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Wein-Semmel-Mus mit Honig

Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1) · Österreich (Mondsee, Oberösterreich) · 1480

DessertNachspeiseLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumEinfachKorrekturBearbeitungsstand 9.3/10BrotBrot / BackwerkHöfische KücheHofkücheVegetarischVegetarisch
Zubereitungszeit15 Min.Portionen1-2 PersonenBuchMondseer Kochbuch (~1480)

Wenn du ein weiteres Mus zubereiten möchtest, so nimm einen guten Wein und eine Semmel. Reibe es durch ein anderes Tuch, ein Pfeffertuch. Mache es mit Honig und mit guten Gewürzen ab. Setze es auf das Feuer, damit es einmal gut aufkocht. Dann hat es seine Genüge.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
ein guetten wein Wein - - -
ein Semell Semmel 1 Supermarkt Weißbrot
honig Honig - - -
gueten gburcz Gewürze - - -

Welches Gericht ist das? Ein süßes Wein-Semmel-Mus: eingeweichtes Weißbrot wird mit Wein durch ein Tuch passiert, mit Honig und Gewürzen abgeschmeckt und einmal aufgekocht. Lebende Verwandtschaft ist die warme bayerisch-österreichische Weinsuppe und der süße, eingedickte Weinbrei. Im Korpus ist es die schlanke, eifreie Schwester von ri15632-050 ("Weinmus mit Eiern und Semmel") - dieselbe Grundidee aus Wein, Semmel, Honig und Gewürz, nur ohne die reichere Bindung mit Eidotter.

Das Passiertuch. Das "Pfeffertuch" ist ein feines Seihtuch, kein gewürztes Tuch. Man weicht die Semmel im Wein ein und streicht die Masse durch das Tuch, bis eine glatte Paste zurückbleibt; Krustenstücke und grobe Reste bleiben im Tuch. Genau dieses Passieren gibt dem Mus seine breiige Konsistenz - die Glätte ist Funktion des Durchstreichens, nicht einer besonderen Feinheit des Tuchs.

Die Bindung. Gebunden wird zeittypisch über die passierte Semmel selbst: beim Aufkochen quillt die Brotstärke und dickt den Wein ein. Kein Mehl, keine Schwitze, kein Ei in dieser Fassung. Das "einmal gut aufkochen" (ein guete wal thue) lässt die Masse binden und nimmt dem rohen Wein die Schärfe.

Praxis. Eine Semmel entrinden, in etwa einem Viertelliter kräftigem Rotwein einweichen, dann durch ein feines Seihtuch streichen. Einen guten Esslöffel Honig und Gewürze nach Geschmack (etwa Zimt, Ingwer, eine Spur Nelke) zugeben und in einem Topf über mittlerer Glut einmal aufkochen lassen. Dabei ständig rühren - das brotgebundene Wein-Mus legt sich am Boden schnell an und brennt sonst an. Bleibt es zu dünn, ein wenig mehr passiertes Brot einrühren; das Wein-Brot-Verhältnis steuert allein die Bindung.

Was ist ein ‚Mus' in diesem Kontext?

Ein ‚Mus' bezeichnet hier eine breiige, passierte Speise. Es kann sowohl süß als auch herzhaft sein. In diesem Rezept, gesüßt mit Honig, ist es eher ein süßer Brei oder eine dicke Sauce.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Ja, Goldstandard. Es ist in 10-15 Minuten am Feuer zubereitet und benötigt nur robuste Zutaten wie Wein, Brot, Honig und Gewürze, die keine Kühlung erfordern.

Was ist ein ‚Pfeffertuch'?

Ein ‚Pfeffertuch' war ein feines Leinen- oder Wolltuch, das in der mittelalterlichen Küche zum Passieren und Abseihen von Flüssigkeiten und Breien verwendet wurde. Es diente dazu, eine besonders glatte Konsistenz zu erzielen und grobe Partikel oder Gewürzrückstände zu entfernen.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Mondseer Kochbuch (Österreich - Mondsee, Oberösterreich). Das Mondseer Kochbuch - eine der umfangreichsten deutschsprachigen Rezeptsammlungen des Spätmittelalters: rund 268 Kochrezepte aus dem oberösterreichischen Raum (Umkreis des Benediktinerklosters Mondsee, 2. Hälfte 15. Jh.), überliefert in der Sammelhandschrift Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA-Sigle GR1, fol. 11r-94v). Das Buch deckt die ganze Bandbreite einer spätmittelalterlichen Küche ab: Mandel- und Fischmuse, Sülzen und Gallerten (u.a. vom Hasen und mit Krebsen), Hausen und andere Fische, Wildbret und Spanferkel, dazu zahlreiche Fasten- und Schauspeisen - etwa aus Fisch nachgeformte Rebhühner, Blancmanger und ein Karfreitags-Eiergericht - sowie süßes Backwerk, Lebkuchen und eingekochte Weichsel-Zubereitungen. Reiche Cross-Links zur bairisch-alemannischen Salsen-, Sülzen- und Schauspeisen-Tradition (m5919, m384, meb, kkm).

ITem wil dw machen aber ein gmuss So nymb ein guetten wein vnd ein Semell vnd reib es durch ein ander duech ein pfeffer thuech mit honig vnd mit gueten gburcz ab gemacht vnd secz auff daz fewerr das es ein guete wal thue so hat es sein gnug
aber ein gmuss

‚aber' bedeutet hier ‚abermals / noch ein' - das Rezept ist bewusst als weitere Variante einer Mus-Serie der Handschrift notiert, nicht als eigenständiges Gericht. Das verweist auf den Sammlungscharakter des Mondseer Kochbuchs.

gmuss

Ein ‚Mus' ist eine breiige Speise, oft aus zerstoßenen oder passierten Zutaten.

Semell

Eine ‚Semmel' ist ein kleines Weißbrot, vergleichbar mit einem Brötchen.

ein ander duech / pfeffer thuech

‚ein anderes Tuch', nämlich ein ‚Pfeffertuch' - ein feines Seihtuch zum Passieren von Breien. Dieselbe Vokabel bezeichnet im Korpus (KKM ‚gestossen Hüner', kkm-055/056/059) durchgehend das Tuch, durch das man Breie ‚bricht' bzw. ‚zwingt' - ein Küchengerät zum Passieren, kein mit Pfeffer gewürztes Tuch.

gburcz

Eine bairisch-österreichische Schreibweise für ‚Gewürz'.

wal thue

bairisch zu ‚wallen' = aufwallen/aufkochen: ‚damit es einmal gut aufkocht'. Dieselbe Wendung findet sich in ri15632 und weiteren Korpus-Belegen.

gnugtur

Bedeutet ‚Genüge' oder ‚ausreichend'. Hier im Sinne von: Es ist fertig oder hat die gewünschte Konsistenz erreicht.

Handschrift
Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1)
Folio
Fol. 014r
Sprache
Frühneuhochdeutsch (bairisch-österreichisch, 15. Jh.)
Entstehung
Österreich (Mondsee, Oberösterreich), 1480
CoReMA

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

ein guetten weinwine Q282
ein Semellwhite bread Q1501889
honighoney Q10987
gueten gburczspice Q42527

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartgmuss

Gewählte Lesart: ‚Mus' im Sinne eines Breis oder einer passierten Speise.

Andere mögliche Lesart:

  • ‚Gemüse' im Sinne einer pflanzlichen Beilage. - Obwohl ‚Gemüse' eine mögliche Lesart von ‚Mus' sein kann, ist der Kontext mit Wein, Honig und Gewürzen für eine süße Breispeise plausibler. Der Zwilling ri15632-050 betitelt dieselbe Wein-Semmel-Honig-Speise explizit als ‚Weinmus' und stützt damit die primäre Lesart ‚Mus' extern.

Lesartpfeffer thuech

Gewählte Lesart: ‚Pfeffertuch' als ein feines Tuch zum Passieren von gewürzten Flüssigkeiten oder Breien.

Andere mögliche Lesart:

  • Ein Tuch, das mit Pfeffer gewürzt oder imprägniert ist. - Obwohl denkbar, ist die Funktion eines Passiertuchs im Kontext der Zubereitung eines feinen Mus plausibler. Die Gewürze werden separat hinzugefügt ('mit gueten gburcz ab gemacht'), was gegen ein bereits gewürztes Tuch spricht.

Originalwerk (~1480) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 014r, Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609; bereitgestellt durch CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages, Universität Graz (CC BY-NC-SA 4.0)
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), Ms. GR1 (Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609), hyperdiplomatische Basistranskription, CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
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Im Topf am Feuer in 10-15 Minuten fertig. Alle Zutaten sind robust und benötigen keine Kühlung.
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Stand dieser Fassung: 30.06.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.