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Erbsen-Fisch-Braten (Fasten-Imitat)

München, Bayerische Staatsbibliothek, Clm 15632 · Rott am Inn, Oberbayern · 1460

FischHauptspeise · FischLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 9.3/10Höfische KücheHofkücheHülsenfrüchteHülsenfrüchte
Zubereitungszeit90 Min.Portionen4-6 PersonenBuchKlosterkochbuch Rott am Inn (Clm 15632) (~1460)

Nimm gute Erbsen und koche sie in klarer Flüssigkeit. Koche sie danach in Wasser und Wein, sodass sie sich gut verarbeiten lassen. Zerstoße sie nicht zu grob, sondern reibe sie fein in einem Mörser.

Nimm zehn Eier und Butter in der Menge eines Gänse- oder Enteneis. Gib ein wenig geriebene Semmel hinzu und knete die Masse zusammen, sodass sie zäh wird. Sie soll auch gesalzen, mit Safran gelb gefärbt und gewürzt sein.

Spicke den Braten mit Störfleisch oder mit dem Brät eines anderen Fisches. Brate ihn gut über Glut, sodass er braun wird und sich zusammenzieht.

OriginalModern / MengeWo kaufenAlternative
arbas Erbsen Supermarkt getrocknete Schäl- oder Spalterbsen (gelb/grün)
klatgoß Brühe oder Wasser - -
wasser Wasser Leitung -
wein Wein Supermarkt Verjus oder Essig
x ayr 10 Eier Supermarkt -
ein putter als ein ganns enten aye 50 g Butter (Menge eines Gänse- oder Enteneis) Supermarkt Pflanzenöl für eine Fasten-Variante
ein geriben semel ein wenig Geriebene Semmel Supermarkt (Backregal) Weißbrotkrume
gesaltzt Salz - -
gilbt Safran (zum Gelbfärben) gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel Ringelblume (für die Farbe)
geburtzt Gewürze - Pfeffer, Ingwer, Nelken
hawsen Störfleisch ⚠ Stör ist in DE/EU streng geschützt. Nur aus nachhaltiger Zucht oder als Ersatz: Welsfilet Welsfilet oder Hechtfilet
einem anderen visch der prat hat Fischbrät von anderem Fisch Metzger oder Fischhändler (auf Bestellung) Fein gehacktes oder püriertes Fischfilet (z.B. Hecht, Zander)

Welches Gericht ist das? Ein Fasten-Schaubraten aus Erbsen - ein mock-Braten: pürierte Erbsen mit Ei, Butter und geriebener Semmel zu einer zähen Masse geknetet, geformt und mit Fisch ‚gespickt', dann über Glut braun gebraten. So konnte man in der Fastenzeit einen Fleischbraten imitieren.

Technik. Gute Erbsen weich kochen (erst in Wasser/Brühe - kaltgoß -, dann in Wasser und Wein), fein im Mörser reiben. Mit zehn Eiern, Butter (etwa ein Gänse-Ei groß) und etwas geriebener Semmel zu einer zähen, formbaren Masse kneten; salzen, mit Safran gelb färben und würzen. Den geformten ‚Braten' mit Streifen von Stör- oder anderem Fischbrät spicken (Fasten-Bardierung, vgl. Handbuch-Prinzip rfk-003/004) und über Glut braten, bis er braun wird und sich zusammenzieht.

Praxis. Trockenerbsen weich kochen, pürieren, mit Ei, Butter und Semmelbröseln zu einer knetbaren Masse binden, würzen, zu einem Laib formen, mit Fischstreifen spicken und über der Glut/im Ofen bräunen. Eine raffinierte Fasten-Illusion.

Was bedeutet ‚arbas‘ und welche Erbsen nehme ich?

‚Arbas‘ ist die bairische Form von Erbse (mhd. areweiz/arbeiz) - daran besteht kaum Zweifel. Wichtiger ist die Sorte: Im Mittelalter meinte ‚Erbse‘ fast immer die getrocknete Felderbse (graue Acker- oder Peluschke), eine kleine, mehlige Trockenerbse. Die süße, grüne Garten- oder Markerbse, die wir heute roh naschen, ist eine viel spätere Züchtung (ab dem 16./17. Jahrhundert). Für dieses Mock-Braten-Rezept brauchst du genau die mehlige Sorte: nimm getrocknete Schäl- oder Spalterbsen (gelb oder grün), die zerkochen zu einer formbaren Masse. Frische süße Erbsen aus Dose oder Tiefkühltruhe sind zu wässrig und süß und ergeben keinen ‚Braten‘.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Schaugericht: Dieses Rezept ist ideal für eine Vorführung auf dem Mittelaltermarkt. Die Zubereitung des Bratens, das Spicken mit Fisch und das Braten über Glut sind sehr anschaulich. Die Erbsen können vorbereitet werden, Eier und Butter benötigen Kühlung, sind aber für einen Markttag gut zu handhaben. Das Lardieren und Formen ist zeitaufwendig, aber gut vor Publikum darstellbar.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem ‚Klosterkochbuch Rott am Inn‘ (Clm 15632), einer Handschrift aus dem Benediktinerkloster Rott am Inn, datiert auf die Jahre 1458 und 1464. Es ist ein Beispiel für die bairische Klosterküche des Spätmittelalters.

Was bedeutet ‚morser‘ im Rezept?

Ein ‚Mörser‘ im mittelalterlichen Kochkontext war oft ein großer Fleischmörser aus Stein oder Metall, der zum Zerkleinern von Fleisch, Fisch oder Gemüse zu einer feinen Farce diente. Für dieses Rezept kannst du einen großen Granitmörser verwenden oder die Zutaten in einer modernen Küchenmaschine pürieren, um eine ähnliche Konsistenz zu erzielen.

Dieses Rezept enthält Butter, ist aber ein Fasten-Imitat. Wie passt das zusammen?

Dieses Rezept nennt Butter in einem Fastenkontext. Im Mittelalter gab es zwei Wege, Butter in der Fastenzeit zu verwenden: Als 'Fastenbutter' - ein pflanzlicher Fettblock, der Butter imitierte - oder mit einem päpstlichen 'Butterbrief', der gegen eine Abgabe echte Butter erlaubte. Solche Dispense waren im 15. Jahrhundert in Nord- und Mitteleuropa weit verbreitet, da Olivenöl dort teuer und schwer zu bekommen war.

Item einen arbas praten Nymm gut arbas vnd heyt dy in klatgoß gesoten Sewd sy dar nach in wasser vnd wein das sy sich geren treyben lassen vnd verstotz nit zer reibs in einem morser vnd nymm x ayr vnd ein putter als ein enten aye Nymm ein geriben semel ein wenig vnd dy matery knyt zw samen das zach sey Es sol auch gesaltzt gilbt vnd geburczt sein vnd spick das mit hawsen oder mit einem anderen visch der prat hat vnd prat das wal ob einer glut das es prawn wert vnd aus zich
semel

Hier ist geriebene Semmel oder Weißbrotkrume gemeint, die als Bindemittel dient. Eine Bindung mit Mehl (Roux) war in dieser Zeit unüblich.

prat

‚Brät‘ bezeichnet fein zerkleinertes, rohes Fleisch oder Fischfleisch, das zu einer Farce verarbeitet wird. Hier als Füllung oder Spickmaterial verwendet.

hawsen

Der Hausen (Huso huso) ist eine Störart, die für ihr Fleisch und ihren Rogen (Kaviar) geschätzt wurde. Heute sind Störe in Europa streng geschützt und nur aus Zucht erhältlich.

gilbt

‚Gelbfärben‘ erfolgte im Mittelalter meist mit Safran, einem kostbaren Gewürz, das Speisen eine leuchtend gelbe Farbe verlieh und als Statussymbol galt.

Handschrift
München, Bayerische Staatsbibliothek, Clm 15632
Folio
Fol. 151r
Sprache
Frühneuhochdeutsch (bairisch, Benediktinerkloster Rott am Inn, 1458/1464)
Entstehung
Rott am Inn, Oberbayern, 1460

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartarbas

Gewählte Lesart: Erbsen - ‚arbas‘ ist die bairische Schreibung von mhd. areweiz/arbeiz/erbiz (Erbse); durch Kochen, Reiben und Kneten zu einer mehligen, formbaren Masse eindeutig. Gemeint sind getrocknete Felderbsen (mehlig), nicht die moderne süße grüne Erbse.

Lesartklatgoß

Gewählte Lesart: ‚Brühe oder klares Wasser‘ - Der Begriff ist sehr obskur. Im Kontext des Kochens von Erbsen ist eine Flüssigkeit zum Sieden gemeint. Eine Brühe oder einfach klares Wasser ist die plausibelste Lesart.

Andere mögliche Lesart:

  • Eine spezifische Art von Sud oder Flüssigkeit. - Es könnte sich um einen sehr lokalen oder spezialisierten Begriff handeln, dessen Bedeutung heute verloren ist.

LesartSewd

Gewählte Lesart: ‚Siede‘ oder ‚Koche‘ - Eine bairische Schreibweise des Verbs ‚sieden‘ (kochen).

Lesartverstotz nit zer reibs

Gewählte Lesart: ‚Zerstoße sie nicht zu grob, sondern reibe sie fein‘ - ‚verstotz‘ wird hier als ‚grob zerstoßen‘ interpretiert, im Gegensatz zum feineren ‚zer reibs‘ (reiben/pürieren). Die Anweisung zielt auf eine bestimmte, feine Textur ab.

Andere mögliche Lesart:

  • ‚Verstoße sie nicht, sondern reibe sie‘ - ‚verstotz‘ könnte auch eine allgemeinere Form des Zerkleinerns bedeuten, die hier explizit durch ‚reiben‘ präzisiert wird. - Die genaue Nuance von ‚verstotz‘ ist ohne weiteren Kontext schwer zu fassen, aber die Kontrastierung mit ‚reiben‘ ist entscheidend.

Lesartknyt

Gewählte Lesart: ‚Knete‘ - Eine bairische Schreibweise des Verbs ‚kneten‘, passend zur Verarbeitung einer Teigmasse.

Lesartgeburtzt

Gewählte Lesart: ‚Gewürzt‘ - Eine bairische Schreibweise des Verbs ‚würzen‘, hier im Partizip Perfekt.

Originalwerk (~1460) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 151r, Bayerische Staatsbibliothek München, Clm 15632 (Rott am Inn, 1458/1464); bereitgestellt durch CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages, Universität Graz
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), Ms. M10 (München, Bayerische Staatsbibliothek, Clm 15632), hyperdiplomatische Basistranskription, CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Schaugericht: Die Zubereitung des Bratens, das Spicken mit Fisch und das Braten über Glut sind sehr anschaulich. Die Erbsen können vorbereitet werden, Eier und Butter benötigen Kühlung, sind aber für einen Markttag gut zu handhaben. Das Lardieren und Formen ist zeitaufwendig, aber gut vor Publikum darstellbar.
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