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Mandelpaste in Keilform

Le Viandier de Guillaume Tirel, dit Taillevent · Frankreich · 1300

DessertNachspeiseLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 9/10Höfische KücheHofkücheVegetarischVegetarisch
Zubereitungszeit90 Min.Portionen4-6 PersonenBuchLe Viandier de Taillevent (~1300)

Um Mandelpaste für vier Portionen zuzubereiten: Zerstoße die Mandeln in einem Mörser, etwa zwei Kilogramm, und passiere sie durch ein feines Tuch mit etwas heißem Wasser, sodass die Mandelmasse recht dick wird. Gib einhundertfünfundzwanzig Gramm Zucker hinzu und koche alles zusammen in einer Pfanne. Wenn es gekocht ist, gib es in ein feines Tuch oder auf ein neues Leinentuch und lasse es abkühlen. Lege es dann auf Teller in Form von Butterkeilen. Nimm danach die schönsten Mandeln, spalte sie der Länge nach in zwei Hälften, und jede Hälfte spalte nochmals der Länge nach in drei Teile. Färbe die Hälfte davon mit Safran gelb. Dann stecke sie in schönen Reihen der Länge nach in die Mandelkeile. Nimm Milch, wenn du servieren möchtest, und gieße sie so ein, dass sie die Mandeln nicht berührt, fast wie separat hinzugefügt.

Geröstete Eier am Spieß: Röste Eier am Spieß.

OriginalModern / MengeWo kaufenAlternative
amandes en vng mortier enuiron quatre liures 2 kg Mandeln - -
vng peu deaue chaulde Heißes Wasser Leitung -
vng quarteron sucre 125 g Zucker - -
saffran Safran Online-Gewürzhandel -
lait Milch - -
Oeufz Eier - -

Welches Gericht ist das? Ein höfisches Mandelkonfekt aus dem Viandier - gekochte, gezuckerte Mandelmasse, die nach dem Abtropfen und Auskühlen in Keile (wie Butterstücke) geformt und mit gespaltenen Mandeln verziert wird. Es gehört zur Familie des Mandelkäses/der Mandelbutter (geronnene, abgetropfte Mandelmasse), nicht zum flüssigen Mandelmus. Ein früher Verwandter von Marzipan und festem Mandelkonfekt.

Iron damandes - der Titel. Der Name ist ungewöhnlich und vermutlich verschrieben; aus der Zubereitung wird klar, dass eine feste, geformte Mandelmasse gemeint ist. Wir geben ihn neutral als „Mandelpaste" wieder.

Herstellung. Mandeln werden im Mörser zerstoßen, mit wenig heißem Wasser durch ein feines Tuch (estamine) zu einer dicken Masse passiert, mit Zucker in der Pfanne gekocht, dann auf ein frisches Leinentuch gegeben, wo überschüssige Flüssigkeit abtropft und die Masse auskühlt und fest wird - dasselbe Abtropf-Prinzip wie beim Mandelkäse.

Formen und Verzieren als Schau-Element. Die feste Masse wird zu coingz de beurre (Butterkeilen) geformt. Schöne Mandeln werden längs gespalten, jede Hälfte nochmals längs gedrittelt; die Hälfte davon wird mit Safran gelb gefärbt. Diese hellen und gelben Mandelsplitter steckt man in ordentlichen Reihen längs in die Keile - ein zweifarbiges Dekor. Zum Servieren wird Milch so danebengegossen, dass sie die verzierten Keile nicht berührt - die Optik soll ungestört bleiben. Das ist gehobene Tafelkunst, kein Alltagsgericht.

Der zweite Eintrag. „Geröstete Eier am Spieß" (Oeufz rostis en la broche) ist ein eigener, extrem knapper Folgeeintrag des Viandier, der hier nur angehängt steht - so simpel, dass er keiner Erklärung bedurfte: ganze Eier am Spieß über der Glut garen.

Praxis. Etwa 200 g gemahlene Mandeln mit wenig heißem Wasser zu einer dicken Paste verrühren, mit gut 60 g Zucker in der Pfanne unter Rühren einkochen, auf ein Leinentuch geben, abtropfen und kalt werden lassen. Zu Keilen formen, mit hellen und (in Safranwasser getauchten) gelben Mandelstiften verzieren. Beim Anrichten kalte Milch separat danebengießen.

Cluster: Mandelkäse/-butter (geronnen, abgetropft, geformt): bgs-039 und bgs-072.

Was ist 'Iron damandes'?

Der Begriff 'Iron damandes' ist in historischen Kochbüchern selten und könnte eine Verballhornung von 'Yronne d'amandes' oder 'Icing d'amandes' sein, was auf eine Art Mandelpaste oder Marzipan hindeutet. Die Zubereitung beschreibt eine gekochte, geformte Mandelmasse.

Was bedeutet 'quarteron' im Rezept?

Ein 'quarteron' war ein mittelalterliches französisches Gewichtsmaß, das einem Viertel eines Pfundes (Livre) entsprach. Ein Pariser Pfund (Livre de Paris) wog etwa 489,5 Gramm, sodass ein Quarteron ungefähr 122 bis 125 Gramm betrug.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Nein. Die Mandelpaste muss gekocht, abgekühlt und geformt werden, was im Lager schwierig ist. Die Servierempfehlung mit frischer Milch löst man heute mit H-Milch im Tetrapack. Zuhause vorbereiten.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem berühmten französischen Kochbuch ‚Le Viandier de Taillevent‘, das um 1300 entstand und später im 14. Jahrhundert von Guillaume Tirel, genannt Taillevent, überarbeitet wurde. Es ist eines der wichtigsten Zeugnisse der mittelalterlichen französischen Hofküche.

Was ist ein 'Mörser' - brauche ich einen Mörser und Stößel?

Im mittelalterlichen Kochkontext ist ein 'Mörser' oft ein großer Fleischmörser aus Stein oder Metall, der zum Zerstoßen von Fleisch, Fisch oder Nüssen zu feinen Pasten verwendet wurde. Für dieses Rezept kannst du fertig gemahlene Mandeln verwenden oder eine moderne Küchenmaschine oder einen Blender nutzen, um die Mandeln fein zu mahlen.

Pour faire Iron damandes pour quatre platz / broyez les amandes en vng mortier enuiron quatre liures et passes en estamine auec vng peu deaue chaulde et que lamande soit asses espes et y mettes vng quarteron sucre et bouilles tout ensemble en vne paelle / et quant il sera bouilly le mettes en vne estamine ou sur toille neufue et le laisses refroidir et le mettez en platz en facon de coingz de beurre et puis prenez des plus belles amandes / et les fendez par la moitie et chascune moytie fendez en trois parties du long et en iaunisses la moytie en saffran / et puis les plantes en belles ranges parmy le long / et puis prenez du lait quant vous vouldres seruir et qui ne touche point dedans les amandes quasi mis dedans. Oeufz rostis en la broche
Iron damandes

Ungewöhnlicher, vermutlich verschriebener Titel; aus der Zubereitung erschließt sich eine feste, geformte Mandelpaste.

estamine

Feines Passiertuch/Sieb (ähnlich heutigem Etamin) zum Durchstreichen der Mandelmasse.

quarteron

Altes französisches Gewichtsmaß = ein Viertel Livre, also etwa 125 g.

coingz de beurre

„Butterkeile" - keilförmige Stücke, wie Butter damals portioniert serviert wurde; gibt der Mandelpaste ihre Form.

iaunisses … en saffran

Die Hälfte der gespaltenen Mandeln wird mit Safran gelb gefärbt - das periodentreue Gelb-/Goldfärbemittel - für ein zweifarbiges Dekor.

Handschrift
Le Viandier de Guillaume Tirel, dit Taillevent
Folio
Fol. 009r
Sprache
Moyen Français (ca. 1300-1400)
Entstehung
Frankreich, 1300

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

LesartIron damandes

Gewählte Lesart: Mandelpaste/Mandelkonfekt - eine gekochte, geformte Mandelmasse.

Andere mögliche Lesart:

  • Verschreibung eines anderen Titels (z. B. mit Bezug auf „Yron"/Form). - Der Begriff ist in den Kochbüchern singulär und lässt sich nicht sicher etymologisch festmachen; die Zubereitung ist jedoch eindeutig eine feste Mandelmasse, daher bleibt die Lesart inhaltlich gesichert, nur der Wortursprung offen.

Originalwerk (~1300) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 009r, Bibliothèque nationale de France, Manuscrit Français 19791, Gallica (ark:/12148/btv1b10501680z) - Domaine public Quelle öffnen
Transkription
Pichon & Vicaire 1892 (kritische Edition), Project Gutenberg #26567 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Die Mandelpaste lässt sich am Feuer kochen, muss dann aber im Tuch abtropfen, auskühlen und in Form gebracht werden - das gelingt am Lager nur, wenn man Zeit und einen kühlen Platz zum Festwerden hat. Das Verzieren mit gespaltenen, safrangelben Mandeln ist Feinarbeit. Besser zu Hause vorbereiten.
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