München, Bayerische Staatsbibliothek, Clm 15632 · Rott am Inn, Oberbayern · 1460
Wenn du ein Gebäck aus einem Apfel in vierlei Farben zubereiten möchtest, nimm gerührte Eier in vier verschiedenen Farben.
Schneide einen Apfel in vier Teile und entferne aus jedem Teil den Kern und das Kerngehäuse, das den Kern umgibt. Fülle nun jede der vier Farben der Eiermischung in je eines der Apfelteile.
Stecke die gefüllten Apfelteile dann auf Spieße und ziehe sie durch einen dünnen Straubenteig. Wenn das Gebäck goldbraun gebacken/frittiert ist, schneide es auf und bestreiche es mit Zucker.
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| ein apphel | Apfel | 1 | - | - |
| ein ge ruerte ayer von vierlay varben | Eier | - | - | - |
| vierlay varben | Speisefarben (vierlei) | - | Garten/Kräuter, Gewürzhandel (Safran, Sandelholz) | - |
| ein dunnen strauben taig | Dünner Straubenteig | - | - | dünner Pfannkuchenteig |
| czucker | Zucker | - | - | - |
| (impliziert) | Schmalz zum Frittieren | - | Metzger, Supermarkt | Pflanzenöl |
Welches Gericht ist das? Ein Schaugericht: vierfarbig gefüllte Apfelspalten im Ausbackteig. Aufgeschnitten leuchten aus jeder Spalte vier verschiedene Farben. Fast identisch mit den frittierten gefüllten Apfelspalten koe-004 (Königsberger Kochbuch).
So wird gefüllt - der Knackpunkt. ‚Gerührte Eier' meint hier festes, gestocktes Rührei, nicht rohe flüssige Eier - sonst hielte in der Apfelspalte nichts. Ablauf: Apfel vierteln; aus jedem Viertel an der Innenkante das Kerngehäuse samt etwas Fruchtfleisch herausschneiden, sodass eine Mulde/Rinne entsteht. In jede Mulde ein andersfarbiges festes Rührei drücken und die Spalte mit einem Spießchen fixieren, damit Füllung und Apfel zusammenhalten.
Backen. Die gefüllten, gespießten Viertel durch dünnen Straubenteig (Ausbackteig) ziehen und in heißem Schmalz goldbraun frittieren. Dann aufschneiden (die vier Farben werden sichtbar) und mit Zucker bestreuen.
Die Farben (periodentreu). Ein Vier-Farben-Auszug aus unserem dokumentierten Speise-Regenbogen (siehe Farbstoffe); den vollen Regenbogen zeigen die siebenfarbigen Schaugerichte rfk-069 und mha-278. Das Rührei wird vor dem Stocken in vier Portionen geteilt und je gefärbt - z.B. Safran (gelb), ausgepresster Petersilien- oder Spinatsaft (grün), rotes Sandelholz/saunders (rot) und Kornblumen- oder Heidelbeersaft (blau). Keine moderne Lebensmittelfarbe nötig.
Apfelsorte. Da der Apfel roh ausgehöhlt, gefüllt und dann frittiert wird, braucht es eine feste Sorte, die dabei nicht zerfällt - Boskoop oder Elstar halten hier besser als moderne, sehr weiche Süßsorten wie Golden Delicious.
Praxis. Rührei in vier Portionen braten, je einfärben, fest stocken lassen. Apfelviertel aushöhlen, je eine Farbe einsetzen, spießen, durch dünnen Bier-/Pfannkuchenteig ziehen und bei ~170 °C ausbacken. Aufschneiden, zuckern, sofort servieren.
Ein ‚pachens' bezeichnet im Frühneuhochdeutschen ein Gebäck - hier ein in heißem Schmalz ausgebackener (frittierter) Apfelkrapfen im Straubenteig-Mantel.
Mit zeittypischen Pflanzen- und Holzfarben aus unserer Speisefarben-Palette: Safran für Gelb, ausgepresster Petersilien- oder Spinatsaft für Grün, rotes Sandelholz (saunders) für Rot, Kornblumen-Blütensaft oder Heidelbeersaft für Blau. Das sind vier aus dem vollen mittelalterlichen Regenbogen (ROYGBIV), wie ihn die siebenfarbigen Schaugerichte rfk-069 und mha-278 ausreizen. Moderne Lebensmittelfarbe braucht es dafür nicht.
Ja - das Frittieren gelingt in einer Pfanne über dem Feuer. Frische Äpfel und Eier sind mit leichter Kühlung für einen Tag unproblematisch; die Farb-Säfte lassen sich vorbereiten. Der Vier-Farben-Effekt macht es zum kleinen Blickfang am Stand.
Dieses Rezept stammt aus dem Klosterkochbuch Rott am Inn (Clm 15632) (Rott am Inn, Oberbayern). Präzise datierte Klosterküche: 55 bairische Rezepte aus dem Benediktinerkloster Rott am Inn (datiert 1458 und 1464), Teil einer überwiegend lateinischen Sammelhandschrift (BSB München, Clm 15632, Vorbesitzer Ulrich Wülfing). Die Kochrezepte stehen auf Bl. 143r-152v. Schwerpunkt auf Fastenküche und Schaugerichten: ein aus Fisch in Holzformen geformtes Rebhuhn-Imitat, Fischfarcen, Mandelmilch und gefärbte Mandelspeisen, Nuss-Feigen-Pasten, Senf sowie Eier- und Milchspeisen (darunter gefüllte Eier in der Schale, sogenannte Kroßeier). Als datierbare Benediktiner-Küche bildet sie das direkte Gegenstück zur ebenfalls klösterlichen Tegernsee-Überlieferung (Cgm 725, Cgm 8137). Im CoReMA-Projekt (Uni Graz) als Handschrift M10 ediert; in der Münchner-Edition von Trude Ehlert (1999, Abschnitt 2.6) enthalten - Gegencheck verfügbar.
Gebäck, hier im Sinne eines frittierten Krapfens oder einer Pastete.
Vierlei Farbe. Die Eier werden in vier verschiedenen Farben eingefärbt, um ein optisch ansprechendes Gericht zu schaffen.
Wörtlich „die Schale/Hülle, die um den Kern ist“. Gemeint ist das Kerngehäuse des Apfels, nicht die äußere Schale.
Ein dünner Teig, der typischerweise in heißem Fett frittiert wird, ähnlich den heutigen Strauben oder Auszogenen.
Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.
| ein apphel | apple Q89 |
| ein ge ruerte ayer von vierlay varben | chicken egg Q15260613 |
| czucker | unrefined cane sugar Q57656231 |
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Stand dieser Fassung: 15.08.2026 - 3-mal überarbeitet. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.