Registrum Coquine quomodo et qualiter preparantur cibaria per integrum annum · Päpstliche Kurie, Rom / Konstanz · 1433
Nimm Schweineleber mit den anderen Innereien und schneide sie in fingerlange Stücke. Umwickle diese Stücke mit dem Schweinenetz, stecke sie auf einen Bratspieß und brate sie. Nimm danach süße Gewürze mit einer guten, fetten Brühe. Lege die Stücke in eine Schüssel oder auf einen Teller, so dass sie die Brühe nicht berühren, und streue die süßen Gewürze darüber. Dies wird gut sein für Zuhälter und Schlemmer.
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| Iecur porcinum cum aliis intestinis | Schweineleber und andere Innereien | - | Metzger (auf Bestellung) | - |
| rethe porchino | Schweinenetz (Netzfett) | - | Metzger (auf Bestellung) | - |
| speties dulces | Süße Gewürze | - | - | Zimt, Ingwer, Nelke, Muskat, etwas Zucker |
| bono brodio grasso | Gute, fette Brühe | - | - | - |
Welches Gericht ist das? Schweineleber und andere Innereien werden in fingerlange Stücke geteilt, in Schweinenetz gewickelt und am Spieß gebraten - eine frühe Crépinette. Die nächste lebende Verwandtschaft ist die toskanische/umbrische fegatelli-Tradition (Schweineleber in Netz gewickelt, am Spieß oder im Ofen gegart, oft mit Lorbeer); der korsische figatellu trägt zwar denselben Wortstamm, ist aber eine gereifte Wurst im Darm und damit eine entferntere Parallele. Es ist das Schweine-Original, auf das das Hammel-Rezept boc-023 ausdrücklich zurückverweist.
Am nächsten im Verfahren steht Maestro Martinos mar-027: walnussgroße Leberstücke, gewürzt, in Netz gewickelt, am Spieß gegart, nicht übergaren - fast derselbe Ablauf wie hier. Eine zweite, andere Sub-Familie bindet die Leber stattdessen zu einer Farce mit Ei und brät sie in der Pfanne statt am Spieß (Martinos mar-021 und der toskanische ant-080) - verwandtes Prinzip, anderes Verfahren.
Das rethe porchino (Schweinenetz) ist der Kniff: Die dünne, fettdurchzogene Haut hält die losen Innereien-Stücke zusammen, hält sie beim Braten saftig und schmilzt dabei weg.
Serviert wird trocken-gewürzt: Die gebratenen Röllchen kommen in eine Schüssel oder auf einen Teller, ita quod brodium non tangant - so dass sie die fette Brühe nicht berühren. Die Brühe steht getrennt daneben, die speties dulces (süßen Gewürze) werden zum Schluss trocken darübergestreut. So bleibt die Bratkruste knusprig und bekommt eine warme Süßgewürz-Note obenauf.
Praxis. Schweineleber und andere Innereien in fingerlange Stücke schneiden. Die Stücke in Schweinenetz einschlagen und zu Röllchen formen, auf Spieße stecken - da das Original kein Verschnüren erwähnt, lohnt es sich, das Netz großzügig zu überlappen und straff zu wickeln, sonst können die losen Röllchen beim Wenden über dem Feuer aufgehen oder abrutschen. Über glühender Holzkohle am Spieß rundum braten, bis das Netz geschmolzen und die Kruste außen gebräunt ist (praktischer Richtwert: ca. 20-30 Minuten - das Original nennt nur „rösten“, ohne Garprobe oder Zeitangabe). In einer Schüssel oder auf einem Teller anrichten, süße Gewürze (zum Beispiel Zimt, Ingwer, Nelke, Muskat, etwas Zucker) trocken darüberstreuen, eine fette Brühe getrennt danebenstellen.
Netzfett ist Metzgerware und muss fast immer vorbestellt werden. In der modernen Küchenpraxis wird es meist kurz in lauwarmem Wasser (gern mit einem Schuss Essig) eingeweicht, damit es sich gut entfalten und um die Füllung wickeln lässt - das Original erwähnt dieses Einweichen nicht.
Ja. Die in Netzfett gewickelten Innereien-Röllchen werden am Spieß über offenem Feuer gebraten - das passt gut ans Lager. Achte nur darauf, die rohen Innereien und das Netzfett gekühlt zu transportieren oder am Markttag frisch zu besorgen.
Dieses Rezept stammt aus dem Registrum Coquine (Päpstliche Kurie, Rom / Konstanz). Das älteste erhaltene Kochbuch eines namentlich bekannten päpstlichen Küchenmeisters. Johannes von Bockenheim kochte ab 1417 für Papst Martin V.; sein Registrum (~1431-1435) verzeichnet 80 Rezepte mit Angaben, für welche Nationalitäten oder Stände sie geeignet sind - für Italiener, Deutsche, Böhmen, Frauen, Adelige, Söldner, Mönche u.v.m. Das macht es zum einzigen mittelalterlichen Kochbuch mit expliziter Zielgruppenzuordnung.
Lateinisch figatellum, Diminutiv von figatum (Leber). Kleine Leberzubereitungen, hier in Netzfett gewickelt und gebraten - näher an der toskanischen/umbrischen fegatelli-Tradition (Netz-Röllchen am Spieß/Ofen) als am korsischen figatellu, der eine gereifte Wurst im Darm ist.
Das Schweinenetz (Netzfett, Crépine) - die dünne, fettdurchzogene Haut um die Bauchorgane. Sie hält die Innereien-Stücke zusammen, hält sie beim Braten saftig und schmilzt dabei weg (Crépinette-Prinzip).
Süße Gewürze - die warme Mischung aus Zimt, Ingwer, Nelke und Muskat, hier zum Schluss trocken über das gebratene Fleisch gestreut.
‚so dass sie die Brühe nicht berühren‘ - die gebratenen Röllchen sollen knusprig bleiben und nicht in der fetten Brühe aufweichen; die Brühe steht darunter, nicht darüber.
‚für Zuhälter und Schlemmer‘ - eine der spöttisch-derben Ständewidmungen, mit denen Johannes von Bockenheim seine Rezepte sozial verortet. Die Widmung steht im Transkript doppelt (Rubrik und Schlusssatz) und ist damit besonders betont.
Glutto schwankt zwischen neutral-positivem ‚Schlemmer/Gourmand‘ und abwertendem ‚Vielfraß/Fresser‘ (vgl. Grimm: suuelco, glutto, vorago). In Paarung mit leno (Zuhälter) als bewusst abwertende Ständewidmung gemeint - ‚Schlemmer‘ ist hier eine vertretbare, aber tendenziell etwas wohlwollende Übersetzung.
Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.
| Iecur porcinum cum aliis intestinis | liver Q1470283 |
| rethe porchino | caul fat Q662490 |
| speties dulces | spice Q42527 |
| bono brodio grasso | stock Q3075310 |
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
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Stand dieser Fassung: 11.07.2026 - 2-mal überarbeitet. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.