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Birnen einlegen, dörren und als Feigenersatz kochen

Koch vnd Kellermeysterey von allen Speisen vnd Getrencken · Frankfurt am Main · 1574

RezeptSonstigesLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumEinfachKorrekturBearbeitungsstand 8/10Bürgerliche KücheBürgerlichVegetarischVegetarisch
Zubereitungszeit30 Min.PortionenVorratsmengeBuchKoch und Kellermeisterei (~1574)

Über Birnen.

Wurzeln, Blätter und Früchte des Birnbaums haben viel Kraft. Gekochte Birnbaumblätter heilen Wunden. Die Kerne, zerstoßen und auf nüchternen Magen genommen, vertreiben Leberweh. Man legt Birnen ein, so wie man es mit Trauben, Äpfeln, Pflaumen, Pfirsichen und Quitten tut.

Mehlbirnen, Eschenbacher Birnen, Wasserbirnen, Kolbirnen oder Schmalzbirnen sollst du in einem Backofen gut dörren und übers Jahr aufbewahren. Willst du sie kochen, so putze und entstiele sie sauber in warmem Wasser und lass sie abtropfen. Wer sie in Wein kocht und zu Feigen in ein Gericht legt, dem dienen sie wie Feigen.

OriginalModern / MengeWo kaufenAlternative
Bierbeumen wurtzelen Birnbaumwurzeln - -
bletter Birnbaumblätter - -
frücht Birnen - -
Kern Birnenkerne - -
Treublin Trauben - -
Opffel Äpfel - -
Pflaumen Pflaumen - -
Pfirsing Pfirsiche - -
Quitten Quitten - -
Mehlbiern/ Eschenbachrin/ Wasserbiern/ Kolbiern/ oder Schmaltzbiern Verschiedene Birnensorten (z.B. Mehlbirnen, Eschenbacher Birnen, Wasserbirnen, Kolbirnen, Schmalzbirnen) Wochenmarkt, Bio-Laden Handelsübliche Dörrbirnen oder andere feste Birnensorten
warmen Wasser Warmes Wasser Leitung -
Wein Wein (z.B. Weißwein) - -
Feigen Getrocknete Feigen - -

Welches Gericht ist das? Kein einzelnes Gericht, sondern ein Vorrats- und Verwendungskapitel über die Birne - mit einem kurzen Heilkunde-Vorspann, einer Einlege-Notiz und der eigentlichen Praxis: Birnen dörren, übers Jahr lagern und bei Bedarf in Wein als Feigenersatz kochen. Die Fortsetzung steht im nächsten Rezept (kkm-040), das aus genau diesen Dörrbirnen Küchlein und Brotpfeffer macht.

Birnensorten. Mehlbiern, Eschenbachrin, Wasserbiern, Kolbiern, Schmaltzbiern sind alte, oft feste Lager- und Kochbirnen - die historischen Namen muss man nicht nachjagen; jede feste, gut trocknende Birne tut es. Mehl- und Schmalzbirnen meinen die mürbe bzw. ölig-weiche Reifebeschaffenheit, nicht Zutaten.

Dörren als Konservierung. Im Backofen (nach dem Brotbacken in der Restwärme) wurden die Birnen langsam getrocknet und hielten so übers Jahr. Vor dem Kochen werden sie in warmem Wasser gewässert, geputzt und entstielt - also rehydriert.

Feigenersatz. Die Pointe: in Wein gekocht und zu Feigen ins Gericht gegeben, dienen sie wie Feigen. Importierte Feigen waren teuer; die heimische Dörrbirne liefert ähnliche Süße und Bissfestigkeit - dieselbe Sparlogik trägt der Brotpfeffer in kkm-040.

Praxis. Feste Birnen schälen/halbieren und bei niedriger Temperatur (Backofen ~60-70 °C, Dörrgerät oder Restwärme) trocknen. Zum Verwenden in warmem Wasser einweichen, putzen, entstielen, abtropfen lassen und in Wein weichkochen; dann wie Dörrfeigen in Kompott- oder Fruchtgerichte geben.

Was bedeutet 'Biern' im Rezept?

Im Frühneuhochdeutschen, der Sprache dieses Rezepts, ist 'Biern' ein sogenannter 'falscher Freund' und bedeutet Birnen, nicht das alkoholische Getränk Bier. Der Kontext mit anderen Früchten wie Äpfeln und Pflaumen bestätigt dies eindeutig.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Ja, dieses Rezept ist hervorragend für die Lagerküche geeignet. Das Dörren von Birnen ist eine traditionelle Konservierungsmethode, die gut über offenem Feuer oder in einem Lehmofen durchgeführt werden kann. Bereits getrocknete Birnen lassen sich leicht transportieren und am Lager bei Bedarf in warmem Wasser rehydrieren und in Wein kochen.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Werk 'Koch und Kellermeisterei', das um 1574 in Frankfurt am Main veröffentlicht wurde. Es ist ein typisches Beispiel für ein frühneuzeitliches Kochbuch, das neben kulinarischen Anweisungen oft auch medizinische oder haushalterische Ratschläge enthielt.

Was bedeutet 'stilet' im Zusammenhang mit Birnen?

'Stilet' bedeutet hier, die Birnen zu entstielen und zu säubern. Nach dem Rehydrieren in warmem Wasser werden die Birnen von ihren Stielen befreit und gegebenenfalls von Kerngehäusen oder unschönen Stellen gereinigt, bevor sie weiterverarbeitet werden.

Von Bieren. Bierbeumen wurtzelen/ bletter vnd frücht/ haben viel krafft. Gesotten Bierbaumen bletter/ heilen Wunden. Die Kern gestossen vnd nüchtern genützt/ vertreibt Leberwehe. Man macht Biern ein wie Treublin/ Opffel/ Pflaumen/ Pfirsing vnd Quitten. Mehlbiern/ Eschenbachrin/ Wasserbiern/ Kolbiern/ oder Schmaltzbiern/ wol gederret in einem Backofen/ vnd die behalten vber jar/ So man die Kochen wil/ seubert vnd stilet man sie sauber in warmen Wasser/ vnd lest sie ertrucknen. Wer sie in Wein seud/ vnd zu Feigen legt in ein Essen/ sie schützen als Feigen.
Biern / Bierbeumen

Birnen / Birnbaum (fnhd.) - nicht das Getränk Bier; der Frucht-Kontext ist eindeutig.

Treublin

kleine Trauben (Diminutiv) - hier als eingelegtes Obst genannt.

gederret

gedörrt, getrocknet.

stilet

entstielen, von den Stielen befreien.

ertrucknen

abtropfen/abtrocknen lassen.

schützen als Feigen

dienen/taugen als Feigen - die gedörrten Birnen ersetzen die teuren Importfeigen.

Handschrift
Koch vnd Kellermeysterey von allen Speisen vnd Getrencken
Sprache
Frühneuhochdeutsch
Entstehung
Frankfurt am Main, 1574

Originalwerk (~1574) gemeinfrei.

Bildquelle
Koch und Kellermeisterei, S. 025
Transkription
Uni Giessen (Gloning, Digitale Edition 2000) Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Das Dörren selbst verlangt im Original einen Backofen; am Lager geht es ersatzweise langsam über schwacher Glut, an der Wärme der Feuerstelle oder an der Sonne (Geduld). Bequemer: fertige Dörrbirnen mitbringen. Das Wässern, Putzen und Kochen in Wein ist am Topf über dem Feuer problemlos.
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