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Gebäck aus Kalbslunge

Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1) · Österreich (Mondsee, Oberösterreich) · 1480

RindHauptspeise · RindLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 6/10
Zubereitungszeit60 Min.Portionen4 PersonenBuchMondseer Kochbuch (~1480)

Wenn du ein Gebäck aus Kalbslunge zubereiten willst, so hacke die Lunge klein und nimm ein wenig gekochten Speck dazu. Gib zwei Eigelb und gutes Gewürzpulver darunter und hacke alles sehr klein durcheinander. Mache danach kleine Kugeln daraus.

Bereite einen guten Straubenteig zu und ziehe die Kugeln darin hindurch. Backe sie anschließend in Schmalz aus, so wird es gut und versalze es nicht.

OriginalModern / MengeWo kaufenAlternative
lungel von chelbrin Kalbslunge Metzger, Online-Fleischhandel Kalbsbries oder Kalbsleber
ein wenig gesotens specks Gekochter Speck - -
czwen air tutter 2 Eigelb - -
guett stupp Gewürzpulver gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel Pfeffer, Ingwer, Zimt
ein guetten strawben taig Straubenteig - -
ainem smalz Schmalz Supermarkt, Metzger Pflanzenöl

Welches Gericht ist das? Frittierte Innerei-Bällchen im Ausbackteig - im Kern ein herzhafter Vorläufer der Straubenfamilie, nur mit Fleischfarce statt süßer Fülle. Die nächste lebende Verwandtschaft: das Prinzip "gehackte Innerei-Kugel, durch dünnen Ausbackteig gezogen, in Fett frittiert" lebt in Beignets à la viande und in frittierten Kroketten weiter. Innerhalb des Mondseer Kochbuchs ist es die unsüße Schwester der Strauben-Rezepte und ein naher Cousin der bairisch-österreichischen Beuschl-Verwertung von Kalbslunge - hier aber frittiert statt geschmort. Der Zwilling kkm-063 ("Gebackene Kalbslunge-Küchlein") zeigt, dass es sich um einen etablierten Rezepttyp handelt: Lunge hacken, Teiglein aus Eidotter binden, Küchlein formen, durch Straubenteig ziehen, in Fett ausbacken.

Praxis. Die Lunge wird zuerst gesotten - das macht das sonst zähe, schwammige Gewebe schneidbar und entfernt Blutreste. Danach fein hacken, mit gekochtem Speck (gleicht die Magerkeit der Lunge aus), zwei Eigelb (Bindemittel für die Kugeln) und Gewürzpulver vermengen und nochmals durchhacken. Aus der Masse kleine Kugeln formen, durch einen dünnflüssigen Straubenteig ziehen und in Schmalz ausbacken. Der Teigmantel schützt die feuchte Fülle beim Frittieren und liefert die knusprige Hülle - vergleichbar mit einer Frikadelle im Ausbackteig. Der Text nennt keine Back- oder Garzeit; bei kleinen Kugeln ist das unkritisch, sollte aber nicht durch eine erfundene Zeitangabe geglättet werden.

Was ist Kalbslunge und wie bereite ich sie vor?

Kalbslunge ist eine Innerei, die vor der Zubereitung gründlich gewaschen und von Luftröhrenresten befreit werden sollte. Oft wird sie kurz blanchiert oder gekocht, bevor sie weiterverarbeitet wird, um sie zarter zu machen und eventuelle Verunreinigungen zu entfernen. Anschließend wird sie fein gehackt oder püriert, wie im Rezept beschrieben.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Eingeschränkt (Kühlung): Kalbslunge und Eigelb sind frische Zutaten, die eine durchgehende Kühlkette erfordern. Die Zubereitung selbst, das Hacken, Formen und Ausbacken in Schmalz, ist mit einfachem Lager-Equipment wie Pfanne und Feuer in etwa einer Stunde machbar. Eine gute Kühlung der Ausgangsprodukte ist jedoch unerlässlich.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Mondseer Kochbuch, einer umfangreichen deutschsprachigen Rezeptsammlung aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Es wurde im bairisch-österreichischen Raum, vermutlich im Umfeld des Klosters Mondsee, verfasst und bietet Einblicke in die gehobene Küche des Spätmittelalters.

Was ist ein ‚Straubenteig‘ und wie mache ich ihn?

Ein Straubenteig ist ein dünnflüssiger Teig, ähnlich einem Pfannkuchenteig, der traditionell durch einen Trichter oder Löffel in heißes Fett gegossen wird, um eine unregelmäßige, ‚straubige‘ Form zu erhalten. Für dieses Rezept wird er als Hülle für die Lungenkugeln verwendet. Ein einfacher Straubenteig besteht meist aus Mehl, Eiern und Wasser oder Milch.

ITem wildw ein pachen von lungel machen von chelbrin so hack dy chlain vnd nym ein wenig gesotens specks dar vntter vnd czwen air tutter vnd guett stupp dar vnter vnd hack es gar chlain durch ein ander mach dar nach chlaine chugel darauß vnd mach ein guetten strawben taig vnd czewch dy chugel dar Inn durch vnd pach es Inn ainem smalz so wirdt es guett vnd versalcz nit
lungel von chelbrin

Die Kalbslunge war im Mittelalter eine häufig verwendete Innerei, die oft zu Farcen oder Mus verarbeitet wurde.

pachen

Hier als Nomen verwendet, bedeutet es ein Gebäck oder eine gebratene/gebackene Speise, die in Fett ausgebacken wird.

tutter

Das Eigelb dient hier als Bindemittel und zur Geschmacksgebung.

stupp

In diesem Kontext bezieht sich ‚stupp‘ auf ein feines Pulver, wahrscheinlich eine Mischung aus Gewürzen, die dem Gericht Aroma verleihen.

strawben taig

Ein Straubenteig ist ein dünnflüssiger Teig, der typischerweise aus Mehl, Eiern und Flüssigkeit besteht und zu ‚Strauben‘, einer Art Schmalzgebäck, ausgebacken wird. Der Name leitet sich von der ‚straubigen‘, unregelmäßigen Form ab.

versalcz nit

Die Anweisung, nicht zu versalzen, ist ein häufiger Hinweis in mittelalterlichen Rezepten, da Salz ein wertvolles Konservierungsmittel war und oft großzügig verwendet wurde.

Handschrift
Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1)
Folio
Fol. 039v
Sprache
Frühneuhochdeutsch (bairisch-österreichisch, 15. Jh.)
Entstehung
Österreich (Mondsee, Oberösterreich), 1480
CoReMA

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartwildw

Gewählte Lesart: ‚willst du‘ - eine gängige Kontraktion von ‚wilt du‘ im bairisch-österreichischen Frühneuhochdeutsch.

Lesartchelbrin

Gewählte Lesart: ‚kälbern‘ oder ‚Kalbs-‘ - die adjektivische Form von Kalb.

Lesartgesotens

Gewählte Lesart: ‚gesottenen‘ oder ‚gekochten‘ - das Partizip Perfekt von ‚sieden‘ (kochen).

Lesartczwen

Gewählte Lesart: ‚zwei‘ - eine häufige frühneuhochdeutsche Schreibweise für die Zahl zwei.

Lesartstupp

Gewählte Lesart: ‚Gewürzpulver‘ - das Wort ‚guett‘ (gut) im Kontext von ‚stupp‘ (Pulver) legt nahe, dass es sich um eine Mischung aus feinen Gewürzen handelt, die dem Gericht Geschmack verleihen soll.

Andere mögliche Lesart:

  • ‚Mehl‘ - als allgemeines Pulver. - Obwohl ‚stupp‘ auch Mehl bedeuten kann, ist die Ergänzung ‚guett‘ in einem Kochrezept eher ein Hinweis auf Gewürze als auf einfaches Mehl.

Lesartczewch

Gewählte Lesart: ‚ziehe‘ - der Imperativ des Verbs ‚ziehen‘, hier im Sinne von ‚hindurchziehen‘ oder ‚eintauchen‘.

Lesartversalcz

Gewählte Lesart: ‚versalze‘ - der Imperativ des Verbs ‚versalzen‘ (zu viel Salz hinzufügen).

Originalwerk (~1480) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 039v, Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609; bereitgestellt durch CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages, Universität Graz (CC BY-NC-SA 4.0)
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), Ms. GR1 (Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609), hyperdiplomatische Basistranskription, CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Eingeschränkt (Kühlung): Kalbslunge und Eigelb benötigen eine durchgehende Kühlkette. Die Zubereitung selbst ist mit Pfanne und Feuer in etwa 60 Minuten machbar.
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