Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1) · Österreich (Mondsee, Oberösterreich) · 1480
Das Ritual: Wenn du als Koch eine Frau nach der ersten Geburt versorgen willst: Willst du damit beginnen, so bemühe dich, ein neues Tuch zu haben, das eine Elle lang ist. Dann nimm zwei Laibchen frisches Wachs, das noch nie benutzt worden ist. Lege es in eine Pfanne, die ebenfalls noch nie benutzt wurde, und schmelze es darin. Nimm dann einen Hasenfuß, der noch nie benutzt wurde, und streiche das Wachs halb auf eine Seite des Tuches. Wenn es dann fest geworden ist, bemühe dich, frischen Safran in einem Büchschen zu haben, das so groß wie eine Haselnuss ist. Das wächserne Herz, ein Küchlein, lege der Frau auf den Leib, und den Safran gib ihr in die eine Hand, damit sie es bei sich behält und daran riecht.
Die Speisen: Was du dann der Frau zu essen gibst, das ist ihr zum ersten Mal zuträglich, das du ihr geben willst. Ist es zu der Zeit, dass man Fleisch isst, so gib ihr eine gute Hühnerbrühe und eine Schnitte Brot hinein.
Zum zweiten Mal mache ihr einen Pfannkuchen. Für den Pfannkuchenteig nimm einen guten Malvasier. Willst du ihn aus zwei Eiern machen, so nimm etwas Eiweiß dazu und bereite ihn mit insgesamt drei Eiern zu. Nimm Schmalz, so viel wie eine Haselnuss groß ist, in eine saubere Pfanne, die du für die Eier benutzt hast, und gieße es hinein. Wenn es heiß wird, setze sie auf eine milde Glut, damit diese mild bleibt; dann geht der Teig in der Pfanne ein wenig auf. Nähert man ihn einer frischeren Glut, so wird er auch braun. Das kannst du der Frau in einer Weinsuppe oder pur geben.
Zum zweiten Mal, willst du der Frau ein Mus von Vögelchen geben, so nimm einen jungen Vogel - nur eine einzige Art, ohne eine andere beizumischen -, und mache ihr ein wenig Mus daraus.
| Original | Modern / Menge | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|
| news tuech das ainer ellen lanck sey | 1 Tuch (eine Elle lang) | - | - |
| czway laybell frisch wax | 2 Laibchen frisches Wachs | Bastelbedarf, Imker | - |
| ein hassen fueß den nye genucz sey worden | 1 Hasenfuß | Wildhändler oder Jagdbedarf (für Amulett-Zwecke); ersatzweise eine echte Hasenpfote als Glücksbringer-Anhänger (Deko-/Anglerbedarf, online leicht zu finden) | Hasenpfoten-Glücksbringer-Anhänger (echtes Fell/Pfote, kein Kunststoff-Imitat - für ein reenactment-taugliches Ritual mit „noch nie benutzt“-Anspruch) |
| ain frischen saffrann | Safran | gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel | - |
| ain guttew hunr prue | Hühnerbrühe | - | - |
| ain snitell prott | 1 Schnitte Brot | - | - |
| drew air | 3 Eier | - | - |
| ain guetten malmasyr | Malvasier (Wein) | gut sortierter Weinhandel | süßer Weißwein |
| ain smalcz das als groß sey als ein hasell nuß | Schmalz | - | Butter oder Pflanzenöl |
| ainer wein suppen | Weinsuppe | - | - |
| Iung da chain ander vogel bey sey | 1 junger Vogel, nur eine Art | Art im Original nicht festgelegt - in der Praxis junges Täubchen, Wachtel oder junges Huhn | Junges Täubchen, Wachtel oder junges Huhn |
Welches Gericht ist das? Kein einzelnes Gericht, sondern ein dreiteiliger Speiseplan für die Aufbauphase nach der Geburt: zuerst eine kräftigende Hühnerbrühe mit Brot, danach ein mit Wein und Eiweiß angereicherter Pfannkuchen, zuletzt ein feines Taubenmus. Der Pfannkuchen gehört zur Palatschinken-/Schmarrn-Familie, das Taubenmus zur Gruppe der passierten Geflügelspeisen für Schonkost.
Die zwei Glutstufen des Pfannkuchens. Der Text unterscheidet lexikalisch zwei Hitzestufen: erst eine kleine, milde Glut ("gluetel", im Korpus nur hier belegt), auf der der dünne Ei-Wein-Teig schonend aufgehen soll, ohne anzubrennen; danach eine "frische", also heißere Glut zum Bräunen. Das ist eine reale Zwei-Zonen-Feuerstellentechnik und keine bloße Stilfigur - wer den Pfannkuchen nachkocht, sollte ihn entsprechend erst auf kleiner, dann auf größerer Flamme garen.
Der Malvasier gehört in den Teig. Der gute Malvasier wird nicht zum fertigen Pfannkuchen gereicht, sondern in den Teig selbst gemischt - ebenso wie kurz darauf das zusätzliche Eiweiß, das den Teig streckt und leichter macht.
Praxis. Für den Pfannkuchen drei Eier (davon eines nur als zusätzliches Eiweiß) mit einem guten Schluck süßem Likörwein (Malvasier oder vergleichbar) verschlagen. Haselnussgroßes Schmalz in einer sauberen Pfanne erhitzen, den Teig eingießen und zunächst auf kleiner Flamme stocken lassen, bis er aufgeht, dann auf etwas größerer Flamme fertig bräunen. Pur oder in einer Weinsuppe servieren. Für das Taubenmus die Taube zunächst gar kochen (im Text nicht ausgeschrieben, aber korpusüblich vorausgesetzt) und anschließend fein stoßen oder pürieren, ohne Beimischung anderen Geflügels.
Nein, dieses Rezept ist kein Kochrezept im üblichen Sinne, sondern eine rituelle Anweisung mit begleitenden Speiseempfehlungen für eine Wöchnerin. Die Zubereitung des Wachsamuletts und die spezifischen Zutaten wie Hasenfuß sind nicht für die Lagerküche geeignet.
Dieses Rezept stammt aus dem Mondseer Kochbuch, einer umfangreichen deutschsprachigen Rezeptsammlung aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Es wurde im bairisch-österreichischen Raum, vermutlich im Umfeld des Klosters Mondsee, verfasst und spiegelt die damaligen Vorstellungen von Wochenbettpflege wider.
Der erste Teil beschreibt die Herstellung eines Schutzamuletts für die Wöchnerin. Entscheidend ist dabei, dass Tuch, Pfanne und Hasenfuß ausdrücklich noch nie benutzt worden sein dürfen - das tragende Motiv ist ein Reinheits- und Unberührtheitsprinzip, das man von den Materialien für ein wirksames Schutzritual erwartete. Der Safran, den die Frau in der Hand hält und beriecht, sollte nach zeitgenössischer Vorstellung wärmend und stimmungsaufhellend wirken. Es handelt sich um einen rituellen Brauch, nicht um eine Speise.
'Des weissen' bezieht sich hier auf das Eiweiß, das dem Pfannkuchenteig hinzugefügt wird, um ihn leichter zu machen. Welche Vogelart für das Mus gemeint ist, lässt sich dagegen nicht mehr sagen: Der Schreiber hat an dieser Stelle das Wort 'dachlain' (vermutlich 'junge Dohle' - dieser Lautstand ist im Salzburgischen Idiotikon von 1796 als 'Dachl : die Dohle' belegt) selbst wieder durchgestrichen und auch das 's' seiner Ersatzformulierung 'das' nochmals getilgt. Übrig bleibt nur 'da', was auch die CoReMA-Edition (gr1.199) als ungelöst kennzeichnet. Die Handschrift selbst lässt die Vogelart damit letztlich offen - am ehesten hat der Schreiber bewusst verallgemeinert: irgendein junger Vogel, solange keine zweite Art beigemischt wird.
Hier im Sinne eines Haushaltsvorstands oder einer erfahrenen Person, die sich um die Wöchnerin kümmert.
Eine rituelle und pflegerische Handlung nach der Entbindung, wörtlich 'eine Frau nach der ersten Geburt besuchen/versorgen'.
Ein feines Leinentuch, ähnlich einem Käsetuch, hier für rituelle Zwecke verwendet.
Diminutiv von Laib, hier für kleine Wachsstücke.
Die Betonung auf 'nie benutzt' unterstreicht den rituellen Reinheitsanspruch der Materialien.
'Zergieße' im Sinne von schmelzen.
Im Text liegt die Betonung darauf, dass der Hasenfuß noch nie benutzt worden sein darf - wie auch Tuch und Pfanne. Tragendes Motiv ist ein Reinheits- und Unberührtheitsprinzip des Materials, nicht der Hasenfuß als eigenständiger Glücksbringer (dieses Motiv ist vor allem ein späterer, überwiegend angloamerikanischer Volksglaube des 19./20. Jahrhunderts).
'Gestärkt' oder 'fest geworden' - bezieht sich auf das Erstarren des Wachses.
Diminutiv von Büchse, ein kleines Gefäß.
'Wächsernes Herz, ein Küchlein' - ein aus Wachs geformtes, herzförmiges Amulett.
'Riecht' - hier im Sinne von riechen/duften, da Safran auch für seinen Duft geschätzt wurde.
'Zuträglich' oder 'passend' - im Sinne von bekömmlich und förderlich für die Genesung.
Hühnerbrühe galt als stärkend und leicht verdaulich.
Eine Scheibe Brot, oft geröstet oder in die Brühe getunkt.
Pfannkuchen, hier als nahrhafte und leicht verdauliche Speise.
Malvasier, ein süßer, kräftiger Wein, der als stärkend galt und oft in der Krankenpflege verwendet wurde.
'Vndter' meint hier nicht räumlich 'unter/unterhalb', sondern 'hinein/in den Teig gemischt' - derselbe Wortgebrauch wie kurz darauf bei 'des weissen ... dar vndter' (das Eiweiß in den Teig gemischt).
Tierisches Fett, hier zum Ausbacken des Pfannkuchens.
Diminutiv zu Glut - eine kleine, milde Glut (im Korpus nur hier belegt), auf der der Pfannkuchenteig zunächst schonend aufgehen soll, bevor er einer zweiten, 'frischen' (heißeren) Glut zum Bräunen genähert wird.
Wörtlich 'kühl/mild wird' - bezieht sich auf die zuvor genannte kleine Glut ('gluetel') selbst, die mild bleiben soll, damit der Teig schonend aufgeht, bevor er später an eine heißere Glut zum Bräunen kommt.
Eine Weinsuppe, oft mit Brot und Gewürzen, galt als stärkend.
Ein Mus oder Püree, hier aus Geflügel, leicht verdaulich.
Diminutiv von Vogel, hier allgemein für kleine Speisevögel. Die konkrete Art wird im Folgesatz nicht mehr benannt (siehe Annotation zu 'Iung da... [gestrichen]').
Die Handschrift wiederholt hier 'zum anderen Mal' - dieselbe Zählung wie zuvor beim Pfannkuchen - statt 'zum dritten Mal'. Wahrscheinlich ein Schreiberfehler durch Wiederholung, kein Hinweis auf ein viertes Gericht.
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
saffrann In ainem puchslein als groß als ein hassell nuss
Gewählte Lesart: 'Safran in einem Büchschen, so groß wie eine Haselnuss'.
Andere mögliche Lesart:
des weissen ain= wenig dar vndter machs vndter drew air
Gewählte Lesart: 'etwas Eiweiß darunter, mache es unter drei Eier'.
Andere mögliche Lesart:
Iung da [gestrichen: dachlain, das]
Gewählte Lesart: Der Schreiber hat hier zweifach korrigiert: 'dachlain' vollständig gestrichen, danach beim Ersatzwort 'das' zusätzlich das 's' getilgt. Übrig bleibt nur 'da', was auch die CoReMA-Edition (o:corema.gr1.199) explizit als 'unsolved' kennzeichnet. Die Vogelart bleibt in der endgültigen, vom Schreiber selbst korrigierten Fassung unbenannt - vermutlich eine bewusste Verallgemeinerung (irgendein junger Vogel, solange keine zweite Art beigemischt wird), keine ungelöste Lesefalle unsererseits.
Andere mögliche Lesarten:
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