Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1) · Österreich (Mondsee, Oberösterreich) · 1480
Wenn du ein Gericht im Mörser zubereiten willst, dann nimm Semmelbrot und schneide es würfelförmig. Schlage Eier klein und gib dann die Semmel, Muskat und andere Gewürzpulver darunter. Färbe es gelb und schlage dann gebratenes Hühnerfleisch durch die Masse.
Wenn du kein Hühnerfleisch hast, so nimm Tauben, oder du kannst Leber, Magen oder Keule verwenden. Gib dann Schmalz in den Mörser und stelle ihn auf eine Glut. Gieße dann die Masse hinein und lass es backen und serviere es.
| Original | Modern / Menge | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|
| semel | Semmelbrot, gerieben | Supermarkt (Backregal) | - |
| air | Eier | - | - |
| muscat | Muskat | gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel | - |
| anderen stupp | andere Gewürzpulver | gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel | Pfeffer, Ingwer, Zimt |
| hunern | gebratenes Hühnerfleisch | Metzger, Supermarkt | - |
| tauben | gebratene Tauben (alternativ) | Geflügelhändler, Wochenmarkt | - |
| leber | gebratene Leber (alternativ) | Metzger, Supermarkt | - |
| magel | gebratener Magen (alternativ) | Metzger, Supermarkt | - |
| fuessel | gebratene Geflügelkeule (alternativ) | Metzger, Supermarkt | - |
| smalcz | Schmalz | Metzger, Supermarkt | Butterschmalz oder Pflanzenöl für eine vegetarische/vegane Variante |
Welches Gericht ist das? Eine im Mörser über Glut gegarte Farce aus zerstoßenem gebratenem Geflügel(-fleisch oder -innereien), geriebenem Weißbrot, Ei und Gewürzpulver, gelb gefärbt. Das ist ein Vorläufer der heutigen Geflügelfarce bzw. des Geflügel-Pastetenfülls (wie er etwa in einer Terrine de volaille fortlebt) - nur dass hier nicht im Ofen oder Wasserbad gegart wird, sondern direkt im Mörsergefäß selbst, das zugleich Zerkleinerungswerkzeug und Kochtopf ist. Bei der Innereien-Variante (Leber, Magen, Keule statt Hühnerfleisch) ist die Verwandtschaft eher zu heutigen Ragout-fin- und Geflügelklein-Verwertungen zu ziehen - eine sinnvolle Resteverwertung, keine Notlösung.
Praxis. Semmelbrot wird gewürfelt, nicht in Scheiben - das ergibt eine bessere Bindung und zieht schneller Flüssigkeit. Die verquirlten Eier mit Semmel, Muskat und weiterem Gewürzpulver ergeben eine klassische Panade-Basis, das Ei wirkt als Bindemittel. Das Hühnerfleisch wird vor dem Zerstoßen gebraten - der Garpunkt ist damit bereits erreicht, der Mörser-Schritt dient vor allem dem Binden und leichten Erwärmen der Masse, nicht dem Garen von rohem Geflügel. Werden stattdessen Innereien oder eine Keule verwendet, liefert besonders die Keule durch Haut und Sehnengewebe zusätzliche Bindung und mehr Fett und Aroma als reine Brust.
Das eigentliche Garen erfolgt im mit Schmalz ausgekleideten Mörser auf der Glut: das Schmalz wirkt als Antihaft- und Wärmeleitmedium, das Gefäß selbst ersetzt den Ofen. Der Text von mon-086 nennt dabei keine Details zum Anbrennschutz. Der enge Zwilling koe-002 (Königsberger Kochbuch) beschreibt für dieselbe Technik zusätzlich, den Mörser beim Garen immer wieder zum Feuer zu drehen, damit die Hitze gleichmäßig bleibt - eine Ergänzung aus dem Vergleichsrezept, die sich im mon-086-Text selbst nicht findet, aber beim Nachkochen sehr hilft, ein Anbrennen der Masse am Gefäßrand zu vermeiden.
Ja, du benötigst einen Mörser und Stößel, allerdings keinen kleinen Gewürzmörser. Gemeint ist ein großer Fleischmörser aus Stein oder Metall, der als mittelalterliche Küchenmaschine diente, um Fleisch und andere Zutaten zu einer feinen Farce zu zerstoßen. Für moderne Nachkocher ist ein leistungsstarker Food Processor oder Blender eine gute Alternative, um die gewünschte feine Konsistenz zu erreichen. Wer authentisch arbeiten möchte, verwendet einen großen Granit-Mörser mit schwerem Holzstößel.
Eingeschränkt (Aufwand): Die Zubereitung der Farce im Mörser erfordert erheblichen manuellen Aufwand. Das Backen im Mörser auf Glut benötigt konstante Aufmerksamkeit und ist eher ein Schau-Element als ein schnelles Lagergericht.
Dieses Rezept stammt aus dem ‚Mondseer Kochbuch‘, einer umfangreichen deutschsprachigen Rezeptsammlung aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Es wurde im bairisch-österreichischen Raum, vermutlich im Umfeld des Klosters Mondsee, verfasst und bietet Einblicke in die gehobene Küche des Spätmittelalters.
‚Stupp‘ bezeichnet hier feines Gewürzpulver, dessen genaue Zusammensetzung nicht genannt wird, aber typischerweise Pfeffer, Ingwer oder Zimt umfassen könnte. Die Anweisung ‚mach es gelb‘ ist ein Hinweis auf die Verwendung eines gelbfärbenden Mittels, meist Safran, der Speisen einen luxuriösen und repräsentativen Charakter verlieh.
Nein. ‚Fuessel‘ ist ein Diminutiv zu ‚Fuß‘, bezeichnet hier aber die Keule, nicht den abgetrennten Fuß. CoReMA glossiert das Wort in mehreren Handschriften (mon-086, m5919-096, koe-020) übereinstimmend als englisch ‚chicken leg‘. Zusammen mit Leber und Magen ergibt das eine sinnvolle Auswahl: die ergiebigsten Teile, wenn kein ganzes Huhn zur Verfügung steht.
Hier ist geriebenes Weißbrot gemeint, das als Bindemittel dient. Im Mittelalter wurde selten mit Mehl gebunden.
Bezeichnet feines Pulver, in diesem Kontext Gewürzpulver. Die genaue Mischung ist nicht spezifiziert, aber typisch wären Pfeffer, Ingwer oder Zimt.
Im mittelalterlichen Kochkontext ist meist ein großer Fleischmörser aus Stein oder Metall gemeint, der zum Zerkleinern von Fleisch und anderen Zutaten zu einer feinen Farce verwendet wurde. Er konnte auch zum Kochen über direkter Hitze eingesetzt werden - diese Doppelfunktion als Zerkleinerungswerkzeug und Kochgefäß ist im Mondseer Kochbuch mehrfach belegt (u. a. mon-010, mon-025, mon-047, mon-060) und findet sich mit fast identischem Ablauf auch im Königsberger Kochbuch (koe-002), dort mit der Zusatzanweisung, den Mörser zum Feuer hin zu drehen.
Die Gelbfärbung von Speisen war ein Statussymbol und wurde meist mit dem teuren Gewürz Safran erreicht.
Wörtlich „Füßchen“ (Diminutiv zu Fuß), gemeint ist aber kein abgetrennter Fuß, sondern die Keule: CoReMA glossiert das Wort auf der Objektseite zu diesem Rezept selbst als englisch „chicken leg“ (Wikidata Q7196561). Derselbe Fuß-als-Keule-Sprachgebrauch begegnet im Mondseer Kochbuch bereits bei mon-072 („phuesß“ = Wildbretkeule) und wird durch die Zwillinge m5919-096 („füßchen“) und das Königsberger koe-020 („Fusslenn“) bestätigt - CoReMA glossiert dort ebenfalls konsistent „chicken leg“. Kulinarisch ergibt das mehr Sinn als der wörtliche Fuß: Leber, Magen und Keule sind zusammen die ergiebigsten Teile, wenn kein ganzes Huhn zur Verfügung steht.
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
ful
Gewählte Lesart: ‚Masse‘ - die vorbereitete Mischung aus Fleisch, Brot und Gewürzen.
Andere mögliche Lesart:
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