Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1) · Österreich (Mondsee, Oberösterreich) · 1480
Für ein Gericht aus Eiern die Eier sieden lassen. Danach an beiden Enden öffnen und die Dotter herausnehmen.
Heißes Schmalz nehmen und die Dotter hineingeben, mit Petersilie und Gewürz verrühren, dann die Masse wieder in die Eier füllen. Die Öffnungen verschließen.
Danach die Eier schälen, auf einen Spieß stecken und braten.
| Original | Modern / Menge | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|
| airen | Eier | - | - |
| hayß smalcz | heißes Schmalz | - | - |
| pettersill | Petersilie | - | - |
| gwurcz | Gewürz | - | Typische spätmittelalterliche Mischung aus Pfeffer, Ingwer und etwas Safran |
Welches Gericht ist das? mon-252 ist ein Schaugericht: Ein hartgesottenes Ei wird an beiden Enden geöffnet, der Dotter entnommen, mit heißem Schmalz, Petersilie und Gewürz zu einer Creme verrührt, zurückgefüllt, wieder verschlossen und am Spieß gebräunt - am Ende soll es wieder wie ein unversehrtes Ei aussehen. Der nächste lebende Verwandte ist das gefüllte Ei (Deviled Egg), allerdings nur was Zutaten und Grundprinzip betrifft; die eigentliche Pointe, die Illusion des ganzen Eis samt Spieß-Bräunung, hat im Alltag keine direkte Entsprechung mehr.
Beide Enden statt Längsschnitt. Das Ei wird nicht der Länge nach halbiert, sondern an beiden Enden vorsichtig geöffnet, sodass die Eiweiß-Hülle als dünne Röhre stehen bleibt - durch diese Öffnungen wird der feste Dotter herausgedrückt. Zwei unabhängige Parallelrezepte im Korpus (rfk-047, m725-020) öffnen die Eier ebenfalls an beiden Spitzen bzw. Enden statt sie längs zu teilen, was diese Lesart deutlich stützt.
Das Wiederverschließen. Nach dem Neubefüllen müssen die Öffnungen wieder verschlossen werden, sonst fällt die Füllung beim Schälen und Spießen heraus. Real ist dabei vor allem die Bruchgefahr: Die dünne Eiweiß-Röhre reißt leicht, wenn man nicht behutsam vorgeht - eine Schwierigkeit, die der Text selbst nicht benennt.
Praxis. Eier hart sieden, an beiden Enden vorsichtig eine kleine Öffnung schaffen und den Dotter behutsam herausdrücken. Dotter in heißem Schmalz mit Petersilie und Gewürz zu einer geschmeidigen Paste verrühren und zurückfüllen - die Paste sollte weder zu flüssig noch zu fest sein, damit sie weder ausläuft noch sich schlecht einfüllen lässt. Öffnungen andrücken und kurz erwärmen, danach erst schälen, auf einen Spieß stecken und über der Glut bräunen, bis die Oberfläche leicht kross ist.
Bedingt. Die Zutaten sind lagertauglich und brauchen keine Kühlung, aber die Zubereitung selbst ist ein fummeliges Kunststück: Das hartgesottene Ei muss an beiden Enden vorsichtig geöffnet werden, ohne die dünne Eiweiß-Hülle zu zerbrechen, und passgenau wieder verschlossen werden. Als kleine Vorführung vor Publikum eignet es sich gut, als schnelles Serien-Gericht für viele Portionen weniger.
Das Wort ist in dieser genauen Schreibform sonst nicht belegt, der zugrundeliegende Wortstamm ('verbrennen') ist im Korpus aber gut bezeugt - die Handschrift zeigt durchgängigen bairischen p/b-Wechsel (z. B. 'pracz' = braten im selben Rezept), was eine Lesart als 'verbrenn's' im Sinn von 'versenge/versiegle es kurz' nahelegt. Am plausibelsten bleibt: Die wieder gefüllten Öffnungen an den Enden des Eis werden zusammengedrückt und vermutlich durch kurze Wärmeeinwirkung verschlossen, damit sie beim Braten am Spieß nicht auseinanderfallen.
Das Bräunen am Spieß über offener Glut gab den geschälten, wieder verschlossenen Eiern eine goldene, leicht krosse Oberfläche - ein einfacher, aber effektvoller Abschluss für ein Gericht, das schon durch das unsichtbare Wiederverschließen der Öffnungen ein kleines Kunststück war.
Dieses Rezept stammt aus dem Mondseer Kochbuch (2. Hälfte 15. Jh., Österreich (Mondsee, Oberösterreich)). Das Mondseer Kochbuch - eine der umfangreichsten deutschsprachigen Rezeptsammlungen des Spätmittelalters: rund 268 Kochrezepte aus dem oberösterreichischen Raum (Umkreis des Benediktinerklosters Mondsee, 2. Hälfte 15. Jh.), überliefert in der Sammelhandschrift Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA-Sigle GR1, fol. 11r-94v). Das Buch deckt die ganze Bandbreite einer spätmittelalterlichen Küche ab: Mandel- und Fischmuse, Sülzen und Gallerten (u.a. vom Hasen und mit Krebsen), Hausen und andere Fische, Wildbret und Spanferkel, dazu zahlreiche Fasten- und Schauspeisen - etwa aus Fisch nachgeformte Rebhühner, Blancmanger und ein Karfreitags-Eiergericht - sowie süßes Backwerk, Lebkuchen und eingekochte Weichsel-Zubereitungen. Reiche Cross-Links zur bairisch-alemannischen Salsen-, Sülzen- und Schauspeisen-Tradition (m5919, m384, meb, kkm).
Bairisch für Eidotter - im ganzen Korpus belegte Lesart, kein Verwechslungswort.
Imperativ von 'braten' (bair. p/b-Wechsel) - 'brat es', nicht das Substantiv 'Bratwurst'.
Bairische Nebenform zu mhd. 'ort' (Ende, Spitze) - die Eier werden an beiden Enden geöffnet. Das Wort taucht auch im Zwillingsrezept mon-247 auf; zwei unabhängige Parallelrezepte (rfk-047, m725-020) beschreiben ebenfalls ein Öffnen an beiden Enden bzw. Spitzen statt einer Längshalbierung, was diese Lesart stützt.
Unklares Verb, vermutlich das Verschließen/Versiegeln der wieder befüllten Öffnungen, möglicherweise durch leichtes Anwärmen der Ränder. Die Handschrift zeigt durchgängigen bairischen p/b-Wechsel (u.a. 'pracz' = braten im selben Rezept), was eine Lesart als 'verbrenn's' im Sinn von 'versenge es kurz' naheliegend macht - eine sichere Zuordnung bleibt aber offen, da die genaue Schreibform sonst nicht belegt ist.
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
verprens
Gewählte Lesart: Als 'versiegeln/verschließen (ggf. durch kurzes Erwärmen der Ränder)' gelesen - die Öffnungen an den Enden des Eis werden nach dem Neubefüllen wieder verschlossen, bevor das Ei geschält, gespießt und gebraten wird.
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