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Königshühner aus dem Mörser

Kochbuch-Fragment aus dem Deutschordensarchiv (Berlin, GStA PK, XX. HA, OBA, Nr. 18384) · Deutschordensland / Preußen · 1470

GeflügelHauptspeise · GeflügelLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 9.3/10Höfische KücheHofküche
Zubereitungszeit40 Min.Portionen2-4 PersonenBuchKönigsberger Kochbuch (~1470)

Nimm gebratene Hühner und hacke sie in kleine Stücke. Nimm frische Eier und vermische sie mit gestoßenem Ingwer. Gieß das in einen gut gefetteten, heißen Mörser. Füge Safran und ein wenig Salz hinzu. Stelle die Mischung auf das Feuer und lass sie sieden und eindicken.

OriginalModernMengeWo kaufenAlternative
gebrottenn huner Gebratene Hühner - Metzger, Supermarkt -
frisch eir Frische Eier - - -
gestossem Imgber geweß Ingwerpulver - Supermarkt, Online-Gewürzhandel -
saffrann Safran - gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel -
salcz Salz - - -

Welches Gericht ist das? Die ‚Königs‘-Variante der Brathühner-Reihe und ein naher Zwilling gleich mehrerer Rezepte: ‚Königs-Hühner‘ im Buoch von guoter Spise (bgs-028), das nahezu wortgleiche ‚Kunigs huen‘ aus dem Cgm 5919 (m5919-065) und ‚Chunig hunernn‘ im Mondseer Kochbuch (mon-081) - alle drei nutzen dieselbe charakteristische Formel ‚fett+heißer Mörser‘. Gebratenes Huhn wird klein gehackt und mit einer würzigen Eiermasse im heißen, gefetteten Mörser zu einer gebundenen Speise gegart - dieselbe Mörser-Gartechnik wie beim Hühner-Mus koe-002.

Wo bleiben die Hühnerstücke? Der knappe Text nennt das Zusammenführen von Huhn und Ei-Masse nicht noch einmal ausdrücklich - die Zwillinge tun es: bgs-028 sagt ‚vnd tuo die huenre in den moerser‘, m5919-065 ‚geus das mit hunneren in ain faisten haissen morser‘. Die gehackten Hühnerstücke kommen also mit in den Mörser und werden gemeinsam mit der Ei-Ingwer-Safran-Masse gestockt.

Technik. Der Mörser wird gefettet und am Feuer heiß gemacht; darin gießt man die Ei-Ingwer-Masse zusammen mit dem gehackten Huhn und lässt sie unter Wärme stocken - ein frühes ‚Backen‘ im heißen Steingefäß. Safran gibt das Gold, Ingwer die Schärfe.

Praxis. Modern entfällt der Mörser: gehacktes Brathuhn mit 3-4 verquirlten Eiern, gestoßenem Ingwer, etwas Safran und Salz mischen und in einer gut gefetteten Pfanne bei milder Hitze stocken lassen (wie ein stichfestes Rührei oder eine Frittata) oder im Wasserbad garen.

Was ist ein ‚Mörser‘ - brauche ich einen Mörser und Stößel?

Im Mittelalter war ein Mörser oft ein großer Fleischmörser, um Zutaten zu einer feinen Farce zu zerstoßen. Für dieses Rezept, das eine Eier-Mischung verlangt, reicht ein normaler Küchenmörser oder einfach eine Schüssel mit einem Löffel oder Schneebesen zum Vermischen. Die Anweisung ‚heiß‘ für den Mörser ist ungewöhnlich; ein vorgewärmter, gefetteter Mörser sorgt dafür, dass die Ei-Masse beim Eingießen sofort zu stocken beginnt.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Ja: Die Zubereitung dauert etwa 30-45 Minuten am offenen Feuer. Einziger Engpass ist das gebratene Hühnerfleisch (Kühlung); die übrigen Zutaten sind unproblematisch.

Was bedeutet ‚Königs-Hähnchen‘?

Das ‚Königs-Hähnchen‘ ist Teil einer Reihe von farbkodierten Hähnchenrezepten im Königsberger Kochbuch. Es handelt sich um gebratenes Hähnchen, das mit einer safrangelben, gebundenen Eier-Ingwer-Masse zu einer festen Speise gegart wird - ein Statusgericht, dessen goldene Farbe den ‚königlichen‘ Namen erklären dürfte.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Königsberger Kochbuch (15. Jh., Deutschordensland / Preußen). Kurzes Kochbuch-Fragment (34 Rezepte) aus dem Archiv des Deutschen Ordens, ursprünglich auf der Marienburg (Malbork), heute im Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz in Berlin. Die einzige preußisch-ostmitteldeutsch geprägte Quelle im Fyndling-Korpus - ein regionaler Kontrast zur süddeutschen und italienischen Überlieferung. Schwerpunkt auf Würzsaucen und gefärbten Begleitsaucen (eine zusammenhängende Reihe weißer, grüner, schwarzer und rotschwarzer Brathühner), Mörserspeisen, Sülzen sowie Fastenküche mit kunstvollen Imitationsgerichten (Bratwurst aus Feigen, Fisch als Sülze). Im CoReMA-Projekt (Uni Graz) als Handschrift B6 ediert.

Wilthu machenn kungs huner So nim gebrottenn huner vnd hacke die zu clenne stucklenn vnd nim frisch eir vnd misch die mitt gestossem Imgber geweß das in einem veistenn morsser der heiß sey vnd thw darzu saffrann vnd salcz ein wenig vn thum es zu dem fewer vnd loß es Sie siedenn backenn
kungs huner

‚Königshühner‘ - der ‚Königs‘-Vertreter der Brathühner-Reihe im Königsberger Kochbuch (zusammen mit den weiß, grün und schwarz gebratenen Hühnern koe-010 bis koe-012). Zutatengleich mit den ‚Königs-Hühnern‘ im Buoch von guoter Spise (bgs-028) - ein Beleg der gemeinsamen Rezepttradition.

gebrottenn huner

‚Gebratene Hühner‘ - das Hähnchenfleisch wird bereits fertig gebraten vorausgesetzt und dann mit der Sauce kombiniert.

gestossem Imgber geweß

‚Mit gestoßenem Ingwer. Gieß...‘ - ‚geweß‘ ist nicht Teil eines Kompositums ‚Ingwergewürz‘, sondern der Imperativ des Verbs ‚gießen‘ (gieß/geuß) und eröffnet den nächsten Satzteil: ‚Geweß das in einem veistenn morsser...‘ = ‚Gieß das in einen fetten Mörser...‘. Belegt durch weitere ‚geweß/gewß‘-Stellen im Königsberger Kochbuch (u. a. koe-015, koe-017, koe-023), die durchweg das Verb ‚gießen‘ meinen, sowie durch den Zwilling bgs-028 (‚guez daz in einen moerser, der heiz si‘).

veistenn morsser der heiß sey

‚Fetter Mörser, der heiß ist‘ - der Mörser wird gefettet und am Feuer heiß gemacht, damit die Ei-Ingwer-Safran-Masse beim Eingießen sofort zu stocken beginnt. ‚Veistenn‘ (gefettet) ist durch die CoReMA-Sachglosse (‚veist‘ = fett, Wikidata Q912613) sowie die Parallelstellen m5919-065 (‚faisten haissen morser‘) und mon-081 (‚vaisten haissen morsar‘) gut belegt.

siedenn backenn

‚Sieden und backen‘ - in diesem Kontext bedeutet ‚backen‘ wahrscheinlich ein Eindicken oder Stocken der Eier-Mischung über dem Feuer, ähnlich einem Rührei oder einer dicken Sauce, nicht das Backen im Ofen. Die auffällige Doppel-Pronomen-Stelle ‚loß es Sie siedenn backenn‘ (es + Sie) deutet an, dass sowohl die Ei-Masse (‚es‘) als auch die gehackten Hühnerstücke (‚Sie‘) gemeinsam gegart werden - die Zwillinge bgs-028 (‚vnd tuo die huenre in den moerser‘) und m5919-065 (‚geus das mit hunneren in ain faisten haissen morser‘) machen dies ausdrücklich.

Handschrift
Kochbuch-Fragment aus dem Deutschordensarchiv (Berlin, GStA PK, XX. HA, OBA, Nr. 18384)
Folio
Fol. 005v
Sprache
Frühneuhochdeutsch (bairisch mit ostmitteldeutschen Merkmalen, 15. Jh.)
Entstehung
Deutschordensland / Preußen, 1470
CoReMA

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartveistenn morsser der heiß sey

Gewählte Lesart: ‚In einem gut gefetteten und heißen Mörser‘. Der Mörser wird gefettet und am Feuer heiß gemacht, damit die Ei-Ingwer-Safran-Masse beim Eingießen sofort zu stocken beginnt. Belegt durch die CoReMA-Sachglosse (‚veist‘ = fett, Wikidata Q912613) sowie die Parallelstellen m5919-065 (‚faisten haissen morser‘) und mon-081 (‚vaisten haissen morsar‘).

Andere mögliche Lesart:

  • ‚In einem fettigen Mörser, der heiß ist‘. ‚Veistenn‘ könnte sich auch auf einen Mörser beziehen, der bereits von der Verarbeitung fetter Zutaten fettig ist, statt bewusst gefettet. - Die wörtliche Übersetzung von ‚veistenn‘ ist ‚fettig‘. Diese Nebenlesart bleibt möglich, ist aber gegenüber der bewusst gefetteten Lesart (siehe primary_reading) schwächer belegt.

Lesartsiedenn backenn

Gewählte Lesart: ‚Sieden und eindicken‘. Die Eier-Mischung wird über dem Feuer erhitzt, bis sie durch das Stocken der Eier eindickt und eine sämige Konsistenz erhält.

Andere mögliche Lesart:

  • ‚Sieden und braten‘. Die Mischung könnte nach dem Sieden noch kurz in einer Pfanne angebraten werden, um eine leicht gebräunte Oberfläche zu erhalten. - ‚Backen‘ konnte im Mittelalter auch das Braten in einer Pfanne bedeuten. Dies würde eine andere Textur des Endprodukts ergeben.

Originalwerk (~1470) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 005v, Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, Berlin, XX. HA, OBA, Nr. 18384 (15. Jh.); bereitgestellt durch CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages, Universität Graz (CC BY-NC-SA 4.0)
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), Ms. B6 (Berlin, GStA PK, XX. HA, OBA, Nr. 18384), hyperdiplomatische Basistranskription, CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Ja: Im Topf am Feuer in 30-45 Min fertig. Einziger Engpass ist das gebratene Hühnerfleisch (Kühlung); die übrigen Zutaten sind unkritisch.
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