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Krauses Nudelmus mit Zucker

Rheinfränkisches Kochbuch (ohne Originaltitel; Ms. germ. fol. 244, fol. 285r-294v) · Mittelrhein · 1445

DessertNachspeiseLagerkücheLagerküche-tauglichMittelKorrekturBearbeitungsstand 8/10Höfische KücheHofküchePastaPastaVegetarischVegetarisch
Zubereitungszeit45 Min.Portionen2-3 PersonenBuchRheinfränkisches Kochbuch (~1445)

Willst du ein krauses Mus zubereiten, so nimm Eier und Mehl und bereite daraus einen festen Teig. Danach rolle den Teig zu dünnen Blättern aus und bestreue sie mit Mehl, damit sie nicht kleben bleiben. Wickle die Teigblätter übereinander und schneide sie dann fein, so wie man Petersilie schneidet.

Nimm anschließend Eier, Milch und ein wenig Mehl und rühre daraus ein dünnes, weißes Mus an. Lass dieses Mus aufkochen. Gib das fein geschnittene Nudelwerk in das kochende Mus und lass es erneut aufkochen. Wenn du das Gericht anrichtest, bestreue es reichlich mit Zucker.

OriginalModern / MengeWo kaufenAlternative
eyer Eier - -
mele Mehl - -
milch Milch - -
czucker Zucker - -

Welches Gericht ist das? Ein süßes Nudelgericht: frisch geschnittene Eiernudeln, die in einem dünnen Ei-Milch-Mus aufgekocht und mit Zucker bestreut werden. Im Kern der direkte Vorfahr der bis heute beliebten süßen Milchnudeln bzw. eines Auflauf-losen ‚Schmarrn‘-Verwandten - nur dass die Nudeln hier nicht in Butter, sondern in einem cremigen Ei-Milch-Sud garen.

Die Schneidetechnik (winde daz ubir ein ander). Das Herzstück: aus Eiern und Mehl wird ein fester Nudelteig geknetet, dünn ausgerollt, gut bemehlt (damit nichts klebt), die Blätter werden aufeinandergelegt und zu einer Rolle gewickelt. Quer in feine Streifen geschnitten und auseinandergefaltet entstehen dünne, leicht gewellte Bandnudeln - genau die Methode, mit der man heute Tagliatelle schneidet. Das Bemehlen vor dem Aufrollen ist nicht Beiwerk, sondern verhindert, dass die Lagen verkleben.

Cruselecht - das ‚Krause‘. Beim Abrollen der quergeschnittenen Streifen bauschen sich die Nudeln leicht und werden wellig - daher der Name ‚krauses Mus‘. Der Vergleich als der petersilge scharbet (‚so fein, wie man Petersilie schneidet‘) zielt auf die Feinheit der Streifen, nicht auf ein Zerhacken: zarte, dünne Bänder.

Erwallen - zweistufiges Aufkochen. Erst wird die Ei-Milch-Mehl-Basis allein aufgewallt (zu einem dünnen, weißen Mus), dann kommen die frischen Nudeln hinein und alles wallt nur noch einmal kurz auf. Nicht lange köcheln - frische Nudeln sind in Minuten gar, und das Ei soll cremig binden, nicht ausflocken.

Praxis. Für 2-3 Personen einen festen Nudelteig aus etwa 200 g Mehl und 2 Eiern kneten, ruhen lassen, dünn ausrollen, bemehlen, aufrollen und in schmale Streifen schneiden. Für das Mus 2 Eier mit etwa 400 ml Milch und einem gehäuften Esslöffel Mehl glattrühren, unter Rühren erhitzen bis es leicht bindet, die Nudeln einlegen und 2-3 Minuten ziehen lassen. Großzügig mit Zucker bestreuen. Zucker war im 15. Jahrhundert ein teures Würz- und Statusgewürz, kein Nachtisch-Signal - das Gericht stand als vollwertige Speise auf dem Tisch.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Ja, dieses Rezept ist gut für die Lagerküche geeignet. Die Zutaten sind robust und leicht zu transportieren. Die Zubereitung erfordert lediglich einen Topf und eine Feuerstelle und ist in etwa 45 Minuten fertig. Das Ausrollen und feine Schneiden des Teigs ist der aufwendigste Schritt.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem ‚Rheinfränkischen Kochbuch‘, das um 1445 verfasst wurde. Es gehört zu den frühen deutschen Kochbüchern und gibt Einblicke in die bürgerliche Küche des späten Mittelalters im rheinfränkischen Raum.

Was bedeutet ‚cruselecht musz‘ im Rezept?

‚Cruselecht musz‘ bedeutet ‚krauses Mus‘. Das ‚krause‘ bezieht sich auf die Nudeln, die sehr fein geschnitten werden sollen, ähnlich wie gehackte Petersilie. Das ‚Mus‘ ist hier eine Art dicker, cremiger Brei oder eine Sauce aus Eiern, Milch und Mehl, in die die Nudeln gegeben werden.

Warum wird Zucker auf ein Nudelgericht gestreut?

Die Kombination von süßen und herzhaften Elementen war in der mittelalterlichen Küche sehr beliebt. Zucker war ein teures Gewürz und seine Verwendung auf Gerichten zeigte den Wohlstand des Hauses. Der süße Abschluss bildete einen interessanten Kontrast zu den eher neutralen Nudeln und dem cremigen Mus.

WJltu machen ein cruselecht musz So nym eyer vnd mele vnde mach einen harten deych darusz darnach mach den deyg czu dunnen bleteren vnd bespree sie mit mele daz sie nit cleiben vnd winde daz ubir ein ander vnd scharbe sie clein als der petersilge scharbet darnach nym eyer milch vnd enwenig meles vnd mach ein dunne wisz musz vnd lasz isz erwallen vnd du daz gescharbte indaz musz vnd laz isz erwallen vnd so du isz ane richtest so machestu isz mit czucker bestrauwen
cruselecht musz

‚Krauses Mus‘ - ‚kraus‘ beschreibt die leicht eingerollten, welligen Nudeln, die beim Auffächern der zusammengerollten Teigschnitte entstehen. ‚Mus‘ meint hier den cremigen Ei-Milch-Brei, in dem die Nudeln garen.

winde daz ubir ein ander

‚Wickle es übereinander‘ - die entscheidende Technik: bemehlte Teigblätter werden aufeinandergelegt, zu einer Rolle aufgewickelt und quer in feine Streifen geschnitten. Beim Auseinanderfalten entstehen dünne, leicht gewellte Bandnudeln. Dieselbe Methode wie beim heutigen Schneiden von Tagliatelle.

scharbe sie clein als der petersilge scharbet

‚Schneide sie fein, wie man Petersilie schneidet‘ - der Vergleich zielt auf die Feinheit: so dünn und zart wie fein geschnittene Petersilie. ‚Scharben‘ ist ein schabend-schneidendes Bewegen des Messers.

erwallen

‚Aufwallen lassen‘ - kurz aufkochen, nicht lang köcheln. Erst die Ei-Milch-Basis allein, dann mit den Nudeln noch einmal kurz.

Handschrift
Rheinfränkisches Kochbuch (ohne Originaltitel; Ms. germ. fol. 244, fol. 285r-294v)
Folio
Fol. 288r
Sprache
Rheinfränkisch (Mittelhochdeutsch, Mittelrhein, ca. 1445)
Entstehung
Mittelrhein, 1445

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartwinde daz ubir ein ander

Gewählte Lesart: Bemehlte Teigblätter werden aufeinandergestapelt, zu einer Rolle aufgewickelt und quer in feine Streifen geschnitten - die klassische Bandnudel-Schneidetechnik. Die fertige Form: dünne, leicht gewellte Streifen (‚kraus' durch das Abrollen).

Andere mögliche Lesart:

  • ‚Winde' meint nicht Aufrollen, sondern nur das lockere Aufeinanderlegen (‚übereinanderlegen') der Blätter vor dem Schneiden. - Dann wären die Nudeln eher glatte Rechtecke oder breite Streifen, und ‚cruselecht' müsste anders erklärt werden - etwa durch das Kochen im Mus, das die Streifen bauscht. Weniger überzeugend, da ‚winden' typischerweise eine Dreh- oder Rollbewegung beschreibt.

Originalwerk (~1445) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 288r, Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz, Ms. germ. fol. 244 (um 1445), fol. 285r-294v - Public Domain Mark 1.0 (Digitalisierung 2014, gefördert durch DFG) Quelle öffnen
Transkription
Primäre wissenschaftliche Vergleichs-Edition: Böhm, A. & Klug, H. W. (2021): CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages, ms. B1 (Berlin, Staatsbibliothek, Ms. germ. fol. 244). Hyperdiplomatische Transkription, Universität Graz, FWF I 3614, hdl:11471/562.10.1791, CC BY 4.0. Zusätzlich: Thomas Gloning, Sample-Edition (Universität Gießen, rfk1.htm) mit den ersten 5 Rezepten. Volltext-Print-Edition Adelmann/Ehlert/Gloning 1998 (Auer Verlag, ISBN 3-403-03131-4, Tupperware-Stiftungsausgabe, vergriffen). Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Im Topf am Feuer in etwa 45 Minuten fertig. Die Zutaten sind robust und leicht zu transportieren. Das Ausrollen und feine Schneiden des Teigs erfordert etwas Geschick und eine saubere Arbeitsfläche.
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