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Kleine Vögel für Sachsen und Dänen

Registrum Coquine quomodo et qualiter preparantur cibaria per integrum annum · Päpstliche Kurie, Rom / Konstanz · 1433

WildHauptspeise · WildLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 9/10Höfische KücheHofküche
Zubereitungszeit60 Min.Portionen2-4 PersonenBuchRegistrum Coquine (~1433)

Nimm Stare und alle anderen kleinen Vögel. Koche sie gut gar. Teile sie danach in vier Teile. Nimm ihre Köpfe und Lebern und zerstoße sie im Mörser mit Wacholderbeeren und Verjus. Röste diese zerstoßenen Teile in Fett und gib die anderen Vogelteile hinzu. Gib die so entstandene Sauce darüber. Dies wird gut sein für Sachsen und Dänen.

OriginalModern / MengeWo kaufenAlternative
Sturnos et omnes alias paruas auiculas Kleine Vögel (z.B. Stare) Jäger, Wildhändler (Achtung: Stare sind geschützt, Ersatz nötig) Wachteln, kleine Hühnerteile
Iunipero Wacholderbeeren - -
agresto Verjus Feinkostladen, Online-Shop Apfelessig, Zitronensaft
pinguedine Fett - -

Welches Gericht ist das? Kleine Vögel, gekocht, geviertelt und in einer kräftigen Innereien-Sauce aus ihren eigenen Köpfen und Lebern angerichtet - gewürzt mit Wacholder und der Säure des Verjus. Das Prinzip, Geflügel in einer aus seinen eigenen Innereien gebundenen Sauce zu servieren, hat enge Verwandte: Ménagiers gravé von Vögelchen (Zwilling men-074) und die kleinen Vögel am Spieß mit Wacholder aus dem Mondseer Korpus (m5919-009). Der ursprüngliche Vogel - der Star (Sturnus) - ist heute geschützt; das Gericht wird mit Wachteln oder kleinen Geflügelteilen nachgekocht.

Iunipero (Wacholder) und agresto (Verjus, der Saft unreifer Trauben) geben der Innereien-Sauce ihre charakteristische harzig-herbe Säure - dieselbe Würzlogik, die heute noch Wildgeflügel begleitet.

Die coperturam - wörtlich 'Decke' - ist hier die deckende Sauce, nicht ein Topfdeckel: die geröstete Innereien-Masse wird über die Vogelteile gegeben.

Praxis. Wachteln (oder kleine Hähnchenteile) im Topf gar kochen, herausnehmen und vierteln. Die mitgekochten Lebern (Wachtel- oder Hühnerleber) mit ein paar zerdrückten Wacholderbeeren und einem Schuss Verjus im Mörser zur Paste reiben. Diese Paste in etwas Schmalz anrösten, die Vogelteile zurückgeben, kurz durchschwenken und mit der Sauce überzogen servieren. Ersatz für Verjus: Apfelessig oder Zitronensaft, sparsam dosiert.

Wo bekomme ich kleine Vögel wie Stare?

Stare sind in Deutschland und der EU streng geschützt und dürfen nicht gejagt oder gehandelt werden. Als ethisch vertretbare und geschmacklich ähnliche Alternative eignen sich Wachteln oder kleine Hühnerteile (z.B. Flügel oder Unterkeulen).

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Ja, dieses Rezept ist gut für die Lagerküche geeignet. Die Zubereitungsschritte - Kochen, Zerstoßen und Braten - lassen sich gut über offenem Feuer oder auf einem Kocher umsetzen. Die Zutaten sind lagerfähig oder können vorbereitet mitgebracht werden.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem „Registrum Coquine“ (Kochbuchregister) von Johannes von Bockenheim, das um 1433 verfasst wurde. Bockenheim war Koch des Papstes Martin V. und sammelte in seinem Werk Rezepte aus verschiedenen europäischen Regionen, was es zu einer wertvollen Quelle für die mittelalterliche Küche macht.

Was ist Verjus und wozu dient er?

Verjus (lateinisch ‚agrestum‘) ist der Saft unreifer Trauben. Er wurde im Mittelalter häufig als Säuerungsmittel verwendet, ähnlich wie heute Essig oder Zitronensaft. Er verleiht Gerichten eine feine, fruchtige Säure und war besonders in Regionen beliebt, in denen Zitronen selten waren.

Ad parandum aues paruas pro saxonibus et Dachis Recipe Sturnos et omnes alias paruas auiculas, et fac illas bene bulire post hoc diuide eas in quatuor partes, Et recipe capita et iecora eorum et pista illa cum Iunipero et agresto, et mitte eas rostire in pinguedine et mitte illas partes intus. Et mitte superius illam coperturam, et erit bonum pro saxonibus et Dachis
Sturnos

Stare, kleine Singvögel. Heute in Deutschland geschützt.

Dachis

Dänen. Im Originaltext „Dachis“ (Dacis) für Dänen. Handschrift S (Lugano, ~1435) weicht hier ab: statt „pro saxonibus et Dachis“ liest sie „pro Frisionibus et Sclavis“ (für Friesen und Slawen), ein Überlieferungsunterschied zwischen den beiden Haupthandschriften N (BnF Ms. Latin 7054) und S, der die soziale Zuordnung des Rezepts inhaltlich verändert.

Iunipero

Wacholderbeeren.

agresto

Verjus, der Saft unreifer Trauben, als Säuerungsmittel.

pinguedine

Fett, hier wohl tierisches Fett wie Schmalz.

coperturam

Wörtlich ‚Decke‘ oder ‚Bedeckung‘, im Kochkontext oft eine Sauce oder eine dicke Auflage.

Handschrift
Registrum Coquine quomodo et qualiter preparantur cibaria per integrum annum
Folio
fol. 67v
Sprache
Mittellatein (frühes 15. Jh.)
Entstehung
Päpstliche Kurie, Rom / Konstanz, 1433

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartcoperturam

Gewählte Lesart: Wir lesen coperturam (wörtlich 'Bedeckung, Decke') als die Sauce, die über die Vogelteile gegeben wird: die im Mörser zerstoßene Masse aus Köpfen, Lebern, Wacholder und Verjus, in Fett geröstet. Superius illam coperturam - 'darüber diese Decke' - meint also das Übergießen mit dieser Sauce.

Andere mögliche Lesart:

  • 'Deckel' im wörtlichen Sinn eines Topfdeckels. - Copertura kann auch eine physische Abdeckung meinen; im Kochkontext, in dem eine zuvor bereitete pastöse Masse 'darüber' gegeben wird, ist die Lesart als deckende Sauce jedoch schlüssiger.

Originalwerk (~1433) gemeinfrei.

Bildquelle
BnF Ms. Latin 7054, fol. 67v/68r (Gallica ark:/12148/btv1b10035736w, f68) - Domaine public Quelle öffnen
Transkription
Robert Maier (Hg.): Das Registrum Coquine des Johannes von Bockenheim, Monumenta culinaria 3, GEB Gießen 2013 - CC BY-NC-SA 3.0 (urn:nbn:de:hebis:26-opus-93375) Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Vögel im Topf kochen und danach in der Pfanne mit den zerstoßenen Innereien anbraten; frisches Geflügel am besten morgens am Markttag besorgen.
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