Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1) · Österreich (Mondsee, Oberösterreich) · 1480
Nimm junge Hühner, Tauben, junge Gänse oder Rebhühner, so viele du haben möchtest. Brate sie gut, aber salze sie nicht zu stark.
Nimm Semmeln und guten Wein, dazu eine magere Fleischbrühe. Lass dies in einer Pfanne oder einem Topf sieden. Den römischen Kümmel stoße gut und gib ihn hinzu, aber lass ihn nicht mitkochen. Streiche die Brühe durch ein Tuch und lass sie wieder aufwallen. Würze sie mit Safran und Pfeffer. Lass sie nicht mehr sieden, sobald die Brühe aufgekocht ist.
Lege die Hühner, Tauben oder Gänse in die Brühe. Serviere das Gericht kalt und decke es gut zu, damit es nicht riecht. So kannst du es acht oder neun Tage aufbewahren, ohne dass es verdirbt.
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| Iunge hunr als vill dw ir haben wilt oder tauben oder Iung genß oder Rebhunr | Junge Hühner, Tauben, junge Gänse oder Rebhühner | - | Metzger, Wochenmarkt | - |
| semeln | Semmeln | - | - | altbackenes Weißbrot |
| guetten wein | Guten Wein | - | - | - |
| magre prue von fleisch | Magere Fleischbrühe | - | - | - |
| romischen chumel wolge=stossen | Römischer Kümmel, gut gestoßen | - | gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel | Kreuzkümmel (Cumin) |
| saffran | Safran | - | gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel | - |
| pheffer | Pfeffer | - | - | - |
Welches Gericht ist das? Ein kalt serviertes Geflügelgericht: gut gebratenes Geflügel wird in einer gewürzten, eingekochten Wein-Fleischbrühe eingelegt, die beim Erkalten bindet und den Braten mehrere Tage haltbar hält. Die lebende Verwandtschaft ist Geflügel in Aspik beziehungsweise Hühnersülze - kein Confit, denn hier gibt es keine Fettschicht, sondern eine reduzierte, safrangewürzte Wein-Brüh-Gallerte. Küchentechnisch gehört es zur spätmittelalterlichen Gallert-Familie (vgl. die Brotgallerte kkm-052 und das Gelee men-253).
Kümmel spät zugeben. Der römische Kümmel (Kreuzkümmel) wird gestoßen und erst nach dem ersten Sieden zugegeben, aber ausdrücklich nicht mitgekocht. Das ist reines Aroma-Management: langes Kochen treibt die flüchtigen Aromaöle des Cumins aus und macht sie bitter. Die späte Zugabe bewahrt den Duft - eine bemerkenswert präzise Anweisung.
Bindung ohne Mehl. Gebunden wird über eingeweichte Semmel (Brotbindung) plus die Gelatine aus der reduzierten Fleischbrühe - keine Mehlschwitze. Damit die Brühe beim Erkalten wirklich zu einer stabilen Gallerte geliert, sollte die Fleischbrühe kollagenreich angesetzt sein (etwa aus Kalbsfuß, Schwarten oder Geflügelkarkassen); eine sehr magere Brühe allein bindet nur schwach.
Praxis. Geflügel über der Glut oder am Spieß gut braten, dabei sparsam salzen (die Brühe salzt später nach). Semmel, guten Wein und die magere Fleischbrühe in Topf oder Pfanne aufsetzen und sieden lassen. Den gestoßenen Kümmel einrühren, nicht weiterkochen, dann alles durch ein Tuch streichen. Die passierte Brühe erneut aufwallen lassen und mit Safran und Pfeffer würzen; sobald sie einmal aufgekocht ist, vom Feuer nehmen, nicht überreduzieren. Das Geflügel in Stücke schneiden, in die Brühe legen und vollständig erkalten lassen, gut zugedeckt. Wichtig für heute: Die im Text genannte Haltbarkeit von acht bis neun Tagen setzt durchgehende Kühlung voraus und ist ohne Kühlkette nicht lebensmittelsicher reproduzierbar - im Lager also frisch zubereiten und rasch verzehren.
Der 'Römische Kümmel' ist der heute als Kreuzkümmel (Cumin) bekannte Gewürz. Er hat ein erdiges, leicht bitteres und scharfes Aroma, das sich deutlich vom heimischen Kümmel unterscheidet. Du findest ihn in gut sortierten Supermärkten oder im Online-Gewürzhandel.
Die Zubereitung selbst ist mit offenem Feuer und den üblichen Lagerutensilien (Topf, Pfanne, Mörser, Tuch) gut machbar; Braten und Einkochen dauern etwa 2-3 Stunden. Die im Rezept genannte Haltbarkeit von acht bis neun Tagen ist heute allerdings nur mit durchgehender Kühlung lebensmittelsicher - ohne Kühlkette ist sie im Lager nicht zuverlässig reproduzierbar. Am besten frisch zubereiten und zügig verzehren.
Die Haltbarkeit beruht auf der Zubereitung als kalter Braten in einer eingekochten, gewürzten Brühe: Die erkaltete Brühe geliert zu einer Sülze beziehungsweise Gallerte und umhüllt das Fleisch (nicht als Fettschicht wie beim Confit, sondern als bindende Gelee-Schicht). Unter mittelalterlichen Bedingungen - kühler Keller, Winterhalbjahr - war das denkbar. Heute ist eine durchgehende Kühlung unerlässlich; ohne Kühlkette lässt sich die angegebene Haltbarkeit nicht sicher erreichen.
Dieses Rezept stammt aus dem Mondseer Kochbuch (Österreich - Mondsee, Oberösterreich). Das Mondseer Kochbuch - eine der umfangreichsten deutschsprachigen Rezeptsammlungen des Spätmittelalters: rund 268 Kochrezepte aus dem oberösterreichischen Raum (Umkreis des Benediktinerklosters Mondsee, 2. Hälfte 15. Jh.), überliefert in der Sammelhandschrift Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA-Sigle GR1, fol. 11r-94v). Das Buch deckt die ganze Bandbreite einer spätmittelalterlichen Küche ab: Mandel- und Fischmuse, Sülzen und Gallerten (u.a. vom Hasen und mit Krebsen), Hausen und andere Fische, Wildbret und Spanferkel, dazu zahlreiche Fasten- und Schauspeisen - etwa aus Fisch nachgeformte Rebhühner, Blancmanger und ein Karfreitags-Eiergericht - sowie süßes Backwerk, Lebkuchen und eingekochte Weichsel-Zubereitungen. Reiche Cross-Links zur bairisch-alemannischen Salsen-, Sülzen- und Schauspeisen-Tradition (m5919, m384, meb, kkm).
Römischer Kümmel = Kreuzkümmel (Cuminum cyminum), im Frühneuhochdeutschen so genannt zur Abgrenzung vom heimischen Wiesenkümmel (Carum carvi). Er war im Mittelalter in Europa weit verbreitet und wurde oft zur Würzung von Fleischgerichten und Saucen verwendet.
Hier im Titel als 'Braten' zu verstehen, also das Gericht selbst, das gebraten wird. Im Rezepttext wird 'gepratten' als Partizip 'gebraten' verwendet.
Eingeweichtes oder geriebenes Weißbrot, das zusammen mit der Gelatine der reduzierten Brühe als Bindemittel dient - eine zeittypische Brotbindung, keine Mehlschwitze.
Eine 'magere' Fleischbrühe ist eine klare, entfettete Brühe. Obwohl das Gericht Geflügel enthält, das nicht fastentauglich ist, wurde der Begriff 'mager' auch für fettarme oder klare Speisen verwendet.
Die Brühe wird durch ein Tuch (z.B. ein Passiertuch oder Käsetuch) gestrichen, um sie zu klären und eine feine Konsistenz zu erhalten.
'wallen' = aufwallen/aufkochen; hier: die passierte Brühe erneut aufkochen. Beim anschließenden Erkalten bildet sie die geleeartige Schicht, die den Braten haltbar macht.
Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.
| semeln | white bread Q1501889 |
| guetten wein | wine Q282 |
| magre prue von fleisch | meat stock Q67860017 |
| saffran | saffron Q25434 |
| pheffer | pepper Q3143131 |
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
chumell
Gewählte Lesart: Als 'Kümmel' im Sinne von Kreuzkümmel (Cumin).
Andere mögliche Lesart:
versalczen
Gewählte Lesart: Als 'versalzen' im Sinne von 'zu stark salzen'.
Andere mögliche Lesart:
gburcz
Gewählte Lesart: Als 'Gewürz' im allgemeinen Sinne, gefolgt von spezifischen Gewürzen (Safran, Pfeffer).
Andere mögliche Lesart:
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Stand dieser Fassung: 06.07.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.