Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1) · Österreich (Mondsee, Oberösterreich) · 1480
Nimm Mangold und siede ihn gründlich durch. Lass danach dasselbe Sudwasser abkühlen. Besprenge den Pflanzensamen damit, sodass er gut durchtränkt ist. Säe ihn dann ein. So können die Würmer die aus diesem Samen wachsende Pflanze nicht fressen.
| Original | Modern / Menge | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|
| piessen ckraut | Mangold | - | - |
| wasser | Wasser | Leitung | - |
| phlanczen sam | Pflanzensamen | - | - |
Welches Gericht ist das? Kein Speiserezept, sondern eine Garten-Anleitung: Saatgut wird vor der Aussaat in abgekühltem Mangold-Sud besprengt, um die daraus wachsende Pflanze angeblich vor Wurmfraß zu schützen. Eine strukturell verwandte Praxis lebt bis heute in der Garten- und Permakultur-Tradition fort, etwa beim Besprengen von Saatgut mit abgekühlten Pflanzenjauchen und -aufgüssen (Brennnessel-, Beinwell- oder Knoblauchsud) vor der Aussaat - dieselbe volkstümliche Logik, nur mit anderer Pflanze.
Praxis. Mangold wird gründlich in Wasser durchgekocht, danach lässt man den Sud vollständig abkühlen, denn kochend heißes Wasser würde den Keimling im Samen schädigen. Erst dann wird der Same mit dem abgekühlten Sud besprengt (nicht eingelegt), bis er gut durchtränkt ist - Besprengen statt Eintauchen vermeidet, dass der Same in stehender Flüssigkeit erstickt oder fault. Direkt danach wird ausgesät, eine Trocknungspause ist nicht vorgesehen. Ob der Mangold-Sud tatsächlich Würmer fernhält, bleibt eine unbelegte Behauptung des Rezepts selbst; die Abfolge Kochen - Abkühlen - Besprengen - Säen ist aber handwerklich in sich stimmig.
Nein. Es steht zwar im Mondseer Kochbuch zwischen Speiserezepten, beschreibt aber eine Garten-Behandlung: Saatgut wird in abgekühltem Mangold-Sud besprengt, damit die daraus wachsende Pflanze angeblich nicht von Würmern gefressen wird.
Damit ist Mangold gemeint, eine Blattgemüse-Pflanze aus der Rübenfamilie. Die Zuordnung stammt aus der begleitenden Sachglosse der Grazer Handschriften-Datenbank, die das Wort mit dem entsprechenden Wikidata-Eintrag für Mangold verknüpft.
Mangold wurde in Wasser gekocht, das Kochwasser danach abkühlen gelassen. Das Saatgut wurde damit besprengt, bis es gut durchtränkt war, und anschließend in die Erde gesät - der Sud sollte laut Rezept bewirken, dass die Würmer die daraus wachsende Pflanze nicht mehr fressen können. Ob das wirklich wirkt, ist aus heutiger Sicht offen, es ist als volkstümliche Gartenpraxis überliefert.
Dieses Rezept stammt aus dem Mondseer Kochbuch (2. Hälfte 15. Jh., Österreich (Mondsee, Oberösterreich)). Das Mondseer Kochbuch - eine der umfangreichsten deutschsprachigen Rezeptsammlungen des Spätmittelalters: rund 268 Kochrezepte aus dem oberösterreichischen Raum (Umkreis des Benediktinerklosters Mondsee, 2. Hälfte 15. Jh.), überliefert in der Sammelhandschrift Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA-Sigle GR1, fol. 11r-94v). Das Buch deckt die ganze Bandbreite einer spätmittelalterlichen Küche ab: Mandel- und Fischmuse, Sülzen und Gallerten (u.a. vom Hasen und mit Krebsen), Hausen und andere Fische, Wildbret und Spanferkel, dazu zahlreiche Fasten- und Schauspeisen - etwa aus Fisch nachgeformte Rebhühner, Blancmanger und ein Karfreitags-Eiergericht - sowie süßes Backwerk, Lebkuchen und eingekochte Weichsel-Zubereitungen. Reiche Cross-Links zur bairisch-alemannischen Salsen-, Sülzen- und Schauspeisen-Tradition (m5919, m384, meb, kkm).
Laut der CoReMA-Sachglosse zu diesem Rezept (Wikidata Q157954) ist damit Mangold gemeint, nicht Kraut im allgemeinen Sinn. Das Grundwort 'kraut' bedeutet im Mittelhochdeutschen allgemein 'Pflanze/Gemüse', hier präzisiert durch 'piessen' auf die Mangold-Pflanze.
Von 'drücken' abgeleitet, hier im Sinn von 'durchtränkt/eingeweicht' gelesen: der Same soll vom abgekühlten Sudwasser durchzogen sein.
Vermutlich Imperativ von mhd. 'sæen' (säen) mit angehängtem 'ein' - also 'säe [es] ein'. Die Wortform ist im Wörterbuch nicht direkt belegt, ergibt aber im Satzzusammenhang (Same einweichen, dann aussäen) den einzig sinnvollen Sinn.
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
piessen ckraut / ckrawtt
Gewählte Lesart: Mangold, gestützt durch die CoReMA-Sachglosse dieses Rezepts, die das Wort mit dem Wikidata-Eintrag für Mangold (Q157954) verknüpft.
Andere mögliche Lesart:
sa yn
Gewählte Lesart: ‚säe [es] ein', als Imperativ von mhd. sæen (säen) mit angehängtem 'ein' gelesen: das eingeweichte Saatgut soll in die Erde gesät werden.
Andere mögliche Lesart:
gedruckett
Gewählte Lesart: durchtränkt/eingeweicht - der Same soll vom abgekühlten Sudwasser vollständig durchzogen sein.
Andere mögliche Lesart:
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