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Würziger Senf-Anis-Sud zum Einlegen

Daz buoch von guoter spîse · Würzburg · 1350

Gewürz / SauceGewürz / SauceLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumEinfachKorrekturBearbeitungsstand 9/10Höfische KücheHofkücheVegetarischVegetarisch
Zubereitungszeit10 Min.Portionen1 Glas (ca. 500 ml Sud)BuchDas Buch von guter Speise (~1350)

Mahle Kümmel und Anis mit Pfeffer, Essig und Honig. Färbe die Mischung gelb mit Safran und rühre Senf hinein. In diesem Sud kannst du nun einlegen: Petersilie, Beeren, klein geschnittenes Sauergemüse oder Rüben, oder was immer du magst.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
kuemel Kümmel, gemahlen 1 TL - -
enis Anis, gemahlen 1 TL - -
pfeffer schwarzer Pfeffer, gemahlen ½ TL - -
ezzige Weinessig 200 ml - -
honige etwas Honig - Supermarkt -
saffran Safranfäden (in wenig warmem Wasser einweichen) 1 Prise Leitung -
senf gelbe Senfsaat (ganz oder grob geschrotet) 1 EL Supermarkt, Gewürzhandel Wenn keine Senfsaat zur Hand: 2 EL mittelscharfer Senf, schmeckt anders, da die Paste schon mit Essig und Aromen angerührt ist.
petersielien (zum Einlegen) frische Petersilie, gewaschen - Supermarkt, Markt Andere frische Kräuter wie Dill, Estragon
bern (zum Einlegen) Handvoll frische oder getrocknete Beeren (Wacholder, Holunder, Schlehen) 1 Wald, Wochenmarkt, Online-Gewürzhandel Wacholderbeeren passen klassisch zu solchen Würzsuden
clein cumpost (zum Einlegen) Klein geschnittenes Eingelegtes (z.B. Sauerkraut, eingelegte Rüben, Salzgurken) - Supermarkt Cumpost = mhd. für eingelegtes/fermentiertes Gemüse, NICHT süßes Obstkompott
rueben (zum Einlegen) Rüben, klein geschnitten - Supermarkt, Markt Im Text als gleichrangige Alternative zum eingelegten Cumpost genannt ('clein cumpost oder rueben')

Welches Gericht ist das? Dies ist eine kalte, würzige Essig-Senf-Lake zum Einlegen von Kräutern, Beeren und bereits eingelegtem Gemüse - kein eigenständiges Gericht, sondern eine Würzmarinade zur Vorratshaltung. Die nächste lebendige Verwandtschaft findet sich heute in gewürzten Essig-Suden mit Senfkörnern, wie sie für Senfgurken verwendet werden, sowie strukturell in der englischen Piccalilli-Tradition (Essig, Senfsaat, Gelbfärbung, eingelegtes Gemüse) - unabhängig entstanden, aber demselben Konservierungsprinzip folgend.

Der Senf. "Senf" konnte im 14. Jahrhundert Saat, Mehl oder fertige Paste meinen. Für einen mehrtägigen Einlege-Sud passt Senfsaat am besten: Sie gibt ihre Schärfe langsam an die Lake ab, während sich fertige Paste beim Durchziehen auflösen würde und Mehl den Sud eintrübt.

Suelze - einlegen, nicht Sülze. "In mahtu suelze" meint hier das Verb "sülzen" im Sinn von "einlegen, in Essig konservieren", verwandt mit "salzen" und "pökeln". Sülze als feste Gallerte wäre hier kulinarisch unpassend, sie würde sich im Essigsud auflösen.

Cumpost. Das im Rezept genannte "cumpost" ist bereits eingelegtes, saures Gemüse (Sauerkraut, eingelegte Rüben, Salzgurken) - kein süßes Obstkompott. Es kommt fertig in den Sud, wird also nicht selbst neu angesetzt. Als gleichwertige Alternative dazu nennt das Rezept klein geschnittene Rüben.

Praxis. Zerstoße Kümmel, Anis und Pfeffer im Mörser und verrühre sie mit dem Weinessig und etwas Honig zu einem Sud. Rühre die eingeweichten Safranfäden für die Gelbfärbung ein, dazu die Senfsaat. In diesen kalten Sud gibst du Petersilie, Beeren, bereits eingelegtes Gemüse oder Rüben - für sichere Lagerung empfiehlt es sich, alles vollständig von Flüssigkeit bedeckt zu halten, während es durchzieht (eine feste Vorgabe dazu nennt der Text nicht). Eine Kochstelle brauchst du für keinen Schritt.

Sicherheits-Hinweis. Bewahre Sud und Eingelegtes gekühlt auf und verzehre es innerhalb weniger Tage bis maximal zwei Wochen - für unbegrenzte Lagerung bei Raumtemperatur ist die historische Methode nicht ausgelegt.

Was bedeutet 'tuo dar zvo senf', fertige Senfpaste oder Senfsaat?

Im 14. Jh. konnte 'senf' beides bedeuten: ganze Senfsaat, gemahlenes Senfmehl, oder bereits mit Essig angerührte Senfpaste. Für unser Pickling-Rezept ist Senfsaat (ganz oder grob geschrotet) am plausibelsten, die Körner stehen mitten in einer Gewürzliste mit Kümmel, Anis, Pfeffer (also weiteren Saaten/Pulvern), und beim mehrtägigen Einlegen geben sie ihre Schärfe langsam ab. Genau das Muster, das wir heute noch bei Salz- und Senfgurken sehen. Fertige Paste würde sich beim Durchziehen weitgehend auflösen.

Was bedeutet 'in mahtu suelze petersielien bern vnd clein cumpost oder rueben'?

Wörtlich: 'darin kannst du sülzen Petersilie, Beeren, klein geschnittenes Eingelegtes oder Rüben'. 'Sülzen' (mhd. sulzen) ist hier wahrscheinlich Verb und meint 'einlegen, in Würzlake konservieren', verwandt mit unserem 'pökeln' und 'salzen'. Der Würzsud aus Senf, Anis, Kümmel, Pfeffer, Safran und Essig wird also als Einlege-Marinade verwendet. Die Liste danach (Petersilie, Beeren, eingelegtes Gemüse, Rüben) sind die Zutaten, die man darin einlegt.

Warum ist 'cumpost' hier nicht süßes Kompott?

Mhd. 'cumpost' kommt vom lateinischen 'compositum' (Zusammengelegtes) und bezeichnet eingelegtes / fermentiertes Gemüse, die Vorform unseres heutigen Sauergemüses (Sauerkraut, eingelegte Rüben, saure Gurken). Süßes Obst-Kompott existierte erst später, als Zucker im Spätmittelalter / Frühneuzeit erschwinglich wurde. Im 14. Jh. ist 'cumpost' definitiv salzig-sauer eingelegtes Gemüse, was hier zur Einlege-Marinade kontextuell perfekt passt.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche geeignet?

Eingeschränkt: Den Sud selbst rührst du unkompliziert im Mörser an, ganz ohne Kochstelle. Das Eingelegte sollte aber - wie bei vergleichbaren Essig-Pickeln üblich - einige Tage kühl durchziehen; der Text selbst nennt dazu keine feste Frist. Praktisch am Lager: einmal anrühren, ins verschließbare Glas füllen, kühl halten, wo immer das möglich ist.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus „Das Buch von guter Speise“. Ältestes deutsches Kochbuch, entstanden um 1350 im Haushalt des Würzburger Bischofs. 96 Hauptrezepte plus 5 in der Gloning-Edition als Sub-Rezepte gezählte Folge-/Variantenrezepte (5a, 27a, 32a, 74a, 77a).

Ein condimentlin. Mal kuemel vnd enis mit pfeffer vnd mit ezzige vnd mit honige vnd mach ez gel mit saffran vnd tuo dar zvo senf. in diesem condimente mahtu suelze petersielien bern vnd clein cumpost oder rueben, waz du wilt.
condimentlin

Kleines Würzmittel, hier konkret ein Würz-Essig-Sud zum Einlegen anderer Speisen. Diminutiv von 'condiment'.

kuemel

Kümmel

enis

Anis

ezzige

Essig (Weinessig im Mittelalter Standard)

gel

Gelb (gefärbt mit Safran als Statussymbol, teures Gewürz)

saffran

Safran, neben Färbung auch leicht bitter-aromatischer Geschmack

senf

Im 14. Jh. konnte 'senf' dreierlei meinen: (1) Senfsaat ganz/geschrotet, (2) Senfmehl, (3) fertige Senfpaste mit Essig angerührt. Bei Pickling-/Würzsuden ist Senfsaat am wahrscheinlichsten, sie setzt Schärfe langsam in die Lake frei (wie heute bei Salzgurken). Senfpaste löste sich beim Einlegen über Tage zu sehr auf.

in mahtu suelze

Wörtlich 'darin kannst du sülzen', 'sülzen' ist hier wahrscheinlich Verb: einlegen, einsalzen, konservieren in Lake/Essig. Mhd. 'sulzen' ist verwandt mit unserem 'salzen' und meint die Pökel-/Einlege-Konservierung. Anschließend folgt die Liste der Dinge, die man einlegen kann.

petersielien

Petersilie (das Kraut)

bern

Beeren (im mittelalterlichen Sprachgebrauch oft Wacholder-, Holunder- oder Schlehbeeren)

cumpost

Eingelegtes / fermentiertes Gemüse, Vorform unseres heutigen Sauergemüses (Sauerkraut, eingelegte Rüben, Gurken). Vom lat. 'compositum' (Zusammengelegtes). Hat NICHTS mit dem heutigen süßen 'Kompott' zu tun!

rueben

Rüben, im Text als eigenständiges, gleichrangiges Aufzählungsglied neben 'clein cumpost' genannt ('clein cumpost oder rueben, waz du wilt') - keine abweichende Lesart einer anderen Überlieferung, sondern Teil derselben Aufzählung.

Handschrift
Daz buoch von guoter spîse
Folio
Fol. 160v
Sprache
Mittelhochdeutsch
Entstehung
Würzburg, 1350
CoReMA

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

kuemelcaraway Q22978145
enisanise Q33873455
pfefferpepper Q3143131
ezzigevinegar Q41354
honigehoney Q10987
saffransaffron Q25434
senfmustard seed Q1937700

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartsenf

Gewählte Lesart: Senfsaat (ganz oder grob geschrotet), passt zum Pickling-Kontext, Körner geben Schärfe langsam in die Lake ab (wie heute Salzgurken).

Andere mögliche Lesarten:

  • Fertige Senfpaste (mit Essig angerührt) - Senfpaste war im 14. Jh. bereits bekannt. Würde aber bei mehrtägigem Einlegen größtenteils zerfallen, daher kontextuell unwahrscheinlicher.
  • Senfmehl / -pulver - Auch denkbar, würde Schärfe schneller freisetzen, aber den Sud trüben.

Lesartsuelze

Gewählte Lesart: Verb 'sülzen' im Sinn von 'einlegen, in Essig-Lake konservieren' (verwandt mit 'salzen', 'pökeln'). Kein anderes Verb steht im Satz zur Verfügung, das Wort trägt die Prädikatsfunktion.

Andere mögliche Lesart:

  • Nomen 'suelze' = Sülze/Aspik (so glossiert CoReMA im eigenen Eintrag zu diesem Rezept, m11.51, als 'aspic') - Wortform-Homograph-Treffer: an anderer Stelle im eigenen Korpus (kkm-052) wird die Aspik-Lesart für 'Suelze' explizit dort verworfen, wo sie tatsächlich zutrifft (kkm-007, ri15632-035) - das stützt die Trennschärfe der Verb-Lesart hier. Eine feste Sülze im Essigsud würde sich zudem kulinarisch auflösen.

LesartDauer und Bedeckung beim Einlegen

Gewählte Lesart: Der Text nennt weder eine Zeitdauer noch eine Bedeckungsvorgabe für das Einlegen.

Andere mögliche Lesart:

  • Praxisempfehlung: einige Tage kühl und vollständig von Flüssigkeit bedeckt lagern - Sichere moderne Standardpraxis für Essig-Kaltpickel, hier als Empfehlung ergänzt, nicht aus dem Text belegt.

Originalwerk (~1350) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 160v, Universitätsbibliothek München, 2° Cod. ms. 731 (Cim. 4), Open Access LMU
Transkription
Uni Giessen (Gloning, Digitale Edition 1994/2001) Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Den Sud rührt man am Lager unkompliziert im Mörser an - keine Kochstelle nötig. Allerdings sollte das Eingelegte - wie bei vergleichbaren Essig-Pickeln üblich - einige Tage kühl durchziehen (der Text selbst nennt dazu keine feste Frist) und muss sauber gelagert werden; deshalb eingeschränkt. Praktisch: einmal anrühren, ins verschließbare Glas füllen, kalt halten.
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Stand dieser Fassung: 09.08.2026 - 3-mal überarbeitet. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.