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Rindfleischpastete mit Mandeln und Gewürzen

Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1) · Österreich (Mondsee, Oberösterreich) · 1480

RindHauptspeise · RindLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 8/10
Zubereitungszeit30 Min.Portionen4-6 PersonenBuchMondseer Kochbuch (~1480)

Nimm Rindfleisch für eine Pastete. Schneide die Mandeln klein und mische sie unter das Fleisch. Würze das Fleisch mit Safran, Ingwer und Nelken, sodass es sehr dunkel wird - dafür brauchst du auch guten Wein und fette Brühe.

Setze die Pastete ungedeckt in den Ofen. Gieße die Flüssigkeit, die sich vom Fleisch absetzt, ab, ehe du die Brühe darüber gießt. Bedecke die Pastete danach, setze sie zurück in den Ofen und lasse sie fertig backen. Serviere sie heiß.

OriginalModern / MengeWo kaufenAlternative
rindtfleisch Rindfleisch Metzger -
mandel Mandeln, gemahlen Supermarkt (Backregal) -
wein Rotwein - -
vaistew prue fette Rinderbrühe - -
saffran Safranfäden gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel -
Ingber Ingwerpulver - -
nagel gemahlene Gewürznelken - -

Welches Gericht ist das? Eine dunkel gewürzte Rindfleischpastete: rohes Rindfleisch wird mit gehackten Mandeln, Safran, Ingwer und Nelken vermengt, in einem Pastetentopf (‚postetten haffen‘) zunächst offen gebacken, dann mit Wein und fetter Rinderbrühe aufgegossen und verschlossen fertiggebacken. Das ist eine frühe Vorstufe der handgezogenen, im Ofen gebackenen Fleischpastete - die Technik ‚erst backen, dann Flüssigkeit nachgießen‘ lebt bis heute im englischen (Melton-Mowbray-)Pork Pie fort, bei dem nach dem Backen heiße Brühe durch ein Loch in der Kruste nachgegossen wird und zu Sulz geliert.

Die zweiphasige Back-Technik. mon-193 selbst nennt das Abgießen der Fleischflüssigkeit nur knapp. Das Schwesterrezept mon-191 (Pasteten von Wildbret, dort ausdrücklich auch für Rindfleisch als Variante genannt) führt exakt dieselbe Technik ausführlich vor: Die Pastete backt zunächst ungedeckt, bis das Fleisch ‚halb gebacken‘ ist, dann wird die austretende Flüssigkeit abgegossen, Wein und fette Brühe zugegeben, der Topf verschlossen und fertiggebacken. mon-193 setzt diese Technik als bekannt voraus, statt sie zu wiederholen.

Warum wird schwarz/dunkel angestrebt? Die Zielfarbe ‚sbarcz‘ (dunkel/schwarz) ist im Mondseer Kochbuch keine Übertreibung, sondern eine anerkannte Optik-Kategorie: mon-144 strebt für ein Fischrogen-Gericht dieselbe Farbe an, dort durch scharfes Anbraten in Öl. Bei mon-193 entsteht die dunkle Farbe am ehesten durch das Anrösten der Füllung in der offenen ersten Backphase und durch die dunklen Gewürze, vor allem die Nelken - nicht durch eine Reduktion in der zweiten, abgedeckten Phase, denn dort schmort die Pastete geschlossen im eigenen Sud.

Praxis. Im Lager ist das Rezept nur eingeschränkt geeignet: Ein Backofen bzw. ein Dutch Oven mit gut kontrollierbarer Ober- und Unterhitze ist Voraussetzung, da zwei unterschiedliche Hitzephasen (offen/heiß zum Anrösten, dann geschlossen/moderat zum Fertiggaren) durchlaufen werden müssen. Wann genau abgegossen wird, gibt mon-193 nicht an - als Anhaltspunkt (nach mon-191) eignet sich der Moment, in dem das Fleisch außen bereits fest, aber noch nicht durchgegart ist. Rohes Rindfleisch braucht bis zum Verarbeiten durchgehende Kühlung. Die Mandeln binden ausschließlich die Füllung; die nachgegossene Brühe bleibt dünnflüssig - das Ergebnis ist eher eine saftige, brühige Fleischfüllung als eine heute unter ‚Pastete‘ verstandene feste Terrine.

Was bedeutet die Anweisung, das Gericht solle ‚schwarz‘ werden?

Im Mittelalter war ‚schwarz‘ oft eine stilistische Beschreibung für ein sehr dunkles, tiefbraunes Gericht. Die dunkle Farbe entsteht hier vor allem durch das Anrösten der Füllung in der ersten, offenen Backphase sowie durch die dunklen Gewürze, vor allem die Nelken. Es ist unwahrscheinlich, dass das Gericht buchstäblich schwarz war, sondern eher ein intensives Dunkelbraun - eine Optik, die im Mondseer Kochbuch auch bei anderen Gerichten (etwa mon-144) bewusst angestrebt wird.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Eingeschränkt: Das Rezept erfordert einen Ofen, was im Lager eine Herausforderung darstellt. Eine Zubereitung im Dutch Oven über der Glut ist möglich, erfordert aber Erfahrung in der Temperaturkontrolle. Rindfleisch benötigt eine durchgehende Kühlung. Die Gewürze und Mandeln sind unproblematisch.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem ‚Mondseer Kochbuch‘, einer umfangreichen deutschsprachigen Rezeptsammlung aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Es wurde im bairisch-österreichischen Raum, vermutlich im Umfeld des Klosters Mondsee, verfasst und spiegelt die gehobene Küche dieser Zeit wider.

Warum wird das Wasser vom Fleisch abgegossen, bevor die Brühe hinzugefügt wird?

Es handelt sich nicht um vorgekochtes Fleisch, sondern um eine zweiphasige Backtechnik: Die Pastete backt zunächst ungedeckt im Ofen an, wobei das rohe Fleisch eigene Flüssigkeit absondert. Diese wird abgegossen, bevor die fette, würzige Brühe hinzukommt und die Pastete zum Fertigbacken abgedeckt wird. Das Schwesterrezept mon-191 beschreibt diese Technik ausführlich: Dort backt die Pastete erst offen, bis sie 'halb gebacken' ist, dann wird abgegossen, Brühe zugegeben und der Pastetentopf verschlossen fertig gebacken.

ITem posten von rindtfleisch vnd da selbs magstw woll nemmen mandel vnd den chlain dar vnder schneiden vnd guetten wein vaistew prue vnd rindfleisch gburcz mit saffran Ingber nagel so wirt es sbarcz vnd gewß das wasßer auch da von ee dw dy prue dar vber gewst vnd verdeck es vnd secz es in den offen vnd laß pachen gibs haiß czw essenn etc.
posten

Bezeichnet hier eine Pastete oder einen Fleischkuchen, der im Ofen gebacken wird.

gburcz

Eine bairisch-österreichische Schreibweise für ‚Gewürz‘. Hier sind die spezifischen Gewürze (Safran, Ingwer, Nelken) direkt im Anschluss genannt.

offen

Der Backofen, der im Mittelalter oft als gemauerter Ofen oder als transportabler Topfofen (ähnlich einem Dutch Oven) genutzt wurde.

gewß das wasßer auch da von ee dw dy prue dar vber gewst

Keine Kochwasser-Vorbereitung, sondern eine zweiphasige Backtechnik: Die Pastete backt zunächst ungedeckt, wobei das rohe Fleisch eigene Flüssigkeit absondert. Diese wird abgegossen ('das wasßer... da von'), bevor die fette Brühe hinzukommt und die Pastete zum Fertigbacken abgedeckt wird. Ausführlich vorexerziert in mon-191 ('seych das wasser da von... vnd mach den postetten haffen oben czw'), das mon-193 hier stark verkürzt voraussetzt.

sbarcz

Corpus-intern zweifach belegt: mon-144 verwendet exakt dasselbe Wort für ein Fischrogen-Gericht (dort erreicht durch scharfes Anbraten in Öl statt Wein-Brühe-Gewürz-Technik). Das stützt ‚schwarz/dunkel‘ als eigenständige, bewusst angestrebte Optik-Kategorie im Mondseer Kochbuch, nicht als moderne Verlegenheitsdeutung.

Handschrift
Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1)
Folio
Fol. 066r
Sprache
Frühneuhochdeutsch (bairisch-österreichisch, 15. Jh.)
Entstehung
Österreich (Mondsee, Oberösterreich), 1480
CoReMA

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartsbarcz

Gewählte Lesart: ‚sehr dunkel‘ oder ‚dunkelbraun‘ - eine bairisch-österreichische Schreibweise für ‚schwarz‘ (b ersetzt w im Anlaut, vgl. im selben Rezept ‚gburcz‘=Gewürz und ‚gewß‘=gieße; nicht ‚sch‘, denn ‚schwarz‘ geht auf mhd. ‚swarz‘ mit dem Anlautcluster sw- zurück). Hier ist es als stilistische Beschreibung für eine sehr dunkle Farbe des Gerichts zu verstehen, nicht als buchstäblich schwarze Farbe.

Originalwerk (~1480) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 066r, Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609; bereitgestellt durch CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages, Universität Graz (CC BY-NC-SA 4.0)
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), Ms. GR1 (Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609), hyperdiplomatische Basistranskription, CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Eingeschränkt (Equipment): Das Rezept erfordert einen Ofen. Eine Zubereitung im Dutch Oven über der Glut ist möglich, erfordert aber Erfahrung in der Temperaturkontrolle für ein gleichmäßiges Backergebnis. Rindfleisch benötigt Kühlung.
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