München, Bayerische Staatsbibliothek, Cgm 5919 · Regensburg, Bayern · 1505
Nimm gekochtes Fleisch, gehackte Eier und Mehl. Menge das mit dem besten Kraut, das du hast, gut zusammen und forme kleine Kugeln daraus. Zieh die Kugeln durch einen Eierteig und backe sie gut in heißem Schmalz. Die so gebackenen Bällchen kannst du [Rest der Quelle unklar] auftragen.
| Original | Modern / Menge | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|
| gesotten fleisch | Gekochtes Fleisch | Metzger | - |
| gehackty ayr | Gehackte Eier | - | - |
| mel | Mehl | - | - |
| kraut | Kraut | Wochenmarkt | Frische Kräuter wie Petersilie oder Salbei |
| ain ayr tag taig | Eierteig | - | - |
| haissen samltz | Schmalz | - | Butterschmalz oder neutrales Bratöl |
Welches Gericht ist das? Ein gebackenes Fleischbällchen im Eierteig - aus gekochtem (übrig gebliebenem) Fleisch, hartgekochten gehackten Eiern und etwas Mehl wird eine bindefähige Masse gemengt, zu Kugeln geformt, durch Eierteig gezogen und in heißem Schmalz schwimmend ausgebacken. Das lebt heute noch in jedem panierten, frittierten Bällchen weiter und ist ein klassisches Stück mittelalterlicher Resteküche. Direkter Zwilling ist mha-227 ("knofflach von fleisch") aus der Schwesterhandschrift - nahezu derselbe Wortlaut -, ebenso die englische Pomme-Dorryes-Familie foc-175.
Das Wort kendlein in der Rubrik bezeichnet die kleinen geformten Gebilde. Der Zwilling mha-227 redet von "kugel vnd knofflach" (kugel- bzw. knollenförmig geformte Bällchen); kendlein ist plausibel das Diminutiv dazu. Mangels deutscher Eich-Edition zu Cgm 5919 bleibt die genaue Form offen, gemeint sind aber eindeutig kleine, von Hand geformte Klößchen/Bällchen.
Der Schlusssatz dy pallenn mach thu mit aller hawt pratten gewen ist der schwierigste Punkt und auf dem Scan eigens mit "?!" markiert. Der Zwilling mha-227 endet parallel mit "das magstu geben mit welherlaj das ist praten" - also ein Serviervorschlag ("das kannst du mit jeglichem Braten reichen"). Bei der dokumentierten bairischen Lautregel dieses Schreibers (b für w/v) ist gewen sehr wahrscheinlich "geben" (auftragen/servieren), kein eigenes Brat-Verb. mit aller hawt bleibt unsicher - möglich "samt ganzer (knuspriger) Kruste" oder eine Verschreibung. Wir geben den Satz daher nicht als feste Koch-Anweisung wieder.
kraut meint hier nach Ausweis beider Parallelen (mha-227, Folio-Nachbar m5919-072) am ehesten die besten frischen Küchenkräuter (Petersilie, Salbei, Majoran); im englischen Pomme-Dorryes-Rezept steht an gleicher Stelle allerdings Gewürz/Zucker, daher ist auch eine Lesart als allgemeine Würzung nicht ausgeschlossen.
Praxis. Richtwerte: ca. 300 g gekochtes Fleisch sehr fein hacken, mit 3 hartgekochten, fein gehackten Eiern und 2-3 EL Mehl als Bindung mischen, 2 EL gehackte Kräuter, Salz und Pfeffer dazu. Die Masse feucht, aber formbar verkneten und zu walnussgroßen Kugeln drehen. Wichtig: die gehackten Eier IN der Masse sind gekocht - die Eier für die HÜLLE sind roh. Für den Eierteig 2 rohe Eier mit 2-3 EL Mehl glattrühren, die Bällchen darin wenden. In 160-170 °C heißem Schmalz (oder neutralem Bratöl) schwimmend in 4-6 Minuten goldbraun ausbacken; das Fett muss heiß genug sein, sonst saugt der Teig. Erst ein Probebällchen testen.
Eine offene Formulierung, die dem Koch Freiheit lässt. Nach den verwandten Rezepten sind am ehesten frische Küchenkräuter wie Petersilie, Salbei oder Majoran gemeint, die gut zu Fleisch und Eiern passen. Wähle, was dir am besten schmeckt und verfügbar ist.
Ja. Die Zubereitung ist in etwa 45 Minuten am offenen Feuer oder auf einem Kocher möglich. Gekochtes Fleisch und Eier können vorgekocht und gekühlt mitgebracht werden, frische Kräuter sind auf dem Markt leicht erhältlich.
Aus dem ‚Regensburger Kochbuch‘ (Cgm 5919), das um 1500-1510 in Regensburg verfasst wurde - ein Beispiel für die gehobene bürgerliche Küche dieser Zeit in Mittelbayern.
Diese Stelle ist unsicher und auf dem Scan eigens markiert. Der nahezu wortgleiche Zwilling in der Schwesterhandschrift (mha-227) endet mit einem Serviervorschlag (‚das kannst du mit jeglichem Braten reichen‘). ‚gewen‘ ist beim bairischen Schreiber wahrscheinlich ‚geben‘ (auftragen). Praktisch heißt das: einfach goldbraun und knusprig ausbacken und auftragen - die wörtliche ‚Haut‘-Lesart bleibt offen.
Eine Rubrik- oder Kopfformel, die den Leser aufmerksam machen soll, hier also ‚Merke!‘ oder ‚Beachte!‘. Kein Bestandteil des Rezepts selbst.
Im Frühneuhochdeutschen ein allgemeiner Begriff für ‚Pflanze‘ bzw. ‚Würzkraut‘. Nach den Parallelen mha-227 und m5919-072 sind hier am ehesten die besten frischen Küchenkräuter (Petersilie, Salbei, Majoran) gemeint; eine Lesart als allgemeine Würzung ist nicht ausgeschlossen.
Auf dem Scan eigens mit ‚?!‘ markiert. Der fast wortgleiche Zwilling mha-227 endet mit ‚das magstu geben mit welherlaj das ist praten‘ - einem Serviervorschlag. Nach der bairischen Lautregel dieses Schreibers (b für w/v) ist ‚gewen‘ wahrscheinlich ‚geben‘ (auftragen/servieren). ‚mit aller hawt‘ bleibt unsicher (evtl. ‚samt ganzer knuspriger Kruste‘ oder Verschreibung); mangels deutscher Eich-Edition als unsichere Stelle zu werten.
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
kendlein
Gewählte Lesart: ‚Kendlein‘ bezeichnet die kleinen, von Hand geformten Klößchen/Bällchen der Speise. Der Zwilling mha-227 redet bei identischer Machart von ‚kugel vnd knofflach‘ (kugel- bzw. knollenförmige Gebilde); ‚kendlein‘ ist plausibel das Diminutiv dazu.
Andere mögliche Lesart:
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