Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1) · Österreich (Mondsee, Oberösterreich) · 1480
Wenn du ein Erbsenmus zubereiten willst, so nimm eine starke, kalte Lauge und tauche die Erbsen darin ein.
Lasse sie darin sieden, bis sie ihre Schale verlieren. Wasche die Erbsen gründlich und lasse sie dann trocken sieden.
Wenn sie nun gar gekocht sind, zerreibe sie mit einem Löffel. Daraus mache ein Mus.
| Original | Modern / Menge | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|
| chalt gwsß dy starck | Starke kalte Lauge | Apotheke, Chemikalienhandel (Achtung: Gefahrstoff!) | Geschälte Erbsen verwenden oder gekochte Erbsen durch ein feines Sieb passieren, um die Schalen zu entfernen (ohne Lauge). |
| dy cziserr | Erbsen | - | - |
Welches Gericht ist das? Ein einfaches Erbsenmus - der Vorfahr des heute noch bekannten Erbspürees. Am nächsten verwandt ist die englische Pease Pudding (getrocknete Erbsen weichgekocht und zerstoßen), deren Grundprinzip bis heute im Kinderreim „Pease porridge hot, pease porridge cold” nachklingt.
Die Lauge. Die „starke kalte Lauge” ist keine moderne Industriechemikalie aus der Apotheke, sondern die im spätmittelalterlichen Haushalt gebräuchliche Aschelauge - ein Sud aus Holzasche und Wasser, wie er an jedem Feuer selbst herstellbar war. Sie löste die zähen Schalen der Erbsen, noch bevor überhaupt gekocht wurde: ein alkalisches Enthäutungsverfahren, wie es auch bei Laugengebäck oder beim skandinavischen Lutfisk zum Einsatz kommt. Der eng verwandte Twin Weißes Erbsenmus (mha-288) erreicht dasselbe Ziel - ein reines, schalenfreies Mus - rein mechanisch: langes Kochen, bis sich die Schale löst, dann Reiben von Hand, ganz ohne Lauge. Beide Wege waren offenbar gebräuchlich.
Trocken sieden. Mit „trucken sieden” ist nicht gemeint, den Topf von der ersten Sekunde an ganz ohne Flüssigkeit zu befeuern - das würde anbrennen. Gemeint ist ein Weiterköcheln, bis die Flüssigkeit weitgehend eingekocht ist und sich die Masse verdichtet.
Praxis. Wer die Lauge-Variante nachvollziehen möchte, sollte auf eine schwache, selbst angesetzte Aschelauge zurückgreifen, sie vor Gebrauch durch ein Tuch abseihen und nur unter Ausschluss von Publikum arbeiten - unregulierte, starke Lauge gehört nicht auf einen Schautisch. Nach dem Entschälen werden die Erbsen gründlich gewaschen, eingekocht und mit dem Löffel zu einem feinen Mus zerdrückt. Wer ganz ohne Lauge auskommen möchte, greift auf die Methode von mha-288 zurück: einfach so lange kochen, bis sich die Schalen von selbst lösen, und diese dann von Hand abreiben.
Lauge ist auch als historische, selbst angesetzte Aschelauge (Holzasche und Wasser) eine stark alkalische, ätzende Flüssigkeit und muss mit Vorsicht gehandhabt werden - unabhängig davon, ob sie aus der Asche oder aus dem Chemikalienhandel stammt. Für die Verwendung zu Hause empfiehlt sich der laugenfreie Weg: die Erbsen einfach so lange kochen, bis sich die Schalen von selbst lösen, und diese dann von Hand abreiben (siehe auch das verwandte Rezept „Weißes Erbsenmus”, mha-288).
Eingeschränkt: Mit einer schwachen, selbst angesetzten Aschelauge und unter Ausschluss des Publikums ist das Verfahren technisch durchaus lagerküchentypisch - Asche, Wasser und ein Seihtuch sind an jedem Feuer vorhanden. Als öffentliches Schaugericht mit starker, unregulierter Lauge ist es dagegen nicht vertretbar. Wer auf Nummer sicher gehen will, weicht auf die laugenfreie Methode des Twins mha-288 aus.
Dieses Rezept stammt aus dem Mondseer Kochbuch, einer umfangreichen deutschsprachigen Rezeptsammlung aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Es wurde im bairisch-österreichischen Raum, vermutlich im Umfeld des Klosters Mondsee, verfasst.
‚Czereib‘ bedeutet ‚zerreiben‘. Die gekochten Erbsen sollen mit einem Löffel zerdrückt und zu einem feinen Mus verarbeitet werden. Dies ist vergleichbar mit modernem Pürieren oder Passieren.
CoReMA glossiert dies als ‚lye‘ (Lauge). Gemeint ist die im spätmittelalterlichen Haushalt gebräuchliche Aschelauge - ein selbst angesetzter Sud aus Holzasche und Wasser, kein modernes Apothekenpräparat. Sie diente zur Enthäutung von Hülsenfrüchten (wie Erbsen oder Kichererbsen) oder zur Herstellung von Laugengebäck. Auch als Hausmittel ist sie stark alkalisch und ätzend und muss mit Vorsicht gehandhabt werden.
Konjunktivform von mhd./fnhd. ‚sîn‘ (sein), hier abschließend zum Relativsatz ‚dy [...] starck sey‘ (‚die stark sei/sein soll‘) - eine im Mondseer Kochbuch durchgehend belegte Konstruktion (vgl. ‚der nicht ze groß sey‘, ‚das haiß sey‘, ‚das schon sey‘). Keine Form von ‚seihen‘; es gibt hier keinen separaten Seih-Schritt.
Die Schale der Erbsen. Lauge wurde verwendet, um die zähen Schalen von Hülsenfrüchten zu lösen und so ein feineres Mus zu erhalten.
Im Mittelhochdeutschen bedeutet ‚schon‘ hier ‚gründlich‘ oder ‚sauber‘, nicht ‚schön‘ im ästhetischen Sinne. Die Erbsen sollen nach der Laugenbehandlung gründlich gewaschen werden, um Laugenreste zu entfernen.
‚Czereib‘ bedeutet ‚zerreiben‘. Die gekochten Erbsen sollen mit einem Löffel zerdrückt und zu einem feinen Mus verarbeitet werden. Dies ist vergleichbar mit modernem Pürieren oder Passieren.
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
czisser / cziserr
Gewählte Lesart: Erbsen. CoReMA glossiert ‚cziserr‘ als ‚garden pea‘ (Gartenerbse).
gwsß
Gewählte Lesart: Lauge. CoReMA glossiert ‚chalt gwsß‘ als ‚lye‘ (Lauge). Dies ist eine stark alkalische Lösung, die historisch zur Enthäutung von Hülsenfrüchten verwendet wurde.
palich
Gewählte Lesart: Schale. CoReMA glossiert ‚palich‘ als ‚pea skin‘ (Erbsenschale).
czereib
Gewählte Lesart: Zerreibe. Das Verb ‚czereib‘ bedeutet ‚zerreiben‘ oder ‚zerdrücken‘, hier mit einem Löffel.
Gewählte Lesart: Gründlich/sauber. Das Wort ‚schon‘ bedeutet hier ‚gründlich‘ oder ‚sauber‘, nicht ‚schön‘ im ästhetischen Sinne. Die Erbsen sollen nach der Laugenbehandlung gründlich gewaschen werden.
trucken sieden
Gewählte Lesart: Trocken sieden. Dies bedeutet, die Erbsen nach dem Waschen ohne zusätzliche Flüssigkeit weiter zu kochen, um überschüssige Feuchtigkeit zu reduzieren und die Aromen zu konzentrieren.
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