Augsburg, Universitätsbibliothek, Cod. III.1.2°43 (CoReMA A1) · Bayern (Landshut) · 1450
Ein Holunderblütenmus zu machen: Nimm Holunderblüten und zerreib diese in Kuhmilch. Nimm dann Mehl und mache ein Mus daraus. Dies ist gut für das Haupt und die Sinne.
| Original | Modern / Menge | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|
| holderplut | Holunderblüten | Wald, Wiesen (saisonal) | - |
| kuee milch | Kuhmilch | - | - |
| mel | Mehl | - | - |
Welches Gericht ist das? Ein Holunderblüten-Milchmus - die knappste und einfachste Fassung eines im süddeutschen Raum breit überlieferten Klassikers. Verwandt sind Holunderblütenmus (Rheinfränkisches Kochbuch), Holunderblütenmus (Mondseer Kochbuch) und Holunderblütenmus (Kochbuch Meister Hannsen). Dieselbe Idee wie beim bis heute gemachten Holunderblütensirup oder den Hollerküchle: das feine, muskat-honigartig-blumige Aroma der Dolden in eine Grundlage ziehen.
Die Eberhard-Besonderheit. Anders als die Verwandten bindet dieses Rezept schlicht mit mel (Mehl) - nicht mit geriebener Semmel und nicht mit Eiern, wie es die übrigen Fassungen der Familie tun. Das macht meb-007 zur archaischsten, einfachsten Variante: drei Zutaten, ein Topf.
Technik - ehrlich gelesen. Der Eberhard-Text ist verdichtet und nennt kein Abseihen: nym holderplut vnd zureib die in kuee milch ... mach ein mus dar auß. Wörtlich werden die Blüten also in der Milch zerrieben und bleiben im Mus. Die verwandten Rezepte zeigen den breiteren Korpus-Standard - Blüten in Milch aufkochen, durch ein Tuch passieren, die Blüten verwerfen, dann binden - das ist die gängige Praxis der Familie, steht aber so nicht in Eberhards knappem Merkzettel. Wer mag, kann nach diesem Standard absieben; wer dem Wortlaut folgt, lässt die fein zerriebenen Dolden drin.
Praxis. Eine große Handvoll frischer (oder einen guten Esslöffel getrockneter) Holunderblüten - nur die schneeweißen Dolden, Stiele und Grün geben Bitterkeit - in etwa 500 ml Milch verarbeiten. Mehl als Bindung nie in die heiße Milch klumpen lassen: mit etwas kalter Milch glattrühren oder kalt einsieben, dann unter Rühren knapp unter dem Siedepunkt zum Mus binden. Eine süße Richtung (Wein und Honig oder Zucker) liegt beim Blütenaroma nahe, der Text legt sich aber nicht fest. Holunderblüten gibt es nur Mai/Juni - getrocknete funktionieren ganzjährig.
Holunderblüten sind saisonal im Frühsommer (Mai/Juni) an Waldrändern, auf Wiesen und in Gärten zu finden. Achte darauf, sie fernab von stark befahrenen Straßen zu sammeln und nur ungespritzte Blüten zu verwenden. Alternativ kannst du getrocknete Holunderblüten in gut sortierten Teeläden oder online kaufen, diese müssen dann vor der Verwendung eingeweicht werden.
Ja, dieses Rezept ist gut für die Lagerküche geeignet. Es ist schnell zubereitet (ca. 15 Minuten) und benötigt nur einfache Zutaten wie Holunderblüten, Milch und Mehl. Die Milch muss gekühlt werden, ist aber am Markttag frisch erhältlich. Die Zubereitung erfolgt einfach in einem Topf über dem Feuer.
Dieses Rezept stammt aus dem 'Kochbuch Meister Eberhards', das um 1450 am Hof Herzog Heinrichs von Bayern-Landshut entstand. Es ist in Frühneuhochdeutsch (bairischer Dialekt) verfasst und bietet Einblicke in die gehobene bürgerliche und höfische Küche des 15. Jahrhunderts.
Diese Formulierung ist ein Hinweis auf die mittelalterliche Ernährungslehre, die stark von der Humoralpathologie beeinflusst war. 'Gut für das Haupt und die Sinne' bedeutet, dass das Gericht als stärkend für den Kopf (Gehirn, Gedächtnis) und die allgemeinen geistigen Funktionen angesehen wurde. Es war eine Art Gesundheitsversprechen, das man von bestimmten Speisen erwartete.
Ein Mus (mhd. muos) bezeichnet im Mittelalter einen Brei oder eine Püree-artige Speise, oft aus Obst, Gemüse, Getreide oder Fleisch.
Eine typische mittelalterliche Gesundheitsaussage, die auf der Humoralpathologie basiert. Man glaubte, dass bestimmte Speisen die Organe und die geistige Verfassung positiv beeinflussen könnten. 'Haupt' steht hier für den Kopf und damit auch für die geistige Klarheit.
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
holderplut
Gewählte Lesart: Wir lesen 'holderplut' als 'Holunderblüten'. 'Holder' ist eine bekannte mittelhochdeutsche Variante für Holunder, und 'plut' ist eine gängige bairisch-frühneuhochdeutsche Schreibung für 'Blüte'. Die eng verwandten Rezepte der Familie bestätigen die Lesart eindeutig - rfk-022 schreibt ausgeschrieben 'hulder plumen' (Holunderblumen) und kkm-034 grenzt die Blüten ausdrücklich von den Beeren ab.
Andere mögliche Lesart:
zureib
Gewählte Lesart: Wir interpretieren 'zureib' als 'zerreib'. Das Präfix 'zu-' kann im Frühneuhochdeutschen die Bedeutung von 'zer-' annehmen, und 'zerreiben' ist die passende Verarbeitung der Blüten in der Milch.
Andere mögliche Lesart:
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