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Königs-Hühner

Daz buoch von guoter spîse · Würzburg · 1350

GeflügelHauptspeise · GeflügelLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 9/10Höfische KücheHofküche
Zubereitungszeit60 Min.Portionen4-6 PersonenBuchDas Buch von guter Speise (~1350)

Wenn Ihr ein Gericht aus Hühnern zubereiten wollt, das man Königs-Hühner nennt: Nehmt junge, gebratene Hühner und zerteilt sie in kleine Stücke. Schlagt frische Eier auf und vermengt sie mit gestoßenem Ingwer und ein wenig Anis. Gießt diese Mischung in einen festen, hitzebeständigen Topf oder eine Schale, die bereits warm ist. Damit überzieht die Hühnerstücke. Gebt die Hühner in diesen Topf, fügt Safran und Salz nach Belieben hinzu und stellt sie ans Feuer. Lasst sie gleichmäßig heiß mit ein wenig Schmalz sieden. Serviert das Gericht als Ganzes. Dies sind die Königs-Hühner.

OriginalModern / MengeWo kaufenAlternative
junge gebratene huenre 2 junge gebratene Hühner Metzger, Supermarkt -
frische eyer 4 frische Eier Supermarkt, Wochenmarkt -
gestozzen ingeber 1 TL gestoßener Ingwer - -
ein wenic enys 1/2 TL Anis Supermarkt, Gewürzhandel -
saffran 1 Prise Safranfäden Supermarkt, Gewürzhandel -
saltz zvo mazzen Salz nach Geschmack - -
ein wenic smaltzes 2 EL Schmalz Metzger, Supermarkt Butter oder Pflanzenöl

Welches Gericht ist das? Im Geiste ist dies ein überbackenes Hühnchen mit einer würzigen Eier-Glasur, verwandt mit einem frühen Gratin oder einer Art Frittata, bei dem das vorgegarte Fleisch durch eine aromatische Eiermasse gebunden wird. Im eigenen Korpus gehört das Rezept zu einer breiter belegten Familie von "Königs-Hühnern" (koe-013, m5919-063, m5919-065, mon-081): überall dasselbe Grundverfahren aus gebratenem, zerteiltem Huhn, einer Ei-Ingwer-Anis-Glasur und einem heißen (gefetteten) Gefäß am Feuer.

Das Gefäß und die Hitze. Das Original spricht von einem "heißen Mörser"; gemeint ist hier kein Stößel-Gefäß, sondern ein festes, hitzebeständiges Kochgefäß - Topf oder Auflaufform -, das bereits angewärmt ist, damit die Eiermasse zügig stockt und nicht am kalten Boden kleben bleibt. Die Hühnerstücke werden mit der Eimischung übergossen, in dieses Gefäß gegeben und ans Feuer gestellt. Der Text spricht ausdrücklich vom Feuer, nicht von einem Ofen mit fester Temperatur - passend dazu im Dutch Oven über bzw. in der Glut, mit der Deckelhitze als gleichmäßiger Wärmequelle von oben.

Praxis. Nehmt bereits gebratenes Hühnchen und zerteilt es in mundgerechte Stücke. Die Eier schlagt ihr mit fein gestoßenem Ingwer und einer Prise Anis auf; die im Rezept angesetzte Menge (4 Eier auf 2 Hühner) ist ein guter Ausgangspunkt, den man nach der Größe der Hühner anpassen kann. Gießt die Eimischung in das vorgewärmte, gefettete Gefäß, bewirft damit die Hühnerstücke und gebt sie hinein. Erst danach kommen Safran und Salz nach Belieben dazu, bevor das Gefäß ans Feuer gestellt wird. Lasst die Masse gleichmäßig heiß mit etwas Schmalz sieden und stocken, bis sie fest, aber noch zart und cremig ist - nicht trocken oder gummiartig. Serviert das Gericht direkt aus dem Gefäß, warm und als Ganzes.

Wo bekomme ich Schmalz?

Schmalz (Schweineschmalz oder Gänseschmalz) ist in gut sortierten Supermärkten, beim Metzger oder im Bio-Laden erhältlich. Alternativ kann man auch Butter oder ein Pflanzenöl verwenden, um das Gericht zuzubereiten.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Ja, dieses Rezept ist sehr gut für die Lagerküche geeignet. Die Hühner können bereits vorgebraten mitgebracht werden. Das Mischen der Eier mit den Gewürzen und das Sieden im Dutch Oven über bzw. in der Glut ist unkompliziert und erfordert keine spezielle Ausrüstung.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus 'Das Buch von guter Speise', einem der ältesten bekannten Kochbücher in deutscher Sprache, verfasst um 1350 im süddeutschen Raum. Es gibt Einblicke in die höfische und bürgerliche Küche des Spätmittelalters.

Was bedeutet 'Mörser' in diesem Rezept?

Obwohl 'Mörser' heute meist ein Gefäß zum Zerstoßen von Gewürzen meint, wird es hier als ein hitzebeständiges Kochgefäß interpretiert, ähnlich einem Topf oder einer Auflaufform, in dem das Gericht am Feuer gegart wird. Dies wird durch die Anweisung, die Hühner 'in den Mörser' zu geben und dort 'zu backen', sowie durch das nahezu wortgleiche Zwillingsrezept koe-013 nahegelegt.

Wilt du machen ein spise von huenern. Diz heizzent kueniges huenre. Nim junge gebratene huenre, an kleine mursel. nim frische eyer vnd zvo slahe die, gestozzen ingeber vnd ein wenic enys, guez daz in einen moerser, der heiz si, mit dem selben crute, daz tuo du da mit bewirf die huenre. vnd tuo die huenre in den dar zvo saffran vnd saltz zvo mazzen und tuo sie zvo vnd lazze sie backen glich heiz mit ein wenic smaltzes. gib sie gantz hin, daz heizzent kuoniges huenre.
huenern

Hühner

kueniges huenre

Königs-Hühner

mursel

Stücke, Brocken

zvo slahe die

zerschlagen, aufschlagen

gestozzen ingeber

gestoßener Ingwer

enys

Anis

guez daz

gießt das

moerser

Mörser (hier als hitzebeständiges Kochgefäß interpretiert, nicht als Zerstoßungsgerät - durch das Zwillingsrezept koe-013 und weitere Korpus-Parallelen mehrfach bestätigt)

der heiz si

der heiß sei / der heiß ist

crute

Kraut, Gewürz (hier: Gewürze)

bewirf

bewirf, bedecke, bestreiche

saffran

Safran

saltz zvo mazzen

Salz nach Maß / in Maßen

tuo sie zvo

stelle sie zum Feuer (ergänzt durch Vergleichshandschrift)

backen glich heiz

gleichmäßig heiß sieden/backen (am Feuer, nicht im Ofen)

smaltzes

Schmalz

gantz hin

als Ganzes, vollständig (das Gericht)

Handschrift
Daz buoch von guoter spîse
Folio
Fol. 158v
Sprache
Mittelhochdeutsch
Entstehung
Würzburg, 1350

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartmoerser

Gewählte Lesart: Das Wort "Mörser" wird hier als ein hitzebeständiges Kochgefäß (z.B. Topf, Auflaufform, Dutch Oven) verstanden, da die Hühner darin am Feuer gegart werden sollen. Das Zwillingsrezept koe-013 (Königsberger Kochbuch) belegt mit derselben Formel ("in einem veistenn morsser der heiß sey ... loß es sieden backenn") unabhängig denselben Gebrauch als Gefäß am Feuer, nicht als Reibe-Mörser.

Lesarttuo sie zvo

Gewählte Lesart: Diese unvollständige Phrase wurde im Sinne von 'stelle sie zum Feuer' interpretiert, basierend auf der klareren Formulierung 'tu sie zu dem viur' in einer Vergleichshandschrift (Bibliotheca Augustana).

Andere mögliche Lesart:

  • Die Giessener Handschrift ist an dieser Stelle unvollständig oder mehrdeutig. - Ohne den Vergleichstext wäre die genaue Bedeutung der Anweisung unklar geblieben.

Lesartgantz hin

Gewählte Lesart: Das Gericht als Ganzes servieren, d.h. die zubereiteten Hühnerstücke als vollständige Mahlzeit.

Lesartsaffran ... zvo mazzen (Safran-Stellung)

Gewählte Lesart: Wir lesen die ungewöhnliche Stellung des Safrans (NICHT in die Ei-Ingwer-Anis-Glasur eingemischt, sondern getrennt ins heiße Gefäß gestreut, nachdem das Huhn drin ist) als bewusste Schau-Komposition für ein "Königs"-Gericht: 1) Visuell - Safran bleibt als orange Streifen/Punkte auf der hellen Ei-Glasur sichtbar, untergemischt wäre nur fahl-gelbe Homogenität. 2) Demonstrativ - Safran als sichtbares Luxus-Bestreuung kommuniziert Wohlhabenheit (konzentrierter, nicht verteilt). 3) Funktional - in der dampfenden Deckelhitze blüht Safran auch ohne vorheriges Mörsern/Einweichen, das Salz daneben hilft beim Lösen der Farbstoffe in die geringe Flüssigkeit am Gefäßboden.

Andere mögliche Lesart:

  • Schreibfehler: Safran sollte eigentlich in die Ei-Mischung, die Reihenfolge wurde verdreht. - Möglich, weil die Mehrheit der Safran-Hühner-Rezepte im Korpus (mha-181, foc-032 Cawdel, hkb-023, sev-167) den Safran integriert. Wir bleiben aber bei der Schau-Lesart als primary, weil der Königs-Titel den visuellen Effekt explizit als Pointe markiert und diese Safran-Stellung in mehreren unabhängig überlieferten Textzeugen gleich erscheint.

Originalwerk (~1350) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 158v, Universitätsbibliothek München, 2° Cod. ms. 731 (Cim. 4), Open Access LMU
Transkription
Uni Giessen (Gloning, Digitale Edition 1994/2001) Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Gut am Lager machbar: Hühner vorgebraten mitbringen, Ei-Gewürz-Glasur vor Ort anrühren und das Ganze im Dutch Oven über bzw. in der Glut überbacken. Kein regelbarer Ofen nötig, die Deckelhitze des Topfes übernimmt das gleichmäßige Stocken der Eiermasse.
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