Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1) · Österreich (Mondsee, Oberösterreich) · 1480
Nimm großen Fisch, welcher Art auch immer er sei. Entferne die Gräten und die Schuppen. Zerhacke das Fischfleisch sehr fein und reibe altes Brot darunter. Würze die Masse gut und forme sie mit nassen Messern auf der Anrichte zu einem Braten.
Lege den geformten Braten in eine Pfanne und koche ihn auf. Nimm danach einen Spieß, stoße ihn durch den Braten und spicke ihn mit frischem, rohem Hechtbrät.
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| grosch visch welherlay das sein | Fisch | - | Wochenmarkt, Fischhändler | Hecht, Karpfen, Kabeljau |
| ein prott | altes Brot | - | - | Semmelbrösel |
| gwurcz das woll | Gewürze (nach Geschmack) | - | - | Pfeffer, Ingwer, Zimt, Nelken |
| gruenen echten pratten | Frisches, rohes Hechtbrät (zum Spicken) | - | Fischhändler | Zusätzliche Fischfarce derselben Sorte |
Welches Gericht ist das? Ein Fastenzeit-Kunstbraten aus Fischfarce: roher Fisch wird entgrätet, entschuppt, fein gehackt, mit altem Brot gebunden, gewürzt und mit nassen Messern zu einer Bratenform modelliert, dann in der Pfanne aufgekocht und schließlich mit einem Spieß durchstochen und mit zusätzlichem rohem Hechtbrät „gespickt“. Das moderne Gedächtnisbild dafür ist die Familie der Fisch-Terrinen und Fischlaibe in Bratenform.
thue den gratt dar von vnd supp thue auch darvon - „supp“ bedeutet hier „Schuppen“, nicht „Suppe/Brühe“ (CoReMA glossiert die Stelle selbst mit Wikidata Q5454665 = „fish scale“). Parallel zu „gratt“ (Gräten) direkt davor: beide werden vom rohen Fisch entfernt, bevor er zerhackt wird - kein vorheriger Garschritt nötig oder im Text angedeutet.
erboll - „aufkochen“, korpusweit stark abgesichert (mon-097 erbels, mon-099 erbell, der Zwilling m384-076 erwels). Das kurze Aufkochen in der Pfanne festigt die geformte Farce, damit sie beim anschließenden Durchstoßen mit dem Spieß nicht zerfällt.
gruenen echten pratten - die diplomatische Transkription liest „echten“, aber die CoReMA-Objektseite glossiert die Stelle selbst mit dem Hechtfilet-Begriff (Wikidata Q67773148 = „northern pike filet“). Gemeint ist also „hechten pratten“ (Hechtbrät), „grün“ heißt „roh/frisch“. Kein Fleisch, keine Fastenbruch-Frage - schlicht zusätzliche rohe Fischfarce zum Spicken, die dem Laib mehr Struktur gibt.
Praxis. Rohen Fisch entgräten und entschuppen. Das Fischfleisch sehr fein hacken, mit geriebenem altem Brot binden und kräftig würzen. Auf einer nassen Arbeitsfläche mit nassen Messern zu einer Bratenform streichen - das Nasshalten der Messer verhindert, dass die klebrige Farce daran haftet. Den Laib in eine leicht gefettete Pfanne legen und kurz aufkochen, bis er fest ist. Danach einen Holzspieß längs durchstoßen und außen mit Streifen frischem, rohem Hechtbrät bespicken.
Dieses Rezept ist ein klassisches Beispiel für eine mittelalterliche Illusionsspeise. In der Fastenzeit war der Verzehr von Fleisch verboten, Fisch jedoch erlaubt. Hier wird Fisch so zubereitet und geformt, dass er einem Fleischbraten ähnelt.
Ja, gut geeignet. Die Zubereitung erfolgt in einer Pfanne oder einem Topf über dem Feuer. Für das Spicken zusätzliches rohes Hechtbrät bereithalten - komplett fischbasiert, keine besonderen Hygienefragen über die übliche Frischfisch-Handhabung hinaus.
Die Transkription liest 'echten pratten', aber CoReMA glossiert die Stelle selbst mit dem Hechtfilet-Begriff (Wikidata Q67773148) - gemeint ist also 'hechten pratten' (Hechtbrät). 'Grün' bedeutet 'roh/frisch'. Es handelt sich schlicht um zusätzliche rohe Fischfarce, mit der der geformte Fischbraten gespickt wird, um ihm mehr Struktur und Halt zu geben - kein Fleisch, keine Fastenbruch-Frage.
Dieses Rezept stammt aus dem Mondseer Kochbuch (Österreich - Mondsee, Oberösterreich). Das Mondseer Kochbuch - eine der umfangreichsten deutschsprachigen Rezeptsammlungen des Spätmittelalters: rund 268 Kochrezepte aus dem oberösterreichischen Raum (Umkreis des Benediktinerklosters Mondsee, 2. Hälfte 15. Jh.), überliefert in der Sammelhandschrift Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA-Sigle GR1, fol. 11r-94v). Das Buch deckt die ganze Bandbreite einer spätmittelalterlichen Küche ab: Mandel- und Fischmuse, Sülzen und Gallerten (u.a. vom Hasen und mit Krebsen), Hausen und andere Fische, Wildbret und Spanferkel, dazu zahlreiche Fasten- und Schauspeisen - etwa aus Fisch nachgeformte Rebhühner, Blancmanger und ein Karfreitags-Eiergericht - sowie süßes Backwerk, Lebkuchen und eingekochte Weichsel-Zubereitungen. Reiche Cross-Links zur bairisch-alemannischen Salsen-, Sülzen- und Schauspeisen-Tradition (m5919, m384, meb, kkm).
‚Braten‘ - Im Kontext der Fastenzeit bezieht sich dies auf ein Gericht, das in Form und Aussehen einem Fleischbraten nachempfunden ist, hier aus Fisch.
‚Fastenzeit‘ - Eine Zeit der Enthaltsamkeit von Fleisch und tierischen Produkten (außer Fisch).
‚Gräten‘ - Die Knochen des Fisches.
‚Schuppen‘, nicht ‚Suppe/Brühe‘. Die CoReMA-Objektseite glossiert ‚supp' an dieser Stelle mit Wikidata Q5454665 = ‚fish scale'. Parallele Konstruktion zu ‚gratt' direkt davor (beide ‚thue ... dar von' = entferne ... davon): Gräten UND Schuppen werden vom rohen Fisch entfernt, bevor er zerhackt wird - kein impliziter Kochschritt nötig.
‚Brot‘ - Wahrscheinlich altbackenes Weißbrot, das gerieben als Bindemittel dient.
‚Grünem hechten Brät‘ - nicht ‚echtem [Fleisch-]Braten‘. Die diplomatische Transkription liest zwar ‚echten', aber die CoReMA-Objektseite glossiert ‚echten pratten' selbst mit Wikidata Q67773148 = ‚northern pike filet' (Hechtfilet). Die beiden Zwillinge schreiben die Stelle zudem völlig eindeutig mit ‚h': rfk-004 ‚spicke isz mit hechte braden', mha-111 ‚spick es mit hechten praten' - mon-139 fehlt hier schlicht das Anfangs-h. ‚Grün' bedeutet ‚roh/frisch'. Gemeint ist also frisches, rohes Hechtbrät zum Spicken - keine Fleisch-Illusion, sondern schlicht zusätzliche rohe Fischfarce, ganz im Rahmen des Fastengebots.
Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.
| grosch visch welherlay das sein | fish Q600396 |
| ein prott | bread Q7802 |
| gwurcz das woll | spice Q42527 |
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
supp
Gewählte Lesart: ‚Schuppen‘ - CoReMA glossiert die Stelle selbst mit Wikidata Q5454665 (‚fish scale'). Parallel zu ‚gratt' (Gräten) direkt davor: beide werden vom rohen Fisch entfernt, bevor er zerhackt wird.
Andere mögliche Lesart:
gwurcz
Gewählte Lesart: ‚würze‘ - Der Kontext ‚vnd gwurcz das woll‘ (und würze das gut) legt die Verbform nahe, nicht das Substantiv ‚Gewürz‘ als eigenständige Zutat.
Andere mögliche Lesart:
erboll
Gewählte Lesart: ‚aufkochen‘ - Das Korpus-Glossar enthält ‚erbelten‘ = aufkochen/aufwallen lassen, was lautlich und kontextuell (in einer Pfanne) sehr gut passt. Es beschreibt das Erhitzen des geformten Bratens.
Andere mögliche Lesart:
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Stand dieser Fassung: 05.07.2026 - 2-mal überarbeitet. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.