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Klare Fischsülze mit Blüten

München, Bayerische Staatsbibliothek, Cgm 5919 · Regensburg, Bayern · 1505

FischHauptspeise · FischLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumAufwändigKorrekturBearbeitungsstand 9.3/10FischFastenspeiseHöfische KücheHofkücheHülsenfrüchteHülsenfrüchte
Zubereitungszeit180 Min.Portionen4-6 PersonenBuchRegensburger Kochbuch (Cgm 5919) (~1505)

Wenn du eine klare Sülze zubereiten möchtest, nimm eine gute Handvoll Nesselwurzeln, wasche sie sehr sauber und gieße etwa einen Liter Wasser dazu. Lasse die Wurzeln zwei Stunden lang sieden und dann ein bis zwei Stunden kalt werden.

Nimm danach Fisch, bereite ihn sauber vor, wasche und schuppe ihn gründlich. Gib den Fisch in eine Mischung aus Wasser, Wein und Essig. Achte darauf, dass Wein und Essig jeweils gleich viel sind, das Wasser jedoch weniger als die beiden anderen Flüssigkeiten. Wasche den Fisch darin sauber.

Nimm die Brühe vom Fischwaschen und seihe sie durch. Gib dann das Nesselwasser zur Brühe hinzu, sodass die Mengen etwa gleich sind. Dies sorgt für eine klare Flüssigkeit. Erhitze die Mischung über einem weiteren Feuer. Wenn sie warm wird, steigt Trübes nach oben. Schöpfe das Trübe von oben ab, bis die Flüssigkeit gut geklärt ist und weniger trüb erscheint. Danach wird sie schäumen. Wenn sie schäumt, ziehe den Topf vom Feuer und schöpfe den Schaum nicht ab. Lasse die Flüssigkeit gut sieden, damit sie nicht überkocht.

Nimm dann Pfeffer, der nicht gemahlen, sondern nur leicht zerbrochen ist, sowie ganze Nelken und Zimtrinden. Schneide die Zimtrinden in kleine Stücke und lasse alles darin sieden. Salze die Flüssigkeit nach Geschmack.

Wenn du möchtest, dass die Sülze so gut wie im Winter und so knackig-frisch hält, nimm Kirschblüten und Erbsentriebe, wenn sie gerade erst austreiben und die zweite Sonne (des Frühsommers) scheint. Nimm so viele Erbsenblüten, wie du zwischen drei Fingern halten kannst, und ebenso viele Kirschblüten. Gib sie in ein kleines Tuch und lasse sie mit dem Fisch in der Sülze sieden. Wenn alles gesotten hat, wringe die Brühe aus dem Tuch. Achte darauf, dass die Sülze nicht zu gelb wird - verwende guten Essig und nicht viel Safran. Dann wird sie in zwei Stunden fest.

OriginalModern / MengeWo kaufenAlternative
ain nessel wurcz ain gute hant vol Eine gute Handvoll Nesselwurzeln Wochenmarkt, Kräuterhandel, Wald -
ain virtel wasser 1 Liter Wasser Leitung -
visch Fisch, mit Haut, Schuppen und Gräten (NICHT filetiert - liefert das natürliche Kollagen zum Gelieren) Fischhändler Karpfen oder Hecht, ganz oder in großen Stücken mit Haut/Gräten - reines Filet geliert nicht
wein Wein - -
essig Essig - -
ain pfeffer der nit gestossen sey der nur ain wenig zeprochen sey Pfeffer, leicht zerbrochen - Ganzer Pfeffer, grob gemörsert
gancze negel Ganze Nelken - -
zimet rinten Zimtrinde - -
salcz ain maß Salz - -
kers plue Kirschblüten Wald, Garten (saisonal) -
arbais so es erst aus scheust vnd der dy ander sunnen Erbsenblüten oder -triebe Garten (saisonal) -
saffrann Safran (optional, sparsam) gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel -

Welches Gericht ist das? Eine klare, geklärte Fischsülze - das Spitzenstück der Aspik-Kunst. Wichtig für die Praxis: Das Geliermittel ist der Fisch selbst - Haut, Schuppen und Gräten geben beim Kochen Kollagen ab. Reines Filet im Sud ergibt nur eine aromatische Brühe, keine Sülze.: die Brühe wird durch Abschöpfen geklärt, mit nur angedrücktem Pfeffer, ganzen Nelken und Zimtrinde gewürzt; eine Abkochung aus Nesselkraut hilft beim Klären. Mit raffiniertem Sommer-Trick: Kirsch- und Erbsenblüten (frisch im Frühsommer), in einem Tuch mitgesotten, lassen die Sülze „so gut wie im Winter“ stocken.

Cruxes. nessel wurcz lesen wir als Nesselkraut/-wurzel (Klärhilfe, hier die Pflanze - nicht Messing); die Blüten als saisonales Gelier-/Frischhalte-Mittel. Wenig Safran und guter Essig: die Sülze soll klar und nicht zu gelb sein, dann stockt sie in zwei Stunden.

Praxis. Fisch in Wein + Essig + wenig Wasser waschen/garen, Schuppen und Gräten fürs Gelieren nutzen; Brühe erwärmen, das aufsteigende Trübe abschöpfen, mit angedrücktem Pfeffer, Nelken und Zimt würzen, sparsam mit Safran färben, über die Fischstücke gießen und kalt stocken lassen. Vgl. m5919-041, m725-017.

Was ist eine 'klare Fischsülze' und wie funktioniert die Klärung?

Eine klare Fischsülze (Aspik) ist ein Gericht, bei dem Fisch in einer durchsichtigen, gelierten Brühe serviert wird. Die Klärung erfolgt hier durch ein mehrstufiges Erhitzen und Abschöpfen von Trübstoffen, unterstützt durch Nesselwurzeln. Die Brühe wird langsam erwärmt, bis sich Verunreinigungen als Schaum oder Trübung an der Oberfläche sammeln, die dann entfernt werden. Das Ergebnis ist eine kristallklare Gallerte.

Geliert das auch mit Fischfilet, oder braucht es den ganzen Fisch?

Es braucht Fisch mit Haut, Schuppen und/oder Gräten - genau die Teile, die man beim Filetieren normalerweise entfernt. Sie liefern das Kollagen, das beim Kochen austritt und die Brühe beim Abkühlen zur Sülze binden lässt. Ein reines, geschupptes und entgrätetes Filet enthält dieses Kollagen kaum noch und geliert in diesem Sud nicht. Für eine sichere Sülze also ganzen Fisch oder zumindest Haut/Schuppen/Gräten mitkochen (oder ersatzweise mit Blattgelatine/Hausenblase binden).

Welche Rolle spielen Kirsch- und Erbsenblüten in diesem Rezept?

Kirsch- und Erbsenblüten sind ungewöhnliche, aber saisonale Zutaten, die der Sülze eine feine, möglicherweise leicht herbe oder blumige Geschmacksnote verleihen. Im Mittelalter wurden Pflanzen oft auch wegen ihrer konservierenden oder medizinischen Eigenschaften verwendet. Es ist denkbar, dass sie zur Textur oder Haltbarkeit der Sülze beitragen sollten.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Eingeschränkt (Kühlung/Saisonale Zutaten): Die Sülze benötigt eine konstante Kühlung zum Gelieren und Lagern, was im Sommerlager eine Herausforderung ist. Zudem sind Nesselwurzeln, Kirsch- und Erbsenblüten sehr saisonale Zutaten, die nicht immer verfügbar sind. Die Klärung erfordert zudem etwas Geduld und präzise Temperaturkontrolle, die am offenen Feuer schwierig sein kann. Für ein Schaukochen über zwei Tage wäre es denkbar, wenn die Kühlung gewährleistet ist.

Was bedeutet 'Viertel' als Maßeinheit?

‚Viertel' war im Mittelalter eine gebräuchliche Maßeinheit für Flüssigkeiten, deren Volumen regional stark variierte. In Süddeutschland entsprach ein Viertel oft etwa einem Liter. Für dieses Rezept ist ein Liter eine gute Annäherung.

Wie man ain clari sulcz macht Wildu machen ain clary sulcz So nimm nessel wurcz ain gute hant vol vnd wasch sy gar schon vnd geus ain virtel wasser darzw vnd las zbo stund sydenn vnd las ain orr oder zbo kalt werdenn vnd nimm dann visch vnd perait sy sauber vnd wasch voran hin vnd stupt sy schon vnd wirf sy In ain wasser vnd In wein vnd In essig das ains so vil sey als des andren dan des wasser sol minder sein vnd wirf dy fisch darein vnd wasch sy sauber vnd nym dy selbig prue vnd streuch sy durch vnd nym dann das nessel waser zu der prue ein wenig zw hilf das ains als vil werdt als des andren das macht ain clar hab vber das ander feur wan es warmm wil werden So wirt es oben trueb vnd thue das trueb als oben herab pis das der wol Ergett das es miner trueb sey so wirt Es schomme vnd wan Es nu schaimbt so ze= uch inchs herab vnd schaim sein nicht vnd las es wol syden das es nit vber gee vnd nimm dan ain pfeffer der nit gestossen sey der nur ain wenig zeprochen sey vnd gancze negel vnd zimet rinten vnd schneid es zu pisslein vnd las darin syden vnd salcz ain maß wildu dan das es als wol gestundt als Im winter vnd als reschleich so nimm kers plue vnd arbais so es erst aus scheust vnd der dy ander sunnen vnd nym der arbais plue so vil sam du vnter drein vingern magst gehabenn vnd kers plue zbir als vill vnd thu es In ain tuchlein vnd las es mit den vischenn sieden vnd wan Es gesoten hat so windt dy prue daraus vnd machs Es nit zw gelb guter essig vnd nit vil saffrann so gestet es Inn zbain stunden
clary sulcz

Eine ‚klare Sülze' oder ‚Aspik' - ein Gericht, bei dem Fleisch oder Fisch in einer geklärten, gelierten Brühe serviert wird. Die Klärung ist hier ein aufwendiger Prozess.

Nessel wurcz

Nesselwurzeln (Brennnesselwurzeln). Sie wurden in der mittelalterlichen Küche oft für ihre adstringierenden Eigenschaften oder zur Klärung von Flüssigkeiten verwendet, möglicherweise auch für einen erdigen Geschmack.

virtel

Ein historisches Flüssigkeitsmaß, das regional variierte, aber oft etwa einem Liter entsprach.

stupt sy schon

‚Stüpfen' oder ‚stiefen' bedeutet hier, den Fisch gründlich zu reinigen und zu schuppen.

dy selbig prue

Die ‚Brühe' bezieht sich hier auf die Flüssigkeit, in der der Fisch zuvor gewaschen wurde - eine Mischung aus Wasser, Wein und Essig.

Ergett

Althochdeutsch ‚irgetan', hier im Sinne von ‚erreicht' oder ‚gelingt', also bis die Klärung erfolgreich ist.

schomme / schaimbt

Beide Begriffe bezeichnen ‚Schaum'. Die Anweisung, den Schaum nicht abzuschöpfen, ist Teil der spezifischen Klärungstechnik.

ze= uch inchs herab

‚Ziehe es hinab' - gemeint ist, den Topf vom Feuer zu nehmen, um den Schaum zu kontrollieren und ein Überkochen zu verhindern.

gestundt

‚Gestanden' oder ‚gesetzt' - bezieht sich auf das Gelieren und Festwerden der Sülze.

reschleich

‚Resch' bedeutet im Bairischen ‚knackig' oder ‚frisch'. Hier bezieht es sich auf die gewünschte Textur und Frische der Sülze.

kers plue

Kirschblüten. Eine ungewöhnliche, aber saisonale Zutat, die der Sülze eine feine, leicht bittere oder blumige Note verleihen könnte und möglicherweise zur Konservierung beiträgt.

arbais so es erst aus scheust vnd der dy ander sunnen

Erbsenblüten oder junge Erbsentriebe, die gerade erst austreiben. ‚Die andere Sonne' bezieht sich auf den Frühsommer, nach der ersten intensiven Frühlingssonne, wenn diese Pflanzen in ihrer besten Phase sind.

zbain stunden

‚Zwei Stunden' - die Zeit, die die Sülze zum Festwerden benötigt.

Handschrift
München, Bayerische Staatsbibliothek, Cgm 5919
Folio
Fol. 020v
Sprache
Frühneuhochdeutsch (mittelbairisch, Regensburg, um 1500-1510)
Entstehung
Regensburg, Bayern, 1505

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartclary sulcz

Gewählte Lesart: ‚Klare Sülze' oder ‚Aspik'. Die Bezeichnung ‚clary' (klar) weist auf die aufwendige Klärung der Brühe hin, während ‚sulcz' die gelierte Form beschreibt.

Lesartstupt sy schon

Gewählte Lesart: ‚Stüpfen' oder ‚stiefen' bedeutet hier, den Fisch gründlich zu reinigen und zu schuppen, bevor er weiterverarbeitet wird.

Lesartain virtel wasser

Gewählte Lesart: Ein ‚Viertel' wird hier als etwa 1 Liter Wasser interpretiert, eine gängige Annahme für diese Maßeinheit in süddeutschen Quellen.

Andere mögliche Lesart:

  • Ein ‚Viertel' könnte auch eine andere regionale Maßeinheit gewesen sein, die von 0,5 bis 2 Litern variierte. - Historische Maßeinheiten waren nicht standardisiert und variierten stark nach Region und Zeit. Eine genaue Umrechnung ist oft schwierig.

Lesartain orr oder zbo kalt werdenn

Gewählte Lesart: ‚Orr' wird als ‚Stunde' gelesen, was bedeutet, die Flüssigkeit ein bis zwei Stunden abkühlen zu lassen.

Lesartain wasser vnd In wein vnd In essig das ains so vil sey als des andren dan des wasser sol minder sein

Gewählte Lesart: Die Flüssigkeitsmischung zum Waschen des Fisches wird als ein Teil Wein, ein Teil Essig und ein halber Teil Wasser interpretiert (Verhältnis 1:1:0.5), um die Anweisung ‚eins so viel sei als des anderen' und ‚das Wasser soll minder sein' zu erfüllen.

Andere mögliche Lesart:

  • Es könnte auch bedeuten, dass Wein und Essig jeweils die gleiche Menge wie das Wasser haben sollen, aber das Wasser insgesamt weniger sein soll als die Summe von Wein und Essig. - Die Formulierung ist mehrdeutig. Die gewählte Lesart ergibt eine stärkere Säure, die für die Fischreinigung und den Geschmack der Sülze plausibler ist.

LesartErgett

Gewählte Lesart: ‚Ergett' wird als ‚erreicht' oder ‚gelingt' übersetzt, im Sinne von ‚bis die Klärung erfolgreich ist'.

Lesartschomme / schaimbt / ze= uch inchs herab vnd schaim sein nicht

Gewählte Lesart: ‚Schomme' und ‚schaimbt' bedeuten beide ‚Schaum'. Die Anweisung ‚ziehe es hinab und schöpfe es nicht ab' wird als ‚den Topf vom Feuer nehmen und den Schaum nicht entfernen' interpretiert, um die Klärung zu unterstützen und ein Überkochen zu verhindern.

Andere mögliche Lesart:

  • ‚Ziehe es hinab' könnte auch bedeuten, den Schaum vorsichtig in die Flüssigkeit zurückzurühren. - Ohne weitere Kontextangaben ist die genaue Handhabung des Schaums schwer zu bestimmen. Die gewählte Lesart ist im Kontext der Klärung plausibler, da das Entfernen von Trübstoffen im Vordergrund steht.

Lesartgestundt / reschleich

Gewählte Lesart: ‚Gestundt' wird als ‚gestanden' (fest geworden, geliert) und ‚reschleich' als ‚knackig-frisch' übersetzt, was die gewünschte Konsistenz und Frische der Sülze beschreibt.

Lesartarbais so es erst aus scheust vnd der dy ander sunnen

Gewählte Lesart: ‚Arbais' wird als ‚Erbse' oder ‚Erbsentriebe' gelesen. Die Phrase ‚so es erst aus scheust und der die andere Sonne' bezieht sich auf junge Erbsentriebe oder -blüten, die im Frühsommer (nach der ersten intensiven Frühlingssonne) geerntet werden.

Lesartzbir als vill

Gewählte Lesart: ‚Zbir' wird hier als ‚ebenso viel' oder ‚gleich viel' interpretiert, passend zur Mengenangabe der Kirschblüten.

Andere mögliche Lesart:

  • ‚Zbir' könnte eine Verballhornung von ‚zu viel' oder ‚zu Bier' sein, was aber im Kontext der Mengenangabe für Blüten wenig Sinn ergibt. - Die Lesart ‚ebenso viel' ist im Kontext der parallelen Mengenangabe für Kirschblüten am plausibelsten.

Lesartzbain stunden

Gewählte Lesart: ‚Zbain stunden' wird als ‚zwei Stunden' übersetzt, die Zeit, die die Sülze zum Festwerden benötigt.

Originalwerk (~1505) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 020v, Bayerische Staatsbibliothek München, Cgm 5919 (Regensburg, um 1500); bereitgestellt durch CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages, Universität Graz
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), Ms. M9 (München, Bayerische Staatsbibliothek, Cgm 5919), hyperdiplomatische Basistranskription, CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Eingeschränkt (Kühlung/Saisonale Zutaten): Die Sülze benötigt eine konstante Kühlung zum Gelieren und Lagern, was im Sommerlager eine Herausforderung ist. Zudem sind Nesselwurzeln, Kirsch- und Erbsenblüten sehr saisonale Zutaten, die nicht immer verfügbar sind. Die Klärung erfordert zudem etwas Geduld und präzise Temperaturkontrolle.
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