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Eingemachte Schlehen zu Weihnachten

Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1) · Österreich (Mondsee, Oberösterreich) · 1480

Gewürz / SauceGewürz / SauceLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 7/10
Zubereitungszeit60 Min.Portionen1 Glas (ca. 500 ml)BuchMondseer Kochbuch (~1480)

Nimm Schlehen, die gut reif und frisch sind. Nimm eine Schüssel voll davon und koche sie in Wein mit Honig ein. Wenn sie kalt werden, streiche sie so dick wie möglich durch ein Sieb. Würze die passierten Schlehen mit Pfeffer, Ingwer und zerstoßenen Nelken.

Koche den verbleibenden Sud ein zweites Mal auf. Wenn dieser dann erkaltet ist, gib die gewürzten Schlehen wieder hinein und lass sie bis Weihnachten stehen. Dann gib sie zum Essen.

OriginalModern / MengeWo kaufenAlternative
schlechen / slechen Schlehen Wochenmarkt, Wald (Wildsammlung) -
wein Wein - -
honig Honig - -
pheffer Pfeffer - weißer Pfeffer (für hellere Farbe)
Ing= wer Ingwer - -
gestossen nagel zerstoßene Nelken - -

Welches Gericht ist das? Ein eingemachtes, durchgesiebtes und gewürztes Schlehenmus, das im eigenen Wein-Honig-Sud bis Weihnachten reift - technisch verwandt mit den klassischen Frucht-Latwergen ("Frucht-Käsen") der mittelalterlichen Küche, aus deren Tradition später auch die Marmelade hervorging. Zwei Zwillingsrezepte aus anderen Quellen (Gewürzte Schlehensülze, Getrocknete Frucht-Salse) belegen dasselbe Grundverfahren; die bairisch-österreichische Schlehenlatwerge ist die noch heute lebendige Nachfahrin dieser Speise.

Der eigentliche Kniff des Rezepts liegt in der sauberen Trennung von Hitze und Aroma: Die Schlehen werden heiß in Wein und Honig eingekocht, doch die Gewürze - Pfeffer, Ingwer und zerstoßene Nelken - kommen erst in das bereits abgekühlte, passierte Mus. So bleiben ihre flüchtigen Aromen erhalten, statt beim erneuten Kochen zu verfliegen. Der beim Passieren abgetrennte Sud wird separat ein zweites Mal eingekocht und dadurch weiter reduziert - das ist der eigentliche Konservierungsschritt, nicht die Gewürze selbst. Erst wenn dieser reduzierte Sud wieder kalt ist, kommt das gewürzte Mus zurück hinein.

Praxis. Schlehen - am besten nach dem ersten Frost geerntet, das mildert ihre Gerbstoffe - in Wein mit Honig weich kochen. Vollständig abkühlen lassen, dann die Masse so dick wie möglich durch ein Sieb streichen; kalt lässt sie sich kontrollierter verarbeiten und man verbrennt sich nicht. Das passierte Mus mit Pfeffer, Ingwer und im Mörser zerstoßenen Nelken würzen. Den übrig gebliebenen Sud ein zweites Mal aufkochen und reduzieren, danach vollständig abkühlen lassen. Das gewürzte Schlehenmus wieder in den kalten Sud einrühren und in ein sauberes Gefäß füllen. Kühl und dunkel bis Weihnachten reifen lassen - durch das schlehen-eigene Pektin gewinnt die Masse dabei an Festigkeit, ähnlich einer Fruchtgallerte. Kein Ei, keine Mehlschwitze nötig.

Was sind Schlehen und wann erntet man sie?

Schlehen sind die kleinen, blauschwarzen Früchte des Schlehdorns. Traditionell werden sie erst nach dem ersten Frost geerntet, da der Frost die Gerbstoffe in den Früchten abbaut und sie milder und süßer macht.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Eingeschränkt: Die eigentliche Herstellung - Einkochen, Passieren, Würzen und mehrwöchige Reifung bis Weihnachten - muss zuhause im Voraus erfolgen und ist nichts für den Lageralltag. Ist das Schlehenmus aber einmal fertig, lässt es sich problemlos mitbringen und im Lager als Beilage servieren.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem ‚Mondseer Kochbuch‘, einer umfangreichen deutschsprachigen Rezeptsammlung aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Es wurde im bairisch-österreichischen Raum, vermutlich im Umfeld des Klosters Mondsee, verfasst.

Warum werden in diesem Rezept Gewürze wie Pfeffer und Ingwer mit Früchten kombiniert?

Die Kombination von süßen Früchten mit scharfen Gewürzen wie Pfeffer, Ingwer und Nelken war in der mittelalterlichen Küche sehr beliebt und diente vor allem dem Geschmack und der humoralen Balance der Speise. Die eigentliche Haltbarmachung übernimmt hier das zweimalige Einkochen des Suds, nicht die Gewürze selbst. Die Gewürze waren zudem ein Zeichen von Wohlstand.

ITem von schlechen nym slechen die wol czeittig sein vnd die frisch sein nym der ein schussel vols vnd sewds ab in wein mit honig wan sy chalt werden so streich sy durch als dw aller dickest mugst vnd geburcz ab mit pheffer Ing= wer mit gestossen nagel vnd sewd die prue czw dem anderen mall vnd wan sy dan erkalt so thew dy slechen dar ein vnd laß sy sten biß hin gen weinachten So gib es dan czw essen
schlechen / slechen

Schlehen sind die Früchte des Schlehdorns, die erst nach dem ersten Frost geerntet werden, um ihren herben Geschmack zu mildern. Sie sind reich an Gerbstoffen und Vitamin C.

czeittig

Reif, zeitig. Hier im Sinne von gut ausgereift und erntereif.

sewds ab

‚Siede ab‘, ‚koche ein‘. Bezieht sich auf das Einkochen der Schlehen in Wein und Honig.

geburcz ab

‚Würze ab‘, ‚würze‘. Hier im Sinne von mit Gewürzen abschmecken.

gestossen nagel

Zerstoßene Nelken. Im Mittelalter wurden Gewürze oft frisch im Mörser zerstoßen, um ihr volles Aroma zu entfalten.

prue

Brühe, Sud. In diesem Kontext ist die Flüssigkeit gemeint, die beim Kochen der Schlehen mit Wein und Honig entsteht.

bis hin gen weinachten

‚Bis hin zu Weihnachten‘. Dieser Hinweis unterstreicht den Charakter des Rezepts als Konservierungs- oder Vorratsspeise, die über einen längeren Zeitraum haltbar gemacht wird.

Handschrift
Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1)
Folio
Fol. 063r
Sprache
Frühneuhochdeutsch (bairisch-österreichisch, 15. Jh.)
Entstehung
Österreich (Mondsee, Oberösterreich), 1480
CoReMA

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartprue

Gewählte Lesart: ‚Sud‘ oder ‚Flüssigkeit‘. Bezieht sich auf die beim Einkochen der Schlehen entstandene, gewürzte Flüssigkeit aus Wein, Honig und Fruchtsaft.

Originalwerk (~1480) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 063r, Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609; bereitgestellt durch CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages, Universität Graz (CC BY-NC-SA 4.0)
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), Ms. GR1 (Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609), hyperdiplomatische Basistranskription, CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Die Herstellung selbst - Einkochen, Passieren, Würzen und mehrwöchige Reifung bis Weihnachten - ist eine Vorratsarbeit fürs heimische Winterlager, kein Tagesgericht für den Marktstand. Als fertig eingekochtes, bereits gereiftes Schlehenmus lässt es sich aber problemlos mitbringen und im Lager servieren - daher eingeschränkt lagerküchentauglich, analog zu den beiden Zwillingsrezepten aus anderen Quellen mit demselben Konservierungsverfahren.
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