Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1) · Österreich (Mondsee, Oberösterreich) · 1480
Wenn du verlorene Eier aus Mandeln auf einer Schüssel zubereiten willst, so nimm ein halbes Pfund Mandeln und stoße sie gut im Mörser.
Teile die Masse aus dem Mörser in drei Teile. Nimm den ersten Teil und färbe ihn mit Safran. Mische ihn mit Gewürzpulver, Honig und geriebenem Weißbrot.
Forme dann aus dem zweiten Teil Dotter, wie es dir beliebt, sodass es für eine Schüssel ausreicht. Nimm den dritten Teil, der weiß ist, und forme daraus kleine Fladen. Verberge die Dotter darin, wie es bei verlorenen Eiern üblich ist.
Nimm auch einen Teil davon, mache daraus eine Mandelmilch mit Zucker und dicke sie mit einem kleinen Stück Mehl an. Gib etwas Safran hinzu.
| Original | Modern / Menge | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|
| 1/2 libra mandel | 250 g Mandeln, gemahlen | Supermarkt (Backregal) | Ganze Mandeln im Blender kurz zermahlen |
| saffran | Safran | gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel | - |
| stupp | Gewürzpulver | gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel | Poudre Blanche (weißer Pfeffer, Ingwer, Galgant, Muskatblüte) |
| honig | Honig | - | - |
| geriben semell | Geriebenes Weißbrot | - | Semmelbrösel |
| czucker | Zucker | - | - |
| stocklein melbs | Mehl | - | Speisestärke |
Welches Gericht ist das? Ein Trompe-l'œil-Spiegelei ganz ohne Ei: Mandelmasse wird gedrittelt und zu Safran-Dotter, weißem Eiweiß-Fladen und einer gesüßten Mandelmilch-Sauce als Spiegel verarbeitet. Es ist eine Imitation zweiter Ordnung - "verlorene Eier" (pochierte Eier) sind selbst schon ein bekanntes Gerichtsmotiv der Zeit, hier wird das ganze Konzept zusätzlich komplett aus erlaubter Fastenzutat nachgebaut. Der lebende Nachfahre ist weniger das pochierte Ei selbst als die Familie der Marzipan-Trompe-l'œil-Konditorei, wie man sie heute noch in der sizilianischen Frutta Martorana oder in Marzipan-Spiegeleiern zu Ostern findet.
Die Mengen-Crux. Der Text kündigt an, die Mandelmasse "in drey taill" zu teilen, verlangt am Ende aber einen vierten, nicht angekündigten Anteil für die Sauce ("nimm auch einen Teil davon"). Die Dreiteilung geht rechnerisch nicht mit vier Verwendungszwecken auf. Ob damit ein vierter, ursprünglich mitgedachter Teil oder ein Rest aus einem der drei bereits gebildeten Teile gemeint ist, bleibt im Text offen - vermutlich wurde mehr Grundmasse angesetzt, als die genannte Menge Mandeln hergibt, oder es wurde schlicht nicht genau gezählt.
Zwei Bindetechniken, zwei Zwecke. Die Dotter-Masse wird mit Honig und geriebenem Weißbrot gebunden - die zeittypische Brotbindung für feste, formbare Massen. Die Mandelmilch-Sauce dagegen wird mit einem kleinen Stück Mehl angedickt: kein Widerspruch, sondern eine andere Aufgabe. Hier dickt Mehl gezielt eine dünne Flüssigkeit an, während die feste Dotter-Masse ihre Bindung aus Brot bezieht.
Praxis. Mandeln fein im Mörser zerstoßen, bis eine glatte, formbare Paste entsteht. Die Masse in drei Teile teilen. Den ersten Teil mit Safran gelb färben und mit Gewürzpulver, Honig und geriebenem Weißbrot zu einer festen Masse verarbeiten - daraus haselnussgroße Dotter formen. Aus dem zweiten, weißen Teil kleine Fladen formen und die Dotter darin einschließen, wie bei einem pochierten Ei. Aus dem dritten Teil eine Mandelmilch mit Zucker ansetzen, mit dem Mehlstück andicken und mit etwas Safran gelb färben. Der eigentliche Aufwand liegt nicht im Kochen, sondern im sauberen Formen: Die Dotter-Kugeln müssen rund und die Fladen exakt genug sein, um sie vollständig zu umschließen, sonst bricht die Ei-Illusion.
Dies ist ein mittelalterliches Imitationsgericht, das die Optik von pochierten Eiern nachahmt. Es wird aus Mandelpaste hergestellt, wobei ein Teil mit Safran gelb gefärbt wird, um das Eigelb darzustellen, ein weiterer Teil weiß bleibt, um das Eiweiß zu imitieren, und ein dritter Teil zu einer safrangelben Mandelmilch-Sauce verarbeitet wird. Solche Gerichte waren besonders in der Fastenzeit beliebt, um auf tierische Produkte zu verzichten.
Bedingt. Die Zutaten sind robust und gut transportierbar, Mandeln können bereits gemahlen mitgebracht werden, und die Kochanteile (Mandelmasse ansetzen, Mandelmilch-Sauce köcheln) sind in etwa 45-60 Minuten am Feuer erledigt. Der eigentliche Aufwand liegt aber im sauberen Formen: Die Dotter-Kugeln müssen rund geraten und die weißen Fladen exakt genug sein, um sie vollständig zu umschließen, damit die Ei-Illusion gelingt. Das braucht etwas Übung und Ruhe - für ein belebtes Lager mit Publikum und Zeitdruck eher ein Vorführ- als ein Schnellgericht.
Im mittelalterlichen Kochkontext ist mit "Mörser" ein großer Fleischmörser gemeint, der zum Zerstoßen von Fleisch, Nüssen oder anderen Zutaten zu einer feinen Paste diente. Für dieses Rezept kannst du fertig gemahlene Mandeln aus dem Supermarkt verwenden. Wenn du ganze Mandeln nutzen möchtest, kannst du sie in einem modernen Blender oder einer Küchenmaschine zerkleinern. Ein großer Granitmörser mit schwerem Stößel ist für authentische Darstellungen geeignet.
"Stocklein melbs" bedeutet wörtlich "ein kleines Stück Mehl". Es wird hier als Bindemittel zum Andicken der Mandelmilch-Sauce verwendet. Du kannst dafür normales Weizenmehl oder Speisestärke verwenden.
Doppelte Imitation: "Verlorene Eier" (pochierte Eier) sind selbst schon ein Standardmotiv der Fastenküche, hier aber komplett aus Mandelmasse nachgebildet - eine Fastenspeise, die ein bereits bekanntes Ei-Gericht ganz ohne Ei nachstellt.
Ein Pfund, im Spätmittelalter regional unterschiedlich, meist um die 500 Gramm.
Die Mandeln sollen im Mörser sehr fein zerstoßen werden, um eine glatte Paste zu erhalten.
Hier ist ein großer Fleischmörser gemeint, nicht der kleine Gewürzmörser. Er diente als mittelalterliche Küchenmaschine zum Zerkleinern und Pürieren von Zutaten.
Bezeichnet hier ein feines Gewürzpulver, das zum Würzen verwendet wird. Für weiße Speisen wurde oft eine "Poudre Blanche" aus hellen Gewürzen wie weißem Pfeffer, Ingwer und Muskatblüte verwendet.
Geriebenes Weißbrot, das als Bindemittel und zur Texturgebung dient. Mehlbindung war für feste Massen in dieser Zeit noch unüblich.
Diminutiv von "Zettel" oder "Zeltlein", hier im Sinne von kleinen Formen oder Fladen, die aus der Mandelmasse geformt werden.
Das Verb "verbergen" oder "einbetten". Die geformten Dotter werden in die "Eiweiß"-Fladen gelegt und darin eingeschlossen.
Ein kleines Stück Mehl, das hier als Bindemittel zum Andicken der Mandelmilch-Sauce dient.
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
ttotter
Gewählte Lesart: Dotter (Eigelb).
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