Wo Mittelalter stattfyndet. Where medieval times happen.
Im Viewer öffnenIm Viewer öffnen ÜbersetzenTranslate DokumentDruckversion DokumentTEI-XML

Erbsenwürmer mit Senf-Honig-Sauce

Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1) · Österreich (Mondsee, Oberösterreich) · 1480

LagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 7/10Höfische KücheHofkücheHülsenfrüchteHülsenfrüchteVegetarischVegetarisch
Zubereitungszeit30 Min.Portionen2-4 PersonenBuchMondseer Kochbuch (~1480)

Wenn du ‚Arbayssen‘ als Regenwürmer zubereiten willst, so mache zuerst einen ‚Kaltguss‘, wie zuvor beschrieben, und siede die ‚Arbayssen‘ darin bis zur richtigen Konsistenz.

Treibe sie dann durch ein kleines Sieb auf eine Schüssel, sodass sie wie Regenwürmer aussehen.

Gib dazu [durch das Sieb] geriebenen Senf und Honig. Du kannst es auch mit Safran und weiteren Gewürzen verfeinern.

OriginalModern / MengeWo kaufenAlternative
arbayssen Erbsen (getrocknet) - -
seniff Senf - -
honig Honig - -
saffran Safran gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel -
gburcz Gewürze - Pfeffer, Ingwer, Nelken

Welches Gericht ist das? Kein Nudelgericht, sondern ein Erbsen-Schaugericht: Erbsen werden weichgekocht, zerstoßen und durch ein feines Sieb gepresst, sodass wurmförmige Stränge auf die Schüssel fallen - dazu eine süß-scharfe Senf-Honig-Sauce. Die ‚Regenwurm‘-Form ist reine Tischbelustigung, keine echte Zutat. Das unmittelbare Schwester-Rezept mon-047 nutzt dieselbe Kaltguss-Technik für einen Erbsen-Scheinbraten - beide gehören zur Familie der mittelalterlichen Täuschgerichte, die aus einfachen Grundstoffen eine überraschende Illusion formen.

Kaltguss und Erbsen. Der ‚Kaltguss‘ ist kein Teig, sondern das kalte Wasser, in dem die getrockneten Erbsen angesetzt und dann gegart werden - eine gängige Technik, damit Hülsenfrüchte gleichmäßig quellen und nicht anbrennen. Getrocknete Erbsen brauchen dafür deutlich mehr Zeit als in der Kurzfassung angegeben: am besten über Nacht einweichen, dann 45-90 Minuten weichkochen, bis sie sich leicht zerdrücken lassen.

Praxis. Die weichgekochten Erbsen abtropfen lassen und zu einem glatten Püree stampfen oder passieren. Das warme Püree portionsweise durch ein Sieb mit mittelgroßen Löchern (oder einen Spätzlehobel/Presse) auf eine Schüssel drücken - es fallen wurmartige Stränge heraus. Senf fein reiben und mit Honig zu einer glatten Sauce verrühren, nach Belieben mit Safran und Gewürzen (Pfeffer, Ingwer, Nelken) abrunden. Die Sauce über die ‚Regenwürmer‘ geben und warm auftischen - ein Gericht, das keine Kühlung braucht und sich gut am Lagerfeuer vorbereiten lässt, wenn man die Erbsen vorquellen lässt.

Was sind ‚Arbayssen‘ und ‚Kaltguss‘ in diesem Rezept?

‚Arbayssen‘ ist ein ungewöhnlicher Begriff, der hier für Teigwaren oder Nudeln verwendet wird, die durch ein Sieb gedrückt werden, um eine wurmähnliche Form zu erhalten. Der ‚Kaltguss‘ ist der Teig oder die flüssige Masse, aus der diese ‚Arbayssen‘ hergestellt werden. Das Rezept verweist auf eine frühere Beschreibung des Kaltgusses, die hier nicht vorliegt.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Ja, dieses Rezept ist hervorragend für die Lagerküche geeignet. Die Zubereitung ist einfach und schnell, erfordert nur einen Topf zum Sieden und ein Sieb. Alle Zutaten sind robust und benötigen keine Kühlung.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem ‚Mondseer Kochbuch‘, einer umfangreichen deutschsprachigen Rezeptsammlung aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Es wurde im bairisch-österreichischen Raum, vermutlich im Umfeld des Klosters Mondsee, verfasst und spiegelt die gehobene Küche dieser Zeit wider.

Was bedeutet die Anweisung ‚an dy stat‘?

Die Phrase ‚an dy stat‘ bedeutet im Kochkontext ‚bis zur richtigen Konsistenz‘ oder ‚bis sie gar sind‘. Es ist eine Anweisung, die Teigwaren so lange zu sieden, bis sie den gewünschten Garpunkt erreicht haben.

ITem wil dw arbayssen machn als Regnwurmm So mach ein chaltgossen Als vor vnd sewd dy arbayssen an dy stat vnd treibs durch ein siblein awff ein sch= ussel als regnwurmm vnd thue das daz dar einen durchgeriben seniff vnd honig vnd mags aber mit saffran vnd gburcz etc. Sequitur ???
arbayssen

Bair./österr. für Erbsen (Arbeis/Erbeis), im Korpus-Glossar für mon-047 und mon-048 belegt. Nicht zu verwechseln mit ‚aribassen‘ (Backerbsen). Hier werden gekochte Erbsen zu Erbsenpüree verarbeitet, das durch ein Sieb zu ‚Regenwürmern‘ gepresst wird.

chaltgossen

Wörtlich ‚Kaltguss‘. Im Vergleich mit dem Schwester-Rezept mon-047 (wo derselbe Kaltguss zum Garen von Erbsen mit anschließendem Abziehen der Häute dient) als das kalte (Koch-)Wasser bzw. der Sud zu verstehen, in dem die Erbsen weichgekocht werden - nicht als angerührter Teig. Die Formulierung ‚Als vor‘ verweist auf das vorhergehende Rezept im Manuskript, das dieses Verfahren beschreibt.

an dy stat

Feste Kochformel für ‚bis zur richtigen Konsistenz/gar‘, im Korpus mehrfach belegt (u.a. mon-039, mon-047).

durchgeriben

Bedeutet ‚gerieben‘ bzw. ‚zerstoßen‘. Bezieht sich auf den Senf, der fein gerieben wird, um eine glatte Sauce zu erhalten.

gburcz

Eine frühneuhochdeutsche Schreibweise für ‚Gewürz‘. Da keine spezifischen Gewürze genannt werden, ist eine Mischung aus gängigen mittelalterlichen Gewürzen wie Pfeffer, Ingwer oder Nelken denkbar.

Handschrift
Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1)
Folio
Fol. 020v
Sprache
Frühneuhochdeutsch (bairisch-österreichisch, 15. Jh.)
Entstehung
Österreich (Mondsee, Oberösterreich), 1480
CoReMA

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartarbayssen

Gewählte Lesart: ‚Arbayssen‘ wird als Erbsen (bair./österr. Arbeis/Erbeis) gelesen, die gekocht, zerstoßen und zu Erbsenpüree verarbeitet werden. Das Glossar belegt diese Lesart konsistent für mon-047 und mon-048; das direkte Zwillingsrezept mon-047 zeigt dasselbe Kaltguss-Verfahren für die Hülsenfrucht.

Andere mögliche Lesart:

  • Ackerbohnen (Fava-Bohnen). - Das Zwillingsrezept mon-047 nennt „czeug dy pelg da vonn“ (Häute abziehen) - ein Detail, das auch für Ackerbohnen sprechen könnte (markante abziehbare Schale). Trägt aber nicht: Ganze getrocknete Erbsen brauchen nach dem Kochen denselben Häutungsschritt, und nur eine feine Erbsenpaste lässt sich - wie hier gefordert - überhaupt durch ein Sieb zu „Regenwürmern“ treiben; grobe Bohnenstücke würden das Sieb verstopfen.

Lesartchaltgossen

Gewählte Lesart: ‚Kaltguss‘ wird als das kalte Koch-/Sudwasser für die Erbsen gelesen, nicht als Teig. Der Vergleich mit mon-047 (Kaltguss zum Garen der Hülsenfrucht, danach Häute abziehen) stützt diese Lesart.

Lesartdas daz dar einen

Gewählte Lesart: Die Transkriptionsstelle ‚thue das daz dar einen durchgeriben seniff vnd honig‘ bleibt an der Formulierung ‚das daz dar einen‘ unklar bzw. möglicherweise verderbt. Sinngemäß übersetzt als ‚gib dazu geriebenen Senf und Honig‘, die genaue grammatische Auflösung der Wortfolge ist jedoch nicht gesichert.

Andere mögliche Lesart:

  • Denkbar wäre auch eine doppelte Zusatzanweisung (‚tue dazu, dass daran ein...‘), die sich auf eine im Manuskript nicht mehr eindeutig nachvollziehbare Zwischenanweisung bezieht. - Ohne Edition/Parallelstelle lässt sich die genaue Syntax nicht abschließend klären; die Sinnrichtung (Senf-Honig-Sauce dazugeben) ist aber durch den Kontext gesichert.

Lesartan dy stat

Gewählte Lesart: Die Phrase ‚an dy stat‘ wird als ‚bis zur richtigen Konsistenz‘ bzw. ‚bis sie gar sind‘ übersetzt.

Andere mögliche Lesart:

  • Eine wörtliche Übersetzung wäre ‚an Ort und Stelle‘. - Im Kochkontext ist die Deutung als Garanweisung sinnvoller und im Korpus gebräuchlicher.

Originalwerk (~1480) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 020v, Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609; bereitgestellt durch CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages, Universität Graz (CC BY-NC-SA 4.0)
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), Ms. GR1 (Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609), hyperdiplomatische Basistranskription, CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche · ⭐ Gold - vollständig lagerküchentauglich
Im Topf am Feuer in etwa 30 Minuten fertig. Die Zutaten sind robust und benötigen keine Kühlung. Ein Sieb ist das einzige spezielle Werkzeug.
Alle Rezepte aus Mondseer Kochbuch Alle Kochbücher

Unsere Übersetzungen mittelalterlicher Rezepte können Fehler enthalten. Fällt dir etwas auf? Schreib uns an feedback@fyndling.de - wir korrigieren gerne und sind für jeden Hinweis dankbar.