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Kirschtrunk mit Gewürzen

Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1) · Österreich (Mondsee, Oberösterreich) · 1480

BochetGetränkLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 9.4/10
Zubereitungszeit60 Min.Portionen4-6 PersonenBuchMondseer Kochbuch (~1480)

Wollt ihr einen Kirschtrunk zubereiten, so nehmt reife Sauerkirschen. Siedet sie und schlagt sie zwei oder drei Mal durch ein Tuch. Lasst die Flüssigkeit gut absetzen und dann liegen, bis die Weinlese kommt.

Nehmt dann süßen Most und siedet ihn. Lasst ihn abkühlen, bevor ihr ihn zu den Kirschen gießt, damit der Trunk seine Farbe gut behält. Wollt ihr den Trunk besonders gut haben, so gebt Ingwer, Galgant, Sandelholzpulver und Zimt durch das Spundloch hinzu.

Verschließt es gut. Sollte der Trunk zu stark gewürzt sein, so gebt die Nelken in ein kleines Säckchen und hängt dieses an das Spundloch in den Trunk. Verschließt es erneut gut. Wird der Trunk dann immer noch zu stark, nehmt das Säckchen heraus und trocknet es bei dem Ofen für eine spätere Verwendung.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
ckerssen / weyssel Sauerkirschen - Supermarkt, Wochenmarkt -
Suessen most Süßer Most - Wochenmarkt, Hofladen Apfelsaft
Ingwer Ingwerpulver - Supermarkt -
galgant Galgantpulver - gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel Ingwer
Tandel Sandelholzpulver - Online-Gewürzhandel eine Prise Zimt oder Kurkuma (für die Farbe)
czyment Zimtpulver - Supermarkt -
nagel Gewürznelken - Supermarkt -

Welches Gericht ist das? Ein passierter, gewürzter Sauerkirsch-Trunk, der mit abgekühltem süßem Most verlängert und über ein herausnehmbares Gewürzsäckchen nachjustierbar gewürzt wird - ein naher Verwandter der Hypocras-Tradition, nur auf Frucht- statt Weinbasis. Die Klärtechnik und das entnehmbare Gewürzsäckchen folgen demselben Grundprinzip wie der klassische Würzwein-Beutel.

Kochen und Klären. Das Sieden löst das Fruchtfleisch der Kirschen auf, das zwei- bis dreimalige Durchschlagen durch ein Tuch presst den Saft heraus und trennt Kerne und Schalenreste ab. Das anschließende Absetzenlassen dient der Klärung: Die Trübstoffe setzen sich am Boden ab, sodass ein klarer Saft entsteht.

Das Rezept überbrückt zwei Jahreszeiten. Der auffälligste Arbeitsschritt ist eine Wartezeit, die man beim ersten Lesen leicht überliest: der geklärte Kirschsaft soll liegen bleiben, ‚vncz das lessen kumpt‘ - bis die Weinlese kommt. Der Grund steht im nächsten Satz: gefordert wird süßer Most, und den gab es nur im Herbst, frisch von der Kelter. Sauerkirschen reifen im Juni und Juli. Zwischen dem Kirschsaft und seiner zweiten Zutat liegen also zwei bis vier Monate Lagerung. Wer das Rezept heute nachvollzieht, kauft beides am selben Tag und merkt davon nichts - im Original ist es ein Vorratsrezept, das die Ernte des Frühsommers für den Herbst aufhebt.

Most getrennt kochen und abkühlen. Der süße Most wird eigens gesiedet und vor dem Zumischen vollständig abgekühlt. Das schont die Farbe des Kirschsafts - weitere Hitzeeinwirkung würde sie ausbleichen - und macht den frischen Most zugleich haltbarer.

Das Gewürzsäckchen. Ingwer, Galgant, Sandelholzpulver und Zimt kommen lose in den Trunk, zugegeben über das Spundloch des Fasses. Die Nelken dagegen bekommen ein eigenes Säckchen: Als kräftigstes Gewürz der Mischung würden sie lose zugegeben den Trunk schnell übergewürzt schmecken lassen. Das Säckchen wird ebenfalls am Spundloch eingehängt und lässt sich jederzeit wieder herausnehmen, sobald die gewünschte Würzstärke erreicht ist.

Vergärt das im Fass? Eine offene Frage. Süßer Most in einem verschlossenen Holzfass ist der klassische Gäransatz - es liegt nahe, dass am Ende kein alkoholfreier Trunk steht, sondern ein leichter gewürzter Kirsch-Most-Wein. Der Text sagt dazu nichts, und das Schweigen ist in beide Richtungen deutbar.

*Was dagegen spricht, dass Gärung beabsichtigt war:* Der Most wird ausdrücklich gesotten, bevor er zum Kirschsaft kommt. Aufkochen ist genau das Verfahren, mit dem man Most haltbar macht statt ihn vergären zu lassen - es tötet die Hefe von der Traubenschale ab und dickt zugleich den Zucker ein. Das Rezept nennt außerdem kein Gären, während andere Getränke desselben Korpus das sehr wohl tun: so1-133 und k1-167 sagen zweimal ‚las es yeren‘, und das hier verlinkte men-299 (Bochet) setzt sogar ausdrücklich Bierhefe zu (‚une chopine de leveçon de cherevoise‘). Wo Gärung gewollt war, steht sie im Text.

*Was trotzdem dafür spricht, dass sie eintrat:* Das Fass mit Spundloch ist Wochen- und Monatslagerung, nicht Tagesverbrauch. Und ein gebrauchtes Holzfass trägt in seinen Poren eine Hefepopulation, die kein vormodernes Reinigungsverfahren entfernt - dasselbe Argument, das bei so1-133 erklärt, woher die Gärung ohne Hefegabe überhaupt kommt. Gegen diese Flora hilft das Abkochen des Mostes nur so lange, bis er im Fass ist.

Die ehrliche Antwort lautet damit: gewollt war vermutlich ein süß haltbar gemachter Trunk, eingetreten ist bei längerer Lagerung wahrscheinlich trotzdem eine Gärung. Wie weit sie ging, hängt daran, wie stark der Most eingekocht wurde - bei kräftiger Reduktion bremst der hohe Zuckergehalt sie von selbst aus. Der Text gibt für das Sieden keine Dauer an, also bleibt es offen. Ein Nachbrau-Versuch würde es beantworten, kein weiteres Nachdenken.

Ist der süße Most Federweißer? Fast, aber nicht ganz. Zur Lesezeit steht heute überall Federweißer im Regal - in Österreich, der Heimat dieser Handschrift, heißt er *Sturm*, in der Schweiz *Sauser*. Der ‚süss most‘ des Rezepts ist die Stufe davor: frisch gekelterter, noch nicht angegorener Traubensaft. Federweißer gärt bereits, perlt und hat einige Prozent Alkohol. Für die Zubereitung macht der Unterschied am Ende wenig aus, weil der Most ohnehin gesotten wird - Aufkochen beendet die Gärung und bringt den Federweißer dem Ausgangszustand wieder nahe. Wer die Wahl hat, nimmt Traubensaft direkt von der Kelter; wer im Supermarkt steht, kocht Federweißer auf und lässt ihn vollständig abkühlen.

Praxis. Für 4-6 Personen etwa 500 g Sauerkirschen mit wenig Wasser weich kochen und zwei- bis dreimal durch ein Tuch oder ein feines Sieb streichen, dann ruhen lassen, bis sich der Saft klärt. Die monatelange Wartezeit des Originals bis zur Weinlese entfällt heute - süßer Most (ca. 250-300 ml, ersatzweise naturtrüber Apfelsaft) ist ganzjährig zu bekommen. Wer es original halten will, setzt den Kirschsaft im Juli an und holt den Most im Herbst frisch von der Kelter. Den Most separat aufkochen, vollständig abkühlen lassen und erst dann zum geklärten Kirschsaft geben. Ingwer, Galgant, eine Prise Sandelholzpulver (ersatzweise etwas zusätzlicher Zimt für die Farbe) und Zimt nach Geschmack einrühren, Gefäß verschließen und ziehen lassen. Die Nelken in ein kleines Stoffsäckchen binden, ins Gefäß hängen und das Gefäß erneut verschließen; das Säckchen nach Geschmack früher oder später wieder herausnehmen und für die nächste Charge trocknen.

Was bedeutet ‚Tandel‘ und ‚peyll‘ in diesem Rezept?

‚Tandel‘ ist ein nicht eindeutig identifiziertes Gewürz. Eine plausible Lesart ist Sandelholzpulver, das im Mittelalter sowohl zum Würzen als auch zum Färben verwendet wurde. ‚Peyll‘ dagegen ist kein Gewürz, sondern das Spundloch (Peilloch) des Fasses - die Öffnung, über die man Gewürze zugab und das Nelken-Säckchen einhängte. Dieselbe Technik zeigt das eng verwandte Rezept men-299 aus dem Ménagier de Paris. Im Manuskript stand ursprünglich irrtümlich ‚pell‘, vom Schreiber selbst durchgestrichen und zu ‚peyll‘ korrigiert.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Ja, mit einer Einschränkung: Töpfe zum Sieden und ein Tuch zum Passieren reichen aus, und die Gewürze im Säckchen lassen sich einfach dosieren und wiederverwenden. Reife Sauerkirschen und frischer süßer Most sind allerdings saisonale Frischware und keine lagerfähigen Vorräte wie die Trockengewürze - am besten setzt man den Trunk zur jeweiligen Ernte- beziehungsweise Pressezeit an oder bringt vorbereiteten Saft und Most mit ins Lager.

Warum soll der Kirschsaft liegen bleiben, ‚bis das Lesen kommt‘?

‚Das Lesen‘ ist die Weinlese. Das Rezept verlangt als zweite Zutat süßen Most, und den gab es nur im Herbst, frisch von der Kelter - außerhalb der Lesezeit war er nicht zu bekommen. Sauerkirschen reifen dagegen im Juni und Juli. Zwischen den beiden Zutaten liegen also zwei bis vier Monate, in denen der geklärte Kirschsaft eingelagert wird. Heute fällt das nicht mehr auf, weil Most ganzjährig erhältlich ist; im Original ist es ein Vorratsrezept, das die Frühsommerernte für den Herbst aufhebt.

Wird der Trunk im Fass alkoholisch?

Das sagt der Text nicht, und beide Möglichkeiten haben Gewicht. Dafür, dass keine Gärung beabsichtigt war, spricht das ausdrückliche Aufkochen des Mostes - genau so machte man Most haltbar, statt ihn vergären zu lassen - und dass das Rezept anders als vergleichbare Getränke des Korpus kein Gären nennt und keine Hefe zusetzt. Dafür, dass sie trotzdem eintrat, spricht die Lagerung in einem verschlossenen Holzfass: gebrauchtes Fassholz trägt eine Hefepopulation, gegen die das Abkochen nur bis zum Umfüllen hilft. Wahrscheinlich war ein süß haltbar gemachter Trunk gewollt, und bei längerer Lagerung setzte trotzdem eine Gärung ein - wie weit sie ging, hängt daran, wie stark der Most eingekocht wurde.

Was bedeutet die Anweisung ‚lasst es in Vergessenheit geraten‘?

Diese ungewöhnliche Formulierung wird hier so gedeutet, dass der gekochte Most vollständig abkühlen und unbeachtet stehen soll, bevor er mit den Kirschen vermischt wird. Der Kontext der Farberhaltung im Text stützt diese Lesart, eine wörtliche, im Wortsinn gesicherte Bedeutung lässt sich für die Wendung aber nicht belegen - es bleibt eine plausible Interpretation.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Mondseer Kochbuch (Österreich - Mondsee, Oberösterreich). Das Mondseer Kochbuch - eine der umfangreichsten deutschsprachigen Rezeptsammlungen des Spätmittelalters: rund 268 Kochrezepte aus dem oberösterreichischen Raum (Umkreis des Benediktinerklosters Mondsee, 2. Hälfte 15. Jh.), überliefert in der Sammelhandschrift Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA-Sigle GR1, fol. 11r-94v). Das Buch deckt die ganze Bandbreite einer spätmittelalterlichen Küche ab: Mandel- und Fischmuse, Sülzen und Gallerten (u.a. vom Hasen und mit Krebsen), Hausen und andere Fische, Wildbret und Spanferkel, dazu zahlreiche Fasten- und Schauspeisen - etwa aus Fisch nachgeformte Rebhühner, Blancmanger und ein Karfreitags-Eiergericht - sowie süßes Backwerk, Lebkuchen und eingekochte Weichsel-Zubereitungen. Reiche Cross-Links zur bairisch-alemannischen Salsen-, Sülzen- und Schauspeisen-Tradition (m5919, m384, meb, kkm).

WElt ir haben ain ckerssen tranck So nempt czeytig weyssel sewd dy vnd slags durch czwier oder treystundt lasss woll gessen vnd lass ligen vn?z vncz das lessen kumpt So nym Suessen most sewd das laz In vergessen geus + dar In so beleib er bey seiner varib will + dw das tranck guett haben So tue Ingwer galgant Tandel czyment vnd peyll vnd vermachs woll wurdes czestarck vnd nagel In ain sackel vnd henck das hin ain ein czw dem peyll vnd vermachs woll wurd es czestarck so nym das sackel her auß vnd ir trucken es pey dem offen Vnde duodecimade mensis etc.
ckerssen / weyssel

Beide Begriffe bezeichnen Sauerkirschen. Die Verwendung von zwei synonymen Begriffen ist im Mondseer Kochbuch häufig und dient oft der stilistischen Variation oder Betonung.

sewd dy vnd slags durch czwier oder treystundt

‚Sieden‘ bedeutet hier kochen, ‚durchschlagen‘ ist das Passieren durch ein Tuch oder Sieb, um die Flüssigkeit von Fruchtfleisch und Kernen zu trennen. Die Wiederholung ‚zwei oder drei Mal‘ betont die Gründlichkeit des Vorgangs.

lasss woll gessen vnd lass ligen vn?z vncz das lessen kumpt

‚Bis das Lesen kommt‘ meint die Weinlese: der Kirschsaft wird eingelagert, bis im Herbst frischer Traubenmost verfügbar ist - den es außerhalb der Lesezeit nicht gab. Das ist keine Ruhepause von Stunden, sondern eine Wartezeit von Wochen bis Monaten, denn Sauerkirschen reifen im Juni und Juli, die Lese lag im September und Oktober. Das Substantiv ‚das Lesen‘ für die Traubenernte ist gut belegt (Grimm führt neben ährenlesen und nachlesen auch ‚Weinlesen‘); dieselbe Wortfamilie ist für Österreich - die Region dieser Handschrift - eigens bezeugt, dort heißt der Aufseher bei der Weinlese ‚Lesemeister‘. Das alemannische ‚Leset‘ = Weinlese gehört zur selben Bildung.

laz In vergessen

Diese ungewöhnliche Formulierung bedeutet hier sinngemäß ‚lasst ihn (den Most) unbeachtet stehen, bis er abgekühlt ist‘. Der Kontext der Farberhaltung im Folgesatz legt nahe, dass ein zu schnelles Vermischen mit noch heißem Most vermieden werden soll, um die Farbe der Kirschen zu bewahren.

varib

Bezeichnet die Farbe des Trunks. Im Mittelalter war die Erhaltung oder gezielte Färbung von Speisen und Getränken ein wichtiges Qualitätsmerkmal.

Tandel

Ein bislang ungeklärtes Gewürz (Hapax legomenon). In Anbetracht der anderen Gewürze und der Funktion als Färbemittel (‚varib‘) könnte es sich um Sandelholzpulver handeln, das sowohl würzt als auch eine rötliche Farbe verleiht. Es könnte aber auch eine lokale Bezeichnung für ein anderes Gewürz sein.

peyll

Kein Gewürz, sondern das Spundloch (auch ‚Peilloch‘ genannt) des Fasses - die Öffnung, an der man den Füllstand ‚peilte‘ (vgl. nhd. ‚Pegel‘, ‚peilen‘; Grimms Wörterbuch führt ‚Peil‘ als Eichmaß/Wasserstandsmesser). Über diese Öffnung werden die Gewürze zugegeben und das Nelken-Säckchen eingehängt - dieselbe Technik zeigt das bereits verlinkte men-299 (‚hänge es an einer Schnur in das Spundloch‘). Im Manuskript stand ursprünglich ‚pell‘, vom Schreiber selbst durchgestrichen und zu ‚peyll‘ korrigiert (CoReMA-TEI: „<del>pell</del> peyll“) - unsere Transkriptions-Pipeline hatte das gestrichene Wort fälschlich mitgeführt, wodurch ein Phantom-Gewürz ‚Pfeffer‘ in den Text geriet.

vermachs woll

‚Vermachen‘ bedeutet in Rezepten dieser Zeit durchgehend ‚verschließen, zumachen‘ (ein Gefäß fest zumachen) - nicht ‚vermischen‘. Das Gefäß mit den Gewürzen wird also zugemacht, damit der Trunk ziehen kann.

ain sackel

Ein kleines Säckchen, in das die Nelken gegeben werden - das kräftigste Gewürz der Mischung. So lässt sich die Würzstärke jederzeit durch Herausnehmen des Säckchens regulieren, eine praktische Methode, die auch heute noch angewendet wird.

Vnde duodecimade mensis etc.

Lateinische Datumsangabe, die ‚Und am zwölften des Monats etc.‘ bedeutet. Solche Vermerke waren in mittelalterlichen Handschriften üblich und dienten dem Schreiber zur Dokumentation des Abschriftzeitpunkts oder als Notiz für eine bestimmte Zubereitung.

Handschrift
Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1)
Folio
Fol. 081r
Sprache
Frühneuhochdeutsch (bairisch-österreichisch, 15. Jh.)
Entstehung
Österreich (Mondsee, Oberösterreich), 1480
CoReMA

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

ckerssen / weysselsour cherry Q68438267
Ingwerginger Q15046077
galgantlesser galangal Q27653540
czymentcinnamon Q28165
nagelclove Q15622897

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartckerssen / weyssel

Gewählte Lesart: Beide Begriffe wurden als ‚Sauerkirschen‘ übersetzt, basierend auf der CoReMA-Glosse und dem kulinarischen Kontext eines Trunks.

Lesartlasss woll gessen

Gewählte Lesart: Als ‚lasst gut durchziehen‘ übersetzt, im Sinne eines Klärungs- und Absetzvorgangs nach dem Durchschlagen.

Andere mögliche Lesart:

  • ‚Gessen‘ ist im Korpus (z. B. kkm-018: ‚Brot trucken gessen‘) auch als Partizip von ‚essen‘ belegt. Denkbar wäre daher auch eine Lesart als ‚gesessen‘ (von ‚sitzen‘, im Sinn von ‚sich absetzen‘), was inhaltlich gut zum folgenden Satz über die Trübstoffe passt. - Für ‚gessen‘ = ‚gesessen‘ gibt es keinen direkten Wörterbuchbeleg in dieser Lautung, nur die inhaltliche Passung zum Folgesatz. Da ‚wörtlich gegessen‘ bei einem Getränk keinen Sinn ergibt, bleibt die genaue Lesart offen.

Lesartvn?z vncz das lessen kumpt

Gewählte Lesart: Als ‚bis die Weinlese kommt‘ gelesen: ‚das lessen‘ ist der substantivierte Infinitiv ‚das Lesen‘ im Sinn der Traubenernte. Drei Gründe. Erstens der Anschluss: unmittelbar danach steht ‚So nym Suessen most‘ - süßen Most gab es ausschließlich zur Lesezeit, außerhalb des Herbstes war er schlicht nicht zu bekommen. Ein Rezept, das den Kirschsaft erst fertigstellt und dann Most verlangt, muss die Wartezeit dazwischen benennen, und genau das tut dieser Halbsatz. Zweitens die Saison: Sauerkirschen reifen im Juni und Juli, die Weinlese lag im September und Oktober - zwischen beiden liegen Monate, in denen der Saft eingelagert wird. Drittens der Wortbeleg: ‚das Lesen‘ für die Traubenernte ist bei Grimm neben ährenlesen und nachlesen ausdrücklich als ‚Weinlesen‘ geführt, das alemannische ‚Leset‘ = Weinlese gehört zur selben Bildung, und für Österreich - die Region dieser Handschrift - ist der ‚Lesemeister‘ als Aufseher bei der Weinlese eigens bezeugt. Auch das Verb ‚kommen‘ passt: eine Jahreszeit kommt, ein Bodensatz kommt nicht.

Andere mögliche Lesart:

  • ‚Bis das Verlesen kommt‘ im Sinn des Absetzens von Trübstoffen, die anschließend abgeschöpft werden - die bis zum 2026-07-31 hier geführte Lesart. - Sie scheitert an drei Punkten. Der Klärvorgang ist mit ‚lasss woll gessen‘ bereits im selben Satz genannt, ‚lass ligen bis das lessen kumpt‘ wäre eine Dopplung. Ein Bodensatz ‚kommt‘ nicht, er setzt sich. Und vor allem erklärt sie nicht, warum unmittelbar danach süßer Most verlangt wird, den es nur im Herbst gab.

Lesartlaz In vergessen

Gewählte Lesart: Als ‚lasst ihn (den Most) unbeachtet stehen, bis er abgekühlt ist‘ übersetzt, um die Farberhaltung zu gewährleisten.

Andere mögliche Lesart:

  • Wörtlich ‚lasst es in Vergessenheit geraten‘ (Grundbedeutung von ‚vergessen‘ ist geistiges Vergessen, nicht physisches Abkühlen). - ‚In‘ lässt sich auch als Akkusativpronomen (bezogen auf den Most) statt als Präposition lesen. Der Anschlusssatz zur Farberhaltung stützt die Deutung als Abkühl-/Ruheanweisung, ein direkter Wörterbuchbeleg für ‚vergessen‘ = ‚abkühlen‘ fehlt aber.

LesartTandel

Gewählte Lesart: Als ‚Sandelholzpulver‘ interpretiert, da es ein bekanntes Gewürz und Färbemittel der Zeit war und gut in die Liste der anderen Gewürze passt.

Andere mögliche Lesart:

  • Es könnte sich um eine lokale Bezeichnung für ein anderes Gewürz handeln. - Die genaue Identität von ‚Tandel‘ ist ungeklärt. Sandelholz ist jedoch in ähnlichen Rezepten als Gewürz und Farbstoff belegt.

Lesartwurdes czestarck vnd nagel In ain sackel

Gewählte Lesart: Als vorausschauende Maßnahme gelesen: Die Nelken kommen von vornherein in ein eigenes Säckchen, weil sie lose zugegeben den Trunk zu stark würzen würden. Das Säckchen ist damit eine Dosierkontrolle von Anfang an, keine nachträgliche Notmaßnahme.

Andere mögliche Lesart:

  • Alternativ ließe sich der Satz auch so lesen, dass der Trunk zunächst mit allen Gewürzen lose fertiggewürzt wird und die Nelken erst nachträglich, als Reaktion auf einen bereits zu kräftigen Geschmack, ins Säckchen wandern. - Diese Lesart erklärt aber weniger schlüssig, warum ausgerechnet ein zusätzliches, potentes Gewürz in einen bereits übergewürzten Trunk gegeben würde. Die vorausschauende Lesart passt besser zur Satzlogik und zur praktischen Küchenerfahrung.

Lesartduodecimade mensis etc.

Gewählte Lesart: Als lateinische Datumsangabe ‚Und am zwölften des Monats etc.‘ identifiziert, die nicht Teil der Kochanleitung ist.

Andere mögliche Lesart:

  • Es könnte sich um eine kryptische Anweisung oder eine Mengenangabe handeln. - Die Form ‚duodecimade mensis‘ ist eine standardisierte lateinische Datumsangabe, die in mittelalterlichen Manuskripten häufig am Ende von Textabschnitten zu finden ist.

Originalwerk (~1480) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 081r, Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609; bereitgestellt durch CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages, Universität Graz (CC BY-NC-SA 4.0)
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), Ms. GR1 (Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609), hyperdiplomatische Basistranskription, CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Gut machbar: Benötigt Töpfe zum Sieden und ein Tuch zum Passieren. Die Gewürze im Säckchen sind eine praktische Methode zur Dosierung und Wiederverwendung in der Lagerküche. Reife Sauerkirschen und frischer süßer Most sind allerdings saisonale Frischware, und zwar aus zwei verschiedenen Jahreszeiten: Kirschen im Juni und Juli, Most erst zur Weinlese im September und Oktober. Genau darauf zielt die Wartezeit im Originaltext. Für die Lagerküche heißt das, den Kirschsaft vorbereitet mitzubringen und den Trunk erst im Herbst fertigzustellen - oder ihn fertig anzusetzen und nur den Ausschank samt Gewürzsäckchen vorzuführen.
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Stand dieser Fassung: 31.07.2026 - 2-mal überarbeitet. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.