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Gebackener Mörserkuchen

Kochbuch-Fragment aus dem Deutschordensarchiv (Berlin, GStA PK, XX. HA, OBA, Nr. 18384) · Deutschordensland / Preußen · 1470

LagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 9/10Höfische KücheHofkücheVegetarischVegetarisch
Zubereitungszeit60 Min.Portionen2-4 PersonenBuchKönigsberger Kochbuch (~1470)

Reibe Semmelbrösel fein und schlage Eier darunter. Mache die Masse gelb und würze sie gut. Schneide Muskatnuss oder Muskatblüte fein darunter.

Gib Schmalz in einen Mörser und setze ihn auf Glut. Gieße die Masse hinein. Wenn der Kuchen gebacken ist, schneide ihn in Scheiben.

OriginalModernMengeWo kaufenAlternative
semel clein Semmelbrösel - - -
eyer Eier - - -
(thu mach es gell) Safran (impliziert, zum Färben) - gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel -
wurtz es woll Salz - - -
wurtz es woll Pfeffer - - -
musckatten clein dor vnder ader musckatten blude Muskatnuss - Supermarkt, Online-Gewürzhandel Muskatblüte
smalcz Schmalz - Metzger, Supermarkt Butter oder Pflanzenöl für eine vegetarische Variante

Welches Gericht ist das? Ein herzhafter Semmel-Ei-Auflauf, im gefetteten Mörser auf der Glut gebacken und in Scheiben geschnitten - die fleischlose Schwester des Mörserkuchens koe-020 (dort mit Geflügel) und Teil der koe-Mörser-als-Backgefäß-Familie (koe-002, koe-013, koe-015).

Technik. Feine Semmel mit Eiern verrührt, mit Safran gelb gefärbt, mit Muskat/Muskatblüte und weiteren Gewürzen abgeschmeckt; der gefettete Mörser wird auf die Glut gesetzt, die Masse hineingegeben und gestockt/gebacken, bis sie fest ist - dann in Scheiben.

Praxis. Modern in einer gefetteten Auflaufform oder gusseisernen Pfanne: Semmelwürfel oder -brösel mit 4-6 Eiern, einer Prise Safran und Muskat verrühren, bei ~180 °C goldgelb stocken lassen, auskühlen, in Scheiben schneiden - eine herzhafte Brot-Ei-Schnitte.

Was ist ein 'Mörserkuchen' und wie wird er zubereitet?

Ein Mörserkuchen ist ein Gericht, das direkt in einem großen, hitzebeständigen Mörser gebacken wird, der hier als Backform dient. Die Masse aus Semmelbröseln, Eiern und Gewürzen wird in den gefetteten Mörser gegossen und auf glühenden Kohlen gebacken, bis sie fest ist. Anschließend wird der Kuchen in Scheiben geschnitten und serviert.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Ja, mit Einschränkungen. Die Zutaten sind robust und gut lagerbar. Das Backen im Mörser auf Glut erfordert jedoch eine sorgfältige Hitzeregulierung und Aufmerksamkeit, um ein gleichmäßiges Garen ohne Anbrennen zu gewährleisten. Ein großer, hitzebeständiger Mörser ist dafür unerlässlich.

Was bedeutet 'thu mach es gell' im Rezept?

‚Mache es gelb' ist eine Anweisung zur Farbgebung der Speise. Die CoReMA-Sachglosse zu diesem Rezept (Objektseite b6.21) identifiziert das gemeinte Färbemittel direkt als Safran (Wikidata Q25434) - eine leuchtend gelbe Farbe galt vielfach als festlich und aufwendig.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Königsberger Kochbuch (15. Jh., Deutschordensland / Preußen). Kurzes Kochbuch-Fragment (34 Rezepte) aus dem Archiv des Deutschen Ordens, ursprünglich auf der Marienburg (Malbork), heute im Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz in Berlin. Die einzige preußisch-ostmitteldeutsch geprägte Quelle im Fyndling-Korpus - ein regionaler Kontrast zur süddeutschen und italienischen Überlieferung. Schwerpunkt auf Würzsaucen und gefärbten Begleitsaucen (eine zusammenhängende Reihe weißer, grüner, schwarzer und rotschwarzer Brathühner), Mörserspeisen, Sülzen sowie Fastenküche mit kunstvollen Imitationsgerichten (Bratwurst aus Feigen, Fisch als Sülze). Im CoReMA-Projekt (Uni Graz) als Handschrift B6 ediert.

Wilthu machenn morsser kochenn So reib semel clein vnd schlag eyer dor vntter vnd thu mach es gell vnd wurtz es woll vnd schneid musckatten clein dor vnder ader musckatten blude vnd thu ein smalcz in einenn morsser vnd setz In vff ein gludt vnd gewß eß dar ein vnd weri es gebeckett so schneidts zu scheiben
morsser kochenn

Ein ‚Mörserkuchen' ist ein Gericht, das direkt in einem großen Mörser gebacken wird - hier ein großer, hitzebeständiger Fleischmörser aus Stein oder Metall, der als Backform auf der Glut dient, nicht als Zerkleinerungswerkzeug. Es handelt sich um eine Art Auflauf oder Pudding.

semel clein

Feine Semmelbrösel, die als Bindemittel und Füllstoff dienen.

thu mach es gell

‚Mache es gelb' - die CoReMA-Sachglosse zur Objektseite b6.21 (diesem Rezept) identifiziert das gemeinte Färbemittel direkt als Safran (Wikidata Q25434). Eine Gelbfärbung allein durch zusätzliches Eigelb ist dagegen schwächer belegt.

wurtz es woll

‚Würze es gut' - die genaue Gewürzmischung ist nicht spezifiziert, aber typisch für die gehobene Küche des 15. Jahrhunderts wären Pfeffer, Ingwer, Zimt, Nelken und Muskatnuss.

musckatten / musckatten blude

Muskatnuss und Muskatblüte (Macis) waren beliebte und kostbare Gewürze; der Text nennt sie hier ausdrücklich als Entweder-oder-Alternative (‚ader' = ‚oder'), nicht als gemeinsam verwendete Zutaten.

smalcz

Tierisches Fett, meist Schweineschmalz, das hier sowohl als Backfett als auch als Geschmacksträger dient.

morsser

Im mittelalterlichen Kochkontext ist ein ‚Mörser' oft ein großer, schwerer Fleischmörser aus Stein oder Metall, der hier als Backgefäß auf Glut verwendet wird.

gludt

Glut - die heißen, glühenden Kohlen eines Feuers, die eine gleichmäßige Hitze zum Backen liefern.

czu scheiben

In Scheiben geschnitten. Dies bestätigt die Interpretation, dass es sich um einen festen, gebackenen Kuchen handelt.

Handschrift
Kochbuch-Fragment aus dem Deutschordensarchiv (Berlin, GStA PK, XX. HA, OBA, Nr. 18384)
Folio
Fol. 009v
Sprache
Frühneuhochdeutsch (bairisch mit ostmitteldeutschen Merkmalen, 15. Jh.)
Entstehung
Deutschordensland / Preußen, 1470
CoReMA

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartwurtz es woll

Gewählte Lesart: Es soll mit einer Mischung aus gängigen mittelalterlichen Gewürzen wie Pfeffer, Ingwer, Zimt und Nelken gewürzt werden, zusätzlich zu den explizit genannten Muskatnuss/Muskatblüte und Salz.

Andere mögliche Lesart:

  • Es soll nur mit Salz, Pfeffer und Muskatnuss/Muskatblüte gewürzt werden. - ‚Wurtz es woll' ist eine allgemeine Anweisung. Die Nennung von Muskatnuss/Muskatblüte direkt danach könnte bedeuten, dass dies bereits die Hauptgewürze sind.

Lesartmusckatten clein dor vnder ader musckatten blude

Gewählte Lesart: Der Text nennt Muskatnuss und Muskatblüte (Macis) ausdrücklich als Entweder-oder-Alternative (‚ader' = ‚oder', MHDBDB-Lemma CNJ) - beide Lesarten sind textlich gleich gut belegt, die Reihenfolge im ingredients-Feld folgt der Nennreihenfolge im Transkript.

Andere mögliche Lesart:

  • Da das Verb ‚schneiden' regiert (‚schneid ... clein'), wäre Muskatblüte (Macis, blattartig, schneidbar) die küchentechnisch naheliegendere Hauptlesart, da eine ganze Muskatnuss eher gerieben oder gestoßen als geschnitten wird - so im engsten Zwilling mon-010 explizit als Diagnose-Regel dokumentiert. - Das Transkript nennt hier aber ausdrücklich beide Produktformen als eigene, benannte Optionen (‚musckatten' UND ‚musckatten blude'), nicht nur ein einzelnes mehrdeutiges Wort - das schwächt die Schneiden-Diagnose als zwingendes Kriterium für diesen Satz ab. Bleibt eine offene Cross-Book-Frage, siehe mon-010.

Originalwerk (~1470) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 009v, Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, Berlin, XX. HA, OBA, Nr. 18384 (15. Jh.); bereitgestellt durch CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages, Universität Graz (CC BY-NC-SA 4.0)
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), Ms. B6 (Berlin, GStA PK, XX. HA, OBA, Nr. 18384), hyperdiplomatische Basistranskription, CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Eingeschränkt (Aufwand): Das Backen im Mörser auf Glut erfordert eine sorgfältige Hitzeregulierung, um ein gleichmäßiges Garen ohne Anbrennen zu gewährleisten. Der Mörser dient hier als Backform und muss entsprechend hitzebeständig sein.
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