Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1) · Österreich (Mondsee, Oberösterreich) · 1480
Nimm junge Hühner und lass sie zuerst gut sieden. Zergliedere sie dann in vier Stücke. Schlage Eier aus, so viel du ihrer bedarfst.
Hacke Petersilie und Salbei klein. Reibe ein wenig Semmelbrösel darunter und würze das Ganze mit Zimtrinde, Ingwer und ein wenig Salz.
Erwärme Schmalz in einem Mörser. Lege die Hühner in das heiße Schmalz. Temperiere die Semmelbrösel, Petersilie, Salbei und die Gewürze darunter und gieße sie über die Hühner in den Mörser. Backe es ab. Lass es abkühlen, sodass es sich gut durchzieht, und gib es heiß zu essen.
| Original | Modern / Menge | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|
| Iunge hunr | Junge Hühner | Metzger, Supermarkt | - |
| ayr | Eier | - | - |
| petter sil | Petersilie | - | - |
| saluan | Salbei | - | - |
| semel | Semmelbrösel | - | altbackenes Weißbrot, gerieben |
| czymmerrintten | Zimtrinde | gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel | gemahlener Zimt (weniger verwenden) |
| Ingber | Ingwer | - | - |
| salcz | Salz | - | - |
| smalcz | Schmalz | - | Butter oder Pflanzenöl |
Welches Gericht ist das?
mon-196 ist im Kern ein vorgesottenes, geviertelt zerlegtes Huhn, das in heißem Schmalz angebraten und mit einer rohen Ei-Semmelbrösel-Kräuter-Gewürz-Masse übergossen wird, die darüber stockt. Das ist funktional ein früher Vorläufer des heutigen Hühnerfrikassees - nur dass hier statt Mehlschwitze oder Sahne eine Ei-Brösel-Bindung verwendet wird, wie sie heute etwa bei einer Kräuterkruste auf Fisch oder Lamm üblich ist. Mit dem modernen, tomatenbasierten „Pollo alla Romana“ hat das Gericht trotz Namensgleichheit nichts zu tun - jenes Schmorgericht entstand erst nach der Einführung der Tomate in Europa.
Warum wird das Huhn erst gesotten, dann angebraten?
Das kräftige Vorsieden gart das Huhn teilweise vor und macht es leichter, es in vier Stücke zu zerteilen, bevor es im heißen Schmalz scharf angebraten wird - eine typische Zwei-Phasen-Technik für zähes oder großes Geflügel.
Wohin verschwinden die Eier?
Die geschlagenen Eier werden im Text nicht noch einmal beim Namen genannt, sind aber grammatisch das Substrat, in das Petersilie, Salbei, Semmelbrösel und Gewürze eingerührt werden, bevor die Masse über das Fleisch gegossen wird. Sie bleiben also Teil der Bindemasse - der Text lässt sie nur implizit weiterlaufen.
Der Mörser als Kochgefäß.
Das Rezept verlangt, Schmalz direkt in einem Mörser zu erhitzen und die Hühner darin zu backen - das funktioniert nur mit einem Mörser aus Metall oder Bronze, ein Naturstein-Mörser würde bei direkter Feuerhitze durch Thermoschock reißen. Ein weiteres Rezept aus dem Korpus belegt unabhängig, dass ein über Glut gesetzter Mörser tatsächlich als Kochgefäß für Schmalz verwendet wurde.
Abkühlen vor dem Servieren.
„Pach es chuell ab“ heißt hier wörtlich: Backe es ab, lass es abkühlen, sodass es sich gut durchzieht - erst danach wird es heiß aufgetragen. Dieselbe Abkühlen-vor-dem-heißen-Servieren-Formel findet sich fast wortgleich in mehreren weiteren Mondseer Rezepten und ist ein wiederkehrendes Element dieser Rezeptgruppe, kein Widerspruch.
Praxis.
Junge Hühner kräftig vorkochen, dann vierteln. Eier verquirlen und mit fein gehackter Petersilie, Salbei, etwas Semmelbrösel, Zimtrinde, Ingwer und Salz vermengen. Schmalz in einem schweren Metalltopf oder Dutch Oven heiß werden lassen, die Hühnerstücke darin scharf anbraten, dann die Ei-Kräuter-Masse darübergießen und bei reduzierter Hitze stocken lassen, bis sie fest ist und nicht mehr flüssig - dabei nicht zu heiß werden lassen, sonst gerinnt das Ei ungleichmäßig oder verbrennt. Kurz abkühlen und ruhen lassen, dann heiß servieren.
Die Bezeichnung „römisch“ ist im Mondseer Kochbuch kein fester Rezepttyp, sondern ein wiederkehrendes Stil- und Prestige-Etikett: Auch die „Römische Pastete mit Huhn und Kirschen“ (mon-176) und der „Römische Kümmelbraten“ (mon-178) tragen denselben Zusatz bei völlig unterschiedlichen Zubereitungen. Es verweist damit eher auf eine als vornehm oder exotisch geltende Herkunftszuschreibung als auf eine feste, benennbare Zutat oder Technik.
Ja, dieses Rezept ist für die Lagerküche geeignet. Die Hühner werden zunächst gesotten und dann in einem schweren Metallgefäß (Dutch Oven) in heißem Schmalz angebraten, bevor die Ei-Kräuter-Brösel-Masse darübergegossen wird und bei reduzierter Hitze stockt - kein langes Schmoren, aber aktive Hitzesteuerung, damit das Ei nicht gerinnt oder anbrennt. Frische Zutaten wie Hühner, Eier und Kräuter benötigen Kühlung, sind aber bei Tageseinkauf oder mit Kühlbox gut handhabbar.
Dieses Rezept stammt aus dem „Mondseer Kochbuch“, einer umfangreichen Sammlung von Rezepten aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Es wurde im bairisch-österreichischen Raum, vermutlich im Umfeld des Klosters Mondsee, verfasst und bietet Einblicke in die gehobene Küche dieser Zeit.
Im Mittelalter waren Mörser oft große, schwere Gefäße aus Stein oder Metall. Die Anweisung, Schmalz darin zu erhitzen und die Hühner darin zu kochen, funktioniert allerdings nur mit einem Mörser aus Metall oder Bronze - ein Naturstein-Mörser würde bei direkter Feuerhitze durch Thermoschock reißen. Für moderne Nachkocher ist ein großer, schwerer Topf oder ein Dutch Oven eine geeignete Alternative.
Die Bezeichnung „römisch“ (lateinisch: romanus) ist im Mondseer Kochbuch kein fester Rezepttyp, sondern ein wiederkehrendes Stil- und Prestige-Etikett: Auch mon-176 („Römische Pastete mit Huhn und Kirschen“) und mon-178 („Römischer Kümmelbraten“) tragen denselben Zusatz bei völlig unterschiedlichen Zubereitungen. Im tatsächlich am päpstlichen Hof verfassten Registrum Coquinae (boc-007, boc-009) ist die Herkunftsangabe dagegen wörtlich gemeint - im bairisch-österreichischen Mondseer Kochbuch ist sie eher als übernommenes Exotismus-Signal zu lesen.
Das Sieden bezeichnet hier ein kräftiges Kochen (nicht ein sanftes Pochieren), um das Huhn teilzugaren und das anschließende Zerteilen in vier Stücke zu erleichtern.
Das Zergliedern bedeutet das Zerteilen des Huhns in seine Einzelteile, hier in vier Stücke.
Im Mittelalter wurden Semmelbrösel oder geriebenes Weißbrot häufig als Bindemittel und zur Texturgebung in Saucen und Füllungen verwendet, nicht Mehl.
Der Begriff „gburcz“ kann sowohl das Gewürz selbst als auch das Verb „würzen“ bedeuten. Im Kontext dieses Rezepts ist die verbale Lesart „würze das“ am plausibelsten.
Hier ist die Zimtrinde gemeint, die in Stücken mitgekocht oder gerieben hinzugefügt wurde. Sie war ein beliebtes und kostbares Gewürz.
Im mittelalterlichen Kochkontext war ein Mörser oft ein großes, schweres Gefäß aus Stein oder Metall, das nicht nur zum Zerstoßen, sondern auch als hitzebeständiges Kochgefäß über dem Feuer verwendet werden konnte. Dies entspricht einem modernen Dutch Oven oder einem schweren Topf. Praktisch funktioniert das nur mit einem Mörser aus Metall oder Bronze - ein Naturstein-Mörser würde bei direkter Feuerhitze reißen.
Das Temperieren bedeutet hier das Mischen und Einarbeiten der Zutaten, um eine homogene Masse zu erhalten.
Die Anweisung „chuell ab“ (kühl ab) meint hier ein tatsächliches Abkühlen/Ruhen nach dem Garen, bevor heiß serviert wird - dieselbe Abkühl-vor-dem-heißen-Servieren-Formel findet sich fast wortgleich in weiteren Mondseer Rezepten und ist ein wiederkehrendes Element dieser Rezeptgruppe, keine Ausnahme.
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
Gewählte Lesart: Das Wort 'dich' wurde hier als Personalpronomen 'dich' übersetzt, im Sinne von 'so viel es dir dünkt'.
Andere mögliche Lesart:
gburcz
Gewählte Lesart: Das Wort 'gburcz' wurde hier als Verb 'würze' (Imperativ) übersetzt, da es im Satz 'vnd + gburcz das mit czymmerrintten Ingber vnd salcz' eine Handlungsanweisung darstellt.
Andere mögliche Lesart:
morsar
Gewählte Lesart: Die Anweisung, Schmalz in einem Mörser zu erhitzen und darin zu kochen, wurde so interpretiert, dass ein großer, hitzebeständiger Mörser als Kochgefäß verwendet wird.
Andere mögliche Lesart:
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