, CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Im Topf am Feuer schnell zubereitet. Mandeln, Weinbeeren (Rosinen), Wein und Zucker sind alle lagerfähig, eine Kühlkette ist nicht nötig.
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