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Gebratene Erbsen-Eier-Masse

Augsburg, Universitätsbibliothek, Cod. III.1.2°43 (CoReMA A1) · Bayern (Landshut) · 1450

BeilageBeilageLagerkücheLagerküche-tauglichMittelKorrekturBearbeitungsstand 9/10BeilageBeilageHöfische KücheHofkücheHülsenfrüchteHülsenfrüchteVegetarischVegetarisch
Zubereitungszeit90 Min.Portionen4 PersonenBuchKochbuch Meister Eberhards (~1450)

Nimm gekochte Erbsen und passiere sie durch ein Tuch oder durch ein Sieb. Schlage viele Eier dazu, etwa die gleiche Menge wie die Erbsen. Gare die Masse in Butter, bis sie fest wird, und lasse sie erkalten. Schneide sie in mundgerechte Stücke, stecke diese auf einen Spieß und brate sie gut. Bestreiche sie dann mit verquirltem Ei und Kräutern. Serviere das Gericht und versalze es nicht.

OriginalModern / MengeWo kaufenAlternative
gesotenn arbeyß Gekochte Erbsen Supermarkt Getrocknete Erbsen über Nacht einweichen und kochen
vil eyerr Viele Eier (etwa volumengleich zur Erbsenmasse) Supermarkt -
putternn Butter Supermarkt Pflanzenöl für eine Fastenvariante
kraut Frische Kräuter (z.B. Petersilie, Salbei, Majoran) Supermarkt -

Welches Gericht ist das? Eine vegetarische Erbsen-Krokette am Spieß mit frischem Ei-Kräuter-Mantel: passierte Erbsenmasse wird mit etwa gleichviel Ei gebunden, in Butter fest gebraten, in Stücke geschnitten, aufgespießt, gebraten und nach dem Braten mit verquirltem Ei und Kräutern überzogen. Lebende Verwandtschaft hat das Gericht zu allen gebundenen Hülsenfrucht-Bratlingen - der Logik „weichkochen, passieren, mit Ei binden, braten". Fast wortgleich findet es sich rund hundert Jahre früher als Erbsen-Spieße mit Kräuter-Ei-Mantel im Buch von guter Speise.

Die Crux liegt im verkürzten Spieß-Schritt. Der Eberhard-Text springt von seud es in putternn direkt zu steck es an einen spiß - der entscheidende Zwischenschritt fehlt. Eine frisch gegarte, heiße, halbweiche Erbsen-Ei-Masse hält nicht am Spieß. Der nahezu identische Zwilling bgs-045 macht ihn explizit: die Masse in Butter fest werden lassen, vollständig abkühlen und in mundgerechte Stücke schneiden, ehe man sie aufspießt. Genau das macht das viele Ei (als vil der arbeiß sein, volumengleich, nicht stückzahlbezogen) möglich: es stockt zu einer schnittfähigen Frittata-artigen Masse.

Der Ei-Kräuter-Mantel kommt NACH dem Braten. beslach sie mit eyernn vnd mit kraut meint keinen Panaden-Überzug vor dem Braten, sondern den finalen Mantel: verquirltes Ei mit gehackten Kräutern stockt auf den heißen, frisch gebratenen Spießen in Sekunden zu einer zarten Schicht. kraut sind hier frische Küchenkräuter (Petersilie, Salbei, Majoran), kein Kohl.

Praxis. Erbsen sehr weich kochen und fein passieren, damit keine Schalen stören; rechne als Startpunkt mit etwa 1-2 Eiern pro 250 g Masse. In wenig Butter (nicht allzu fett) sanft braten, bis die Masse fest und schnittfähig ist. Ist sie zu weich, hilft etwas getrocknetes, fein zerbröseltes Brot (modern: Semmelbrösel) als Bindung. Vor dem Schneiden zwingend vollständig auskühlen lassen - auf einem kalten Stein geht das schneller. Den Ei-Kräuter-Mantel zügig auf das heiße Bratgut auftragen und sofort servieren, sonst stockt das Ei nicht.

Was bedeutet ‚schlage sie durch ein Tuch oder Sieb‘?

Das bedeutet, die gekochten Erbsen durch ein feines Tuch oder ein Sieb zu passieren, um eine glatte, breiige Masse zu erhalten. Dies ist vergleichbar mit dem Pürieren in der modernen Küche.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Ja, dieses Rezept ist gut für die Lagerküche geeignet. Die Zutaten sind robust und die Zubereitung erfordert nur grundlegendes Equipment wie Topf, Sieb, Pfanne und einen Spieß. Die Kochzeit ist mit etwa einer Stunde überschaubar.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem ‚Kochbuch Meister Eberhards‘, das um 1450 am Hof Herzog Heinrichs von Bayern-Landshut entstand. Es ist in Frühneuhochdeutsch (bairisch) verfasst und bietet Einblicke in die gehobene Küche des 15. Jahrhunderts.

Welche Art von ‚Kraut‘ ist hier gemeint?

Im Mittelalter war ‚Kraut‘ ein Oberbegriff für verschiedene Pflanzen und Kräuter. In diesem Kontext, als Garnitur mit Eiern, sind allgemein frische Kräuter wie Petersilie, Salbei oder Majoran gemeint, die dem Gericht Geschmack und Farbe verleihen.

Item Ein essenn von gebratenn arbeissenn Nym gesotenn arbeyß vnd slach sie durch ein tuch oder durch ein sib vnd slach vil eyerr darzu als vil der arbeiß sein vnd seud es in putternn vnd steck es an einen spiß vnd brot sie wol vnd beslach sie mit eyernn vnd mit kraut vnd gib es hin versaltz es nit
Item

Lateinisch für ‚ferner‘ oder ‚auch‘, leitet ein neues Rezept ein.

slach sie durch ein tuch oder durch ein sib

Die Erbsen sollen durch ein Tuch oder Sieb passiert werden, um eine feine, breiige Konsistenz zu erhalten - nicht ‚geschlagen‘ im Sinne von prügeln.

steck es an einen spiß vnd brot sie wol

Der Eberhard-Text ist hier verkürzt: Damit die Masse am Spieß hält, muss sie zuvor in Butter fest gegart, abgekühlt und in Stücke geschnitten werden. Diesen Zwischenschritt liefert der nahezu wortgleiche Zwillingstext aus dem ‚Buch von guter Speise‘ (mit Augustana-Abgleich).

beslach sie mit eyernn vnd mit kraut

‚Beschlagen‘ meint hier den finalen Ei-Kräuter-Überzug NACH dem Braten: verquirltes Ei mit Kräutern stockt auf dem heißen Bratgut zu einem zarten Mantel. Es ist keine Panade, die vor dem Braten aufgetragen würde.

Handschrift
Augsburg, Universitätsbibliothek, Cod. III.1.2°43 (CoReMA A1)
Folio
Fol. 059r
Sprache
Frühneuhochdeutsch (bairisch, 15. Jh.)
Entstehung
Bayern (Landshut), 1450

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartslach sie durch

Gewählte Lesart: ‚passiere sie durch‘ - im Sinne von durchstreichen oder pürieren, um eine feine Masse zu erhalten.

Andere mögliche Lesart:

  • ‚schlage sie durch‘ - die wörtliche Übersetzung, die aber im modernen Kontext missverständlich sein könnte (nicht im Sinne von prügeln). - Das Verb ‚schlagen‘ wurde im Mittelhochdeutschen auch für das Passieren von Speisen verwendet; der Zwilling bgs-045 (‚slahe die durch ein sip‘) bestätigt die Lesart.

Lesartals vil der arbeiß sein

Gewählte Lesart: ‚etwa die gleiche Menge wie die Erbsen‘ - ein volumengleiches Verhältnis von Eiern zu Erbsenmasse.

Andere mögliche Lesart:

  • ‚so viele wie die Erbsen sind‘ - eine fälschliche Lesart als Stückzahl, die bei Erbsen unpraktisch ist. - Bei einer Erbsenmasse ist ein Volumenverhältnis plausibler; bgs-045 (‚als dor zvo als der erweiz si‘) bestätigt das Mengenverhältnis cross-source.

Lesartbrot sie wol

Gewählte Lesart: ‚brate sie gut‘ - hier ist ‚brot‘ als Imperativ des Verbs ‚braten‘ zu verstehen.

Andere mögliche Lesart:

  • ‚Brot sie gut‘ - eine Lesart, die ‚brot‘ als Substantiv ‚Brot‘ interpretieren würde, was nach ‚an einen Spieß stecken‘ unsinnig wäre. - Die Konstruktion ‚brot sie wol‘ nach dem Aufspießen deutet klar auf einen Garvorgang hin, nicht auf die Zugabe von Brot.

Lesartkraut

Gewählte Lesart: ‚Kräuter‘ - frische Küchenkräuter als Würze und Garnitur, passend zur Kombination mit Eiern.

Andere mögliche Lesart:

  • ‚Kohl‘ - eine andere mögliche Bedeutung von ‚Kraut‘, aber unwahrscheinlich als Bestreichung für ein gebratenes Gericht. - Im Kontext einer Bestreichung zusammen mit Eiern sind frische Kräuter plausibler als Kohl; bgs-045 (‚mit krute‘) bestätigt die Lesart.

Originalwerk (~1450) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 059r, Augsburg, Universitätsbibliothek, Cod. III.1.2°43; bereitgestellt durch CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages, Universität Graz (CC BY-NC-SA 4.0)
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), Ms. A1 (Augsburg, Universitätsbibliothek, Cod. III.1.2°43), hyperdiplomatische Basistranskription, CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Gut am Lager machbar: Die Erbsen lassen sich vorkochen und passieren, das Festwerden der Masse in Butter, das Aufspießen und das Anbraten gelingen mit Pfanne und Spieß über offenem Feuer. Nur das vollständige Abkühlen der Masse vor dem Schneiden braucht Geduld - auf einem kalten Stein lässt es sich beschleunigen. Der Ei-Kräuter-Überzug wird frisch auf das heiße Bratgut aufgetragen. Mit Einweichen, Kochen und Abkühlen realistisch rund 90 Minuten.
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