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Schnellgelierender Fischaspik mit Kirschgummi

Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1) · Österreich (Mondsee, Oberösterreich) · 1480

RezeptSonstigesLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 9/10
Zubereitungszeit15 Min.PortionenZusatzmittel für ca. 1 l FischsülzeBuchMondseer Kochbuch (~1480)

Willst du eine ordentliche Fischsülze machen, die geliert, ganz gleich wie heiß sie noch ist: Nimm das Gummi vom Weichselbaum (Sauerkirschbaum). Trockne es und zerstoße es fein. Streu es in die Sülze, so heiß sie auch sein mag, dann geliert sie sofort.

OriginalModern / MengeWo kaufenAlternative
pech von weichsell pawmm Gummi vom Weichselbaum Online-Handel für Naturmaterialien, oder selbst an angeritzter Rinde eines Sauerkirschbaums sammeln Gummi arabicum (ähnliche natürliche Verdickungs- und Bindeeigenschaft, im Backregal oder Online-Gewürzhandel erhältlich)
visch Fisch - -

Welches Gericht ist das?

Kein eigenständiges Gericht, sondern ein Küchentrick: Baumgummi vom Weichselbaum als schnellwirkendes Geliermittel für eine Fischsülze. Er erinnert an die bis heute lebendige deutsch-österreichische Sülzen- und Aspiktradition - etwa den böhmisch-mährisch-österreichischen Weihnachtskarpfen in Aspik oder Fischsulz als kalte Vorspeise -, nur dass dort heute Gelatine, Pektin oder Agar-Agar die Rolle übernehmen, die hier das Baumgummi spielt.

Das Gummi vom Weichselbaum.

"Pech von weichsell pawmm" meint kein Nadelbaum-Harz, sondern das klebrige Gummi (Prunus-Gummosis), das aus angeritzter Rinde von Kirsch-, Pflaumen- oder Mandelbäumen austritt - wasserlöslich und hitzestabil, funktional vergleichbar mit dem im selben Rezept genannten Gummi arabicum. Genau diese Wasserlöslichkeit macht den Trick erst möglich: Ein echtes Nadelbaum-Harz könnte in einer heißen, wässrigen Sülze gar nicht wirken.

Praxis.

Frisches Gummi wird getrocknet, bis es spröde genug zum feinen Zerstoßen ist, und als Pulver in die noch heiße Sülze gestreut. Ein Tipp, den der Text selbst nicht erwähnt: Das trockene Pulver vorher in wenig kalter Flüssigkeit anrühren, bevor es in die heiße Sülze kommt - sonst quillt die äußere Schicht der Pulverkörner beim Kontakt mit der Hitze sofort auf und schließt den trockenen Kern ein, was zu Klümpchen führt. Die Verheißung des Rezepts, die Sülze geliere ganz unabhängig von der Temperatur sofort, ist die schwächste Stelle der Anleitung: Das eigentliche Fest-Werden einer Fischsülze kommt vom ausgekochten Kollagen des Fischs, das erst beim Abkühlen unter Körpertemperatur sein Netzwerk bildet. Das Baumgummi wirkt eher als zusätzlicher Verdicker und Stabilisator, der diesen Vorgang unterstützt und beschleunigt, ersetzt die Kühlung aber nicht.

Wo bekomme ich Kirschbaumgummi?

Frisches Gummi tritt aus angeritzter Rinde von Sauerkirschbäumen (Weichselbäumen) aus und lässt sich im eigenen Garten oder bei Streuobstwiesen sammeln. Wer nicht selbst sammeln will, kann ersatzweise Gummi arabicum verwenden, das im Online-Gewürzhandel oder Backregal gut sortierter Supermärkte erhältlich ist und ähnliche Verdickungs- und Bindeeigenschaften hat.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche geeignet?

Nein. Fischsülzen brauchen im Sommer eine durchgehende Kühlkette, die auf einem Mittelaltermarkt kaum zuverlässig herstellbar ist. Das Kirschgummi beschleunigt nur das Gelieren, löst aber nicht das Kühlungsproblem für ein fertiges, servierbereites Gericht.

Was bedeutet die Formel 'wie hays sy sein' im Rezept?

Damit ist gemeint, dass die Sülze unabhängig von ihrer aktuellen Temperatur gelieren soll, also auch heiß, ohne erst lange abkühlen zu müssen. Das Kirschgummi wirkt hier als Verdicker, der diesen Effekt unterstützt und beschleunigt.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Mondseer Kochbuch (2. Hälfte 15. Jh., Österreich (Mondsee, Oberösterreich)). Das Mondseer Kochbuch - eine der umfangreichsten deutschsprachigen Rezeptsammlungen des Spätmittelalters: rund 268 Kochrezepte aus dem oberösterreichischen Raum (Umkreis des Benediktinerklosters Mondsee, 2. Hälfte 15. Jh.), überliefert in der Sammelhandschrift Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA-Sigle GR1, fol. 11r-94v). Das Buch deckt die ganze Bandbreite einer spätmittelalterlichen Küche ab: Mandel- und Fischmuse, Sülzen und Gallerten (u.a. vom Hasen und mit Krebsen), Hausen und andere Fische, Wildbret und Spanferkel, dazu zahlreiche Fasten- und Schauspeisen - etwa aus Fisch nachgeformte Rebhühner, Blancmanger und ein Karfreitags-Eiergericht - sowie süßes Backwerk, Lebkuchen und eingekochte Weichsel-Zubereitungen. Reiche Cross-Links zur bairisch-alemannischen Salsen-, Sülzen- und Schauspeisen-Tradition (m5919, m384, meb, kkm).

ITem wil dw machen phenlich sulcz visch das sy gesten wie haysß sy sein nym das pech von weichsell pawmm Truckchen das vnd stoss chlain vnd schucz In dy sulcz wie hais sy sindt so gestencz czw hanndt
sulcz

Gerichtname für Sülze/Aspik, hier speziell Fischsülze, kein eigenständiges Zutatenwort.

pech von weichsell pawmm

Das Gummi (Baumgummi, Prunus-Gummosis), das aus angeritzter Rinde des Weichsel-/Sauerkirschbaums austritt - wasserlöslich und hitzestabil, kein Nadelbaum-Harz. Wirkt ähnlich wie Gummi arabicum als Verdicker/Stabilisator.

gestencz

Von mhd. 'gestên' = gerinnen, fest werden. Gemeint ist, dass die Sülze geliert.

Handschrift
Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1)
Folio
Fol. 083v
Sprache
Frühneuhochdeutsch (bairisch-österreichisch, 15. Jh.)
Entstehung
Österreich (Mondsee, Oberösterreich), 1480
CoReMA

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartphenlich

Gewählte Lesart: Gelesen als 'pinlich/peinlich' im mhd. Sinn von 'sorgfältig, mit Mühe gemacht' - also eine sorgfältig zubereitete Fischsülze.

Andere mögliche Lesarten:

  • Lesart als 'gemeinlich' (gewöhnlich, normale/übliche Fischsülze) - Lautlich ebenfalls denkbar als Verschreibung, würde aber eher eine Standard-Sülze ohne besonderen Anspruch bezeichnen; im Korpus nicht belegt, daher unsicher.
  • Lesart als 'warm' - CoReMA übersetzt den Rezepttitel selbst als 'Fish aspic, warm, how to jelly' - Da 'sulcz visch' bereits 'fish aspic' und 'das sy gesten' bereits 'how to jelly' abdecken, bleibt 'phenlich' als einziger Kandidat für 'warm' übrig - passt inhaltlich gut zum Rezeptthema (Gelieren trotz Hitze), ist aber durch keine eigenständige Wörterbuchquelle bestätigt, nur durch die CoReMA-Übersetzung selbst.

LesartTruckchen

Gewählte Lesart: Gelesen als Imperativ 'trockne' (das Harz), bairische Schreibvariante zu 'trucken/trocken'.

Andere mögliche Lesart:

  • Substantivische Lesart als Diminutiv 'Trocknis' (kleine Trockenmenge) - Grammatisch schwächer, da der Satzbau ('nym ... Truckchen das vnd stoss') eher eine Verbkette (nimm, trockne, zerstoße) nahelegt.

Originalwerk (~1480) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 083v, Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609; bereitgestellt durch CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages, Universität Graz (CC BY-NC-SA 4.0)
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), Ms. GR1 (Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609), hyperdiplomatische Basistranskription, CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Fischsülze braucht zuverlässige, durchgehende Kühlung, um im Hochsommer-Lager nicht zu Suppe zu zerlaufen. Das Kirschgummi beschleunigt zwar das Gelieren, ersetzt aber keine Kühlkette, sobald die fertige Sülze über Stunden stehen soll.
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