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Fasan oder Kapaun in süßer Sauce für Fürsten und Barone

Registrum Coquine quomodo et qualiter preparantur cibaria per integrum annum · Päpstliche Kurie, Rom / Konstanz · 1433

GeflügelHauptspeise · GeflügelLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 8/10Höfische KücheHofkücheBlancmanger
Zubereitungszeit90 Min.Portionen4-6 PersonenBuchRegistrum Coquine (~1433)

Nimm Fasane oder Kapaune und koche sie, sodass sie ganz bleiben. Danach nimm Pinienmilch und Mandelmehl und koche beides zu einer Art weißer, dickflüssiger Sauce ein. Gib Zucker und Ingwer hinzu, sodass die Sauce zu einem Drittel aus Zucker besteht. Gieße die fertige Sauce über die Fasane oder Kapaune und bestreue sie mit Zimt. Das Gericht wird vorzüglich sein.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
phasanos aut capones Fasan oder Kapaun - Metzger, Wildhändler Huhn
lac pinearum Pinienmilch - Supermarkt (Pflanzenmilch-Regal), Reformhaus Mandelmilch
flores amigdalorum Mandelmehl - Supermarkt, Bio-Laden Fein gemahlene Mandeln
zucaro Zucker - - -
jincibero Ingwer - - -
cinamomum Zimt - - -

Welches Gericht ist das? Ganz gekochtes Geflügel, übergossen mit einer eingekochten, sehr süßen weißen Nussmilch-Sauce - die opulente Adelsvariante (pro principibus et baronibus, „für Fürsten und Barone“) der weit verzweigten Blancmanger-Familie. Anders als bei wes-037, mar-097 und mar-100, wo das Kapaunfleisch zerstoßen und IN die Nussmilch eingearbeitet wird, bleibt der Vogel hier ausdrücklich ganz (manent integre) und wird nur mit der fertigen Sauce übergossen - technisch näher an einem Frikassee (Geflügel ganz gegart, Sauce separat gebunden, übergossen) als an einem echten Blancmanger. mar-041 beschreibt exakt dieselbe Serviervariante („bedecke den Kapaun mit dieser Speise“), men-107 gehört zur selben Blancmanger-Bezugsgruppe wie wes-037.

lac pinearum - Pinienmilch. Statt der üblichen Mandelmilch verwendet Bockenheim hier eine Milch aus Pinienkernen, ähnlich wie Mandelmilch angesetzt - eine besonders feine, harzig-süßliche weiße Sauce und der Luxusakzent dieses Rezepts.

flores amigdalorum - „Mandelblüten“. Der poetische Ausdruck meint im Küchenkontext fein gemahlene Mandeln bzw. Mandelmehl, das die Sauce zusätzlich bindet und sämig macht (spissum, dickflüssig).

Ein Drittel Zucker. Die Anweisung, die Sauce zu einem Drittel aus Zucker zu bestehen, unterstreicht den Status: sehr süße Speisen waren der mittelalterlichen Oberschicht vorbehalten. Ingwer setzt eine wärmende Schärfe dagegen, Zimt obenauf rundet ab.

Praxis. Fasan oder Kapaun (ersatzweise Huhn) ganz weich kochen. Pinienkerne mit etwas Wasser zu einer Milch verarbeiten (oder fertige Mandelmilch nehmen), mit gemahlenen Mandeln aufkochen und gut umrühren, bis die Sauce sämig ist und nicht anbrennt. Reichlich Zucker und etwas Ingwer einrühren - der Zucker darf ruhig dominieren -, die Sauce über das ganze Geflügel gießen und mit Zimt bestreuen.

Was ist 'flores amigdalorum' und wie bereite ich 'lac pinearum' zu?

‚Flores amigdalorum‘ bedeutet Mandelmehl oder sehr fein gemahlene Mandeln. Du kannst es fertig kaufen oder Mandeln selbst sehr fein mahlen. ‚Lac pinearum‘ ist Pinienmilch. Diese kannst du entweder als Pflanzenmilch im Supermarkt kaufen oder selbst herstellen, indem du Pinienkerne mit Wasser pürierst und durch ein Tuch abseihst.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Ja, gut geeignet. Das Geflügel wird einfach im Topf gargekocht, die Nussmilch-Sauce nebenbei in einem zweiten Topf eingekocht - beides ist über offenem Feuer oder auf Glut ohne Ofen oder Kühlung machbar. Die stark gezuckerte Sauce wirkt eher konservierend als verderbfördernd und kann frisch vom Feuer serviert werden.

Was bedeutet die Angabe 'ein Drittel Zucker' im Rezept?

Die Anweisung, dass die Sauce zu einem Drittel aus Zucker bestehen soll, unterstreicht die Vorliebe des mittelalterlichen Adels für sehr süße Speisen. Es bedeutet, dass der Zuckeranteil im fertigen Gericht extrem hoch sein soll, was einen intensiven, luxuriösen Geschmack erzeugt.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Registrum Coquine (Päpstliche Kurie, Rom / Konstanz). Das älteste erhaltene Kochbuch eines namentlich bekannten päpstlichen Küchenmeisters. Johannes von Bockenheim kochte ab 1417 für Papst Martin V.; sein Registrum (~1431-1435) verzeichnet 80 Rezepte mit Angaben, für welche Nationalitäten oder Stände sie geeignet sind - für Italiener, Deutsche, Böhmen, Frauen, Adelige, Söldner, Mönche u.v.m. Das macht es zum einzigen mittelalterlichen Kochbuch mit expliziter Zielgruppenzuordnung.

Aliud ministrum pro principibus et baronibus. Recipe phasanos aut capones, et fac illa bulire, ita quod manent integre. Post hoc recipe lac pinearum, et flores amigdalorum, et fac illa bulire ad modium brodii albi, ita quod erit spissum, cum zucaro et jincibero, ita quod tercia partes erit zucarum. Et mitte totum super phasanos aut capones, et sparge superius cinamomum. Et erit optimum.
lac pinearum

‚Pinienmilch‘ - eine Milch aus zerstoßenen Pinienkernen, ähnlich wie Mandelmilch angesetzt. Statt der sonst üblichen Mandelmilch verwendet Bockenheim hier ausdrücklich Pinienkerne - im gesamten bisher erschlossenen Korpus ist das eine Einzelvariante.

flores amigdalorum

Wörtlich ‚Mandelblüten‘, im Kochkontext aber fein gemahlene Mandeln bzw. Mandelmehl - sie binden die Sauce sämig.

spissum

‚dickflüssig, sämig‘ - die Sauce soll zu einer weißen, gebundenen Konsistenz einkochen.

tercia partes erit zucarum

‚ein Drittel soll Zucker sein‘ - der hohe Zuckeranteil markiert die Speise als Luxusgericht der Oberschicht.

ad modium brodii albi

‚Modium‘ ist wörtlich Akkusativ zu ‚modius‘ (Scheffel, Hohlmaß), im Zusammenhang mit ‚ita quod erit spissum‘ (sodass es dickflüssig wird) ergibt aber nur die Lesart als scribale Variante von ‚modum‘ (Art, Weise) Sinn: „in der Art von weißer Brühe“. Eine Maßangabe wäre hier sinnlos.

Handschrift
Registrum Coquine quomodo et qualiter preparantur cibaria per integrum annum
Folio
fol. 66v
Sprache
Mittellatein (frühes 15. Jh.)
Entstehung
Päpstliche Kurie, Rom / Konstanz, 1433

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

zucarounrefined cane sugar Q57656231
jinciberoginger Q15046077
cinamomumcinnamon Q28165

Originalwerk (~1433) gemeinfrei.

Bildquelle
BnF Ms. Latin 7054, fol. 66v/67r (Gallica ark:/12148/btv1b10035736w, f67) - Domaine public Quelle öffnen
Transkription
Robert Maier (Hg.): Das Registrum Coquine des Johannes von Bockenheim, Monumenta culinaria 3, GEB Gießen 2013 - CC BY-NC-SA 3.0 (urn:nbn:de:hebis:26-opus-93375) Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Am Topf gut machbar: Geflügel weich kochen, die Nussmilch-Sauce daneben sämig einkochen und übergießen. Frisches Geflügel in der Kühlbox transportieren oder morgens am Markttag besorgen.
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Stand dieser Fassung: 11.07.2026 - 2-mal überarbeitet. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.