München, Bayerische Staatsbibliothek, Clm 15632 · Rott am Inn, Oberbayern · 1460
Nimm für ein Weinmus zehn Eier und einen Trunk Wein. Backe eine halbe Semmel und zerreibe sie in den Eiern.
Für ein weiteres Weinmus nimm zehn Eier, nur die Dotter, und zerschlage sie gut. Backe eine halbe Semmel, schabe sie sauber und zerweiche sie in einem Trunk Wein. Brich die gesamte Masse durch ein Tuch und gib Honig darunter. Gib dies in einen glasierten Tiegel mit erhitztem Schmalz. Färbe es gelb mit Safran und würze es. Lass es über einer Glut sieden und rühre dabei, damit es nicht anlegt.
| Original | Modern / Menge | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|
| x ayr | 10 Eier | - | - |
| I trinken wein | Ein Trunk Wein | - | - |
| 1/2 semel | Eine halbe Semmel | - | Weißbrot |
| x ayr toter | 10 Eigelb | - | - |
| honig | Honig | - | - |
| erhiczten schmalz | Erhitztes Schmalz | Metzger, Supermarkt | Butterschmalz oder Pflanzenöl für eine vegetarische/vegane Variante |
| gilbt | Safran (zum Gelbfärben) | gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel | - |
| gewirtzt | Gewürze | - | Eine Mischung aus Ingwer, Zimt und Nelken |
Welches Gericht ist das? Ein Weinmus - eine süße, über Glut cremig gerührte Eier-Wein-Speise, im Geist die Verwandte von Weinschaumcreme/Zabaglione. Fast dasselbe wie das Schwester-Rezept ri15632-027 (Eigelbmus mit Wein); hier in zwei Varianten (mit ganzen Eiern bzw. nur Dottern).
Technik. Eier (in Variante 2 nur die Dotter) mit Wein verschlagen, eine geröstete halbe Semmel (geriebene Semmel, kein Mehl) einweichen und einreiben, alles durch ein Tuch passieren und mit Honig süßen. In einem glasierten Tiegel mit etwas heißem Schmalz über milder Glut unter ständigem Rühren eindicken, damit nichts anlegt. Mit Safran gelb färben und würzen.
Zum Färben. Die (Dotter-)Masse ist ohnehin gelblich - der Safran wirkt hier mehr als Aroma-/Statusgewürz denn als echtes Farbmittel.
Praxis. Wie ein gebundenes Zabaglione: Eidotter + lieblicher Wein + 1 EL geriebene Semmel + Honig, im Wasserbad oder bei kleinster Hitze cremig rühren, eine Prise Safran und Zimt/Ingwer. Warm oder kalt.
Ein Weinmus ist eine mittelalterliche Speise, die aus Wein, Eiern, Brot und Süßungsmitteln wie Honig zubereitet wird. Es hat eine breiige Konsistenz und kann sowohl süß als auch süß-sauer schmecken, oft gewürzt mit edlen Gewürzen und Safran.
Ja, dieses Rezept ist hervorragend für die Lagerküche geeignet. Die Zutaten sind robust und leicht zu transportieren, und die Zubereitung erfordert lediglich einen Topf und eine Glut, was im Lager problemlos umsetzbar ist.
Dieses Rezept stammt aus dem 'Klosterkochbuch Rott am Inn' (Clm 15632), das um 1458/1464 in einem Benediktinerkloster in Bayern verfasst wurde. Es ist ein Beispiel für die klösterliche Küche des Spätmittelalters, die oft einfache, aber schmackhafte Speisen hervorbrachte.
‚Gilbt und gewirtzt‘ bedeutet, dass die Speise mit Safran gelb gefärbt und mit verschiedenen Gewürzen abgeschmeckt werden soll. Safran war ein teures Statussymbol und verlieh den Gerichten eine leuchtend goldene Farbe. Die genaue Gewürzmischung war dem Koch überlassen, typisch waren Ingwer, Zimt, Nelken oder Galgant.
Im Mittelalter wurde ‚Semmel‘ (von lateinisch simila) für feines Weizenbrot oder geriebene Weißbrotkrume verwendet, oft als Bindemittel in Speisen, nicht als Mehl im modernen Sinne.
Ein ‚Trunk Wein‘ bezeichnet eine unbestimmte, aber übliche Menge Wein, vergleichbar mit einem Glas oder einer Tasse.
Ein glasierter Tiegel ist ein Kochgefäß mit einer schützenden Glasurschicht, die das Anhaften der Speisen reduziert und die Reinigung erleichtert.
Das Kochen ‚über einer Glut‘ bedeutet, das Gericht langsam und schonend über glühenden Kohlen zu garen, ohne direkte Flammen, um ein Anbrennen zu verhindern.
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
x ayr toter
Gewählte Lesart: ‚zehn Eidotter' - toter ist die bairische Form von Dotter (Eigelb). Verwendet wird nur das Eigelb von zehn Eiern, das dem Mus eine feine, cremige Textur gibt.
I trinken wein
Gewählte Lesart: ‚ein Trunk Wein' - eine unbestimmte übliche Menge (ein Schluck/Glas); ‚I' ist hier der unbestimmte Artikel ‚ein' bzw. die Ziffer 1.
pich prich
Gewählte Lesart: ‚brich' (die Masse durch ein Tuch passieren); ‚pich' davor ist eine Schreiberdoppelung ohne eigene Bedeutung.
Unsere Übersetzungen mittelalterlicher Rezepte können Fehler enthalten. Fällt dir etwas auf? Schreib uns an feedback@fyndling.de - wir korrigieren gerne und sind für jeden Hinweis dankbar.