Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1) · Österreich (Mondsee, Oberösterreich) · 1480
Nimm für ein gutes Kraut Mangold. Lies es gut durch, entferne die Stiele und wasche es rein. Schneide es dann in drei Teile und brühe es in einem Kessel sehr gut ab. Gieße es anschließend auf ein Sieb ab, damit das Wasser gut abläuft.
Nimm guten Wein, Honig und gut verlesene Rosinen. Würze die Mischung mit Pfeffer, Zimt und Ingwer und koche diese Würzsauce damit auf. Lege dann den Mangold in ein sauberes Fass und gieße die Würzsauce darüber. Rühre es mit einem Löffel in dem Fass gut durcheinander.
Nimm geschälte Mandeln und lass sie in Drittel oder Viertel schneiden. Nimm davon eine gute Menge und gib sie zum Mangold. Rühre es nochmals gut durch. Stelle das Kraut dann beiseite und decke es gut zu. So kannst du es Jahr und Tag aufbewahren und es nicht salzen.
| Original | Modern / Menge | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|
| piersen ckrawtt | Mangold | Supermarkt, Wochenmarkt | - |
| guetten wein | Guter Wein | - | - |
| honig | Honig | - | - |
| weinperern | Rosinen, gut verlesen | - | - |
| pheffer | Pfeffer | - | - |
| czymen | Zimt | - | - |
| Ingwerr | Ingwer | - | - |
| geschelten mandell | Geschälte Mandeln, gedrittelt oder geviertelt | Supermarkt (Backregal) | - |
Welches Gericht ist das? Mon-187 ist ein süß-saures Mangold-„Kompost“ (von lateinisch compositum): blanchierter Mangold wird in eine gewürzte Wein-Honig-Rosinen-Lake mit Pfeffer, Zimt und Ingwer eingelegt, mit grob geschnittenen Mandeln vermengt und im Fass zur Vorratshaltung verschlossen. Die Gattung honig-weinbasierter Süßsauer-Gemüsekonserven ist im Korpus unter genau diesem Namen belegt: Der Zwilling m384-008 aus dem Cgm 384 nennt das Gericht im Original „Suess gumpost“ und folgt exakt demselben Verfahren - Mangold blanchieren, Wein-Honig-Sud mit Trockenfrüchten aufkochen, übergießen, mit Mandeln bestreuen -, ist dort aber für den baldigen Verzehr statt für die Jahresvorratshaltung gedacht. In der weiteren Familie süß-saurer Wintergemüse mit Trockenfrüchten und Nüssen steht bis heute etwa der weihnachtliche Rotkohl mit Rosinen und Äpfeln.
Die Blanchier- und Abtropf-Schritte. Das kurze Abbrühen im Kessel macht die festen Mangoldblätter biegsam und reduziert Bitterstoffe, das anschließende Abtropfen auf dem Sieb ist entscheidend: Restwasser würde die nachfolgende Würzsauce verdünnen und damit ihre konservierende Wirkung schwächen. Das heiße Übergießen mit dem fertig aufgekochten Wein-Honig-Sud setzt zusätzlich zum Blanchieren auf thermische Keimreduktion, vergleichbar dem Prinzip des Heißeinlegens.
Zur Haltbarkeit „Jahr und Tag“. Der Text nennt keine Mengenverhältnisse von Wein und Honig zum Mangold - ohne diese Angabe lässt sich nicht beurteilen, ob die Zucker- und Alkoholkonzentration tatsächlich ausreicht, ein wasserreiches Blattgemüse wie Mangold über tatsächlich zwölf Monate ungekühlt zu konservieren. „Jahr und Tag“ ist zudem eine in mittelalterlichen Texten gebräuchliche Redewendung für „sehr lange Zeit“ und muss nicht als exakt geprüftes Lagerversprechen gelesen werden. Der Verzicht auf Salz („nit salcz“) ist im Vergleich zu salzbasierten Verfahren wie Sauerkraut ungewöhnlich, für die Kompost-Gattung mit ihrem süß-sauren statt salzig-sauren Charakter aber genretypisch.
Praxis. Mangold putzen, Stiele entfernen, waschen, dritteln und im Kessel kurz abbrühen, dann auf einem Sieb gut abtropfen lassen. Wein mit Honig und gut verlesenen Rosinen sowie Pfeffer, Zimt und Ingwer aufkochen und noch heiß über den abgetropften Mangold in einem sauberen Gefäß gießen, gut durchrühren. Geschälte, in Drittel oder Viertel geschnittene Mandeln roh untermengen (kein weiterer Garvorgang nötig, nur für Biss und Textur), nochmals gut durchrühren, abdecken. Für den baldigen Verzehr am Lager ist das Gericht damit fertig - mit Kessel, Sieb und einem sauberen Gefäß schnell und ohne Ofen herstellbar. Für eine tatsächliche Lagerung über Monate ist dagegen ein kühler Keller nötig, den ein Marktlager in der Regel nicht bietet.
‚Piersen ckrawtt‘ ist eine historische Bezeichnung für Mangold. Dieses Blattgemüse war im Mittelalter sehr beliebt und wurde vielseitig verwendet, sowohl in herzhaften als auch in süß-sauren Gerichten.
Ja, für den baldigen Verzehr gut. Die Zubereitung selbst - Mangold putzen, brühen, mit dem Wein-Honig-Sud übergießen und mit Mandeln verrühren - ist einfache, schnelle Feuerküchentechnik und lässt sich am Lager mit Kessel und Sieb ohne Ofen und ohne großen Vorführaufwand nachkochen. Für die im Text versprochene Lagerung über „Jahr und Tag“ fehlen am Marktlager in der Regel die nötigen kühlen Bedingungen - dafür ist das Rezept nur eingeschränkt geeignet.
Dieses Rezept stammt aus dem ‚Mondseer Kochbuch‘, einer umfangreichen deutschsprachigen Rezeptsammlung aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Es wurde im bairisch-österreichischen Raum, vermutlich im Umfeld des Klosters Mondsee, verfasst.
‚Iar vnd tag behalten‘ ist eine im Mittelalter gebräuchliche Redewendung für eine sehr lange Zeitspanne und muss nicht als exakt geprüfte Jahresfrist verstanden werden; Mengenangaben für Wein und Honig, die eine solche Haltbarkeit belegen würden, nennt der Text nicht. Die Anweisung ‚nit salcz‘ (nicht salzen) ist im Vergleich zu salzbasierten Konservierungsverfahren wie Sauerkraut ungewöhnlich, entspricht aber der eigenständigen Gattung honig-weinbasierter Süßsauer-Konserven („Kompost“/„Gumpost“), zu der auch dieses Rezept gehört.
Mangold (Beta vulgaris subsp. vulgaris). Eine in der mittelalterlichen Küche beliebte Blattgemüseart, die sowohl als Gemüse als auch in süß-sauren Kompositionen verwendet wurde.
‚Abziehen‘ bedeutet hier das Abgießen der Flüssigkeit durch ein Sieb, um das Gemüse abzutropfen.
Ein Fass oder kleineres Gefäß zur Aufbewahrung. Die Größe deutet auf eine Vorratsspeise hin.
Die Anweisung, das Gericht „Jahr und Tag“ - eine gebräuchliche Redewendung für eine sehr lange Zeitspanne - aufzubewahren, setzt auf den Zucker- und Säuregehalt von Wein und Honig als Konservierungsstütze; genaue Mengenverhältnisse nennt der Text nicht.
Die explizite Anweisung, nicht zu salzen, ist im Vergleich zu salzbasierten Verfahren wie Sauerkraut ungewöhnlich, entspricht aber der eigenständigen Gattung honig-weinbasierter Süßsauer-Konserven („Kompost“/„Gumpost“), zu der auch dieses Rezept gehört.
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