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Eidotter-Wein-Creme

Maister Hannsen des von Wirtenberg Koch · Württemberg / Basel · 1460

DessertNachspeiseLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 9/10
Zubereitungszeit30 Min.Portionen6-8 PersonenBuchKochbuch des Meisters Hans (~1460)

Für ein Eidottermus dreizehn Eier nehmen und nur die Dotter davon abtrennen. Ein Achtel welschen (italienischen) Wein dazugeben, dadurch wird das Mus fein. Mit einer Prise Salz würzen.

Dazu süße Milch geben, oder statt der Milch Schmalz, das ist ebenfalls gut, und Sahne unterrühren.

OriginalModern / MengeWo kaufenAlternative
dreyzehen ayer vnd thue die totter dauon 13 Eidotter - -
ain achtail waellsch wein 125 ml italienischer Wein - Trockener Weißwein oder Vernaccia - passend zur Würzung dieses Rezepts mit Salz statt Zucker (anders als der enge Zwilling m5919-088, der dieselbe Eidotter-Wein-Technik mit Zucker abschmeckt und dort eher einen süßeren Wein verträgt); ein sehr süßer Dessertwein würde die bewusst salzige statt süße Ausrichtung hier konterkarieren.
ain wenig salcz Salz - -
ain suosse milich Süße Milch - Butterschmalz (laut Original ebenfalls möglich)
milich ram Sahne - -

Welches Gericht ist das? Eine Eidotter-Creme aus dreizehn Dottern, welschem (italienischem) Wein, Salz, Milch oder Schmalz und Sahne - ein früher, ungesüßter Verwandter des heutigen Weinschaums oder der Zabaione. Eng verwandt ist m5919-088 (Glattes Eier-Mus mit Wein und Zucker, Regensburger Kochbuch): auch dort werden Eidotter mit Wein und Fett glattgekocht, dort mit Zucker statt Salz gewürzt. Im eigenen Buch steht ihr die Schwester mha-030 zur Seite (Rahm-Eigelb-Mus mit Schmalz): dieselbe Grundtechnik aus Eigelb, Fett und langsamer Hitze ohne Gerinnen, dort aber ohne Wein und mit Rahm statt Milch.

Was das Transkript zum Garen sagt. Das Transkript endet nach der Aufzählung der Zutaten, ohne ein Verb fürs Erwärmen, Sieden oder Kochen zu nennen - anders als bei den beiden Verwandten, die ein Sieden ausdrücklich benennen (mha-030: „sol das ab sieden“; m5919-088: „gesotten“). Ob hier ein Garschritt schlicht als selbstverständlich vorausgesetzt und nicht ausgeschrieben wurde, oder ob eine kalt gerührte Creme gemeint ist, lässt der Text offen.

Praxis. Da ein „muosz“ dieser Werkgattung sonst eine gegarte Speise bezeichnet und roher Eidotter sowie unerhitzte Milch modern vermieden werden sollten, empfiehlt es sich, die Mischung schonend zu erwärmen, bis sie leicht bindet - genau wie bei den beiden Textverwandten. Nur auf sehr schwacher Glut arbeiten und ständig rühren, da Eidotter mit Wein (Säure) leicht körnig gerinnen; sobald die Masse leicht andickt, sofort vom Feuer nehmen. Milch ODER Schmalz zugeben („das ist auch guot“ signalisiert eine gleichwertige Alternative, keine Zusatzzutat), dazu Sahne unterrühren. Dreizehn Eidotter sind eine stattliche Menge - das Rezept war wohl für ein festliches Mahl mit mehreren Gästen gedacht.

Wird die Mischung überhaupt erhitzt, und wie verhindere ich, dass die Dotter dabei gerinnen?

Das Transkript selbst nennt keinen Gar- oder Erwärmungsschritt - anders als die engsten Verwandten mha-030 und m5919-088, die ein Sieden ausdrücklich erwähnen. Für die Praxis empfiehlt es sich trotzdem, die Mischung wie bei diesen Zwillingen schonend zu erwärmen: nur auf sehr schwacher Glut, ständig rühren, und sofort vom Feuer nehmen, sobald sie leicht andickt - Eidotter mit Wein gerinnen bei zu starker Hitze schnell körnig.

Was bedeutet 'ain achtail' beim Wein?

Das ist ein Achtel eines alten süddeutschen Flüssigkeitsmaßes ('Mass'), das regional zwischen etwa 1 und 1,5 Litern lag. Ein Achtel davon entspricht ungefähr 125 ml - für den Nachkoch reicht eine grobe Schätzung völlig aus.

Milch oder Schmalz - was soll ich nehmen?

Das Original nennt süße Milch als Hauptvariante und Schmalz als gleichwertige Alternative ('das ist auch gut'). Für eine mildere, cremigere Note die Milch nehmen, für eine reichhaltigere, deftigere Variante das Schmalz.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Kochbuch des Meisters Hans (1460, Württemberg / Basel). Vollständiges Kochbuch des Küchenmeisters Graf Ulrichs V. von Württemberg, geschrieben 1460. Einzig erhaltener Textzeuge: Cod. AN V 12 der Universitätsbibliothek Basel. Enthält Senf- und Hanfspeisen, Fastenkost, Schau- und Scherzgerichte sowie ein eigenes Register vorneweg.

Ain totter muosz mach also . Item wildu haben ein totter muosz Dar zue nym dreyzehen ayer vnd thue die totter dauon vnd ain achtail waellsch wein So wirt das muosz vein vnd ain wenig salcz vnd ain suosse milich schmalcz das ist auch guot vnd milich ram .
totter

Eidotter/Eigelb - Hauptbestandteil dieser Creme.

muosz

Mus/Brei im weiteren Sinn. In Meister Hans' Küche steht 'muosz' nicht immer für einen sämigen Brei, sondern kann auch eine gegarte Eierspeise bezeichnen - hier ohne Mehl, also eher eine Creme als ein Pfannengericht.

achtail

Ein Achtel eines alten Flüssigkeitsmaßes ('Mass'), regional unterschiedlich, hier auf etwa 125 ml geschätzt.

waellsch wein

Welscher Wein = italienischer Wein, ein damals importierter Statuswein (z. B. Vernaccia).

milich ram

Milchrahm, also Sahne.

Handschrift
Maister Hannsen des von Wirtenberg Koch
Folio
Fol. 024r
Sprache
Frühneuhochdeutsch (alemannisch-schwäbisch, 1460)
Entstehung
Württemberg / Basel, 1460
CoReMA

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartain suosse milich schmalcz das ist auch guot

Gewählte Lesart: Als Alternative gelesen: süße Milch, oder ersatzweise Schmalz ('das ist auch gut'), gefolgt von Sahne als weiterer Zutat.

Andere mögliche Lesart:

  • Milch und Schmalz als zwei getrennt zuzugebende Zutaten - Ohne explizites 'oder' im Text wäre auch eine additive Lesart denkbar, doch die Formel 'das ist auch guot' signalisiert typischerweise eine gleichwertige Variante, keine Zusatzzutat.

Lesartachtail

Gewählte Lesart: Ein Achtel eines regionalen Flüssigkeitsmaßes ('Mass'), hier näherungsweise mit 125 ml angesetzt.

Andere mögliche Lesart:

  • Ein Achtel eines anderen, größeren oder kleineren Lokalmaßes - Süddeutsche Mass-Größen variierten stark von Ort zu Ort (ca. 1,0 bis 1,5 Liter), eine exakte Umrechnung ist ohne genauere Ortsangabe nicht möglich.

LesartGarvorgang (Erhitzen) im Transkript nicht ausformuliert

Gewählte Lesart: Praxis-Empfehlung: die Mischung schonend erwärmen, bis sie leicht bindet - in Anlehnung an die textnahen Zwillinge mha-030 ('ab sieden') und m5919-088 ('gesotten'), die ein Kochen explizit nennen.

Andere mögliche Lesart:

  • Der Text beschreibt möglicherweise nur ein Zusammenrühren ohne Erhitzen - eine roh servierte Dotter-Wein-Creme. - Für ein 'muosz' (laut CoReMA-Glosse: gegarter Brei) wäre das untypisch, ist aber textlich nicht auszuschließen; der Garschritt könnte vom Schreiber schlicht als selbstverständlich vorausgesetzt worden sein.

Originalwerk (~1460) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 024r, Universitätsbibliothek Basel, Cod. AN V 12 (1460); bereitgestellt durch CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages, Universität Graz (CC BY-NC-SA 4.0)
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), TEI-Edition Böhm/Klug 2021, CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Am offenen Feuer machbar, aber kein robustes Standardgericht: Dreizehn Eidotter mit Wein (Säure) gerinnen bei zu starker Hitze schnell, es braucht ständiges Rühren und ein geübtes Gefühl für die Glut. Nicht lagerfähig - die Creme muss frisch serviert werden.
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