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Ein Erbsenmus

Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1) · Österreich (Mondsee, Oberösterreich) · 1480

BeilageBeilageLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 9/10
Zubereitungszeit60 Min.Portionen4 PersonenBuchMondseer Kochbuch (~1480)

Wenn du ein Erbsenmus zubereiten willst, so nimm eine starke, kalte Lauge und tauche die Erbsen darin ein.

Lasse sie darin sieden, bis sie ihre Schale verlieren. Wasche die Erbsen gründlich und lasse sie dann trocken sieden.

Wenn sie nun gar gekocht sind, zerreibe sie mit einem Löffel. Daraus mache ein Mus.

OriginalModern / MengeWo kaufenAlternative
chalt gwsß dy starck Starke kalte Lauge Apotheke, Chemikalienhandel (Achtung: Gefahrstoff!) Geschälte Erbsen verwenden oder gekochte Erbsen durch ein feines Sieb passieren, um die Schalen zu entfernen (ohne Lauge).
dy cziserr Erbsen - -

Welches Gericht ist das? Ein einfaches Erbsenmus - der Vorfahr des heute noch bekannten Erbspürees. Am nächsten verwandt ist die englische Pease Pudding (getrocknete Erbsen weichgekocht und zerstoßen), deren Grundprinzip bis heute im Kinderreim „Pease porridge hot, pease porridge cold” nachklingt.

Die Lauge. Die „starke kalte Lauge” ist keine moderne Industriechemikalie aus der Apotheke, sondern die im spätmittelalterlichen Haushalt gebräuchliche Aschelauge - ein Sud aus Holzasche und Wasser, wie er an jedem Feuer selbst herstellbar war. Sie löste die zähen Schalen der Erbsen, noch bevor überhaupt gekocht wurde: ein alkalisches Enthäutungsverfahren, wie es auch bei Laugengebäck oder beim skandinavischen Lutfisk zum Einsatz kommt. Der eng verwandte Twin Weißes Erbsenmus (mha-288) erreicht dasselbe Ziel - ein reines, schalenfreies Mus - rein mechanisch: langes Kochen, bis sich die Schale löst, dann Reiben von Hand, ganz ohne Lauge. Beide Wege waren offenbar gebräuchlich.

Trocken sieden. Mit „trucken sieden” ist nicht gemeint, den Topf von der ersten Sekunde an ganz ohne Flüssigkeit zu befeuern - das würde anbrennen. Gemeint ist ein Weiterköcheln, bis die Flüssigkeit weitgehend eingekocht ist und sich die Masse verdichtet.

Praxis. Wer die Lauge-Variante nachvollziehen möchte, sollte auf eine schwache, selbst angesetzte Aschelauge zurückgreifen, sie vor Gebrauch durch ein Tuch abseihen und nur unter Ausschluss von Publikum arbeiten - unregulierte, starke Lauge gehört nicht auf einen Schautisch. Nach dem Entschälen werden die Erbsen gründlich gewaschen, eingekocht und mit dem Löffel zu einem feinen Mus zerdrückt. Wer ganz ohne Lauge auskommen möchte, greift auf die Methode von mha-288 zurück: einfach so lange kochen, bis sich die Schalen von selbst lösen, und diese dann von Hand abreiben.

Ist die Verwendung von Lauge in diesem Rezept sicher?

Lauge ist auch als historische, selbst angesetzte Aschelauge (Holzasche und Wasser) eine stark alkalische, ätzende Flüssigkeit und muss mit Vorsicht gehandhabt werden - unabhängig davon, ob sie aus der Asche oder aus dem Chemikalienhandel stammt. Für die Verwendung zu Hause empfiehlt sich der laugenfreie Weg: die Erbsen einfach so lange kochen, bis sich die Schalen von selbst lösen, und diese dann von Hand abreiben (siehe auch das verwandte Rezept „Weißes Erbsenmus”, mha-288).

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Eingeschränkt: Mit einer schwachen, selbst angesetzten Aschelauge und unter Ausschluss des Publikums ist das Verfahren technisch durchaus lagerküchentypisch - Asche, Wasser und ein Seihtuch sind an jedem Feuer vorhanden. Als öffentliches Schaugericht mit starker, unregulierter Lauge ist es dagegen nicht vertretbar. Wer auf Nummer sicher gehen will, weicht auf die laugenfreie Methode des Twins mha-288 aus.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Mondseer Kochbuch, einer umfangreichen deutschsprachigen Rezeptsammlung aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Es wurde im bairisch-österreichischen Raum, vermutlich im Umfeld des Klosters Mondsee, verfasst.

Was bedeutet ‚czereib‘ im Rezept?

‚Czereib‘ bedeutet ‚zerreiben‘. Die gekochten Erbsen sollen mit einem Löffel zerdrückt und zu einem feinen Mus verarbeitet werden. Dies ist vergleichbar mit modernem Pürieren oder Passieren.

ITem wil dw machen ain czisser= muss So nym chalt gwsß dy starck / sey vnd tauch dy cziserr dar ein vnd lass sy sieden das sy dy palich verliessen wasch schon lass trucken sieden wen sy nun gesotten sein so czereib sy mit ainem loffel Da mach ain muss von etc.
chalt gwsß dy starck

CoReMA glossiert dies als ‚lye‘ (Lauge). Gemeint ist die im spätmittelalterlichen Haushalt gebräuchliche Aschelauge - ein selbst angesetzter Sud aus Holzasche und Wasser, kein modernes Apothekenpräparat. Sie diente zur Enthäutung von Hülsenfrüchten (wie Erbsen oder Kichererbsen) oder zur Herstellung von Laugengebäck. Auch als Hausmittel ist sie stark alkalisch und ätzend und muss mit Vorsicht gehandhabt werden.

sey

Konjunktivform von mhd./fnhd. ‚sîn‘ (sein), hier abschließend zum Relativsatz ‚dy [...] starck sey‘ (‚die stark sei/sein soll‘) - eine im Mondseer Kochbuch durchgehend belegte Konstruktion (vgl. ‚der nicht ze groß sey‘, ‚das haiß sey‘, ‚das schon sey‘). Keine Form von ‚seihen‘; es gibt hier keinen separaten Seih-Schritt.

palich

Die Schale der Erbsen. Lauge wurde verwendet, um die zähen Schalen von Hülsenfrüchten zu lösen und so ein feineres Mus zu erhalten.

schon

Im Mittelhochdeutschen bedeutet ‚schon‘ hier ‚gründlich‘ oder ‚sauber‘, nicht ‚schön‘ im ästhetischen Sinne. Die Erbsen sollen nach der Laugenbehandlung gründlich gewaschen werden, um Laugenreste zu entfernen.

czereib

‚Czereib‘ bedeutet ‚zerreiben‘. Die gekochten Erbsen sollen mit einem Löffel zerdrückt und zu einem feinen Mus verarbeitet werden. Dies ist vergleichbar mit modernem Pürieren oder Passieren.

Handschrift
Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1)
Folio
Fol. 073v
Sprache
Frühneuhochdeutsch (bairisch-österreichisch, 15. Jh.)
Entstehung
Österreich (Mondsee, Oberösterreich), 1480
CoReMA

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartczisser / cziserr

Gewählte Lesart: Erbsen. CoReMA glossiert ‚cziserr‘ als ‚garden pea‘ (Gartenerbse).

Lesartgwsß

Gewählte Lesart: Lauge. CoReMA glossiert ‚chalt gwsß‘ als ‚lye‘ (Lauge). Dies ist eine stark alkalische Lösung, die historisch zur Enthäutung von Hülsenfrüchten verwendet wurde.

Lesartpalich

Gewählte Lesart: Schale. CoReMA glossiert ‚palich‘ als ‚pea skin‘ (Erbsenschale).

Lesartczereib

Gewählte Lesart: Zerreibe. Das Verb ‚czereib‘ bedeutet ‚zerreiben‘ oder ‚zerdrücken‘, hier mit einem Löffel.

Lesartschon

Gewählte Lesart: Gründlich/sauber. Das Wort ‚schon‘ bedeutet hier ‚gründlich‘ oder ‚sauber‘, nicht ‚schön‘ im ästhetischen Sinne. Die Erbsen sollen nach der Laugenbehandlung gründlich gewaschen werden.

Lesarttrucken sieden

Gewählte Lesart: Trocken sieden. Dies bedeutet, die Erbsen nach dem Waschen ohne zusätzliche Flüssigkeit weiter zu kochen, um überschüssige Feuchtigkeit zu reduzieren und die Aromen zu konzentrieren.

Originalwerk (~1480) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 073v, Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609; bereitgestellt durch CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages, Universität Graz (CC BY-NC-SA 4.0)
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), Ms. GR1 (Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609), hyperdiplomatische Basistranskription, CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Historisch war die verwendete Lauge eine gewöhnliche, am Lagerfeuer selbst herstellbare Aschelauge (Holzasche + Wasser) - grundsätzlich lagerküchentypisch. Mit erfahrener Handhabung, schwacher Konzentration und unter Ausschluss des Publikums ist das Verfahren technisch authentisch nachvollziehbar. Als öffentliches Schaugericht mit starker, unregulierter Lauge ist es jedoch nicht vertretbar - dafür fehlen am Markt Sicherheitsprotokolle, und der Publikumsverkehr (auch Kinder) macht es riskant. Wer auf Nummer sicher gehen will, nutzt die laugenfreie Methode des Twins mha-288.
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