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Hirschmark-Pastete

Kogebog / Libellus de arte coquinaria · Dänemark · 1300

WildHauptspeise · WildLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 8/10Höfische KücheHofküche
Zubereitungszeit120 Min.Portionen4-6 PersonenBuchKogebog (Harpestreng-Handschrift NKS 66) (~1300)

Siede die Hirschknochen und lasse sie erkalten. Zerschlage sie dann und löse das Mark heraus.

Bereite einen festen Teig aus weißem Mehl und kaltem Wasser - eine Pastetenkruste in der Art des nordischen 14. Jahrhunderts, dicht und stabil. Würze das Hirschmark mit Salz, Pfeffer und Zimt.

Hülle das gewürzte Mark in den Teig und forme daraus eine Pastete. Backe sie im Ofen.

OriginalModern / MengeWo kaufenAlternative
hiortæ been Hirschknochen (zur Mark-Gewinnung) Metzger, Wildhändler -
hwe te miæl Weißes Mehl (für den Pastetenteig) - -
kalt watn Kaltes Wasser (für den Pastetenteig) Leitung -
salt Salz (für die Füllung) - -
pipær Pfeffer (für die Füllung) - -
kaniæl Zimt (für die Füllung) - -
marghæn til af the been Hirschmark - die eigentliche Füllung Metzger, Wildhändler -

Welches Gericht ist das? Eine höfische Mark-Pastete: Hirschknochenmark, mit Pfeffer und Zimt gewürzt, in einen festen Teigmantel gehüllt und im Ofen gebacken. Es ist die nordische Variante der mark- und fettgefüllten Festtagspasteten, die quer durch den Korpus laufen (mar-148 „Aalpâté im Teigmantel“, ant-068 „Forellenpastete“, foc-160 „Pastete mit Schweinefleisch und Vögeln“).

Marghæn af the been („Mark aus den Knochen“): Hirsch- oder Rinderröhrenknochen werden gesiedet, abgekühlt, dann aufgeschlagen und das Mark herausgelöst. Mark ist ein Luxusfett - weich, reichhaltig, im Mittelalter hoch geschätzt als Füllung.

Degh af hwete miæl oc kalt watn („Teig aus Weizenmehl und kaltem Wasser“): ein fester, magerer Teig - die Pastetenhülle (pastel), nicht der eigentliche Genuss. Vergleichbar dem englischen hot water crust: dicht und stabil genug, um die fette Füllung beim Backen zu halten.

Latæ thær til … latæ marghæn til („tue dazu“): der Originaltext sagt nicht ausdrücklich, ob Salz/Pfeffer/Zimt in den Teig oder in die Füllung gehören. Kulinarisch wie historisch ist die Trennung eindeutig: Teig = nur Mehl/Wasser/etwas Salz als Hülle, Mark = die gewürzte Füllung. Mark direkt in den Teig gemischt ergäbe eine fettige, brüchige Kruste ohne Schutz - keine Pastete mehr, sondern ein Mark-Brot.

Praxis. Knochen 1-2 Stunden auskochen, abkühlen lassen, aufschlagen, Mark herauslösen, mit Salz, Pfeffer und Zimt würzen. Aus Weizenmehl und kaltem Wasser einen festen Teig kneten, ausrollen, die Mark-Füllung mittig setzen, einschlagen und gut verschließen (oben ein Loch für den Dampf). Bei 180-200 °C Ober-/Unterhitze backen, bis die Kruste fest und goldbraun ist. Kalt als Tafelware servieren.

Wo bekomme ich Hirschknochen und Hirschmark?

Hirschknochen und Hirschmark kannst du am besten bei einem Wildhändler oder einem gut sortierten Metzger vorbestellen. Manchmal sind sie auch online erhältlich.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Nein, nicht in der klassischen Form - ein ordentlicher Pastetenmantel braucht den Backofen bei 180-200°C mit Unter- und Oberhitze. Im Dutch Oven über offenem Feuer wird die Kruste ungleichmäßig (oben pappig, unten verbrannt). Zu Hause backen, kalt mit ins Lager bringen - eine Hirschmark-Pastete ist als kalte Festtags-Tafelware gedacht und schmeckt am nächsten Tag oft sogar noch besser. Für die Pastetenkonstruktion mit Mark-Füllung im Teigmantel siehe auch das ausführliche Rezept mar-148 (Aalpâté im Teigmantel) im selben Korpus.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus der Harpestreng-Handschrift NKS 66, 8vo, die um 1300 in Dänemark entstand und in der Königlichen Bibliothek Kopenhagen aufbewahrt wird. Sie gilt als die älteste nordeuropäische Kochbuchquelle.

Was bedeutet der lateinische Rezepttitel?

Der lateinische Titel ‚Quomodo conficiatur pastellum de medullis ceruorum' bedeutet übersetzt ‚Wie eine Pastete aus Hirschmark zubereitet wird'.

Quomodo conficiatur pastellum de medullis ceruorum Man skal siuthæ hiortæ been oc sla them syndær thawær the æræ kaldæ. oc gøræ en degh af hwe te miæl. oc kalt watn. oc latæ thær til salt oc pipær. oc kaniæl. oc latæ marghæn til af the been oc gør thær af en pastel oc bakæ .i. en houæn.
Handschrift
Kogebog / Libellus de arte coquinaria
Folio
Fol. 145r
Sprache
Altdänisch (ca. 1300)
Entstehung
Dänemark, 1300

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartlatæ thær til … latæ marghæn til

Gewählte Lesart: Das altdänische ‚latæ til‘ (‚tue dazu‘) hat hier kein klares Antezedens - der Originaltext sagt nicht explizit, ob Salz/Pfeffer/Zimt und das Mark in den Teig oder in die Füllung gehören. Die kulinarisch und historisch wahrscheinliche Lesart ist die klassische Pasteten-Konstruktion: Teig ist die Hülle (nur Mehl, Wasser, ggf. etwas Salz - vergleichbar dem englischen hot water crust), Mark ist die luxuriöse Füllung (mit Pfeffer und Zimt gewürzt). Mark direkt in den Teig gemischt würde eine fettige, brüchige Kruste ergeben - und ‚Mark-Pastete‘ ist als höfisches Festtagsgericht (Tag hofkueche) explizit eine Füllung-im-Teig-Konstruktion. Vergleiche analoge Pasteten im Korpus: mar-148 (Aalpâté im Teigmantel) und ant-068 (Forellenpastete) folgen demselben Schema - Füllung würzen, Teig ausrollen, Füllung einhüllen, im Ofen backen.

Andere mögliche Lesart:

  • Wörtliche Lesart: alle ‚latæ til‘-Zutaten gehen in den Teig, es entsteht ein einziger gewürzter Mark-Mehl-Teig der zu einer Pastete geformt wird. - Grammatikalisch möglich, aber kulinarisch unhaltbar: Mark im Teig macht eine instabile, fettige Kruste ohne Schutz für die Füllung. ‚Pastete‘ in der nordischen wie italienischen Tradition des 13./14. Jh. meint stets Teighülle + Füllung. Ohne klare Trennung wäre das Rezept ein Mark-Brot, keine Pastete.

Originalwerk (~1300) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 145r, Det Kongelige Bibliotek Kopenhagen, NKS 66, 8vo (ca. 1300), Public Domain
Transkription
Tekstnet.dk / DSL - Diplomatische Transkription nach NKS 66, 8vo. Ed. Jonathan Adams & Ebba Hjorth (2006) Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Nicht für die Lagerküche - ein ordentlicher Pastetenmantel braucht den geregelten Backofen. Im Dutch Oven über offenem Feuer wird die Kruste ungleichmäßig. Zuhause backen, kalt mitnehmen.
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