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Eierblatt für Pasteten und Krapfen

München, Bayerische Staatsbibliothek, Cgm 5919 · Regensburg, Bayern · 1505

BeilageBeilageLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumAufwändigKorrekturBearbeitungsstand 9/10Höfische KücheHofkücheVegetarischVegetarisch
Zubereitungszeit45 Min.Portionen1 PastetenblattBuchRegensburger Kochbuch (Cgm 5919) (~1505)

Mache ein Blatt aus zwei Eiern. Nimm das doberis und mache es mit siedendem Wasser so dünn, dass es kleben kann. Klebe es auf ein Blatt an vier Enden, überzwerch (über Kreuz), und binde es zusammen. Ziehe es durch einen Eierteig mit einer Walze, sodass es dünn wird, doch in der Dicke eines Halms und so breit wie ein Kuchen.

OriginalModern / MengeWo kaufenAlternative
zwain ayr 2 Eier - -
das doberis doberis - verquirltes Ei als essbarer Kleber
siedentem wasser Siedendes Wasser Leitung -
ain ayr taig Eierteig - -

Welches Gericht ist das? Kein eigenständiges Gericht, sondern ein Halbzeug: ein hauchdünnes, in der Pfanne gebackenes Eierblatt, aus dem eine dünne Hülle für Pasteten oder Krapfen entsteht. Moderne lebende Verwandtschaft ist die Welt der dünnen Hüllteige - vom süddeutsch-österreichischen Strudelblatt bis zum Yufka/Filo: feine Blätter, die geschichtet und verbunden werden. Der Twin ri15632-054 ("czogens pachen") zeigt dieselbe Grundidee: erst ein dünnes Eierblatt backen, dann weiterverarbeiten.

Das plat von zwain ayr. Anders als "auswalzen" zunächst nahelegt, ist das Ausgangsblatt kein gerollter Mehlteig, sondern ein Eier-Flädle: zwei Eier verquirlen, in eine heiße, mit etwas Schmalz ausgeschwenkte Pfanne gießen und durch Schwenken hauchdünn über den Boden laufen lassen, bis es gerade stockt. So entsteht das "in der Dicke eines Halms" dünne Blatt. Mehrere davon backen.

Das doberis als Kleber. Die offene Stelle: "doberis" ist eine Seite zuvor (m5919-083) als eingekochtes Apfel-Honig-Kondiment benannt. Mit siedendem Wasser wird es so weit verdünnt, dass es als süß-klebrige, essbare Klebemasse dient. Wer das Kondiment nicht zur Hand hat, nimmt - wie im Nachbarrezept m5919-085 - verquirltes Ei als Kleber; der Effekt (Ränder verschließen, Blätter verbinden) ist derselbe.

Praxis. Backe mehrere dünne Eierblätter. Bestreiche die Ränder mit dem verdünnten Doberis (oder mit verquirltem Ei) und füge die Blätter an den vier Enden überzwerch (über Kreuz) zu einer größeren, tragfähigen Fläche zusammen, sodass eine durchgehende Hülle entsteht. Diese Hülle kann anschließend, wie im Twin, durch einen lockeren Eierteig gezogen und ausgebacken oder direkt als Pasteten-/Krapfenhülle gefüllt werden. Geduld beim Verbinden zahlt sich aus - reißt ein Blatt, einfach ein weiteres überlappend ankleben.

Was ist dieses "Eierblatt" und wofür wird es verwendet?

Es ist ein hauchdünnes, in der Pfanne gebackenes Eierblatt (ein sehr feiner Eier-Flädle). Mehrere solcher Blätter werden zu einer größeren, dünnen Hülle für Pasteten oder Krapfen zusammengefügt. Das Können, ein Blatt so fein wie einen Grashalm hinzubekommen, galt als Zeichen gehobener Kochkunst.

Was bedeutet "nimm das doberis"?

Das ist die offene Stelle des Rezepts. "Doberis" ist im selben Buch eine Seite vorher (Rezept m5919-083) als Eigenname eines eingekochten Apfel-Honig-Kondiments festgelegt, das ausdrücklich zum Krapfenbacken empfohlen wird. Vermutlich ist genau dieses süß-klebrige Mus gemeint, das mit siedendem Wasser zur essbaren Klebemasse verdünnt wird. Eine ältere Deutung als "Eigelb" ist nicht belegt und wurde verworfen.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche geeignet?

Bedingt. Die einzelnen dünnen Eierblätter lassen sich am Feuer in der Pfanne gut backen. Aufwendig ist das saubere Zusammenfügen mehrerer Blätter zu einer Hülle - das braucht Geschick, Geduld und eine ruhige, ebene Arbeitsfläche.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Aus dem "Regensburger Kochbuch" (Cgm 5919), das um 1500-1510 in Regensburg entstand. Es gehört zur gehobenen bürgerlichen Festküche des Spätmittelalters in Mittelbayern.

Ain kuchenn merck mach ain plat von zwain ayr nym das doberis mach den mit siedentem wasser also dun das er kleben mog vnd vnd cleb in auf ain plat an vir enden entberchs vber vnd pint das zw samen vnd zeuchs durch ain ayr taig mit ainer walczen das er dun werdtt doch In der dick als ain halmm vnd prait als ain kuch
merck

Eine Kopf- oder Rubrikformel ("merke"), die den Leser auf eine Anweisung hinweist. Kein Bestandteil des Rezepts und keine Zutat.

plat

Ein dünnes, in der Pfanne gebackenes Eierblatt - ein hauchdünner Eier-Flädle, vergleichbar einem sehr feinen Crêpe. Im selben Wortfeld steht der Twin ri15632-054 ("czogens pachen").

doberis

Unsichere Lesart. Im selben Manuskript ist "doberis" eine Seite zuvor (m5919-083, Fol. 024r) ausdrücklich als Eigenname eines eingekochten Apfel-Honig-Kondiments festgelegt ("ditz condiment haist doberis"), das laut 083 zum Krapfenbacken taugt. Hier bezeichnet "das doberis" am wahrscheinlichsten genau dieses Kondiment, das mit siedendem Wasser zur Klebemasse verdünnt wird. Eine Deutung als "Eigelb/Dotter" ist nicht belegt - der Schreiber notiert Dotter sonst als "totter".

entberchs vber

"entberchs" = entwerchs/überzwerch (der Schreiber setzt durchgehend b statt w), zusammen mit "vber" also "quer/über Kreuz". Die vier Enden werden überkreuz verbunden. Lesart plausibel, aber nicht restlos sicher.

halmm

Ein Halm, der Stängel eines Grases - hier als Maß für die gewünschte Dünne des Eierblatts. Die Stelle ist auch in der Handnotiz des Scans markiert.

Handschrift
München, Bayerische Staatsbibliothek, Cgm 5919
Folio
Fol. 024v
Sprache
Frühneuhochdeutsch (mittelbairisch, Regensburg, um 1500-1510)
Entstehung
Regensburg, Bayern, 1505

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartdoberis

Gewählte Lesart: "nimm das doberis" bezieht sich auf das unmittelbar vorausgehende Rezept m5919-083, das "doberis" wörtlich als Eigennamen eines eingekochten Apfel-Honig-Kondiments festlegt ("ditz condiment haist doberis") und es zum Krapfenbacken empfiehlt. Das zähe Mus wird mit siedendem Wasser so weit verdünnt, dass es als essbarer Kleber dient ("das er kleben mog").

Andere mögliche Lesarten:

  • Schreiber-Verleser für "den teig" - dann "nimm den Teig", bezogen auf das gerade gebackene Eierblatt. - Funktional denkbar, aber der manuskript-interne Eigenname-Beleg aus 083 ist die stärkere Stütze.
  • Verquirltes Ei als essbarer Kleber - dieselbe Klebe-Technik wie im Nachbarrezept m5919-085 ("cleb das auf ain plat des taigs"). - Küchentechnisch kohärent und vom Twin gedeckt, aber das Wort "doberis" selbst spricht eher für das Kondiment aus 083. Eine Lesung als "Eigelb/Dotter" ist nicht belegt - der Schreiber schreibt Dotter sonst "totter".

Lesartentberchs vber

Gewählte Lesart: "entberchs" = entwerchs/überzwerch (der Schreiber setzt regelmäßig b für w), mit "vber" zusammen "quer/über Kreuz": Die vier Enden werden überkreuz verbunden.

Andere mögliche Lesart:

  • Restunsicherheit bleibt - die genaue Bindungsweise (welche Enden auf welche) ist aus dem knappen Text nicht eindeutig rekonstruierbar. - "Über Kreuz" ist die plausibelste Lesart, sollte aber nicht als gesichert ausgegeben werden.

Originalwerk (~1505) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 024v, Bayerische Staatsbibliothek München, Cgm 5919 (Regensburg, um 1500); bereitgestellt durch CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages, Universität Graz
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), Ms. M9 (München, Bayerische Staatsbibliothek, Cgm 5919), hyperdiplomatische Basistranskription, CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Eingeschränkt (Aufwand): Die einzelnen hauchdünnen Eierblätter lassen sich am Feuer in der Pfanne gut backen - das ist lagertauglich. Anspruchsvoll wird das saubere Zusammenfügen mehrerer Blätter zu einer tragfähigen Hülle: Das braucht Geschick, Geduld und eine ebene, saubere Unterlage. Für ein gut eingespieltes Lager mit ruhiger Arbeitsfläche machbar, für Zwischendurch zu fummelig.
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