Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1) · Österreich (Mondsee, Oberösterreich) · 1480
Wenn du einen Hecht kochen willst, dann schuppe den Hecht und hacke ihn zu Stücken.
Hacke Petersilie, Salbei, Pfeffer, Ingwer, Kümmel, Safran, Salz, Wein oder Essig. Bereite eine Schüssel voll Teig und gib den Fisch mit der Würzsauce hinein. Bedecke es oben ganz mit Teig und backe es in einem Ofen, so lange wie ein Roggenbrot.
Und serviere es. So kannst du auch Forellen, Lachs und andere Fische zubereiten.
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| hechten | Hecht | - | gut sortierter Supermarkt, Fischhändler | - |
| pettersil | Petersilie | - | - | - |
| saluan | Salbei | - | - | - |
| pheffer | Pfeffer | - | - | - |
| ymber | Ingwer | - | - | - |
| chum | Kümmel | - | - | - |
| saffran | Safran | - | gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel | - |
| salcz | Salz | - | - | - |
| wein oder esseich | Wein oder Essig | - | - | Essig |
| choppf voll von tail / tayg | Teig (für Pastete) | - | Supermarkt (Fertigteig) oder selbstgemacht | - |
Welches Gericht ist das? Eine im Ofen gebackene Fischpastete: Hecht (wahlweise Lachs oder Forelle) wird geschuppt, in Stücke gehackt und mit einer kräftigen Kräuter-Gewürz-Mischung aus Petersilie, Salbei, Pfeffer, Ingwer, Kümmel, Safran, Salz sowie Wein oder Essig vermengt. Das Ganze wird vollständig in eine Teighülle eingeschlagen und im Ofen gebacken, „so lange wie ein Roggenbrot“. Das ist die mittelalterliche Pastete im Teigmantel - die kulinarische Großtante der heutigen Fischpastete bzw. des Coulibiac, und über die Teigmantel-Technik auch entfernt mit modernen Varianten von Fisch im Blätterteig verwandt.
Der Teig als Garbehälter. Die Teighülle diente im Mittelalter in erster Linie als Gargefäß: Sie schließt Feuchtigkeit und Aroma der Würzmischung ein und schützt den Fisch vor direkter Ofenhitze, ähnlich einem Dampfgarer. Ob die Kruste selbst mitgegessen wurde, lässt der Text offen - der enge Textzwilling mha-151 zeigt zusätzlich das Bestreichen mit Eidotter vor dem Backen, ein Hinweis darauf, dass die Kruste in dieser Rezeptfamilie durchaus dekorativ glänzend gebacken und mitverzehrt werden konnte.
Praxis. Hecht schuppen und in grobe, bratfertige Stücke hacken. Petersilie und Salbei fein hacken, mit Pfeffer, Ingwer, Kümmel, Safran, Salz und einem Schuss Wein oder Essig zu einer würzigen, rohen Marinade verrühren und über die Fischstücke geben. Einen Mürbeteig (siehe Grundrezept) so auslegen, dass er ein Gefäß bildet - etwa in einer Kastenform oder freigeformt auf dem Blech -, Fisch samt Würzsauce hineingeben und oben vollständig mit einer weiteren Teigschicht verschließen. Im Ofen bei mittlerer Hitze backen, bis die Kruste goldbraun und durchgebacken ist, als grobe Orientierung ein bis zwei Stunden je nach Größe. Die Würzsauce gart mit dem Fisch im geschlossenen Teigmantel und bindet sich dabei allein durch den austretenden Fischsaft, ganz ohne zusätzliches Bindemittel. Nach dem Backen anschneiden und servieren; dieselbe Zubereitung funktioniert ebenso mit Forelle oder Lachs.
Dies ist eine mittelalterliche Zeitangabe. Sie bedeutet, das Gericht so lange zu backen, wie ein Roggenbrot zum Garen braucht - eine Orientierung an einem allen Köchen vertrauten Backvorgang statt an einer festen Stundenzahl. Als grobe Näherung kannst du mit ein bis zwei Stunden rechnen, je nach Größe der Pastete und Hitze deines Ofens.
Nein - Für diese Pastete ist ein Backofen mit gleichmäßiger, anhaltender Hitze nötig, damit der Teigmantel durchgart, ohne anzubrennen, während Fisch und Würzsauce innen gar werden. Mit einem Dutch Oven ist dies nur eingeschränkt darstellbar, da die Hitzeverteilung ungleichmäßiger ist als im Ofen.
Die Formulierung bezeichnet ein Gefäß voll Teig. Der enge Textzwilling mha-151 aus einer Schwesterhandschrift hat an derselben Stelle „mach ain hafen von taig“ (einen Topf aus Teig machen) - das bestätigt über eine unabhängige Parallelquelle, dass „choppf“ hier Gefäß/Behältnis meint und „tail“ eine Schreibvariante von „taig“ (Teig) ist, keine vereinzelte Verschreibung des Mondsee-Schreibers.
Dieses Rezept stammt aus dem Mondseer Kochbuch (Österreich - Mondsee, Oberösterreich). Das Mondseer Kochbuch - eine der umfangreichsten deutschsprachigen Rezeptsammlungen des Spätmittelalters: rund 268 Kochrezepte aus dem oberösterreichischen Raum (Umkreis des Benediktinerklosters Mondsee, 2. Hälfte 15. Jh.), überliefert in der Sammelhandschrift Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA-Sigle GR1, fol. 11r-94v). Das Buch deckt die ganze Bandbreite einer spätmittelalterlichen Küche ab: Mandel- und Fischmuse, Sülzen und Gallerten (u.a. vom Hasen und mit Krebsen), Hausen und andere Fische, Wildbret und Spanferkel, dazu zahlreiche Fasten- und Schauspeisen - etwa aus Fisch nachgeformte Rebhühner, Blancmanger und ein Karfreitags-Eiergericht - sowie süßes Backwerk, Lebkuchen und eingekochte Weichsel-Zubereitungen. Reiche Cross-Links zur bairisch-alemannischen Salsen-, Sülzen- und Schauspeisen-Tradition (m5919, m384, meb, kkm).
‚Schuppe‘ - Verb, bedeutet den Fisch von Schuppen befreien.
‚Kondiment‘ - hier die zuvor genannte Kräuter-Gewürz-Wein-Essig-Mischung, mit der der Fisch gewürzt wird.
‚ein Gefäß voll Teig‘ - der enge Textzwilling mha-151 hat an derselben Stelle „mach ain hafen von taig“ (Topf/Gefäß aus Teig). Das bestätigt textextern, dass „choppf“ hier Gefäß/Behältnis meint und „tail“ eine Schreibvariante von „taig“ (Teig) ist - keine individuelle Verschreibung, sondern eine feste Rezept-Floskel.
‚So lange wie ein Roggenbrot [im Ofen steht]‘ - eine im spätmittelalterlichen Kochbuch-Korpus breit belegte Zeitmaß-Redewendung (u. a. fast wortgleich im Zwilling mha-151), keine feste Stundenangabe.
‚Forellen‘ - bairisch-österreichische Dialektform, im Korpus-Glossar als eigener Eintrag (`varichen`) bestätigt.
‚Lachs‘ - bairisch-österreichische Dialektform für Lachs.
Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.
| hechten | northern pike Q83363026 |
| pettersil | parsley Q25284 |
| saluan | common sage Q1111359 |
| pheffer | pepper Q3143131 |
| ymber | ginger Q15046077 |
| chum | caraway Q22978145 |
| saffran | saffron Q25434 |
| salcz | table salt Q11254 |
| wein oder esseich | wine or vinegar Q282 · Q41354 |
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
pettersil
Gewählte Lesart: ‚Petersilie‘ - Standardküchenkraut, passt gut zu Fisch und den anderen Gewürzen.
Gewählte Lesart: ‚ein Gefäß voll Teig‘ - gestützt durch den Textzwilling mha-151 („mach ain hafen von taig“ an derselben Rezeptstelle). „tail“ ist eine Schreibvariante von „taig“ (Teig), „choppf“ meint hier Gefäß/Behältnis.
Andere mögliche Lesart:
Gewählte Lesart: ‚Kümmel‘ - korpusweit und im Glossar bestätigt, gestützt durch mon-074 („pheffer prott chum herdt air salcz esseich“) sowie den Zwilling mha-151 („kuemich“ an derselben Stelle). Kümmel ist ein häufiges Gewürz in mittelalterlichen Fischgerichten.
verichen
Gewählte Lesart: ‚Forellen‘ - bestätigt durch das Korpus-Glossar (`varichen` = Forelle, Mondsee-eigene v/f-Wechsel-Form) und den Kontext (Liste weiterer Fische).
lachgsten
Gewählte Lesart: ‚Lachs‘ - plausible bairisch-österreichische Dialektform, gestützt durch den engen Rezeptverwandten bgs-019 („Lachs im Teigmantel“ aus der Edelen Spise, fast identischer Rezeptaufbau).
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Stand dieser Fassung: 15.08.2026 - 2-mal überarbeitet. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.