Wo Mittelalter stattfyndet. Where medieval times happen.
Im Viewer öffnenIm Viewer öffnen ÜbersetzenTranslate

Mörserkuchen vom Huhn

Kochbuch-Fragment aus dem Deutschordensarchiv (Berlin, GStA PK, XX. HA, OBA, Nr. 18384) · Deutschordensland / Preußen · 1470

GeflügelHauptspeise · GeflügelLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumMittel
Zubereitungszeit90 Min.Portionen4-6 PersonenBuchKönigsberger Kochbuch (~1470)

Original - Frühneuhochdeutsch (bairisch mit ostmitteldeutschen Merkmalen, 15. Jh.)

Mörserkuchen vom Huhn - Originalseite aus Königsberger Kochbuch
Fol. 009r, Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, Berlin, XX. HA, OBA, Nr. 18384 (15. Jh.); bereitgestellt durch CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages, Universität Graz (CC BY-NC-SA 4.0)

Transkription - Frühneuhochdeutsch (bairisch mit ostmitteldeutschen Merkmalen, 15. Jh.)

Wylthu machenn g?d gudtt morsser kuchenn

So schneidt semell gewurfflett vnd kloppff eyr clain vnd thu die semell dar vnter vnd schneidt das vnter musckatt ader musckatt blude vnd mach eß gell vnd schneidt dar vnder geprottenn huner ader magst nemenn lebern vnd meglen vnd Fusslenn vnd setz es vff ein glutt vnd gewß dan die Full dor ein vnd loß es packenn vnd gibß hin

CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), Ms. B6 (Berlin, GStA PK, XX. HA, OBA, Nr. 18384), hyperdiplomatische Basistranskription, CC BY 4.0

Moderne Übersetzung

LagerkücheLagerküche-Tipp: Dieses Gericht lässt sich gut in einem Dutch Oven oder einer feuerfesten Form auf Glut backen. Frisches Huhn oder Innereien benötigen Kühlung, sind aber für einen Markttag gut zu beschaffen.

Schneide Semmeln gewürfelt. Schlage Eier fein und gib die gewürfelten Semmeln darunter. Würze die Mischung mit Muskat oder Muskatblüte und färbe sie gelb.

Schneide gebratenes Huhn darunter, oder du kannst stattdessen Lebern, Mägen und Füßchen nehmen. Setze die Form auf eine Glut und gieße dann die Füllung hinein. Lass es backen und serviere es.

Zutaten

OriginalModern / MengeWo kaufenAlternative
semell gewurfflett Gewürfelte Semmeln Supermarkt -
eyr clain Eier - -
musckatt ader musckatt blude Muskatnuss - Muskatblüte
geprottenn huner Gebratenes Huhn Metzger, Supermarkt -
lebern vnd meglen vnd Fusslenn Hühnerlebern, -mägen und -füße (optional, als Alternative zum Huhn) Metzger, gut sortierter Supermarkt -

Lagerküche Zubereitungshinweis

Welches Gericht ist das? Ein herzhafter Auflauf aus gewürfelter Semmel, Ei und gebratenem Geflügel, im Mörser über der Glut gebacken - ein früher Verwandter des herzhaften Semmel-/Brotauflaufs (herzhafter ‚Scheiterhaufen', Strata). Der Mörser dient hier als feuerfestes Backgefäß, nicht zum Zerstoßen - dieselbe Technik wie beim Hühner-Mörsermus koe-002, den Königshühnern koe-013 und dem welschen Eierkuchen koe-015.

Technik. Semmelwürfel mit verquirlten Eiern, Muskat/Muskatblüte und (für die gelbe Farbe) Safran mischen, gebratenes Huhn - oder Leber, Mägen und Füßchen - darunterschneiden. Den gefetteten Mörser auf die Glut setzen, die Masse einfüllen und stocken/backen lassen, bis sie fest ist.

Praxis. Modern in einer gefetteten Auflaufform oder gusseisernen Pfanne: altbackene Semmelwürfel mit 4-6 Eiern, Muskat und einer Prise Safran verrühren, gebratenes Hühnerfleisch (oder Innereien) untermengen, bei ~180 °C backen, bis es goldgelb gestockt ist - im Grunde eine herzhafte Brot-Ei-Strata.

Anmerkungen

morsser kuchenn

Ein ‚Mörserkuchen‘ ist eine Art Pastete oder Auflauf, dessen Zutaten (oft Fleisch oder Fisch) im großen Fleischmörser zu einer feinen Farce zerstoßen werden. Der Begriff ‚Kuchen‘ bezieht sich hier auf die Form und nicht auf eine Süßspeise.

semell gewurfflett

Gewürfelte Semmeln (Brötchen) dienen hier als Bindemittel und Füllstoff.

clain

Bedeutet ‚klein‘ oder ‚fein‘, hier im Sinne von fein geschlagenen Eiern.

musckatt ader musckatt blude

Muskatnuss oder Muskatblüte (Macis) sind typische Gewürze der mittelalterlichen Küche, die für ihr warmes, würziges Aroma geschätzt wurden.

mach eß gell

‚Mache es gelb‘ - die Gelbfärbung wird hier primär durch die Eier erreicht. Optional könnte auch eine Prise Safran hinzugefügt werden, um die Farbe zu intensivieren, ist aber im Originalrezept nicht explizit genannt.

geprottenn huner

Gebratenes Huhn als Hauptzutat für den Mörserkuchen.

lebern vnd meglen vnd Fusslenn

Hühnerlebern, -mägen und -füße (Innereien) werden hier als alternative Fleischzutat zum gebratenen Huhn angeboten. Innereien waren in der mittelalterlichen Küche sehr beliebt und wurden vielfältig verwendet.

glutt

Glut, also glühende Holzkohle oder Asche, auf der das Gericht in einem Topf oder einer feuerfesten Form gebacken wird.

packenn

Backen, hier im Sinne des Garens in einer Form auf oder in der Glut.

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartg?d gudtt

Gewählte Lesart: Die unklare Zeichenfolge ‚g?d gudtt‘ wird als ‚gut‘ gelesen, was im Kontext von Rezepttiteln eine übliche Qualitätsbezeichnung ist.

Lesartschneidt das vnter musckatt ader musckatt blude

Gewählte Lesart: Die Phrase wird als ‚würze die Mischung mit Muskat oder Muskatblüte‘ übersetzt. Das Verb ‚schneiden‘ kann hier das Reiben oder Raspeln der Gewürze meinen, oder allgemeiner das Hinzufügen. Die Lesart als Würzen ist kulinarisch plausibel.

Lesartmach eß gell

Gewählte Lesart: Die Anweisung ‚mach eß gell‘ wird als ‚färbe es gelb‘ interpretiert. Da keine explizite gelbe Zutat wie Safran genannt wird, wird die Gelbfärbung den bereits hinzugefügten Eiern zugeschrieben.

Andere mögliche Lesart:

  • Eine alternative Lesart wäre, dass Safran als Färbemittel impliziert ist. - Safran war ein gängiges Färbemittel in der mittelalterlichen Küche, um Speisen eine goldgelbe Farbe zu verleihen. Da es jedoch nicht explizit genannt wird, ist die Färbung durch Eier die direktere Interpretation des Textes.

Lesartschneidt dar vnder geprottenn huner

Gewählte Lesart: Ähnlich wie bei den Gewürzen bedeutet ‚schneiden‘ hier das Zerkleinern und Hinzufügen der Fleischzutat zur Masse.

Häufige Fragen

Was ist ein ‚Mörserkuchen‘?

Ein ‚Mörserkuchen‘ ist eine mittelalterliche Speise, die ihren Namen von der Zubereitungsart im großen Fleischmörser hat. Dabei werden die Hauptzutaten - oft Fleisch, Fisch oder Brot - zu einer feinen Farce zerstoßen und anschließend in einer Form gebacken oder gekocht. Es handelt sich um eine Art Pastete oder Auflauf, nicht um eine Süßspeise im modernen Sinne.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Ja, dieses Gericht ist gut für die Lagerküche geeignet. Es kann in einem Dutch Oven oder einer anderen feuerfesten Form auf Glut gebacken werden. Die Zutaten sind robust, lediglich frisches Huhn oder Innereien benötigen eine Kühlkette, die aber für einen Markttag gut zu managen ist.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem ‚Königsberger Kochbuch‘, einer Handschrift aus dem 15. Jahrhundert, die im Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz in Berlin (XX. HA, Ordensbriefarchiv Nr. 18384) aufbewahrt wird. Es entstammt dem Archiv des Deutschen Ordens und ist in Frühneuhochdeutsch verfasst.

Was bedeutet die Anweisung ‚mach eß gell‘?

‚Mach es gelb‘ bedeutet, dass die Speise eine gelbe Farbe annehmen soll. Da im Rezept keine explizite gelbe Zutat wie Safran genannt wird, wird die Gelbfärbung primär durch die Verwendung von Eiern erreicht. Die Eigelbe verleihen der Masse eine natürliche goldene Tönung.

Alle Rezepte aus Königsberger Kochbuch Alle Kochbücher