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Wurmschutz für Pflanzensaatgut

Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1) · Österreich (Mondsee, Oberösterreich) · 1480

RezeptSonstigesLesartViel InterpretationsspielraumEinfachKorrekturBearbeitungsstand 8/10
Zubereitungszeit30 Min.PortionenErgiebig für eine Portion Saatgut, Menge im Text nicht spezifiziertBuchMondseer Kochbuch (~1480)

Nimm Mangold und siede ihn gründlich durch. Lass danach dasselbe Sudwasser abkühlen. Besprenge den Pflanzensamen damit, sodass er gut durchtränkt ist. Säe ihn dann ein. So können die Würmer die aus diesem Samen wachsende Pflanze nicht fressen.

OriginalModern / MengeWo kaufenAlternative
piessen ckraut Mangold - -
wasser Wasser Leitung -
phlanczen sam Pflanzensamen - -

Welches Gericht ist das? Kein Speiserezept, sondern eine Garten-Anleitung: Saatgut wird vor der Aussaat in abgekühltem Mangold-Sud besprengt, um die daraus wachsende Pflanze angeblich vor Wurmfraß zu schützen. Eine strukturell verwandte Praxis lebt bis heute in der Garten- und Permakultur-Tradition fort, etwa beim Besprengen von Saatgut mit abgekühlten Pflanzenjauchen und -aufgüssen (Brennnessel-, Beinwell- oder Knoblauchsud) vor der Aussaat - dieselbe volkstümliche Logik, nur mit anderer Pflanze.

Praxis. Mangold wird gründlich in Wasser durchgekocht, danach lässt man den Sud vollständig abkühlen, denn kochend heißes Wasser würde den Keimling im Samen schädigen. Erst dann wird der Same mit dem abgekühlten Sud besprengt (nicht eingelegt), bis er gut durchtränkt ist - Besprengen statt Eintauchen vermeidet, dass der Same in stehender Flüssigkeit erstickt oder fault. Direkt danach wird ausgesät, eine Trocknungspause ist nicht vorgesehen. Ob der Mangold-Sud tatsächlich Würmer fernhält, bleibt eine unbelegte Behauptung des Rezepts selbst; die Abfolge Kochen - Abkühlen - Besprengen - Säen ist aber handwerklich in sich stimmig.

Ist das ein Kochrezept?

Nein. Es steht zwar im Mondseer Kochbuch zwischen Speiserezepten, beschreibt aber eine Garten-Behandlung: Saatgut wird in abgekühltem Mangold-Sud besprengt, damit die daraus wachsende Pflanze angeblich nicht von Würmern gefressen wird.

Was bedeutet 'piessen kraut' im Text?

Damit ist Mangold gemeint, eine Blattgemüse-Pflanze aus der Rübenfamilie. Die Zuordnung stammt aus der begleitenden Sachglosse der Grazer Handschriften-Datenbank, die das Wort mit dem entsprechenden Wikidata-Eintrag für Mangold verknüpft.

Wie hätte man diese Anleitung im 15. Jahrhundert praktisch umgesetzt?

Mangold wurde in Wasser gekocht, das Kochwasser danach abkühlen gelassen. Das Saatgut wurde damit besprengt, bis es gut durchtränkt war, und anschließend in die Erde gesät - der Sud sollte laut Rezept bewirken, dass die Würmer die daraus wachsende Pflanze nicht mehr fressen können. Ob das wirklich wirkt, ist aus heutiger Sicht offen, es ist als volkstümliche Gartenpraxis überliefert.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Mondseer Kochbuch (2. Hälfte 15. Jh., Österreich (Mondsee, Oberösterreich)). Das Mondseer Kochbuch - eine der umfangreichsten deutschsprachigen Rezeptsammlungen des Spätmittelalters: rund 268 Kochrezepte aus dem oberösterreichischen Raum (Umkreis des Benediktinerklosters Mondsee, 2. Hälfte 15. Jh.), überliefert in der Sammelhandschrift Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA-Sigle GR1, fol. 11r-94v). Das Buch deckt die ganze Bandbreite einer spätmittelalterlichen Küche ab: Mandel- und Fischmuse, Sülzen und Gallerten (u.a. vom Hasen und mit Krebsen), Hausen und andere Fische, Wildbret und Spanferkel, dazu zahlreiche Fasten- und Schauspeisen - etwa aus Fisch nachgeformte Rebhühner, Blancmanger und ein Karfreitags-Eiergericht - sowie süßes Backwerk, Lebkuchen und eingekochte Weichsel-Zubereitungen. Reiche Cross-Links zur bairisch-alemannischen Salsen-, Sülzen- und Schauspeisen-Tradition (m5919, m384, meb, kkm).

Nym piessen ckraut vnd seuds gar woll dar nach lass das selbig wasser erkalten vnd spreng den phlanczen sam da mit so der sey gedruckett sa yn so mugen dy wurmm des selbigen sam ckrawtt nit essenn etc.
piessen ckraut

Laut der CoReMA-Sachglosse zu diesem Rezept (Wikidata Q157954) ist damit Mangold gemeint, nicht Kraut im allgemeinen Sinn. Das Grundwort 'kraut' bedeutet im Mittelhochdeutschen allgemein 'Pflanze/Gemüse', hier präzisiert durch 'piessen' auf die Mangold-Pflanze.

gedruckett

Von 'drücken' abgeleitet, hier im Sinn von 'durchtränkt/eingeweicht' gelesen: der Same soll vom abgekühlten Sudwasser durchzogen sein.

sa yn

Vermutlich Imperativ von mhd. 'sæen' (säen) mit angehängtem 'ein' - also 'säe [es] ein'. Die Wortform ist im Wörterbuch nicht direkt belegt, ergibt aber im Satzzusammenhang (Same einweichen, dann aussäen) den einzig sinnvollen Sinn.

Handschrift
Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1)
Folio
Fol. 084r
Sprache
Frühneuhochdeutsch (bairisch-österreichisch, 15. Jh.)
Entstehung
Österreich (Mondsee, Oberösterreich), 1480
CoReMA

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartpiessen ckraut / ckrawtt

Gewählte Lesart: Mangold, gestützt durch die CoReMA-Sachglosse dieses Rezepts, die das Wort mit dem Wikidata-Eintrag für Mangold (Q157954) verknüpft.

Andere mögliche Lesart:

  • Eine Hülsenfrucht-Pflanze - Die MHDBDB-Wörterbuchdatenbank verortet das Lemma 'pîse' im Bedeutungsfeld Hülsenfrüchte, was auf eine andere Pflanzenart als Mangold hindeuten könnte.

Lesartsa yn

Gewählte Lesart: ‚säe [es] ein', als Imperativ von mhd. sæen (säen) mit angehängtem 'ein' gelesen: das eingeweichte Saatgut soll in die Erde gesät werden.

Andere mögliche Lesart:

  • Unklare oder verderbte Textstelle ohne eigenständige Bedeutung - Für die genaue Zeichenfolge 'sa yn' als eigenständige Wortform gibt es keinen direkten Wörterbuchbeleg, die Sä-Lesart ist ein Kontextschluss, keine gesicherte Übersetzung.

Lesartgedruckett

Gewählte Lesart: durchtränkt/eingeweicht - der Same soll vom abgekühlten Sudwasser vollständig durchzogen sein.

Andere mögliche Lesart:

  • gepresst/zusammengedrückt - Die Grundbedeutung von 'drücken' könnte auch ein mechanisches Zusammenpressen des Samens meinen, nicht nur das Durchfeuchten mit Flüssigkeit.

Originalwerk (~1480) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 084r, Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609; bereitgestellt durch CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages, Universität Graz (CC BY-NC-SA 4.0)
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), Ms. GR1 (Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609), hyperdiplomatische Basistranskription, CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Kein Speiserezept, sondern eine Anleitung zum Einweichen von Saatgut in abgekühltem Mangold-Sud gegen Wurmfraß im Garten. Mit Kochen am Lagerfeuer hat das nichts zu tun.
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