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Neunauge in Galantine

The Forme of Cury · England · 1390

FischHauptspeise · FischLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 9/10FischFastenspeiseHöfische KücheHofküche
Zubereitungszeit90 Min.Portionen2-4 PersonenBuchThe Forme of Cury (~1390)

Nimm Neunaugen und töte sie mit Essig oder Weißwein und Salz. Brühe sie in Wasser ab. Schneide sie ein wenig am Nabel auf und öffne sie dort. Nimm die Eingeweide am Ende heraus. Bewahre das Blut gut auf. Spieße das Neunauge auf einen Spieß. Brate es und bewahre das Bratfett gut auf. Mahle Korinthen. Vermische sie mit Essig, Wein und Brotkrusten. Gib Ingwerpulver, Galgantpulver, Zimtpulver und Nelkenpulver hinzu. Gib auch ganze Korinthen dazu, zusammen mit dem aufgefangenen Blut und dem Bratfett. Koche die Sauce und salze sie, aber koche sie nicht zu dick ein. Nimm das Neunauge vom Spieß, lege es auf eine Servierplatte und gieße die Sauce darüber. Serviere es.

OriginalModern / MengeWo kaufenAlternative
Laumpreys Neunaugen Artenschutz beachten, nicht erhältlich Welsfilet (Zucht)
vynegur Essig - -
white wyne Weißwein - -
salt Salz - -
water Wasser Leitung -
blode Neunaugenblut vom Neunauge selbst (oder der Alternative) -
grece Neunaugenfett vom Neunauge selbst (oder der Alternative) -
raysouns of coraunce Korinthen - -
crustes of brede Brotkrusten - -
powdour of gyngur Ingwerpulver - -
powdour of galyngale Galgantpulver - -
flour of canel Zimtpulver - -
powdour of clowes Nelkenpulver - -

Welches Gericht ist das? Ein am Spieß gebratenes Neunauge unter einer dunklen, dick eingekochten Gewürzsauce - dem galyntine. Trotz des Namens ist das hier keine kalte Sülze, sondern eine warme, mit Brotkrusten und dem aufgefangenen Blut gebundene Sauce in der Art eines mittelalterlichen Pfeffers. Der nächste Verwandte im Korpus ist foc-123 (dieselben Neunaugen in einfacher Galgant-Sauce) und bgs-027a (geröstete Neunaugen in süß-saurer Sauce).

Galyntine - warme Sauce, keine Sülze. Der Begriff geht auf altfranzösisch galantine zurück und konnte beides meinen; in der englischen Hofküche dieser Zeit ist er fast immer die brotgebundene Gewürzsauce, nicht das Gelee. Gebunden wird zeittypisch mit geriebenen Brotkrusten, nicht mit Mehl.

Blut und Bratfett als Würze. Das beim Ausnehmen aufgefangene Blut und das beim Braten abtropfende Fett kommen in die Sauce zurück - das Blut bindet und gibt Tiefe, das Fett trägt Aroma. Dieselbe Logik wie beim Aal- oder Wildpfeffer. Mit Zuchtfilet als Ersatz entfällt beides; die Sauce bindet man dann allein über Brotkrusten und schmeckt sie kräftiger mit Wein und Essig ab.

Praxis. Festen Zuchtfisch (Wels) am Spieß oder in der Pfanne braten. Für die Sauce Korinthen mit eingeweichten Brotkrusten, Essig und Wein fein verreiben, Ingwer, Galgant, Zimt und Nelke dazu, ganze Korinthen einstreuen, kurz aufkochen, salzen - nicht zu dick einkochen. Über den Fisch geben und sofort servieren.

Wo bekomme ich Neunaugen?

Neunaugen sind in Deutschland und der EU streng geschützt (FFH-Richtlinie Anhang II) und dürfen nicht gefangen oder gehandelt werden. Sie sind daher für die moderne Küche nicht erhältlich. Als Alternative könntest du Welsfilet (aus Zucht) verwenden, um eine ähnliche fleischige Textur zu erhalten. Beachte, dass das Blut und das Fett für die Sauce dann von der gewählten Alternative stammen müssten.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Nein, dieses Rezept ist aufgrund der aufwendigen Zubereitung, des Auffangens von Blut und Fett sowie der Schwierigkeit, Neunaugen zu beschaffen, nicht ideal für die Lagerküche. Es erfordert präzise Kochschritte und eine kontrollierte Umgebung.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus 'The Forme of Cury', einer Sammlung von Kochrezepten, die um 1390 für die Köche von König Richard II. von England zusammengestellt wurde. Es ist eine der wichtigsten Quellen für die mittelalterliche englische Küche und spiegelt die Vorlieben des englischen Hofes wider.

Was ist 'Galantine'?

Eine Galantine war im Mittelalter eine Art Sülze oder eine reichhaltige, oft gewürzte Sauce, die zu Fleisch oder Fisch serviert wurde. Der Name leitet sich vom altfranzösischen 'galantine' ab, was ursprünglich eine Gallerte oder eine kalte Speise bezeichnete. In diesem Rezept ist es eine warme, eingekochte Gewürzsauce.

LAUMPREYS IN GALYNTYNE. XX.VI Take Laumpreys and sle hem with vynegur oþer with white wyne & salt, scalde hem in water. slyt hem a litel at þer nauel.... & rest a litel at the nauel. take out the guttes at the ende. kepe wele the blode. put the Laumprey on a spyt. roost hym & kepe wel the grece. grynde raysouns of coraunce. hym up with vyneger. wyne. and crustes of brede. do þerto powdour of gyngur. of galyngale . flour of canel. powdour of clowes, and do þerto raisouns of coraunce hoole. with þe blode & þe grece. seeþ it & salt it, boile it not to stondyng, take up the Laumprey do hym in a chargeour , & lay þe sewe onoward, & serue hym forth. sle. slay, kill. hym up. A word seems omitted; _drawe_ or _lye_. of galyngale, i. e. powder. V. No. 101. Chargeour. charger or dish. V. No. 127.
Galyntyne

Hier eine warme, mit Brotkrusten und Blut gebundene Gewürzsauce - keine kalte Sülze.

kepe wele the blode

Das Blut sorgfältig auffangen - es bindet die Sauce und gibt ihr Tiefe.

kepe wel the grece

Das beim Braten abtropfende Fett aufheben; es kommt als Aromaträger in die Sauce zurück.

raysouns of coraunce

Korinthen, kleine getrocknete Weinbeeren.

crustes of brede

Geriebene Brotkrusten als zeittypisches Bindemittel.

stondyng

Dickflüssig, fest stehend - hier ausdrücklich nicht erwünscht ('boile it not to stondyng').

Handschrift
The Forme of Cury
Folio
Fol. 62 verso
Sprache
Mittelenglisch
Entstehung
England, 1390

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartrest a litel at the nauel

Gewählte Lesart: Den Fisch ein wenig am Bauch öffnen, um anschließend die Eingeweide zu entnehmen.

Andere mögliche Lesart:

  • Ein kurzes Ruhenlassen nach dem Aufschneiden. - Der Pegge-Druck doppelt hier 'slyt ... at þer nauel' und 'rest a litel at the nauel'; vermutlich liegt ein Abschreibfehler vor. Im Arbeitsablauf - aufschneiden, öffnen, ausnehmen - meint die Stelle das Öffnen der Bauchseite.

Lesarthym up

Gewählte Lesart: Die gemahlenen Korinthen mit Essig, Wein und Brotkrusten zur Sauce verarbeiten.

Andere mögliche Lesart:

  • 'drawe' (durchpassieren) statt mischen. - Pegge vermerkt ein fehlendes Verb und schlägt 'drawe' oder 'lye' vor. Beide laufen auf dasselbe hinaus: die Zutaten zu einer gebundenen Sauce zusammenführen; ob dabei zusätzlich passiert wird, lässt der Text offen.

Originalwerk (~1390) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 62 verso, The University of Manchester Library, English MS 7 (John Rylands Library)
Transkription
Project Gutenberg - The Forme of Cury (ed. Samuel Pegge, 1780) Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Der Spießbraten und die eingekochte Gewürzsauce sind am Feuer gut machbar. In der Praxis ist das Gericht aber ein Kuriosum: Neunaugen sind streng geschützt und nicht erhältlich, und mit der Ersatzzutat (Zuchtfilet) fehlen Blut und Bratfett, die im Original Sauce binden und würzen.
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