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Krebsmus

Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1) · Österreich (Mondsee, Oberösterreich) · 1480

FischHauptspeise · FischLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 7/10FischFastenspeiseHöfische KücheHofküche
Zubereitungszeit60 Min.Portionen2-4 PersonenBuchMondseer Kochbuch (~1480)

Item, willst du ein Krebsmus zubereiten, so nimm die Krebse und schneide die ungenießbaren Teile beim Kopf und den Augen weg.

Stoße das Übrige in einem Mörser und treibe es mit etwas Milch durch ein Siebchen. Reibe eine Semmel dazu und schlage alles gut durcheinander.

Bereite daraus ein Mus in einer Pfanne zu. Das wird gut und gerecht.

OriginalModern / MengeWo kaufenAlternative
grewssen / chrewssen Krebse Wochenmarkt, Fischhändler (auf Bestellung) Tiefgekühlte Flusskrebsschwänze, Krabben oder Garnelen
milich Milch - -
semel Semmel - -

Welches Gericht ist das? Ein passiertes Krebsmus - eine fein gebundene Krebspaste, die als vornehme Fastenspeise auf den Tisch kam. Es ist der spätmittelalterliche Vorfahr der französischen Krebs- und Hummerbisque und der bürgerlichen Krebsbutter: Schalentier im Mörser zerstoßen, mit Milch durch ein Sieb treiben, mit geriebener Semmel binden und in der Pfanne zum Mus einkochen. Heute am ehesten als feine Krebs- oder Garnelen-Mousseline wiederzuerkennen. Das Rezept wandert fast wortgleich durch den bairisch-österreichischen Raum und steht in mehreren Schwesterhandschriften (m5919-044, ri15632-011, m384-058) - die Mondseer Fassung ist die knappste, eilose Variante.

Was beim Kopf weggeschnitten wird. Der erste Schritt ist ein Putzschritt: Die harte, bittere Kopf- und Augenpartie samt Magen wird entfernt, der essbare Rest - Schwanz und Scheren - kommt weiter. Die alte Wendung „das paß von den augen“ meint nicht das Augenfleisch, sondern das Schlechte, Ungenießbare am Kopf, das man wegschneidet. Die Schwesterfassungen machen das eindeutig: dort heißt es „das pos zw den augenn“ beziehungsweise „daz poß pey den augen“ - der ungenießbare Teil wird abgeschnitten, das Übrige verarbeitet.

Mit oder ohne Schale. Die Krebse werden mitsamt der Schale gestoßen - erst beim Durchtreiben durch das Sieb trennt sich das rote, aromatische Krebsfleisch von den harten Schalenstücken, die zurückbleiben. So bekommt man Geschmack und Farbe ins Mus, ohne dass es später knirscht. Die Milch ist dabei Trägerflüssigkeit und Bindung zugleich. Die geriebene Semmel ist das zeittypische Bindemittel - keine Mehlschwitze, sondern schlicht Brot, das beim Erhitzen quillt und das Mus standfest macht.

Praxis. Krebse kurz in der Brühe garen, bis sie rot sind, das macht das Auslösen leichter. Kopf-, Augen- und Magenpartie wegschneiden, den Rest mitsamt Schale im schweren Steinmörser zur Paste stoßen. Mit etwas Milch durch ein feines Sieb oder ein Passiertuch treiben, sodass die Schalenstücke zurückbleiben. Eine geriebene Semmel unterrühren, alles in der Pfanne unter Rühren erhitzen, bis es zum glatten Mus abbindet. Wer es satter und stabiler mag, kann nach Art der reicheren Schwesterfassungen ein Eidotter unterschlagen - das gibt zusätzliche Bindung und eine sattere rote Farbe; im Mondseer Original steht es nicht.

Wo bekomme ich Krebse für dieses Rezept?

Frische Flusskrebse sind in Deutschland und der EU oft geschützt oder nur schwer erhältlich. Eine gute Alternative sind Zuchtkrebse vom Fischhändler auf Bestellung oder tiefgekühlte Flusskrebsschwänze aus dem gut sortierten Supermarkt. Alternativ können auch Krabben oder Garnelen verwendet werden, die jedoch einen anderen Geschmack haben.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Ja, dieses Rezept ist im Lager gut umsetzbar. Die frischen Krebse und die Milch benötigen eine Kühlkette, aber die Zubereitung selbst ist mit einem Mörser (oder einer robusten Küchenmaschine), einem Sieb und einer Pfanne in etwa einer Stunde zu schaffen.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Mondseer Kochbuch, einer umfangreichen Sammlung von Rezepten aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Es wurde im bairisch-österreichischen Raum, vermutlich im Umfeld des Klosters Mondsee, verfasst.

Was bedeutet 'Mörser' im Rezept - brauche ich einen Mörser und Stößel?

Im mittelalterlichen Kochkontext ist mit 'Mörser' ein großer Fleischmörser gemeint, kein kleiner Gewürzmörser. Darin wurden Zutaten wie Fleisch, Fisch oder Krebse zu einer feinen Paste zerstoßen. Für eine authentische Zubereitung benötigst du einen großen Mörser mit schwerem Stößel. Alternativ kannst du eine moderne Küchenmaschine oder einen Blender verwenden, um die Krebse zu einer feinen Paste zu verarbeiten.

ITem wil dw ein grewssen mueß machen so nym die chrewssen vnd sneydt das paß von den augen vnd stoß das in einem morser vnd treybs mit einer milich durch ein siblein vnd reyb ein semel dar czw vnd Slach das durch ein ander vnd mach einn mueß dar auß in ainer phann das wird guedt vnd gerecht
grewssen / chrewssen

Krebse. Im Mittelalter wurden Krebse oft als Fastenspeise verzehrt und galten als „Fisch“. Die Schreibweise ist eine bairisch-österreichische Variante von „Krebse“ (Titelform grewssen, Textform chrewssen) - nicht etwa Kresse oder Gebäck.

paß von den augen

das Ungenießbare beim Kopf/den Augen. paß ist hier die bairische p-Schreibung für mhd. bôs(e) = das Böse, Schlechte, Ungenießbare. Gemeint ist also: die harte, bittere Kopf-, Augen- und Magenpartie wegschneiden, nicht das Augenfleisch herauslösen. Die Schwesterhandschriften lesen es geschlossen so: „das pos zw den augenn“ (Cgm 5919), „daz poß pey den augen“ (Clm 15632), „das bosz czuo den augen“ (Cgm 384).

morser

Mörser. Gemeint ist ein großer Fleischmörser, in dem die Krebse mitsamt Schale zu einer feinen Paste zerstoßen werden. Für moderne Nachkocher ist eine Küchenmaschine oder ein Blender eine gute Alternative.

siblein

Siebchen. Ein feines Sieb oder Passiertuch, durch das das Krebsfleisch mit der Milch getrieben wird - die harten Schalenstücke bleiben zurück, das Mus wird glatt.

semel

Semmel / Weißbrot. Geriebenes Weißbrot diente als zeittypisches Bindemittel - keine Mehlschwitze, sondern Brot, das beim Erhitzen quillt und das Mus standfest macht.

das wird gut und gerecht

Gelingens- und Gütestempel-Formel mittelalterlicher Kochbücher. Sinngemäß: „so gerät es richtig“. Die Parallelfassungen schreiben an dieser Stelle „das wird rot“.

Handschrift
Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1)
Folio
Fol. 013r
Sprache
Frühneuhochdeutsch (bairisch-österreichisch, 15. Jh.)
Entstehung
Österreich (Mondsee, Oberösterreich), 1480
CoReMA

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartgrewssen / chrewssen

Gewählte Lesart: Die Schreibweise 'grewssen' im Titel und 'chrewssen' im Text sind bairisch-österreichische Varianten von 'Krebse' (vgl. 'krewssen/ckreussen' im Glossar).

Andere mögliche Lesart:

  • Kresse - Ein homographes Risiko, aber unplausibel: ein 'Mus', bei dem man 'das Schlechte bei den Augen' wegschneidet und das man durch ein Siebchen treibt, passt nicht zu einer Pflanze. Die drei Korpus-Zwillinge bestätigen geschlossen 'Krebse'.

Lesartpaß von den augen

Gewählte Lesart: 'paß' ist bairisch p- für mhd. 'bôs(e)' = das Schlechte/Ungenießbare. Die Anweisung lautet: die ungenießbare Kopf-, Augen- und Magenpartie wegschneiden, den essbaren Rest verarbeiten.

Andere mögliche Lesart:

  • das Passende/essbare Fleisch von den Augen - Eine naheliegende, aber sinn-invertierende Fehllesung: 'paß' als 'das Passende/Essbare'. Die drei nahezu wortgleichen Schwesterfassungen schreiben 'pos/poß/bosz' und lösen die Stelle eindeutig als WEGschneiden des Ungenießbaren auf; küchenpraktisch ist auch nur das sinnvoll.

Originalwerk (~1480) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 013r, Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609; bereitgestellt durch CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages, Universität Graz (CC BY-NC-SA 4.0)
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), Ms. GR1 (Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609), hyperdiplomatische Basistranskription, CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Technisch im Lager leicht zu schaffen - Mörser, Sieb und Pfanne über der Glut, in etwa einer Stunde fertig. Die Bremse ist die Beschaffung und Frische: lebende Süßwasserkrebse sind heute geschützt und schwer zu bekommen, und Krebs wie Milch verderben schnell und brauchen durchgehende Kühlung. Auf einem warmen Sommermarkt ohne verlässliche Kühlkette daher eher ein gekühltes Schaugericht als ein Alltags-Arbeitspferd. Robuster wird es mit tiefgekühlten Flusskrebsschwänzen und frisch geöffneter Milch, in kleinen Mengen und sofort verbraucht.
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