Wo Mittelalter stattfyndet. Where medieval times happen.
Im Viewer öffnenIm Viewer öffnen ÜbersetzenTranslate DokumentDruckversion DokumentTEI-XML

Mörserhühner (gestoßenes Huhn)

München, Bayerische Staatsbibliothek, Cgm 5919 · Regensburg, Bayern · 1505

GeflügelHauptspeise · GeflügelLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 9.3/10Höfische KücheHofküche
Zubereitungszeit45 Min.Portionen2-4 PersonenBuchRegensburger Kochbuch (Cgm 5919) (~1505)

Nimm ein gebratenes Huhn und zerteile es klein. Nimm weißes Brot. Mache einen dünnen Teig aus Eiern mit Pfeffer, Anis und Safran. Stoße alles zusammen in einem Mörser sehr fein. Backe es in wenig Schmalz. Das sind Mörserhühner.

OriginalModern / MengeWo kaufenAlternative
gepraten huen gebratenes Huhn (klein zerteilt) Metzger, gut sortierter Supermarkt gegartes/gebratenes Hähnchenfleisch (Keule saftiger als Brust)
weyß prat Weißbrot - -
ayren Eier - -
pfeffer Pfeffer - -
aneis Anis - -
saffran Safran gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel -
klain smaltz wenig Schmalz - Pflanzenöl oder Butter

Welches Gericht ist das? Ein „Mörserhuhn“ - ein bereits gebratenes Huhn wird klein zerteilt und mit Weißbrot, Ei und Gewürzen im Mörser zu einer feinen Masse gestoßen, die man in wenig Schmalz ausbäckt. Das Gericht lebt bis heute als Gerichtstyp „gestoßenes Huhn / Königshühner“: dieselbe Logik (gegartes Geflügel, fein zerstoßen, mit Ei und Safran gebunden) findet sich in bgs-011, koe-002, koe-013 und beim direkten Schwesterrezept m5919-065 desselben Schreibers.

Die eine echte Crux ist ain gepraten huen. Das ist „ein gebratenes Huhn“ (Partizip + Substantiv), nicht „Hühnerbrät“ - man kann nur einen ganzen, garen Vogel „klain zerglidern“. Die bairische Lesefalle „geprät = Brät“ greift hier nicht, sie betrifft nur das allein stehende Substantiv (Fischbrät als Form-Imitat). Da für Cgm 5919 keine deutsche Eich-Edition vorliegt, bleibt eine Restunsicherheit, doch alle Familien-Parallelen lesen unisono „gebraten“.

Praxis. Richtwerte für 2-4 Personen: ca. 300-400 g gegartes/gebratenes Hähnchen (Keule saftiger als Brust), 60-80 g entrindetes Weißbrot, in 2-3 Eiern eingeweicht (bindet und lockert), eine Prise Salz (im Text nicht genannt, küchentechnisch nötig), etwa 1/2 TL Pfeffer, 1/4 TL gemahlener Anis (sparsam, sonst lakritzig-dominant - die Süße passt zur Festtagsküche um 1500), einige Safranfäden in 1 EL warmem Wasser oder Ei eingeweicht für Farbe. Im Mörser zu einer formbaren, streichfähigen Masse stoßen; ist sie zu nass, mehr Brot, zu trocken, mehr Ei. In wenig Schmalz bei mittlerer Hitze als kleine Taler goldbraun ausbacken. Wer der Königshuhn-Variante folgen will, gart die überzogenen Stücke stattdessen im heißen, gefetteten Mörser am Feuer.

Wo bekomme ich Safran?

Safran ist ein kostbares Gewürz, das du in gut sortierten Supermärkten, Feinkostläden oder im Online-Gewürzhandel findest. Achte auf gute Qualität, da Safran oft gefälscht wird.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Ja, dieses Rezept ist gut für die Lagerküche geeignet. Gegartes Hühnerfleisch und Eier benötigen zwar Kühlung, aber die Zubereitung mit Mörser und Pfanne am offenen Feuer ist in etwa einer Stunde gut machbar.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem „Regensburger Kochbuch“ (Cgm 5919), das um 1500-1510 in Regensburg verfasst wurde. Es repräsentiert die gehobene bürgerliche Küche dieser Zeit und Region.

Was ist ein 'Mörser' - brauche ich einen Mörser und Stößel?

Im mittelalterlichen Kochkontext ist mit „Mörser“ meist ein großer Fleischmörser gemeint, in dem Fleisch, Fisch oder Nüsse zu einer feinen Masse gestampft wurden. In den verwandten Königshuhn-Rezepten (bgs-028, koe-013) bezeichnet „Mörser“ dagegen ein heißes, gefettetes Back-/Garbgefäß, in dem die überzogenen Hühnerstücke ausgebacken werden - hier ist die Lesart nicht ganz eindeutig. Für die Stampf-Variante brauchst du einen großen Mörser mit schwerem Stößel; ersatzweise eine Küchenmaschine.

Aber anderlay honer Nym ain gepraten huen zeglidt das clain vnd nymm weyß prat mach ain dunnen taig von ayren mit pfeffer aneis vnd saffran vnd stoß es In ainem morser als zu mal vnd pach es in ainen klain smaltz das sint moser huner
gepraten huen

„Ain gepraten huen“ = „ein gebratenes Huhn“ (Partizip + Substantiv), nicht „Hühnerbrät“. Man kann nur einen ganzen, garen Vogel „klain zerglidern“. Die Glossar-Lesefalle „geprät = Brät“ greift nur, wo das Wort als Substantiv allein steht (z.B. „hechten prät“ = Fischbrät als Form-Imitat), nicht bei der Partizipialfügung hier. Das gebratene Huhn wird nach dem Braten zerteilt und im Mörser gestoßen.

zeglidt das clain

„Zerteile es klein“ - das gegarte Huhn wird in mundgerechte Stücke zerlegt, bevor es im Mörser weiterverarbeitet wird.

als zu mal

„Alzumal“ = „sehr fein / vollständig“; konsistent mit der Parallele bgs-011 („stoz diz alzvo male“). Die Zutaten werden zu einer glatten Masse verarbeitet.

moser huner

„Mörserhühner“ - der Gerichtsname nach der Zubereitung im Mörser. Der Gerichtstyp ist im Korpus als „gestoßenes Huhn“ bzw. „Königshühner“ breit belegt.

Handschrift
München, Bayerische Staatsbibliothek, Cgm 5919
Folio
Fol. 023r
Sprache
Frühneuhochdeutsch (mittelbairisch, Regensburg, um 1500-1510)
Entstehung
Regensburg, Bayern, 1505

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartgepraten huen

Gewählte Lesart: gebratenes Huhn (gegart, dann klein zerteilt und im Mörser gestoßen)

Andere mögliche Lesart:

  • Hühnerbrät (rohe Farce) - Schwächere Lesart. „Brät“ träfe nur zu, wenn ein Substantiv „prät“ allein im Text stünde; hier steht „ain gepraten huen“ (Partizip + Substantiv), und „klain zerglidern“ setzt einen ganzen, garen Vogel voraus. Die Familien-Parallelen lesen einhellig „gebraten“: bgs-011 („Eyn gebraten huon zelide cleyne“), koe-002 („huner die gebrotenn sein“), koe-013, koe-020, bgs-028. Da für Cgm 5919 keine deutsche Eich-Edition existiert, bleibt eine Restunsicherheit, doch die Korpus-Evidenz ist eindeutig.

Lesartmorser

Gewählte Lesart: Stampf-Mörser, in dem die Masse zerstoßen wird

Andere mögliche Lesart:

  • heißes, gefettetes Back-/Garbgefäß zum Ausbacken - In den verwandten Königshuhn-Rezepten ist „Mörser“ ein heißes, gefettetes Gefäß zum Ausbacken (koe-013 „in einem veistenn morsser der heiß sey ... thum es zu dem fewer“; bgs-028 „guez daz in einen moerser der heiz si ... lazze sie backen“). Das Cgm-5919-„stoß es In ainem morser ... vnd pach es“ ist ambivalent; mangels Eich-Edition als unsichere Lesart geflaggt.

Lesartanderlay

Gewählte Lesart: andererlei / eine andere Art (Variante in der Huhn-Reihe nach dem gebratenen Huhn m5919-062)

Originalwerk (~1505) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 023r, Bayerische Staatsbibliothek München, Cgm 5919 (Regensburg, um 1500); bereitgestellt durch CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages, Universität Graz
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), Ms. M9 (München, Bayerische Staatsbibliothek, Cgm 5919), hyperdiplomatische Basistranskription, CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Mörser und Pfanne am offenen Feuer genügen, kein regelbarer Ofen nötig. Anders als in den verwandten Königshuhn-Rezepten ([bgs-011](/rezepte/bgs-011/), [koe-002](/rezepte/koe-002/), [m5919-065](/rezepte/m5919-065/)), wo die Masse im heißen, gefetteten Mörser gegart wird, werden hier kleine gestoßene Klößchen in wenig Schmalz in der Pfanne ausgebacken - das ist sogar robuster und feuertauglich. Gegartes Huhn und Eier brauchen vorher Kühlung.
Alle Rezepte aus Regensburger Kochbuch (Cgm 5919) Alle Kochbücher

Unsere Übersetzungen mittelalterlicher Rezepte können Fehler enthalten. Fällt dir etwas auf? Schreib uns an feedback@fyndling.de - wir korrigieren gerne und sind für jeden Hinweis dankbar.