Kogebog / Libellus de arte coquinaria · Dänemark · 1300
Siede die Hirschknochen und lasse sie erkalten. Zerschlage sie dann und löse das Mark heraus.
Bereite einen festen Teig aus weißem Mehl und kaltem Wasser - eine Pastetenkruste in der Art des nordischen 14. Jahrhunderts, dicht und stabil. Würze das Hirschmark mit Salz, Pfeffer und Zimt.
Hülle das gewürzte Mark in den Teig und forme daraus eine Pastete. Backe sie im Ofen.
| Original | Modern / Menge | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|
| hiortæ been | Hirschknochen (zur Mark-Gewinnung) | Metzger, Wildhändler | - |
| hwe te miæl | Weißes Mehl (für den Pastetenteig) | - | - |
| kalt watn | Kaltes Wasser (für den Pastetenteig) | Leitung | - |
| salt | Salz (für die Füllung) | - | - |
| pipær | Pfeffer (für die Füllung) | - | - |
| kaniæl | Zimt (für die Füllung) | - | - |
| marghæn til af the been | Hirschmark - die eigentliche Füllung | Metzger, Wildhändler | - |
Welches Gericht ist das? Eine höfische Mark-Pastete: Hirschknochenmark, mit Pfeffer und Zimt gewürzt, in einen festen Teigmantel gehüllt und im Ofen gebacken. Es ist die nordische Variante der mark- und fettgefüllten Festtagspasteten, die quer durch den Korpus laufen (mar-148 „Aalpâté im Teigmantel“, ant-068 „Forellenpastete“, foc-160 „Pastete mit Schweinefleisch und Vögeln“).
Marghæn af the been („Mark aus den Knochen“): Hirsch- oder Rinderröhrenknochen werden gesiedet, abgekühlt, dann aufgeschlagen und das Mark herausgelöst. Mark ist ein Luxusfett - weich, reichhaltig, im Mittelalter hoch geschätzt als Füllung.
Degh af hwete miæl oc kalt watn („Teig aus Weizenmehl und kaltem Wasser“): ein fester, magerer Teig - die Pastetenhülle (pastel), nicht der eigentliche Genuss. Vergleichbar dem englischen hot water crust: dicht und stabil genug, um die fette Füllung beim Backen zu halten.
Latæ thær til … latæ marghæn til („tue dazu“): der Originaltext sagt nicht ausdrücklich, ob Salz/Pfeffer/Zimt in den Teig oder in die Füllung gehören. Kulinarisch wie historisch ist die Trennung eindeutig: Teig = nur Mehl/Wasser/etwas Salz als Hülle, Mark = die gewürzte Füllung. Mark direkt in den Teig gemischt ergäbe eine fettige, brüchige Kruste ohne Schutz - keine Pastete mehr, sondern ein Mark-Brot.
Praxis. Knochen 1-2 Stunden auskochen, abkühlen lassen, aufschlagen, Mark herauslösen, mit Salz, Pfeffer und Zimt würzen. Aus Weizenmehl und kaltem Wasser einen festen Teig kneten, ausrollen, die Mark-Füllung mittig setzen, einschlagen und gut verschließen (oben ein Loch für den Dampf). Bei 180-200 °C Ober-/Unterhitze backen, bis die Kruste fest und goldbraun ist. Kalt als Tafelware servieren.
Hirschknochen und Hirschmark kannst du am besten bei einem Wildhändler oder einem gut sortierten Metzger vorbestellen. Manchmal sind sie auch online erhältlich.
Nein, nicht in der klassischen Form - ein ordentlicher Pastetenmantel braucht den Backofen bei 180-200°C mit Unter- und Oberhitze. Im Dutch Oven über offenem Feuer wird die Kruste ungleichmäßig (oben pappig, unten verbrannt). Zu Hause backen, kalt mit ins Lager bringen - eine Hirschmark-Pastete ist als kalte Festtags-Tafelware gedacht und schmeckt am nächsten Tag oft sogar noch besser. Für die Pastetenkonstruktion mit Mark-Füllung im Teigmantel siehe auch das ausführliche Rezept mar-148 (Aalpâté im Teigmantel) im selben Korpus.
Dieses Rezept stammt aus der Harpestreng-Handschrift NKS 66, 8vo, die um 1300 in Dänemark entstand und in der Königlichen Bibliothek Kopenhagen aufbewahrt wird. Sie gilt als die älteste nordeuropäische Kochbuchquelle.
Der lateinische Titel ‚Quomodo conficiatur pastellum de medullis ceruorum' bedeutet übersetzt ‚Wie eine Pastete aus Hirschmark zubereitet wird'.
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
latæ thær til … latæ marghæn til
Gewählte Lesart: Das altdänische ‚latæ til‘ (‚tue dazu‘) hat hier kein klares Antezedens - der Originaltext sagt nicht explizit, ob Salz/Pfeffer/Zimt und das Mark in den Teig oder in die Füllung gehören. Die kulinarisch und historisch wahrscheinliche Lesart ist die klassische Pasteten-Konstruktion: Teig ist die Hülle (nur Mehl, Wasser, ggf. etwas Salz - vergleichbar dem englischen hot water crust), Mark ist die luxuriöse Füllung (mit Pfeffer und Zimt gewürzt). Mark direkt in den Teig gemischt würde eine fettige, brüchige Kruste ergeben - und ‚Mark-Pastete‘ ist als höfisches Festtagsgericht (Tag hofkueche) explizit eine Füllung-im-Teig-Konstruktion. Vergleiche analoge Pasteten im Korpus: mar-148 (Aalpâté im Teigmantel) und ant-068 (Forellenpastete) folgen demselben Schema - Füllung würzen, Teig ausrollen, Füllung einhüllen, im Ofen backen.
Andere mögliche Lesart:
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