Registrum Coquine quomodo et qualiter preparantur cibaria per integrum annum · Päpstliche Kurie, Rom / Konstanz · 1433
Nimm Taubenküken und lege sie in eine Pfanne mit Speckfett. Decke die Pfanne gut zu und wende die Tauben gelegentlich, bis sie gar sind. Nimm Mandeln und zerstoße sie mit einem Messer. Verrühre rohe Eier mit Verjus. Danach gieße das Fett aus der Pfanne ab und gib Rosenwasser hinzu. Die Mandel-Ei-Verjus-Mischung soll etwas dickflüssig werden. Gieße diese Mischung über die Taubenküken oder Hühner. Dieses Gericht wird gut sein für die Italiener.
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| pipiones | Taubenküken | - | Geflügelhändler | Wachteln oder junge Hähnchen |
| pinguedine lardi | Speckfett | - | - | - |
| amigdala | Mandeln | - | - | - |
| oua cruda | Rohe Eier | - | - | - |
| agresto | Verjus | - | Feinkostladen, Online-Handel | Weißweinessig oder Zitronensaft |
| aquam roseaceam | Rosenwasser | - | Reformhaus, türkischer Supermarkt, Online-Gewürzhandel | - |
Welches Gericht ist das? Gebratene junge Tauben unter einer Mandel-Ei-Sauce, mit Verjus gesäuert und Rosenwasser parfümiert - ein höfisches Geflügelgericht der italienischen Manier, kategorial eine Geflügelfrikassee mit Ei-Bindung statt Mehlschwitze. Das direkte Schwesterrezept derselben Handschrift ist boc-017 (Hähnchen oder Tauben unter einer Ei-Verjus-Gewürzpaste). Die Technik - eine Sauce durch rohes Ei allein mit Resthitze anzudicken, ohne zu kochen - lebt bis heute in der umbrisch-marchigianischen Salsa di Agresto fort, einer Verjus-Sauce zu gebratenem Geflügel und Fleisch.
in pinguedine lardi … cooperi bene - im geschlossenen Topf garen. Die Tauben werden in Speckfett gelegt, die Pfanne gut zugedeckt und das Geflügel gelegentlich gewendet - das ist ein Schmoren im eigenen Dunst, kein scharfes Braten. So bleibt das magere Taubenfleisch saftig.
Die Sauce - Mandeln, rohe Eier, Verjus. Mandeln werden mit dem Messer zerstoßen (pista cum cultello) - das ergibt eine gröbere Masse als im Mörser -, rohe Eier mit Verjus verrührt. Nach dem Garen wird das Bratfett abgegossen, Rosenwasser zugegeben und die Mandel-Ei-Verjus-Mischung soll aliquantulum spissa - etwas dickflüssig - werden: durch sanfte Wärme abseits der direkten Flamme, ständig gerührt, bindet das Ei leicht, ohne zu stocken. Die Säure des Verjus kontert das Speckfett.
Praxis. Tauben (ersatzweise Wachteln oder junge Hähnchen) in Speckfett in einem zugedeckten Topf bei mäßiger Hitze gar schmoren, gelegentlich wenden. Mandeln im Mörser grob zerstoßen, mit verquirlten rohen Eiern und Verjus verrühren. Bratfett abgießen, einen Spritzer Rosenwasser zugeben, die Mandel-Ei-Masse über die noch heißen Tauben gießen und bei sehr niedriger Hitze abseits der Flamme unter ständigem Rühren leicht andicken lassen. Sofort von der Hitze nehmen, sobald sie bindet, und umgehend servieren - nicht kochen, sonst gerinnt das Ei; kein Vorrat und kein Warmhalten.
Taubenküken sind heute eine Spezialität und nicht in jedem Supermarkt erhältlich. Frage bei einem gut sortierten Geflügelhändler oder auf dem Wochenmarkt nach. Alternativ kannst du auch Wachteln oder junge Hähnchen verwenden, die geschmacklich ähnlich sind.
Nur eingeschränkt. Das Schmoren der Tauben im Speckfett ist über offenem Feuer gut machbar. Kritisch ist die Sauce: rohe Eier werden mit Verjus und Mandeln verrührt und nur durch Restwärme leicht angedickt, nicht durchgekocht. Das funktioniert nur, wenn du sie frisch auf Zuruf zubereitest und sofort servierst - für eine Vorproduktion auf Vorrat oder zum Warmhalten in der Warteschlange ist das Rezept nicht geeignet.
Verjus (lateinisch ‚agrestum‘) ist der Saft unreifer Trauben. Er wurde im Mittelalter häufig als mildes Säuerungsmittel in der Küche verwendet, ähnlich wie heute Zitronensaft oder Essig. Du findest ihn in Feinkostläden oder online. Als Ersatz kannst du auch einen milden Weißweinessig oder Zitronensaft verwenden.
Dieses Rezept stammt aus dem Registrum Coquine (Päpstliche Kurie, Rom / Konstanz). Das älteste erhaltene Kochbuch eines namentlich bekannten päpstlichen Küchenmeisters. Johannes von Bockenheim kochte ab 1417 für Papst Martin V.; sein Registrum (~1431-1435) verzeichnet 80 Rezepte mit Angaben, für welche Nationalitäten oder Stände sie geeignet sind - für Italiener, Deutsche, Böhmen, Frauen, Adelige, Söldner, Mönche u.v.m. Das macht es zum einzigen mittelalterlichen Kochbuch mit expliziter Zielgruppenzuordnung.
Die Kopfzeile trägt eine eigene Stands-Zuschreibung - 'für Fürsten und Adlige' - unabhängig von der Nationen-Zuschreibung 'pro Italicis' am Schluss. Bockenheim ordnet dieses Gericht damit zugleich einem sozialen Stand und einem Geschmacksprofil zu.
Junge Tauben (Squabs), das zarte Festtagsgeflügel der gehobenen Küche.
‚decke gut zu und wende sie‘ - die Tauben garen im geschlossenen Topf im eigenen Dunst (Schmoren), nicht im scharfen Braten.
‚zerstoße mit dem Messer‘ - die Mandeln werden mit der Messerklinge zerkleinert; das ergibt eine gröbere Masse als im Mörser, der als heutige Alternative ebenso funktioniert.
Verjus, der Saft unreifer Trauben - das milde Säuerungsmittel der Zeit, kontert hier das Speckfett.
‚etwas dickflüssig‘ - das rohe Ei soll durch sanfte Wärme nur leicht binden, nicht zu einer festen Creme stocken.
‚für die Italiener‘ - eine der Nationen-Zuschreibungen, mit denen Bockenheim seine Rezepte ordnet.
Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.
| amigdala | almond Q184357 |
| oua cruda | chicken egg Q15260613 |
| agresto | verjuice Q1060458 |
| aquam roseaceam | rose water Q900450 |
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
pro Italicis
Gewählte Lesart: ‚für die Italiener‘ - Johannes von Bockenheim versieht zahlreiche Rezepte mit einer Nationen-Zuschreibung. Es bezeichnet das Publikum, dem der Autor das Geschmacksprofil zuschreibt, nicht zwingend die Herkunft des Gerichts.
Ita quod illa temperata fiat aliquantulum spissa - Erwärmung der Sauce
Gewählte Lesart: Die Ei-Mandel-Verjus-Mischung wird nach dem Abgießen des Bratfetts noch einmal sanft erwärmt (sehr niedrige Hitze abseits der Flamme, ständig gerührt), bis sie leicht bindet - so lässt sich eine unzureichend erhitzte rohe Ei-Sauce vermeiden.
Andere mögliche Lesart:
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Stand dieser Fassung: 11.07.2026 - 2-mal überarbeitet. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.