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Weizenstärke selbst herstellen

Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1) · Österreich (Mondsee, Oberösterreich) · 1480

RezeptSonstigesLesartViel InterpretationsspielraumAufwändigKorrekturBearbeitungsstand 8/10
Zubereitungszeit300 Min.PortionenMenge nach BedarfBuchMondseer Kochbuch (~1480)

Nimm reinen, sauberen Weizen und wasche ihn sehr gründlich. Danach weiche ihn vierzehn Tage lang in frischem Wasser ein. Wechsle dabei das Wasser jeden Tag dreimal: morgens, mittags und abends.

Danach stoße den eingeweichten Weizen sehr gut in einem Mörser. Streiche ihn dann in frischem Wasser durch ein Tuch und lass die so gewonnene Stärkemilch einen Tag und eine Nacht stehen.

Danach gieße das Wasser ab und lass die verbleibende Stärkemasse trocknen. Wenn sie trocken ist, zieh sie auseinander und stoße sie erneut in einem Mörser. Koche die Stärke dann, wann immer du sie verwenden möchtest.

OriginalModern / MengeWo kaufenAlternative
waicz Weizen Supermarkt -
frischen wasßer Frisches Wasser Leitung -

Welches Gericht ist das? Kein fertiges Gericht, sondern die Anleitung zur Gewinnung einer Grundzutat: reine Weizenstärke (hier „kraft mell“ genannt) aus ganzen Weizenkörnern. Die „Kraft“ im Namen meint die bindende, verdickende Wirkung der Stärke, nicht Nährkraft und nicht modernes griffiges Backmehl. Die beschriebene Mazerationstechnik - Getreide tagelang wässern, zerstoßen, durch ein Tuch auswaschen, absetzen lassen, trocknen, erneut zerstoßen - ist eine uralte handwerkliche Methode zur Stärkegewinnung. Direkter Nachfahre ist die heute im Supermarkt erhältliche reine Weizenstärke, wie sie für helle Saucen und Cremes verwendet wird.

Warum vierzehn Tage wässern? Das lange Einweichen mit dreimaligem täglichem Wasserwechsel weicht das Korn nicht nur auf, sondern setzt auch eine milde Gärung in Gang, die den Kleber im Korn lockert - erst dadurch lässt sich die Stärke später sauber vom Kleber und von der Kleie trennen. Der häufige Wasserwechsel bremst dabei Fäulnis, ohne die gewünschte Gärung ganz zu stoppen.

Zieh sie auseinander oder locker sie auf? Nach dem Trocknen ist die Stärkemasse zu einem harten Kuchen geworden, der vor dem zweiten Mörsergang erst zerteilt werden muss. Ob man das mit „ziehen/abziehen“ oder „auflockern“ übersetzt - im Mondseer Korpus ist „czewch“ sonst durchgängig im Sinn von „(ab)ziehen“ belegt -, gemeint ist dieselbe Handlung: den getrockneten Kuchen in Stücke reißen, damit er sich fein zerstoßen lässt.

Praxis. Wichtig ist die Reihenfolge: Das Korn wird roh eingeweicht, roh gestoßen und roh durchs Tuch gestrichen - erst ganz am Schluss, beim tatsächlichen Gebrauch, wird die Stärke gekocht. Würde man das Korn vorher kochen, würde die Stärke bereits verkleistern und ließe sich nicht mehr als feine Suspension durchs Tuch drücken. Nach dem Durchstreichen setzt sich die Stärke über Nacht am Boden ab, während sich das Wasser oben absetzt und abgegossen werden kann. Wer nur einen einzigen Absetz-Zyklus durchläuft, sollte damit rechnen, dass noch Klebereste in der fertigen Stärke stecken - spätere Rezepte für reine, reinweiße Stärke wiederholen das Aufschlämmen und Absetzen mehrfach, bis das Wasser klar bleibt. Zum Zerstoßen dient hier ein großer Mörser für Getreide, nicht der kleine Gewürzmörser.

Was ist 'Kraftmehl' in diesem Rezept?

'Kraftmehl' bezeichnet hier Weizenstärke. Das Rezept beschreibt die aufwendige traditionelle Methode, diese Stärke aus Weizenkörnern zu gewinnen, die dann als Bindemittel oder für weiße Speisen verwendet wurde.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Nein. Die Herstellung von Weizenstärke ist ein mehrtägiger bis mehrwöchiger Prozess, der konstante Wasserwechsel und eine kontrollierte Trocknung erfordert. Dies ist im Rahmen einer Lagerküche nicht praktikabel.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Mondseer Kochbuch, einer umfangreichen Sammlung von Rezepten aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Es wurde im bairisch-österreichischen Raum, vermutlich im Umfeld des Klosters Mondsee, verfasst.

Was ist ein 'Mörser' - brauche ich einen Mörser und Stößel?

Der hier genannte 'Mörser' war im Mittelalter ein großes, schweres Gefäß aus Stein oder Metall, das zum Zerstoßen von eingeweichtem Getreide zu einer feinen Paste diente. Ein kleiner Gewürzmörser ist hierfür ungeeignet. Für die Herstellung von Stärke wäre ein großer Mörser oder eine moderne Küchenmaschine mit starkem Motor nötig.

ITem kraft mell nym schon lawtter + waicz vnd wasch den gar schon dar nach paiß In Ineinem frischen wasßer vier= czechen tag vnd all tag iij wasßer des mor= genss czw mittentag des abencz dar nach stoß in einem morsar gar woll vnd streich In Ineinem frischen wasßer durcz ein tuech vnd laß es also sten ein tag vnd ein nacht dar nach gews das wasßer da von vnd laß es trucken werden vnd wan es + trucken ist so czewches auff vnd stoß es in einem morsar vnd choch es + dan wan dw wildt
kraft mell

'Kraftmehl' bezeichnet hier Weizenstärke, nicht Mehl. Modernes „Kraftmehl“ (Backindustrie-Begriff für griffiges Mehl) ist ein falscher Freund. Das Rezept beschreibt die Herstellung dieser Stärke, die als Bindemittel und Aufheller in der mittelalterlichen Küche diente.

paiß In

Das Verb 'paiß In' bedeutet hier einweichen. Der Weizen wird über zwei Wochen in Wasser fermentiert, um die Stärke von der Kleie zu trennen.

morsar

Der 'Mörser' war im Mittelalter ein großer Mörser, hier zum Zerstoßen von Getreide statt Fleisch verwendet - kein kleiner Gewürzmörser.

tuech

Ein 'Tuch' ist hier ein feines Leinentuch oder Passiertuch zum Abseihen der Stärkemilch.

schon

'Schon' bedeutet hier sauber oder gründlich, nicht 'schön' im ästhetischen Sinne.

czewch

'Czewch' (ziehen) bedeutet hier abziehen oder auseinanderziehen - die getrocknete Stärkemasse wird vor dem erneuten Mörsern in Stücke gerissen.

Handschrift
Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1)
Folio
Fol. 067r
Sprache
Frühneuhochdeutsch (bairisch-österreichisch, 15. Jh.)
Entstehung
Österreich (Mondsee, Oberösterreich), 1480
CoReMA

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartczewchs czewches auff

Gewählte Lesart: 'Zieh sie auseinander' - die getrocknete Stärkemasse wird in Stücke gerissen, bevor sie erneut im Mörser zerstoßen wird. Das Mondseer Korpus belegt 'czewch/ziehen' durchgängig in diesem Sinn (vgl. mon-015, mon-065).

Andere mögliche Lesart:

  • Eine alternative Lesart wäre 'lockere sie auf'. - Eine Lesart als 'auflockern' ist denkbar, ist im Korpus sonst aber nicht belegt. Küchentechnisch führt ohnehin nur eine Handlung zum Ziel: den harten, getrockneten Stärkekuchen vor dem zweiten Mörsergang zu zerteilen.

Originalwerk (~1480) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 067r, Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609; bereitgestellt durch CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages, Universität Graz (CC BY-NC-SA 4.0)
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), Ms. GR1 (Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609), hyperdiplomatische Basistranskription, CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Kein Kochrezept, sondern die aufwendige Herstellung einer Zutat. Die vierzehntägige Einweichzeit und das Trocknen sind im Lager nicht praktikabel.
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