Wo Mittelalter stattfyndet. Where medieval times happen.
Im Viewer öffnenIm Viewer öffnen ÜbersetzenTranslate DokumentDruckversion DokumentTEI-XML

Eingedicktes Mus von Steinobst

Rheinfränkisches Kochbuch (ohne Originaltitel; Ms. germ. fol. 244, fol. 285r-294v) · Mittelrhein · 1445

DessertNachspeiseLagerkücheLagerküche-tauglichEinfachKorrekturBearbeitungsstand 9.3/10Höfische KücheHofkücheVegetarischVegetarisch
Zubereitungszeitca. 20 Min. KüchenzeitPortionen4-6 PersonenBuchRheinfränkisches Kochbuch (~1445)

Nimm Kirschen oder Schlehen, Mispeln oder was an Steinobst da ist, und schlag es durch.

Gib ein wenig Honig hinein, tu es in einem Topf zum Feuer und lass es dick werden. So wird aus jeder Sorte ein besonders gutes Gericht.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
kirsen adir slehen myspelen adir waz von stein obisze ist Kirschen - - Schlehen, Mispeln oder anderes Steinobst; modern auch Pflaumen oder Aprikosen
ein wenig honiges ein wenig Honig - - -

Welches Gericht ist das? Ein schlichtes Steinobstmus: Kirschen, Schlehen oder Mispeln werden durchgeschlagen, mit ein wenig Honig versetzt und im Topf am Feuer dick eingekocht. Gewürze nennt der Text keine. Heute erinnert das an Kirschmus, Schlehenmus, Pflaumenmus oder Fruchtbutter - eine Ähnlichkeit der Form, keine belegte Abstammung. Fast wortgleich steht dasselbe Rezept bei Meister Hans (mha-270), dort mit dem Zusatz, man solle das Mus gut abwürzen.

Roh oder vorgegart durchschlagen? Der Text sagt nur slag isz durch und nennt weder Sieb noch Tuch noch ein Vorkochen. Weiche Kirschen lassen sich roh durchstreichen. Harte Schlehen und frische Mispeln kaum: Mispeln werden erst nach dem Nachreifen teigig und essbar.

Wie viel Honig? ein wenig honiges - eine Menge nennt der Text nicht. Bei Süßkirschen genügt wenig. Schlehen und Mispeln sind ungesüßt sehr herb und vertragen deutlich mehr.

Nachbarn im Buch. Die Fruchtrezepte ringsum arbeiten anders: rfk-061 legt Schlehen ganz in einen gewürzten Wein-Honig-Sud, rfk-063 ist eine Salse mit Wein, Essig und Brot, die getrocknet und wieder aufgelöst wird, rfk-068 eine kalt angerührte Selczen aus Erdbeeren mit Brot, Honig und Essig. Nur hier wird die Frucht allein mit etwas Honig dick gekocht.

Praxis. Weiche Früchte wie Kirschen roh durch ein Sieb streichen, Steine und Häute bleiben zurück. Harte Früchte wie Schlehen oder Mispeln vorher in wenig Wasser weich dünsten, dann passieren. Honig nach Geschmack dazugeben, bei sauren Früchten deutlich mehr als bei Süßkirschen. Im Topf am Feuer einkochen, bis die Masse dick ist, dabei rühren, damit nichts ansetzt. Eine Haltbarkeit nennt der Text nicht: frisch essen oder kühl aufbewahren. Wer auf Vorrat einkochen will, braucht ein modernes Einmachverfahren. Pflaumen oder Aprikosen gehen als moderner Ersatz, sind aber milder als die herben Wildfrüchte und brauchen weniger Honig.

Wo bekomme ich Mispeln oder Schlehen?

Schlehen wachsen wild in Hecken und werden im Herbst gesammelt, Mispeln gibt es wild und in Gärten; beide findet man gelegentlich auf Wochenmärkten. Mispeln sind frisch hart und werden erst nach dem Nachreifen teigig und essbar. Am einfachsten sind Kirschen, die der Text selbst zuerst nennt. Pflaumen oder Aprikosen gehen als moderner Ersatz, sind aber milder als die herben Wildfrüchte und brauchen weniger Honig.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Ja. Man braucht nur einen Topf, Feuer und ein Sieb oder Tuch zum Durchstreichen, keinen Ofen. Zur Haltbarkeit sagt der Text nichts. Frisch gekochtes Mus mit wenig Honig ist nicht lagerstabil - bald essen oder kühl halten.

Was bedeutet „schlag es durch“ im Rezept?

Die Früchte durch ein Sieb oder Passiertuch streichen, sodass eine glatte Masse entsteht und Steine und Häute zurückbleiben. Das Werkzeug nennt der Text nicht, auch nicht, ob die Früchte vorher gekocht werden. Harte Früchte wie Schlehen lassen sich roh kaum durchstreichen und werden deshalb besser vorher weich gedünstet.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Rheinfränkisches Kochbuch (Mittelrhein). Sammlung von 76 Koch- und Backrezepten in rheinfränkischer Mundart, entstanden um 1445. Schwerpunkt Fastenspeisen: Krapfen, Fladen aus Fischrogen, Fasten-Schauspeisen (z.B. ein aus Fisch geformtes Rebhuhn-Imitat). Überliefert als Teil des astrologisch-astronomischen Sammelbands Ms. germ. fol. 244 der Staatsbibliothek zu Berlin (fol. 285r-294v). Akademisch erschlossen seit 2021 in der CoReMA-Edition (Böhm/Klug, Universität Graz, FWF-Projekt) als hyperdiplomatische Transkription. Die Fyndling-Edition ergänzt diese akademische Erschließung um die kulinarische Dimension: moderne Übersetzung, Zutaten-Listen mit Bezugsquellen, FAQ zur Zubereitung und Scan-Anzeige im Browser - damit erstmals als praktische Edition für Hobby-Köche und mediävistisch interessierte Laien.

Nym kirsen adir slehen myspelen adir waz von stein obisze ist vnd slag isz durch vnd brenge ein wenig honiges dar in vnd du isz czu dem fure in einen haffen vnd laisz isz dicke werden so wyrt von yderley ein besunder gut eszen
slag isz durch

Durchschlagen: durch ein Sieb oder Tuch streichen, sodass eine glatte Masse entsteht. Welches Werkzeug und ob die Früchte roh oder vorgegart sind, sagt der Text nicht.

stein obisze

Steinobst. Der Text zählt neben Kirschen und Schlehen auch Mispeln dazu, die botanisch Kernobst mit steinharten Kernen sind.

myspelen

Mispeln (Mespilus germanica). Frisch hart und herb, erst nach dem Nachreifen teigig und essbar.

slehen

Schlehen, die Früchte des Schwarzdorns; frisch sehr herb.

du isz czu dem fure

„Tu es zum Feuer“: du ist hier die Befehlsform von tuon (tun), keine Anrede.

von yderley ein besunder gut eszen

yderley = jederlei, von jeder Art; eszen = Speise, Gericht. Gemeint ist: aus jeder Sorte wird ein gutes Gericht.

Handschrift
Rheinfränkisches Kochbuch (ohne Originaltitel; Ms. germ. fol. 244, fol. 285r-294v)
Folio
Fol. 293v
Sprache
Rheinfränkisch (Mittelhochdeutsch, Mittelrhein, ca. 1445)
Entstehung
Mittelrhein, 1445
CoReMA

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

ein wenig honigeshoney Q10987

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartslag isz durch - roh oder vorgegart

Gewählte Lesart: Der Text nennt kein Vorkochen. Für die Praxis: weiche Früchte wie Kirschen roh durchstreichen, harte wie Schlehen und Mispeln vorher in wenig Wasser weich dünsten und dann passieren.

Andere mögliche Lesart:

  • Alle Früchte roh durchschlagen, wie der Text wörtlich liest. - Wortgetreu, bei harten Schlehen und frischen Mispeln aber praktisch kaum machbar.

Lesartslag isz durch - Werkzeug

Gewählte Lesart: Durch ein Sieb streichen.

Andere mögliche Lesart:

  • Durch ein Tuch streichen. - Der Text nennt kein Gerät; Sieb und Tuch sind beide üblich, das Ergebnis ist eine glatte Masse ohne Steine und Häute.

Lesartein wenig honiges

Gewählte Lesart: Honig nach Geschmack, je nach Frucht: bei Süßkirschen wenig, bei Schlehen und Mispeln deutlich mehr.

Andere mögliche Lesart:

  • „Ein wenig“ wörtlich als kleine Menge für jede Frucht. - Wortgetreu; ergibt bei sauren Früchten wie Schlehen ein sehr herbes Mus.

Lesartbesunder

Gewählte Lesart: „besonders“: aus jeder Sorte wird ein besonders gutes Gericht.

Andere mögliche Lesart:

  • „eigens, jeweils für sich“: jede Fruchtsorte ergibt ein eigenes Gericht, kein Mischmus. - Die Parallelfassung mha-270 sagt von ainem yeglichen ain muosz (von jedem eines) und stützt diese Lesart; beide Bedeutungen sind für besunder möglich.

LesartAufbewahrung

Gewählte Lesart: Der Text sagt nichts zur Haltbarkeit. Für die Praxis: frisch essen oder kühl aufbewahren.

Andere mögliche Lesart:

  • Das dicke Mus als Vorrat aufbewahren. - Nicht belegt: Der Text nennt weder Aufbewahrung noch ein Verfahren zum Haltbarmachen, und mit wenig Honig ist das Mus nicht lagerstabil.

Originalwerk (~1445) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 293v, Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz, Ms. germ. fol. 244 (um 1445), fol. 285r-294v - Public Domain Mark 1.0 (Digitalisierung 2014, gefördert durch DFG) Quelle öffnen
Transkription
Primäre wissenschaftliche Vergleichs-Edition: Böhm, A. & Klug, H. W. (2021): CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages, ms. B1 (Berlin, Staatsbibliothek, Ms. germ. fol. 244). Hyperdiplomatische Transkription, Universität Graz, FWF I 3614, hdl:11471/562.10.1791, CC BY 4.0. Zusätzlich: Thomas Gloning, Sample-Edition (Universität Gießen, rfk1.htm) mit den ersten 5 Rezepten. Volltext-Print-Edition Adelmann/Ehlert/Gloning 1998 (Auer Verlag, ISBN 3-403-03131-4, Tupperware-Stiftungsausgabe, vergriffen). Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
Permalink
https://w3id.org/fyndling/rfk-067
LagerkücheLagerküche
Topf, Feuer und ein Sieb oder Tuch genügen, kein Ofen. Zur Haltbarkeit sagt der Text nichts; frisch gekochtes Mus mit wenig Honig bald essen oder kühl halten.
Alle Rezepte aus Rheinfränkisches Kochbuch Alle Kochbücher

Unsere Übersetzungen mittelalterlicher Rezepte können Fehler enthalten. Fällt dir etwas auf? Schreib uns an feedback@fyndling.de - wir korrigieren gerne und sind für jeden Hinweis dankbar.

Stand dieser Fassung: 01.10.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.