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Schwarze Pfeffersauce für Fisch

Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Aug. pap. 125 (Ka1) · Südwestdeutschland (Reichenau/Bodensee) · 1450

Gewürz / SauceGewürz / SauceLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 9/10
Zubereitungszeit45 Min.Portionen4 Personen (als Sauce zu verschiedenen Fischsorten)BuchReichenauer Kochbuch (~1450)

Mache auch für Karpfen, für Brachsen, für Schleie und für Felchen und für solcherlei Fisch einen schwarzen Pfeffer, der so dick ist wie ein Wildbret.

Mache auch einen schwarzen Pfeffer mit Honig für ganze Fische, für Groppen, für Gründlinge und für welcherlei Fisch du sonst willst.

So geht eine andere Pfeffersauce für Fisch: aus durchgezogenen (das heißt passierten) Erbsen, aus Pfefferbrot, aus Zwiebeln, aus Mehl, aus Pfeffer und aus getrocknetem Pfeffer. Mach es, wie es deine Gewohnheit ist.

OriginalModern / MengeWo kaufenAlternative
schwartz pfeffer Schwarzer Pfeffer - -
hong Honig - -
durch gezognen aerbisen Passierte Erbsen - -
pfeffer brot Pfefferbrot - Geriebenes altes Weißbrot mit etwas gemahlenem Pfeffer vermengt
zwibelen Zwiebeln - -
mel Mehl - -
durren pfeffer Getrockneter Pfeffer - -
karpfen Karpfen - -
brachsman Brachsen - -
schligen Schleie - -
felcken Felchen Fischhändler, Wochenmarkt (Bodensee-Region) Forelle oder Renke, wenn Felchen nicht erhältlich ist
groppen Groppen Fischhändler (selten im Handel, eher Angelfang) Kleine Süßwasserfische wie Elritze oder junge Forelle
grundlen Gründlinge Fischhändler (selten im Handel, eher Angelfang) Kleine Süßwasserfische wie Elritze

Welches Gericht ist das?

Eine dunkle, dicke Pfeffersauce für Süßwasserfisch - die Vorform der bis heute bekannten dunklen "Pfeffersoße", wie sie in der deutschen Küche traditionell zu Wildbraten gehört, hier aber zu Fisch gereicht wird, verwandt mit der europäischen Familie dunkler, pfeffriger Saucen wie der französischen sauce poivrade. Das Rezept nennt drei Varianten nebeneinander: eine schlichte für Karpfen, Brachsen, Schleie und Felchen; eine mit Honig gesüßte für kleinere ganze Fische wie Groppen und Gründlinge; und eine dritte, vollständig ausformulierte Sauce aus passierten Erbsen, Pfefferbrot, Zwiebeln und Mehl.

Wie dick soll die Sauce sein?

Der Text vergleicht die Dicke der ersten Sauce mit einem "wilpraut" - vermutlich einer Schreibvariante von "wiltprät" (Wildbret). Gemeint ist ein reiner Konsistenz-Vergleich mit Wildbret; wie dieses Wildbret zubereitet oder verarbeitet war, sagt der Text nicht, und auch die nahezu wortgleiche Schwester-Handschrift m384-025 fügt an derselben Stelle keine weitere Präzisierung hinzu. Praktisch heißt das: eine kräftig eingedickte, streichfähige Sauce, keine dünne Brühe.

Praxis.

Für die erste und zweite Variante gibt der Text selbst keine Zutatenliste - nur den Namen "schwarzer Pfeffer" und, bei der zweiten, den Zusatz Honig; wie genau diese beiden Saucen gebunden wurden, bleibt offen. Naheliegend zum Nachkochen ist, sich an der dritten, vollständig beschriebenen Sauce zu orientieren: reichlich schwarzer Pfeffer, mit Fischbrühe oder Wasser aufgekocht und mit eingeweichtem Brot sämig gebunden, für die zweite Variante zusätzlich mit Honig gesüßt. Für die dritte, ausdrücklich benannte Sauce: passierte, weichgekochte Erbsen als sämige Basis, eingeweichtes Pfefferbrot und etwas Mehl zum Binden, Zwiebeln als Aromabasis, dazu gemahlener Pfeffer und zusätzlich ganze getrocknete Pfefferkörner für Schärfe und sichtbare dunkle Punkte in der Sauce. Alle drei Varianten passen zu gegartem oder gebratenem Süßwasserfisch und sind in einem Topf am Feuer in unter einer Stunde fertig.

Was ist Felchen und wo bekomme ich es?

Felchen (Coregonus lavaretus) ist ein zarter Süßwasserfisch aus der Familie der Renken, der bis heute vor allem am Bodensee gefangen und verkauft wird. Außerhalb der Bodensee-Region ist er selten im Handel, gute Alternativen sind Forelle oder andere milde Renkenarten vom Fischhändler.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche geeignet?

Ja, gut machbar. Die drei Saucen-Varianten brauchen nur Gewürze, Brot, Zwiebeln, Honig und Erbsen, alles unkompliziert lagerfähig. Einzig der frische Fisch sollte morgens am Markttag besorgt werden.

Was bedeutet 'dick wie ein Wildbret' bei der Sauce?

Das ist ein reiner Dicke-Vergleich: die Sauce soll so dick sein wie ein Wildbret. Wie genau dieses Wildbret verarbeitet war, sagt der Text nicht - solche knappen Konsistenz-Vergleiche mit bekannten Größen sind typisch für mittelalterliche Kochbücher.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Reichenauer Kochbuch (15. Jh., Südwestdeutschland (Reichenau/Bodensee)). Rezeptteil (fol. 108r-120r) der Sammelhandschrift "Sermones", Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Aug. pap. 125 - bei CoReMA/Ehlert als "Reichenauer Kochbuch" gefuehrt, Schwester-Handschrift zu den Muenchner Kochbuchhandschriften (Cgm 384/M2, vgl. Ehlert 1996). TEI-Text via CoReMA (CC BY 4.0), Faksimile Public Domain Mark 1.0 (BLB Karlsruhe).

schwartz pfeffer Auch mach an karpfen an brachsman an schligen vnd an felcken vnd an sollich ain schwartz pfeffer der dick ist als ain wilpraut Ouch mach ainen schwarczen pfeffer mit hong an gantz fisch groppen grundlen vnd an welcherlay visch du wilt suß ander pfeffer an visch von durch gezognen aerbisen von pfeffer brot von zwibelen von mel von pfeffer vnd durren pfeffer mach als din gewonhait ist etc.
schwartz pfeffer

Ein 'Schwarzer Pfeffer' ist hier der Name einer dunklen, kräftig gewürzten Sauce, nicht das Gewürz allein - die Sauce ist so dunkel und pfeffrig, dass sie ihren Namen daher hat.

schligen

Schligen meint die Schleie, einen genügsamen Karpfenfisch, der in stehenden Gewässern und im Bodensee häufig war.

felcken

Vermutlich 'Felchen', der bis heute typische Bodensee-Fisch (Coregonus lavaretus) - siehe interpretive_choices für die Unsicherheit dieser Lesart.

wilpraut

Vermutlich eine Schreibvariante von 'wiltprät' (Wildbret, Wildfleisch), was die Schwester-Handschrift m384-025 an identischer Stelle bestätigt ('wildpraett'). Gemeint ist ein reiner Dicke-Vergleich mit Wildbret, ohne weitere Angabe zur Zubereitung des Vergleichsobjekts.

hong

Honig, hier als Süßungsmittel in der zweiten Pfeffer-Variante.

durch gezognen aerbisen

Durchgezogene Erbsen meint durch ein Tuch oder Sieb passierte, also pürierte Erbsen - eine Bindung für die dritte Sauce.

pfeffer brot

Pfefferbrot war offenbar ein mit Pfeffer gewürztes Brot, das hier als Bindemittel und Würzgrundlage für die Sauce diente.

Handschrift
Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Aug. pap. 125 (Ka1)
Folio
Fol. 109r
Sprache
Frühneuhochdeutsch (alemannisch, südwestdeutsch, 15. Jh.)
Entstehung
Südwestdeutschland (Reichenau/Bodensee), 1450

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartfelcken

Gewählte Lesart: Felchen (Coregonus lavaretus), der typische Bodensee-Fisch - passt zur Herkunft der Handschrift aus der Reichenauer Klosterregion und steht in einer Reihe mit anderen Süßwasserfischen (Karpfen, Brachsen, Schleie).

Andere mögliche Lesart:

  • Eine unbekannte oder heute nicht mehr gebräuchliche Fischbezeichnung. - Das Wort ist in den konsultierten Wörterbüchern nicht direkt belegt, die Schwester-Handschrift m384-025 lässt es ganz weg und ersetzt es durch 'oder ander visch' (oder anderer Fisch), was auf eine gewisse Unsicherheit auch bei den mittelalterlichen Schreibern selbst hindeutet.

Lesartsuß ander pfeffer

Gewählte Lesart: 'Sus' im Sinne von 'so, auf diese Weise' - leitet die dritte Sauce-Variante ein: 'So geht eine andere Pfeffersauce für Fisch'.

Andere mögliche Lesart:

  • 'Süß' als Adjektiv, also eine 'süße andere Pfeffersauce'. - Die nachfolgende Zutatenliste (passierte Erbsen, Pfefferbrot, Zwiebeln, Mehl, Pfeffer, getrockneter Pfeffer) ist rein herzhaft und enthält kein Süßungsmittel, was gegen eine süße Sauce spricht; zudem erscheint dieselbe Formulierung in der Schwester-Handschrift m384-025 in identischer Position vor 'anderlay pfeffer', was für eine feste Redewendung ('sus/so') statt eines beschreibenden Adjektivs spricht.

Originalwerk (~1450) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 109r, Badische Landesbibliothek Karlsruhe, Cod. Aug. pap. 125 ("Sermones", [Reichenau], 15. Jh.), Rezeptteil fol. 108r-120r - Public Domain Mark 1.0
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), Ka1 (Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Aug. pap. 125), CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
In einem Topf am Feuer in unter einer Stunde fertig, alle drei Saucen-Varianten brauchen nur Gewürze, Brot, Zwiebeln und Honig. Frischer Fisch morgens am Markttag kaufen, Erbsen und Brot sind unproblematisch lagerfähig.
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