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Senf-Meerrettich-Birnen-Condiment

Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1) · Österreich (Mondsee, Oberösterreich) · 1480

Gewürz / SauceGewürz / SauceLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 9/10
Zubereitungszeit45 Min.Portionen1 Glas (ca. 250 ml)BuchMondseer Kochbuch (~1480)

Nimm Senfsaat und stampfe sie ein. Wenn das geschehen ist, gieße siedendes Wasser darüber und rühre es zu einem Teig. Diesen Vorgang wiederhole drei Nächte nacheinander: Gieße das Wasser jeweils ab und rühre die Masse mit neuem siedendem Wasser an.

Am dritten Morgen reibe den Senfteig mit Birnenessig. Danach gib klein geschnittenen Meerrettich hinzu, dazu große Petersilie, die samt der Wurzel gestoßen wurde, und Regel-Birnen, die ebenfalls gestoßen und durch ein Sieb passiert wurden.

Füge ein wenig Rosinen, geschälte Mandeln und Honig hinzu, als Beigabe zu jedem Leckerbissen. Man soll es mit Silber aufwiegen, so gesund ist es.

OriginalModern / MengeWo kaufenAlternative
seniff Senfsaat gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel -
syeduns wasser / syedenden wasser Siedendes Wasser Leitung -
pieren essach Birnenessig gut sortierter Supermarkt, Feinkostladen Apfelessig
ckrenn der chlain gesnitten sey Meerrettich, klein geschnitten Supermarkt, Wochenmarkt -
grossen pettersill der mit sampt der wurczen gestossen sey Petersilienwurzel, gestoßen Supermarkt, Wochenmarkt -
Regel pieren czw ein ander gestossen sey Regel-Birnen, gestoßen Wochenmarkt, gut sortierter Obsthandel herbe Birnensorte (z.B. Kochbirne)
ein wenich weinper geschelt Ein wenig Rosinen Supermarkt -
mandel Geschälte Mandeln Supermarkt (Backregal) -
honig Honig Supermarkt, Imker -

Welches Gericht ist das? mon-244 ist ein früher Vertreter der europäischen Frucht-Senf-Familie: Senfsaat wird durch mehrfaches Übergießen mit siedendem Wasser über drei Tage gemildert, am dritten Morgen mit Birnenessig angerieben und mit Meerrettich, Petersilienwurzel, gestoßenen Birnen, Rosinen, Mandeln und Honig zu einer süß-scharf-sauren Paste verarbeitet. Das ist strukturell die unmittelbare Vorstufe der heutigen italienischen Mostarda (kandierte Früchte in scharfem Senf-Sirup) und, in Österreich bis heute lebendig, des Apfel- beziehungsweise Birnenkrens zum Tafelspitz - nur dass hier die Birne die tragende Frucht ist. Cross-book bestätigt sich diese Gerichtsfamilie im Ménagier de Paris (men-312), das dieselbe Senf-Meerrettich-Essig-Honig-Rosinen-Sauce als Kern einer großen Walnuss-Composte beschreibt.

Einweichen statt Fermentieren. Das mehrfache Übergießen der Senfsaat mit siedendem Wasser über drei Nächte ist eine Auslaugung, keine Fermentation: Kochendes Wasser deaktiviert eher das für die Senfschärfe verantwortliche Enzym, als eine Gärung in Gang zu setzen. Der Effekt ist trotzdem plausibel - die Schärfe der rohen Körner wird gemildert, und die Zugabe von klein geschnittenem Meerrettich am dritten Morgen gleicht den Schärfeverlust geschickt wieder aus. Die anschließende Einarbeitung von Birnenessig stabilisiert die Paste chemisch und macht sie streichfähig - der klassische Abschluss jeder Senfherstellung, auch heute noch.

Praxis. Senfkörner im Mörser grob anstoßen, mit siedendem Wasser übergießen und zu einem Teig verrühren. Diesen Vorgang an drei aufeinanderfolgenden Tagen wiederholen: Wasser jeweils abgießen, neues siedendes Wasser nachgießen und einrühren. Am dritten Morgen den Senfteig mit Birnenessig glattreiben, dann klein geschnittenen Meerrettich, gestoßene Petersilienwurzel und gestoßene, durch ein Sieb passierte Birnen unterrühren. Zum Schluss Rosinen, geschälte Mandeln und Honig einarbeiten. Ergibt eine streichfähige, süß-scharf-saure Paste, die sich im Kühlschrank mehrere Wochen hält.

Was für 'seniff' ist in diesem Rezept gemeint?

Hier ist Senfsaat gemeint, also die ganzen oder geschroteten Körner der Senfpflanze. Diese werden zunächst mehrfach mit siedendem Wasser übergossen und eingeweicht, wodurch ihre Schärfe gemildert wird, bevor sie mit anderen Zutaten zu einer Paste verrieben werden. Das ist anders als moderner, fertig zubereiteter Senf.

Was sind 'Regel-Birnen'?

Bei „Regel-Birnen“ handelt es sich um eine belegte historische Birnensorte: Das gut hundert Jahre jüngere Druckwerk Koch vnd Kellermeysterey (1574) nennt „Regelsbiern“ beziehungsweise „Regel- oder Leutsbiern“ neben Leuts-, Wasser- und Bratbirne als eigenständige Sorte. Für moderne Nachkocher empfiehlt sich eine herbe Kochbirne oder eine andere feste Birnensorte, die gut gestampft werden kann.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Schaugericht: Die dreitägige Zubereitung mit wiederholtem Einweichen in siedendem Wasser mildert die Senfschärfe und ist ideal für eine Vorführung über ein Wochenende. Die Zutaten sind robust und die einzelnen Schritte lassen sich gut vor Publikum demonstrieren.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Mondseer Kochbuch (2. Hälfte 15. Jh., Österreich (Mondsee, Oberösterreich)). Das Mondseer Kochbuch - eine der umfangreichsten deutschsprachigen Rezeptsammlungen des Spätmittelalters: rund 268 Kochrezepte aus dem oberösterreichischen Raum (Umkreis des Benediktinerklosters Mondsee, 2. Hälfte 15. Jh.), überliefert in der Sammelhandschrift Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA-Sigle GR1, fol. 11r-94v). Das Buch deckt die ganze Bandbreite einer spätmittelalterlichen Küche ab: Mandel- und Fischmuse, Sülzen und Gallerten (u.a. vom Hasen und mit Krebsen), Hausen und andere Fische, Wildbret und Spanferkel, dazu zahlreiche Fasten- und Schauspeisen - etwa aus Fisch nachgeformte Rebhühner, Blancmanger und ein Karfreitags-Eiergericht - sowie süßes Backwerk, Lebkuchen und eingekochte Weichsel-Zubereitungen. Reiche Cross-Links zur bairisch-alemannischen Salsen-, Sülzen- und Schauspeisen-Tradition (m5919, m384, meb, kkm).

ITem dw solt nemmen seniff denn stem= phff In / wan das nun geschicht so geus syeduns wasser dar ein vnd tbir In als ein taig das tue drey nacht nach ein ander vnd gewß des wasser ymer ab vnd ruer In mit einem anderen wasser mit syedenden |Czw dem tritten morgen reib In mit pieren essach dar nach nym ckrenn der chlain gesnitten sey vnd grossen pettersill der mit sampt der wurczen gestossen sey vnd Regel pieren czw ein ander gestossen sey vnd gesatt durch ein sybb ein wenich weinper geschelt mandel vnd honig als czw einem yedlichen leck das sol man mit silber wider wegen als gesunt ist es etc.
seniff

Hier ist Senfsaat gemeint, die erst durch Einweichen und Reiben zu einer Paste verarbeitet wird, nicht fertiger Senf aus dem Glas.

pieren essach

Birnenessig ist ein Essig, der aus Birnenmost hergestellt wird. Er hat ein fruchtiges, leicht süßliches Aroma. Alternativ kann Apfelessig verwendet werden.

Regel pieren

Belegte historische Birnensorte „Regelsbirne“ - bestätigt durch kkm-094 („Regelsbiern oder Leutsbiern“) und kkm-097 („Regel- oder Leutsbiern, Wasserbiern, Brahtbiern“, Koch vnd Kellermeysterey, 1574), dort als eine von mehreren benannten Birnensorten neben Leuts-, Wasser- und Bratbirne gelistet.

ckrenn

Meerrettich; „kren“ ist laut Goetze-Wörterbuch ein spezifisch ostoberdeutscher Dialektbegriff - passt zur oberösterreichischen Herkunft des Mondseer Kochbuchs und ist bis heute (österreichisch „Kren“) in Gebrauch.

das sol man mit silber wider wegen

Eine rhetorische Werttopik, die materiellen Wert (Silbergewicht) mit einem Gesundheitsversprechen verknüpft - passend zur zeittypischen Nähe von Kochkunst und humoralmedizinischer Diätetik, in der Senf und Meerrettich als „heiß und trocken“ und verdauungsfördernd galten.

Handschrift
Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1)
Folio
Fol. 082v
Sprache
Frühneuhochdeutsch (bairisch-österreichisch, 15. Jh.)
Entstehung
Österreich (Mondsee, Oberösterreich), 1480
CoReMA

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartstem=phff In

Gewählte Lesart: ‚stampfe ihn ein‘ - die Senfsaat wird im Mörser zerstoßen.

Andere mögliche Lesart:

  • ‚stampfe ihn fest‘ - die Senfsaat wird zu einer festen Masse verarbeitet. - Die Lesart ‚fest‘ ist ebenfalls plausibel, da ‚stemmen‘ auch ‚festmachen‘ bedeuten kann. Im Kontext der Senfzubereitung ist ‚ein-/zerstampfen‘ jedoch die direktere und üblichere Handlung.

Lesarttbir In

Gewählte Lesart: ‚rühr ihn‘ - eine bairische Lautvariante von ‚rühren‘.

Andere mögliche Lesart:

  • ‚gib ihn‘ - als Imperativ von ‚geben‘. - Obwohl ‚geben‘ auch möglich wäre, ist ‚rühren‘ im Kontext des Anmachens eines Teiges mit Wasser die passendere und in historischen Kochbüchern häufigere Anweisung.

LesartRegel pieren

Gewählte Lesart: ‚Regel-Birnen‘ - eine spezifische Birnensorte, corpusweit bestätigt durch kkm-094 und kkm-097 (Koch vnd Kellermeysterey, 1574).

Andere mögliche Lesart:

  • ‚regelmäßige Birnen‘ - normale, durchschnittliche Birnen. - Diese Lesart gilt nach der Cross-Corpus-Bestätigung als überholt: kkm-094 und kkm-097 listen „Regelsbiern“/„Regel- oder Leutsbiern“ ausdrücklich als eigenständige Sorte neben Leuts-, Wasser- und Bratbirne, nicht als Beschreibung gewöhnlicher Birnen.

Lesartals czw einem yedlichen leck

Gewählte Lesart: ‚als zu einem jeglichen Leckerbissen‘ - das Condiment als Beigabe zu jeder Speise.

Andere mögliche Lesart:

  • ‚als zu einem jeden Leck (Bissen)‘ - das Condiment als kleiner, geschmackvoller Bissen. - Die Lesart ‚Leckerbissen‘ betont den Wert und die Vielseitigkeit des Condiments als geschätzte Beilage, während ‚Leck‘ eher auf die Menge abzielt. Beide sind im Kontext plausibel.

Originalwerk (~1480) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 082v, Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609; bereitgestellt durch CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages, Universität Graz (CC BY-NC-SA 4.0)
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), Ms. GR1 (Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609), hyperdiplomatische Basistranskription, CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Schaugericht: Das dreitägige Einweichen des Senfs in siedendem Wasser mildert die Schärfe der rohen Körner und ist ideal für eine Vorführung über ein Wochenende. Tag 1: Senf ansetzen. Tag 2: Wasser wechseln. Tag 3: Finale Würzung und Präsentation. Die Zutaten sind robust und benötigen keine besondere Kühlung.
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