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Böhmisches Huhn im Teigmantel

Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1) · Österreich (Mondsee, Oberösterreich) · 1480

GeflügelHauptspeise · GeflügelLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 9/10
Zubereitungszeit120 Min.Portionen4-6 PersonenBuchMondseer Kochbuch (~1480)

Wenn du ein Mörserhuhn zubereiten willst, fülle ein Huhn mit Eiern, Speck, Salbei und Salz. Stopfe die Füllung innen zwischen Haut und Fleisch. Stecke das Huhn auf einen Spieß.

Mache einen Eierteig fest und rolle ihn mit einer Walze sehr breit und dünn aus. Binde das Huhn damit ein. Brate es gar.

Serviere es dann so ganz. Dies nennt man ein Böhmisches Huhn.

OriginalModern / MengeWo kaufenAlternative
ein huenn 1 Huhn Metzger, Supermarkt -
airen Eier (für die Füllung) - -
speck Speck Metzger, Supermarkt -
saluan Salbei Supermarkt, Kräutergarten -
salz Salz - -
air taig Eier (für den Teig) - -
Mehl - -
Wasser Leitung -

Welches Gericht ist das? Ein ganzes Huhn, zwischen Haut und Fleisch gefüllt und in einem dünn ausgerollten Eierteigmantel am Spieß gebraten - die unmittelbare Vorstufe des Garens "en croûte" (vergleichbar dem heutigen Beef-Wellington-Prinzip: Garhülle statt Kruste). Der nahezu identische Zwilling m5919-064 überliefert dasselbe Verfahren unter dem Namen "pachensch hun".

Ein Teigmantel, der schwer zu beherrschen ist. Am offenen Spieß über Glut verbrennt der dünne Mantel außen leicht, bevor das Huhn innen durchgegart ist, oder er rutscht herab. Der Zwilling empfiehlt für die Lagerküche die Alternative: das gefüllte Huhn klassisch ohne Mantel am Spieß braten, oder den Teigmantel im Bräter bzw. unter geschlossener Glut garen, wo die Hitze gleichmäßiger ist.

Durchgaren, nicht "nicht gar". Die Mondseer Handschrift schreibt an dieser Stelle "prat es nit gar" (brate es nicht gar) - der Zwilling m5919-064 hat exakt an derselben Stelle das Gegenteil: "prat es gar" (brate es durch), ohne Verneinung. Bei einem ganzen, mit rohem Ei und Speck gefüllten Vogel ist Durchgaren die einzig sichere und auch die einzig historisch plausible Anweisung; das "nit" gilt daher als Schreibfehler dieser einen Handschrift. Auf eine Kerntemperatur von 72-74 Grad prüfen, nicht auf die Bräune des Mantels vertrauen.

Praxis. Ei, Speck, Salbei und Salz vermengen, vorsichtig zwischen Haut und Fleisch des Huhns verteilen, ohne die Haut einzureißen. Aus Mehl, Ei, etwas Wasser und Salz einen festen Teig kneten, ruhen lassen, dann breit und dünn ausrollen (Nudelholz). Huhn auf den Spieß stecken, mit dem Teig umwickeln und über gleichmäßiger Glut langsam durchgaren - der Mantel ist Schutz- und Garhülle, keine knusprige Kruste, und wird zum Servieren oft wieder entfernt. Am offenen Feuer lieber im Bräter oder unter geschlossener Glut garen als am frei drehenden Spieß.

Was ist ein ‚Mörserhuhn'?

Ein ‚Mörserhuhn' ist ein gefülltes Huhn, das in Teig gewickelt und am Spieß gebraten wird. Der Name passt allerdings nicht ganz zum beschriebenen Verfahren: Ein Stampf-/Mörserschritt für die Füllung kommt im Text nicht vor. Das Rezept selbst nennt das fertige Gericht am Ende ‚pehaiimschhuen' - Böhmisches Huhn.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Eher als Schaugericht: Am offenen Lagerfeuer ist der dünne Teigmantel am drehenden Spieß schwer zu beherrschen - er verbrennt außen, bevor das Huhn innen durch ist, oder rutscht herab. Lagertauglich wird es, wenn man das gefüllte Huhn klassisch ohne Mantel am Spieß brät oder den Teigmantel im Bräter bzw. unter geschlossener Glut gart. Auf die Kerntemperatur (72-74 Grad) achten, nicht auf die Bräune des Mantels.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem ‚Mondseer Kochbuch', einer umfangreichen deutschsprachigen Rezeptsammlung aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Es wurde im bairisch-österreichischen Raum, vermutlich im Umfeld des Klosters Mondsee, verfasst und spiegelt die gehobene Küche dieser Zeit wider.

Was bedeutet ‚pehaiimschhuen'?

‚Pehaiimschhuen' bedeutet wörtlich ‚Böhmisches Huhn' und ist der vom Rezept selbst gegebene Name des fertigen Gerichts - ein zeittypisches Regional-Etikett, dessen genauer Hintergrund unklar bleibt. Der Zwilling m5919-064 überliefert dasselbe Verfahren unter dem Namen ‚pachensch hun' (gebackenes Huhn).

Wird das Huhn absichtlich nicht durchgegart?

Nein. Die Mondseer Handschrift schreibt an dieser Stelle "brate es nicht gar", aber der nahezu wortgleiche Zwilling m5919-064 hat exakt an derselben Stelle das Gegenteil: "brate es gar" (durch). Das "nicht" gilt als Schreibfehler dieser einen Handschrift - ein ganzer, mit rohem Ei und Speck gefüllter Vogel muss aus Sicherheitsgründen vollständig durchgegart werden, das ist auch die einzig plausible historische Anweisung.

ITem will dw ein morsar hain machen Fuell ein huenn mit airen vnd mit speck saluan vnd mit salz ynnen cwischen hawt vnd fleysch vnd stoz es an ainen spiß vnd mach ainen air taig fest mit einem walczen praidt In dvnn vnd pebindt das hain da mit prat es nit gar gib es hin also gancz daz haist ein pehaiimschhuen etc.
morsar hain

‚Mörser' bezeichnet im Korpus sonst durchweg das Stampfen/Zerkleinern von Zutaten im Mörser (vgl. mon-010, mon-084, mon-086, koe-002/013/020/021, m5919-063/065/096/097) - ein Schritt, der in diesem Rezept an keiner Stelle vorkommt: Das Huhn bleibt ganz. Der Name passt also nicht zum beschriebenen Verfahren. Das Rezept nennt sich selbst am Ende ‚pehaiimschhuen' (Böhmisches Huhn) - dieser Eigenname ist der verlässlichere Titel.

saluan

Eine bairische Schreibweise für Salbei (Salvia officinalis), ein in der mittelalterlichen Küche häufig verwendetes Kraut, besonders zu Geflügel und Fleisch.

pehaiimschhuen

Wörtlich ‚Böhmisches Huhn' - der vom Text selbst gegebene Name des fertigen Gerichts (wörterbuchbelegt, Lexer/Goetze). Der nahezu identische Zwilling m5919-064 nennt dasselbe Verfahren am Ende ‚pachensch hun' (gebackenes Huhn) - eine Namensvarianz zwischen den Handschriften, kein Widerspruch in der Sache.

prat es nit gar

Die Handschrift schreibt hier eine Verneinung ("nit"), der nahezu wortgleiche Zwilling m5919-064 hat an derselben Stelle jedoch das Gegenteil: "prat es gar" (brate es durch), ohne Verneinung. Da das Huhn mit rohem Ei, Speck und Salbei gefüllt ist und als ganzer Vogel im Teigmantel gegart wird, ist Durchgaren die einzig sichere und auch die einzig historisch plausible Anweisung - ein absichtliches "nicht gar braten" ergäbe weder küchentechnisch noch lebensmittelrechtlich Sinn. Das "nit" gilt daher als Schreibfehler dieser einen Handschrift.

Handschrift
Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1)
Folio
Fol. 028r
Sprache
Frühneuhochdeutsch (bairisch-österreichisch, 15. Jh.)
Entstehung
Österreich (Mondsee, Oberösterreich), 1480
CoReMA

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartmorsar hain

Gewählte Lesart: ‚Mörserhuhn' - ein gefülltes Huhn. Der Name selbst passt allerdings nicht zum beschriebenen Verfahren: Ein echter Stampf-/Mörserschritt kommt im Text nicht vor (vgl. Korpus-Vergleich unter der Annotation). Der Text selbst nennt das fertige Gericht am Ende ‚pehaiimschhuen' (Böhmisches Huhn).

Andere mögliche Lesart:

  • ‚Mörser-Hahn' - ein gefüllter Hahn. - ‚Hain' kann auch ‚Hahn' bedeuten, aber derselbe Text wechselt selbst zwischen ‚hain' (Rezeptanfang) und ‚huenn' (Fuell ein huenn) für denselben Vogel - ein Hinweis, dass beide Formen hier ‚Huhn' meinen, nicht dass zwei verschiedene Tiere angesprochen sind.

Lesartprat es nit gar

Gewählte Lesart: "Brate es gar" (durch) - das "nit" (nicht) im Mondseer Text gilt als Schreibfehler. Der Zwilling m5919-064 hat an identischer Stelle "prat es gar", ohne Verneinung.

Andere mögliche Lesart:

  • Wörtlich "brate es nicht gar" (also gezielt nicht durchgaren). - Das ist die Wortlaut-treue Lesart der Mondseer Handschrift selbst, scheitert aber an zwei Punkten: Erstens widerspricht ihr der Zwilling m5919-064 exakt an derselben Stelle. Zweitens ist sie küchentechnisch und lebensmittelrechtlich unplausibel - ein ganzer, mit rohem Ei und Speck gefüllter Vogel muss durchgegart werden. Eine absichtliche Anweisung zum Nicht-Durchgaren ist für dieses Gericht nicht erklärbar.

Originalwerk (~1480) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 028r, Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609; bereitgestellt durch CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages, Universität Graz (CC BY-NC-SA 4.0)
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), Ms. GR1 (Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609), hyperdiplomatische Basistranskription, CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Schaugericht: Am offenen Lagerfeuer ist der dünn ausgerollte Teigmantel am drehenden Spieß kaum zu kontrollieren - er verbrennt außen, bevor das Huhn innen durchgegart ist, oder rutscht herab (bestätigt durch das identische Verfahren im Zwilling m5919-064). Wer es dennoch zeigen will, brät das gefüllte Huhn klassisch am Spieß ohne Mantel oder zieht den Teigmantel im Bräter bzw. unter geschlossener Glut. Hinzu kommt Kühlbedarf für Huhn, Eier und Speck.
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